Wartburg-Dämmerung

O. Körte

Die Sonne ist verglommen

Und Dämmnmg wandelt sacht,

Willkommen, Gottwillkommen,

O Burg auf hoher Wacht:

Gleich einem, dem im Dunkeln

Der Freundin Auge winkt,

Hat mir ein spätes Funkeln

Vom Turm noch zugeblinkt.

Denn wie der Tag erstehend

Mit erstem Strahl dich grüßt,

Hat er, zur Rüste gehend,

Zuletzt noch dich geküßt.

Noch schmiegt sich warm ein Glühen

Um deiner Felsen Moos,

Als riss es nur mit Mühen

Und Schmerz von dir sich los.

Dich liebt das Licht. Es webet

Goldfäden in dein Kleid,

Und jeden Stein umschwebet

Ein Hauch von Heiterkeit:

Drum hebt das Herz sich freier,

Der Sinn wird frisch und rein,

Dunstnebels blasser Schleier

Hüllt nur die Niedrung ein.

Und was am Niedern kleblich,

Vertörung, Haß und Wahn,

Das kreucht und keucht vergeblich

Zu deinen Höhn hinan.

Zu Gottes klaren Sternen

Hebst du das Haupt empor,

Aus lichten Himmelsfernen

Hörst du der Engel Chor.