Im Stegreif

O. Körte

swer schildes ambet üeben wil

der muoz durchstrichen lande vil.

--Parzival 499, 9.

Wem das Glück nicht an der Wiege

Gut und Eigen zubeschert,

Muß soldieren und im Kriege

Tagewerken mit dem Schwert;

Zweitgeborne Ritterkinde

Erben schmales Königreich,

Ziehet, Wolken, ziehet, Winde!

Roß, und Reiter ziehn mit euch.

Tummle dich, mein flinker Renner,

In die Fremde geht der Lauf,

Als ein Mann such' ich der Männer

Waffenwerk und Kampfspiel auf.

Hinters Roß die Frechen stechen

Und des Kolbens nicht gespart

Helmzerschroten, Speerzerbrechen,

Schildesamt ist meine Art!

Doch beim Schrei aus rauher Kehle

Und im tobendsten Gewühl

Rauscht es oft im Grund der Seele

Wie ein fernes Saitenspiel,

Wiegt, dem Speerkrach kaum entritten,

Mich in Träume weich und traut,

Und je wilder ich gestritten,

Desto milder tönt der Laut.

Viel zu eng deucht mir die Weite,

Viel zu schmal die Breite dann,

Fremd Gebild ist mein Geleite,

Fremder Zauber starrt mich an.

Nach dem Urborn alles Schönen,

Nach der Dichtung heil'gem Gral

Zielt mein abenteuernd Sehnen,

Und ich selbst bin Parzival.

In des Abends letztem Funkeln

Reit' ich durch mein Frankenland,

Nächtiges Gewitterdunkeln

Säumt der Waldgebirge Rand;

Wind und Wolken ziehen weiter,

Und ich zieh' den Wolken nach,

Und man kennt im Land den Reiter:

Wolveram von Eschinbach.