Lied der Frauen, wenn die Männer im Kriege sind

Richard Georg Strauss

Wenn es stürmet auf den Wogen

Strickt die Schifferin zu Haus,

Doch ihr Herz ist hingezogen

Auf die wilde See hinaus.

Bei jeder Welle, die brandet

Schäumend an Ufers Rand,

Denkt sie: er strandet, er strandet, er strandet,

Er kehrt mir nimmer zum Land.

Bei des Donners wildem Toben

Spinnt die Schäferin zu Haus,

Doch ihr Herz das schwebet oben

In des Wetters wildem Saus.

Bei jedem Strahle, der klirrte

schmetternd durch Donners Groll,

Denkt sie: mein Hirte, mein Hirte, mein Hirte

Mir nimmer mehr kehren soll!

Wenn es in dem Abgrund bebet,

Sitzt des Bergmanns Weib zu Haus,

Doch ihr treues Herz, das schwebet

In das Schachtes dunklem Graus.

Bei jedem Stoße, der rüttet

Bebend im wankendem Schacht,

Denkt sie: verschüttet, verschüttet, verschüttet

Ist mein Knapp' in der Erde Nacht!

Wenn die Feldschlacht tost und klirret,

Sitzt des Kriegers Weib zu Haus,

Doch ihr banges Herz, das irret

Durch der Feldschlacht wild Gebraus.

Bei jedem Schlag, jedem Hallen

Der Stücke an Berges Wand

Denkt sie: gefallen, gefallen, gefallen

Ist mein Held nun für's Vaterland.

Aber fern schon über die Berge

Ziehen die Wetter, der Donner verhallt,

Hör' wie der trunkenen, jubelnden Lerche

Tireli, Tireli siegreich erschallt.

Raben, zieht weiter! -- Himmel wird heiter,

Dringe mir, dringe mir, -- Sonne, hervor!

Über die Berge, -- jubelnde Lerche,

Singe mir, singe mir -- Wonne in's Ohr!

Mit Zypreß und Lorbeer kränzet

Sieg das freudig ernste Haupt.

Herr! Wenn er mir niederglänzet

Mit dem Trauergrün umlaubt!

Dann sternlose Nacht sei willkommen,

Der Herr hat gegeben den Stern,

Der Herr hat genommen, genommen, genommen,

Gelobt sei der Wille des Herrn!