Lob des Leidens

Strauss, Richard

O, schmäht des Lebens Leiden nicht!

Seht ihr die Blätter, wenn sie sterben,

Sich in des Herbstes goldenem Licht

Nicht reicher, als im Frühling färben?

Was gleicht der Blüte des Vergehens

Im Hauche des Oktoberwehens?

Krystallner als die klarste Flut

Erglänzt des Auges Tränenquelle,

Tief dunkler flammt die Abendglut,

Als hoch am Tag die Sonnenhelle,

Und keiner kußt so heissen Kuß,

Als wer für ewig scheiden muß.