Verführung

Strauss, Richard

Der Tag, der schwüle,

verblaßt, und nun

in dieser Kühle

begehrt zu ruh'n,

was sich ergeben

dem Fest der Lust --

Nun schmiegt mit Beben

sich Brust an Brust...

Es hebt der Nachthauch

die Schwingen weit:

"Wer liebt, der wacht auch

zu dieser Zeit..."

Er küßt die Welle,

und sie ergibt

sich ihm zur Stelle,

weil sie ihn liebt...

O großes Feiern!

O schönste Nacht!

Nun wird entschleiern

sich alle Pracht,

die Tags verborgen

in Zweifeln lag,

in Angst und Sorgen --

Jetzt wird es Tag!

Still stößt vom Strande

ein schwankes Boot --

Verläßt die Lande

der Mörder Tod?

Er ward vergebens

hierher bestellt:

der Gott des Lebens

beherrscht die Welt!...

Welch stürmisch Flüstern

den Weg entlang?

Was fleht so lüstern?

Was seufzt so bang?

Ein Nie-Gehörtes

hört nun dein Ohr --

Wie Gift betört es:

was geht hier vor?!

Der Sinn der Töne

ist mir bekannt,

Drum gieb, du Schöne,

mir deine Hand:

Der ich zu rühren

dein Herz verstand,

ich will dich führen

ins Wunderland...

Mit süßem Schaudern

reißt du dich los.

Was hilft dein Zaudern?

Dir fiel dein Loos!

Die Stimmen schweigen.

Es liebt, wer wacht!

Du wirst mein eigen

noch diese Nacht!