Capriccio

Strauss, Richard

DIE GRÄFIN (Sopran)

DER GRAF, ihr Bruder (Bariton)

FLAMAND, ein Musiker (Tenor)

OLIVIER, ein Dichter (Bariton)

LA ROCHE, Theaterdirektor (Bass)

CLAIRON, Schauspielerin (Alt)

MONSIEUR TAUPE (Tenor)

Eine ITALIENISCHE SÄNGERIN (Sopranr)

Ein ITALIENISCHER SÄNGER (Tenor)

Eine junge TÄNZERIN (Solotänzerin)

HAUSHOFMEISTER (Bass)

Acht DIENER (4 Tenor, 4 Bass)

Drei MUSIKER

Die Werke von Richard Strauss geniessen bis auf weiteres den Schutz des Copyrights

© 1933 Richard Strauss

© 1994 Fürstner Musikverlag GmbH, Mainz

Die nachfolgende Wiedergabe des Librettos geschieht mit freundlicher Genehmigung

der Urheberrechtsgemeinschaft Dr. Richard Strauss

(für die Gebiete Deutschland, Danzig, Italien, Portugal und die Nachfolgestaaten der UdSSR ausser Estland, Lettland und Litauen)

for all other countries: Boosey & Hawkes Music Publishers Ltd.

SYSTEMEINZIGER AKT

SYSTEMERSTE SZENE

GARTENSAAL EINES ROKOKOSCHLOSSES

Der vordere Teil des Saales weitet sich rechts und links zu halbrunden geräumigen Nischen, deren Wandarchitektur teilweise mit Spiegeln verkleidet ist. Einige zwanglos gestellte bequeme Sitzmöbel. Kerzenbeleuchtung an den Wänden. Zur Mitte, in den schmäleren Teil des Saales, führen zwei Stufen hinauf. In der linken Seitenwand ist die Tür zum Speisesaal. In der rechten Seitenwand führt eine Tapetentür auf die Bühne des Schlosstheaters. An derselben Wand weiter vorne stehen eine Harfe, ein Notenpult und, mehr zur Mitte des Raumes gerückt, ein Clavecin (Tafelklavier). Im Hintergrund hohe Fenstertüren, die auf eine Terrasse führen, mit Ausblick auf den Park. In den rückwärtigen Ecken wird der Saal durch Glastüren begrenzt. Dahinter erstrecken sich zu beiden Seiten galerieartige Räume mit Fenstern zur Terrasse. Links gelangt man zum Haupteingang des Schlosses, rechts in die Orangerie

Es ist früh am Nachmittag. Beim Aufgehen des Vorhangs und während des Anfangs der ersten Szene erklingt aus dem Salon links das Andante eines Streich-Sextetts. Es ist eine Komposition des Musikers Flamand, die soeben der Gräfin vorgespielt wird. Die Tür zum Salon ist geöffnet. Dichter und Musiker stehen nahe bei ihr. Sie hören aufmerksam zu und beobachten die Gräfin. Etwas mehr zur Mitte sitzt der Theaterdirektor in einem Armlehnstuhl. Er schlummert

FLAMANDBezaubernd ist sie heute wieder!

OLIVIERAuch du?

FLAMANDMit geschlossenen Augen hört sie ergriffen -

auf den schlafenden Direktor deutend

OLIVIERAuch dieser?

FLAMANDSchweig, Spötter!

OLIVIERIhren strahlenden offnen - hört sie meine Verse geb ich entschieden den Vorzug.

FLAMANDAuch du?

OLIVIERIch leugne es nicht.

FLAMANDDa sind wir also -

OLIVIERVerliebte Feinde -

FLAMANDFreundliche Gegner

OLIVIERWort oder Ton?

FLAMANDSie wird es entscheiden!

immer leise, aber bestimmt

OLIVIERPrima le parole - dopo la musica!

heftig

FLAMANDPrima la musia- e - dopo le parole!

OLIVIERTon und Wort…

FLAMAND... sind Bruder und Schwester.

OLIVIEREin gewagter Vergleich!

Das Sextett hinter der Szene schliesst. In diesem Augenblick erwacht der Theaterdirektor

DIREKTORBei sanfter Musik schläft sich's am besten.

auf den Direktor deutend

OLIVIERIn solchen Händen liegt unser Schicksal!

DIREKTORWas wollt ihr? Ohne mich sind eure Werke - totes Papier!

FLAMANDMit dir sind ihre Autoren - gefesselte Sklaven!

DIREKTORMeine schönen Dekors?

FLAMANDÖde Kulissen!

DIREKTORMein Künstler malt für des Königs Oper!

FLAMANDDa kann ich den Ritter Gluck nur bedauern.

DIREKTORDer unsere klassische »Iphigenie« mit seiner gelehrten Musik Überschüttet.

FLAMANDDen prophetischen Nachfolger des grossen Corneille!

DIREKTORKeine Melodie behält man, kein Wort versteht man im Tumult des Orchesters!

FLAMANDSeine Töne ergreifen -

OLIVIERDramatisch sein Atem -

DIREKTOREndlose Proben - monatelang. Und dann folgt der Durchfall des »Drame héroique«.

FLAMANDDas Publikum teilt sich in feindliche Lager -

OLIVIERErregung der Geister -

spöttisch

DIREKTORProbleme - Reformen! Hört mir doch auf!

FLAMANDÜberfüllt das Theater -

OLIVIERDurch Wochen nur ausverkaufte Häuser

DIREKTORAlles nur Mode! Die grosse Gesellschaft, sie sitzt in den Logen, gähnt gelangweilt und schwatzt. Sie beachtet allein die Pracht der Dekors und wartet voll Ungeduld auf die hohen Töne des beliebten Tenors. Es bleibt alles beim alten, wie bei den Opern Lullys und Rameaus. Nichts übertrifft die italienische Oper!

spöttisch

OLIVIERIhren schlechten Text?

DIREKTORIhre gute Musik! Man lauscht voll Rührung dem Zauber der Arie, bewundert voll Staunen die Kunst der Sänger. Die Opera buffa ganz im besonderen, - Maestro Piccinni versteht seine Kunst - sie wird von arm und reich verstanden, sie unterhält und ergötzt auch den einfachen Mann.

FLAMANDHöheres gilt es als Zeitvertreib!

OLIVIERSo wenig Verständnis -

FLAMANDEin Fachmann wie du!

DIREKTORGestern traf ich den alten Goldoni. Er sass verstimmt im Café de Foi. »Eure Opern sind schrecklich«, rief er mir zu, »für die Augen ein Paradies, für die Ohren eine Hölle! Vergebens wartet man auf die Arien, sie klingen alle wie Rezitative! «

FLAMANDWas soll uns das Urteil des Venezianers?

DIREKTOREr schreibt für sein Volk.

ironisch

FLAMAND»Gondola - Gondola!«

OLIVIEREr lässt Gewürzkrämer und Seifensieder auftreten.

DIREKTORWie steht es bei uns? In fernste Druidenvergangenheit tauchen unsere Dichter, zu Türken und Persern, den Propheten der Bibel schweift ihre Phantasie. Wen soll das bewegen? Das Volk bleibt kalt und wendet sich ab. Es will auf der Bühne leibhaftige Menschen von Fleisch und Blut und nicht Phantome!

geringschätzig

FLAMANDDu spielst für die Menge.

OLIVIERDeine Truppe bevorzugt leichtfertige Schwänke.

DIREKTORWir spielen nur Gutes! Ein geistreiches heiteres Vaudeville oder eine Opera buffa voll sprudelnder Laune. In der Komödie weibliche Grazie ...

OLIVIER... zum Entzücken der älteren Kavaliere!

DIREKTOREine schöne Heroine hast auch du nicht verschmäht!

FLAMANDSchön ist Clairon, das weiss er am besten!

OLIVIERVorbei, vorbei ...

DIREKTOREure zarte Beziehung scheint stark beschädigt.

OLIVIERDoch noch immer bewundere ich ihr reiches Talent.

DIREKTORBald wird der Graf nicht nur dieses bewundern. Zur heutigen Probe wird sie erwartet.

FLAMANDEr wird mit ihr spielen?

DIREKTOREr will es versuchen,

zum Dichter ironisch

DIREKTORgetragen von der Gewalt deiner Verse. Doch still! Die Gräfin erhebt sich,

zum Musiker

DIREKTORnoch sichtlich bewegt von deiner Musik. War sie wirklich so schön? Schade, schade, ich habe sie verschlafen.

in den Anblick der Gräfin versunken

FLAMANDVerträumt ihr Auge ...

ebenso

OLIVIEREin entzückendes Lächeln umspielt ihre Lippen-

leise

DIREKTOREine bedeutende Frau -

OLIVIERVoll Geist und Charme -

leise

DIREKTORund Witwe -

mit Betonung

DIREKTORUnd Witwe! Sie kommen! Schnell dort in den Saal, die Bühne zu ordnen und alles zur Probe vorzubereiten. Jetzt beginnt meine Arbeit. Regie versteh' ich, das ist mein Metier. Regie die Lösung, Regie das Geheimnis! Sprechende Geste, mimischer Ausdruck - erstes Gesetz!

Alle drei ab in den Theatersaal

SYSTEMZWEITE SZENE

Graf und Gräfin kommen aus dem Salon

GRÄFINDer Strom der Töne trug mich fort - fern in eine beglückende Weite!

GRAFDas Spiel der Geigen umgaukelt das Ohr, mein Geist bleibt kalt.

GRÄFINDer gefürchtete Kritiker erhebt seine Stimme?

GRAFDu liebst Musik. - Wie gefällt dir Flamand?

die Frage überhörend

GRÄFINDen heiteren Couperin lieb ich, du weisst es, doch zu flüchtig verrinnt mir sein leichtfertig Spiel. Rameau ist genial, - oft sing ich für mich: »Fra le pupille di vaghe belle ... « - doch unmanierlich und roh war sein Wesen. Wenn ich dran denke, missfällt er mir gründlich. Mein Genuss ist getrübt.

GRAFDu musst den Menschen vom Werke trennen.

GRÄFINWohl möchte ich -

GRAFDoch du kannst nicht, ich sah es heute.

GRÄFINMit geschlossnen Augen lauscht' ich den Tönen -

GRAFDoch unter den Wimpern ein Blick auf den Autor?

GRÄFINHier seh' ich vollkommne Harmonie. Gerne gesteh' ich -

GRAFWo Kunst und Natur in so hübschem Verein ...

GRÄFINLass mir die Freude der schönen Erregung. Von mir nie Empfundnes entfloss den Tönen. Dunkle Gefühle dringen empor, bleiben sie stumm auch dem ahnenden Herzen!

GRAFWas Musik nicht vermag, wird der Dichter dir sagen: Oliviers Stück ist vortrefflich.

GRÄFINEin so eifriges Lob, mein skeptischer Bruder?

GRÄFINDie, schöne Mittlerin, die du erwartest, ihr gilt

GRAFWie oft hast du selbst Clairon bewundert. Vor ihr verstummt jede Kritik. Mit ihr zu spielen macht mich befangen, denn heute sind die Rollen vertauscht. Heut' ist's der Mäcen, der der Nachsicht bedarf.

GRÄFINWas dem Partner fehlt, wird der »Graf« wohl ersetzen, und des Dichters Wort trägt bequem dich ans Ziel!

GRAFSpotte nicht, Schwester! Du wirst zwiefach umworben! Wort oder Ton - wem neigst du dich zu?

GRÄFINNicht will ich denken, nur lauschend geniessen.

GRAFFrau Gräfin, Frau Gräfin, wohin führt der Weg?

GRÄFINDer Eure, Herr Graf, führt zum Abenteuer!

GRAFHeute ein gnädiger Blick für den einen - Morgen ein Lächeln der Huld für den andern.

GRÄFINIm Herzen ein Echo dem Lockruf des Geistes.

GRAFDer Dichter wirbt stärker!

GRÄFINSorg du für dich selbst.

GRAFNur Flücht'ges gefällt mir.

GRÄFINWer kennt sein Schicksal?

GRAFNeugierig bin ich, wie du entscheidest.

GRÄFINWohl für keinen von beiden, denn hier zu wählen, hiesse verlieren.

GRAFLeicht zu verlieren,

GRAFleicht zu gewinnen,

GRAFSchönheit des Lebens -

GRAFwahrer Gewinn!

GRÄFINSorgend gewinnen,

GRÄFINliebend behalten,

GRÄFINWahrheit des Lebens -

GRÄFINschönster Gewinn!

GRAFHeiter entscheiden,

GRAFsorglos besitzen,

GRAFGlück des Augenblicks

GRAFWeisheit des Lebens!

GRÄFINFreudig erkennen,

GRÄFINinnig gewähren,

GRÄFINseliger Augenblick -

GRÄFINGlück des Lebens!

SYSTEMDRITTE SZENE

Der Theaterdirektor, Flamand und Olivier treten wieder ein

DIREKTORDie Bühne ist fertig, wir können beginnen. Das Programm für die Geburtstagsfeier der gnädigen Gräfin ist entworfen. In edlem Wettstreit wollen wir uns überbieten: Da ist die berauschende Sinfonia unseres jungen Flamand.

auf den Dichter deutend

GRAFDann sein Drama, in dem ich die Rolle des Liebhabers spiele.

GRÄFINAls feuriger Schwärmer oder als Held?

DIREKTORUnd schliesslich ein Opus aus meiner Werkstatt.

FLAMANDWahrscheinlich wieder ein dramatisiertes Proverbe mit eingelegten Arietten und Couplets!

DIREKTORNein, nein, keineswegs! Eine grosse »azione teatrale« meiner gesamten Truppe. Ein Huldigungsfestspiel! Ich will nichts verraten überInhalt und Titel ...

ironisch

OLIVIEREin düstres Geheimnis!

DIREKTORDie erhabensten Bilder, das schönste Ballett! Auch Sänger der italienischen Oper werden Sie diesmal hören. Stimmen, Frau Gräfin, Sie werden staunen! Ihre perlenden Läufe, ihre hohen Triller! Des Tenors hohe Töne - ein strahlender Glanz!

FLAMANDMusik nur als Vorwand!

DIREKTORSo spricht nur der Neid. Der Erfolg entscheidet!

OLIVIERAlberne Verse -

DIREKTORWer hört auf die Worte, wo Töne siegen!

In diesem Augenblick fährt durch die Auffahrt des Parks ein Reisewagen vor, in dem die berühmte Schauspielerin Clairon ankommt

durch die Glastüren in den Park blickend

GRAFDa ist sie! Ich eile, sie zu begrüssen.

SYSTEMVIERTE SZENE

zum Direktor

OLIVIERSie ist doch gekommen! Du hast es erreicht.

hinausblickend

GRÄFINDie berühmte Tragödin im Reise-Kostüm!

zu Olivier

DIREKTORDas Ergebnis meines impetuosen Drängens.

FLAMANDKönnte sie auch singen, wäre sie unwiderstehlich!

FLAMANDOLIVIER Wie soll ich dir danken!

Der Graf ist mit Clairon eingetreten und stellt sie der Gräfin vor

GRAFMelpomenens Priesterin, die göttliche Clairon!

artig

GRÄFINWie oft habe ich Euch auf der Bühne bewundert.

mit Pathos

DIREKTORAndromache, Phädra, Medea, Roxane!

zum Direktor

CLAIRONDu erschwerst meinen Auftritt, mein lieber La Roche.

zur Gräfin

CLAIRONIch fürchte, Frau Gräfin, Sie werden nach dieser Einführung von meinem Dialog enttäuscht sein.

sehr höflich

GRÄFINSie unterschätzen den Reiz, aus Ihrem Mund Worte zu hören, die nicht an ein Versmass gebunden sind. Ihr natürlicher Vortrag wird auch im wirklichen Leben triumphieren.

CLAIRONWenn wir in unsrer Welt des Scheins der Wirklichkeit zu nahe kommen, so ist die Kunst in Gefahr, sich die Flügel zu verbrennen.

zum Dichter

CLAIRONHaben Sie Ihr Gedicht vollendet, Olivier? Meine Rolle bricht an der interessantesten Stelle ab. - Ist es nun eine Sache der Galanterie oder des Herzens, dass Sie uns die Liebesszene so lange verschweigen?

mit einem Blick auf die Gräfin

OLIVIERDurchaus eine Sache der Inspiration, verehrte Clairon. Der heutige Morgen liess mir noch ein schönes Sonett zufliegen.

GRAFSein Stück ist fertig, hier das Manuskript.

CLAIRONSo machen Sie uns doch mit der jüngsten Eingebung unseres Dichters bekannt, lieber Graf, und geben Sie uns dabei gleich eine Probe Ihres rhetorischen Talentes.

GRAFAus Begeisterung für den Autor will ich Sie über die Grenzen dieses Talentes nicht länger im unklaren lassen!

Clairon und der Graf deklamieren aus dem Theaterstück des Dichters. Sie lesen aus ihren Rollen. Clairon beginnt

CLAIRONIhr geht.

CLAIRONEntliess Euch schon die Macht,

CLAIRONdie Euch an meine Spur gebunden,

CLAIRONder Weg, der Euch herangebracht, ist er so leicht zurückgefunden?

CLAIRONDies Auge, das auf mir geruht

CLAIRONin glückerfülltem, stillen Feuer,

CLAIRONsprüht Blitze schnell vor Übermut

CLAIRONnach unruhvollem Abenteuer!

GRAFIch geh.

GRAFDoch da ich gehen muss,

GRAFden Feind im Streite zu erreichen,

GRAFEntbiet' ich Euch zum Abschiedsgruss

GRAFder ungeteilten Treue Zeichen:

GRAFder Seele Glut zum sichern Pfand,

GRAFein liebend Herz zum Angebinde, -

GRAFund wahre Kopf mir nur und Hand,

GRAFdass schnell und stark ich überwinde.

CLAIRONDoch bunte Welt, bewegt und gross,

CLAIRONentrückt Euch abgelebten Zeiten ...

GRAF0 Göttin, nur in Euren Schoss

GRAFwird Kampf und Sieg mich heimgeleiten.

CLAIRONWie rasch nach andrem Ihr verlangt!

CLAIRONBegier ist Nahrung dem Vergessen.

CLAIRONVor dem, wonach Ihr sehnend bangt,

CLAIRONverblasst, was liebend Ihr besessen.

GRAFWelch Bangen, Sehnen, welch Begehren

GRAFVerglimmte nicht im Flammenschein,

GRAFden Ihr entfacht!

CLAIRONDas sollt Ihr schwören,

CLAIRONund lasst des Schwurs mich Zeuge sein!

GRAFKein Andres, das mir so im Herzen loht,

GRAFNein, Schöne, nichts auf dieser ganzen Erde,

GRAFKein andres, das ich so wie dich begehrte,

GRAFUnd käm' von Venus mir ein Angebot.

GRAFDein Auge beut mir himmlisch-süsse Not,

GRAFUnd wenn ein Aufschlag alle Qual vermehrte,

GRAFEin andrer Wonne mir und Lust gewährte, -

GRAFZwei Schläge sind dann Leben oder Tod.

GRAFUnd trüg' ich's fünfmalhunderttausend Jahre,

GRAFErhielte ausser dir, du Wunderbare,

GRAFKein andres Wesen über mich Gewalt.

den Grafen, der sehr in Feuer geraten ist, unterbrechend

CLAIRONBravo, Bravo! Sie sind wirklich kein Laie. Ich bin fest entschlossen, zu Ihrem theatralischen Talent in nähere Beziehung zu treten.

Sie nimmt das Manuskript und überreicht es in feierlich-zeremonieller Weise dem Direktor

CLAIRONHier nimm das Drama

CLAIRONund setz es in Szene!

CLAIRONBestimm unsren Auftritt,

CLAIRONPrüf unsre Geste!

CLAIRONGeleit uns zur Probe

CLAIRONund sei unser Mentor!

auf ihren Ton eingehend, bläht sich auf

DIREKTORDer Theatersaal ist hell erleuchtet.

DIREKTORFolgt mir, ihr Freunde!

zum Dichter, der folgen will, mit Grabesstimme

DIREKTORDu bleibst!

DIREKTORMein Zartgefühl verbietet mir, dem Autor zu erlauben, bei der szenischen Einrichtung seines Stückes zugegen zu sein. Harre und vertraue!

CLAIRONSchon küsst ihn die Muse!

DIREKTORUngehemmt und ohne Fessel sei das Walten meiner Phantasie!

CLAIRONMein lieber La Roche, Du bist ein Genie!

Direktor ab in den Theatersaal, Clairon folgt ihm am Arme des Grafen

dem Grafen nachblickend

GRÄFINEin Philosoph schreitet seiner Bekehrung entgegen.

FLAMANDEr deklamierte eindringlich und recht natürlich.

zum Dichter

GRÄFINDer Liebhaber in Eurem Theaterstück drückt seine Gefühle für die Angebetete wahrhaft erschöpfend aus.

OLIVIERDer Vortrag des Grafen war eine Improvisation an eine falsche Adresse. Gestattet, dass ich den Missbrauch wende!

Er wendet sich zur Gräfin und rezitiert sein Sonett

OLIVIERKein andres, das mir so im Herzen loht,

OLIVIERNein, Schöne, nichts auf dieser ganzen Erde,

OLIVIERKein andres, das ich so wie dich begehrte,

OLIVIERUnd käm' von Venus mir ein Angebot.

GRÄFINEine schnöde Methode, die angeredete Person nach Belieben zu vertauschen!

fährt fort, ohne sich im Ausdruck unterbrechen zu lassen

OLIVIERDein Auge beut mir himmlisch-süsse Not,

OLIVIERUnd wenn ein Aufschlag alle Qual vermehrte,

OLIVIEREin andrer Wonne mir und Lust gewährte, -

OLIVIERZwei Schläge sind dann Leben oder Tod.

Der Musiker geht hier an das Clavecin und beginnt auf diefolgenden Worte die Melodie eines Liedes zu improvisieren

OLIVIERUnd trüg' ich's fünfmalhunderttausend Jahre,

OLIVIERErhielte ausser dir, du Wunderbare,

OLIVIERKein andres Wesen über mich Gewalt.

OLIVIERDurch neue Adern müsst' mein Blut ich giessen,

OLIVIERIn meinen, voll von dir zum Überfliessen,

OLIVIERFänd' neue Liebe weder Raum noch Halt.

GRÄFINEin schönes Gedicht! Wie eine Feuergarbe schlägt es empor. Doch wie grausam geht Ihr mit ihm um! Ihr gebt es fremden Ohren preis und verlangt, dass ich Zutrauen zu ihm gewinne. Ach! Man sollte Liebesschwüre nicht öffentlich vortragen. Finden Sie nicht auch, Flamand?

FLAMANDSeine Verse sind von vollendeter Schönheit.

FLAMANDSchon höre ich sie als Musik in mir.

Er eilt ab in den Salon links vorne

dem Musiker nachrufend

OLIVIERWas tust du, was willst du?

SYSTEMFÜNFTE SZENE

GRÄFINLassen Sie ihn gewähren. Wie Sie sehen, ist auch Musik eine Sache der Inspiration.

will dem Musiker nacheilen

OLIVIERMein Sonett, mein schönes Sonett!

GRÄFINStören Sie ihn nicht! Was kann er Böses tun?

OLIVIERSchrecklich, ich fürchte, er komponiert mich.

GRÄFINIst das so schlimm? Wartet doch ab.

OLIVIERNeue Entstellung! Er zerstört meine Verse.

GRÄFINVielleicht schenkt er ihnen höheres Leben.

OLIVIERMein schönes Gedicht, mit Musik übergossen!

GRÄFINSo voller Besorgnis um Eure Verse? Jetzt in dem Augenblick, wo wir allein? Habt Ihr mir nichts in Prosa zu sagen?

OLIVIERMeine Prosa verstummt.

stürmisch auf sie eindringend

OLIVIERIhr wisst, dass ich glühe -

GRÄFINBedenklicher Zustand! Fasst mich nicht an! Ein wenig Geduld würd' ich herzlich begrüssen.

OLIVIERImmer Geduld - niemals Erfüllung!

ruhig

GRÄFINHoffnung ist süss, Gewährung vergänglich.

OLIVIERSo darf ich hoffen? Soll nicht fürchten?

GRÄFINJegliches Feuer braucht stete Bewegung, soll es bestehen. Ein Brand ist die Liebe! Ohne Hoffen oder Fürchten erlischt ihr Leben.

OLIVIERIhr quält mich, Madeleine! Euer leuchtendes Auge macht mich zum Sklaven nur eines Gedankens: Mit all meinem Fühlen und all meinem Dichten Euer Herz zu erobern!

GRÄFINAuch er wirbt da drinnen - seht doch hin - am Schreibtisch … Die Feder fliegt!

OLIVIERDer Töne Sprache wollt Ihr verstehen?

GRÄFINDunkle Träume wecken sie - unaussprechlich - Ein Meer von Empfindung - beglückend schön!

OLIVIERWachen Geistes innre Klarheit - denkt Ihr wirklich davon gering?

GRÄFINDie Worte der Dichter schätze ich hoch -, doch sagen sie nicht alles, was tief verborgen.

OLIVIERIhr weicht mir aus, bekennt doch offen: eine schlanke Gestalt, ein glattes Gesicht wecken die Sinne und haben den Vorrang vor Geist und Witz!

GRÄFINEine nüchterne Weisheit! Doch Ihr vergesst, dass hier männliche Anmut gepaart mit Talent.

OLIVIEREin entwaffnender Einwand. Habt doch Erbarmen!

GRÄFINMit Euch? - Mit ihm? Mit zweien zugleich?

OLIVIERSo krönt den Sieger!

FLAMAND(mit einem Notenblatt in der Hand hereinstürzend, hat die letzten Worte gehört)

FLAMANDHier ist er!

setzt sich ans Clavecin

GRÄFINWir hören ...

SYSTEMSECHSTE SZENE

Flamand singt und spielt das soeben von ihm komponierte Sonett

SYSTEMSONETT

FLAMANDKein andres, das mir so im Herzen loht,

FLAMANDNein, Schöne, nichts auf dieser ganzen Erde,

FLAMANDKein andres, das ich so wie dich begehrte,

FLAMANDUnd käm' von Venus mir ein Angebot.

FLAMANDDein Auge beut mir himmlisch-süsse Not,

FLAMANDUnd wenn ein Aufschlag alle Qual vermehrte,

FLAMANDEin andrer Wonne mir und Lust gewährte

FLAMANDZwei Schläge sind dann Leben oder Tod.

FLAMANDUnd trüg' ich's fünfmalhunderttausend Jahre,

FLAMANDErhielte ausser dir, du Wunderbare,

FLAMANDKein andres Wesen über mich Gewalt.

FLAMANDDurch neue Adern müsst' mein Blut ich giessen,

FLAMANDIn meinen, voll von dir zum Überfliessen,

FLAMANDFänd' neue Liebe weder Raum noch Halt.

SYSTEMTERZETT

gleichzeitig

GRÄFINDes Dichters Worte, wie leuchten sie klar!

OLIVIERIch wusste es ja, er zerstört meine Verse.

GRÄFINDoch was er selbst nicht geahnt, der andere vollbringt's. Wo liegt der Ursprung?

OLIVIERDas schöne Ebenmass ist dahin.

GRÄFINHaben ihm die Worte die Melodie vorgesungen? War diese schon harrend bereit, die Worte liebend zu umfangen? Trägt die Sprache schon Gesang in sich, oder lebt der Ton erst getragen

GRÄFINvon ihr? Eins ist im andern und will zum andern. Musik weckt Gefühle, die drängen zum Worte. Im Wort lebt ein Sehnen nach Klang und Musik.

gleichzeitig

OLIVIERVernichtet der Reim - die Sätze zerstückelt, willkürlich zerlegt in einzelne Silben, in kurz und lang ausgehaltene Töne! Sie nennen es »Phrase«, die Herren Musikanten! Wer achtet nun noch auf den Sinn des Gedichts? Die schmeichelnden Töne, sie triumphieren! Der Glückliche! Auf meiner Worte Stufen steigt er zu leichtem Sieg.

zum Dichter

GRÄFINWie schön die Worte, kaum kenn' ich sie wieder! Wie innig ihr Ausdruck und stürmisch ihr Werben! Nun, Olivier, Sie schweigen - Sie denken?

ruhig

GRÄFINSind Sie mit meiner Kritik nicht zufrieden?

OLIVIERIch überlege, ob das Sonett nun von ihm ist oder von mir. Ist es nun ihm eigen, oder noch mein?

GRÄFINWenn Sie erlauben, gehört es jetzt mir! Als schönes Geschenk des heutigen Tages.

enthusiastisch

FLAMANDEs ist für ewige Zeit nur für Sie!

Olivier erhebt sich unwillig

FLAMANDDeiner Verse Licht scheint mir heller zu strahlen!

OLIVIERDu raubst meine Worte und schmeichelst dem Ohr!

GRÄFINIn edler Melodie der schöne Gedanke - Ich denke, es gibt keinen besseren Bund!

zum Dichter

GRÄFINWie immer Sie sich auch wehren, lieber Freund:

zu beiden

GRÄFINUnzertrennlich seid Ihr vereint in meinem Sonett!

tritt eilig ein

DIREKTORVerzeiht mir, Frau Gräfin, ich muss ihn entführen. Wir brauchen den Autor sogleich auf der Probe - sein Einverständnis zu einer Kürzung.

zum Dichter

DIREKTOREin genialer Strich aus meiner Feder bringt deinem Stück verblüffende Wirkung!

OLIVIERLa Roche als Chirurg - nun wird's gefährlich!

im Abgehen

DIREKTORDas Kind deiner Muse ist wohlgebaut. Nur ein Arm ist zu lang.

OLIVIERIch kenn' deinen Vorschlag: Du schneidest ein Stück ab, und die Hand ist weg.

lachend ab mit dem Direktor

SYSTEMSIEBENTE SZENE

allein mit der Gräfin

FLAMANDVerraten hab' ich meine Gefühle! Von Eurer Schönheit geblendet steh ich vor Euch und erwarte mein Urteil.

GRÄFINIhr beide verwirrt mich, ich zweif le, ich schwanke...

FLAMANDEntscheidet, entscheidet: Musik oder Dichtkunst? Flamand, Olivier - wem reicht Ihr den Preis?

GRÄFINSchon war ich im Bann Eurer holden Töne, sie siegten über das trockene Wort, da erwecket Ihr dieses zu klingendem Leben ... So innig verbunden Eure Künste!

FLAMANDIhr selbst seid die Ursache dieser Verstrickung -

GRÄFINAlles verwirrt sich -, Worte klingen, Töne sprechen -

FLAMAND... dass ich Euch liebe! Diese Liebe, plötzlich geboren an jenem Nachmittag, als Ihr eintratet in Eure Bibliothek -Ihr saht mich nicht... Ein Buch nahmt Ihr in Eure schönen Hände. Ich sass versteckt in einem Winkel, lautlos - hielt den Atem an und wagte nicht, mich zu regen. Seite um Seite sah ich Euch lesen ... Dämm'rung brach herein - Verzaubert trank ich Euer Bild und schloss die Augen. - Musik rauschte in mir, unerlöst im Taumel meiner Empfindung. Als ich die Augen aufschlug, wart Ihr verschwunden. - Nur das Buch, in dem Ihr gelesen, lag noch an seinem Platz - aufgeschlagen, wie Ihr es verlassen. Ich nahm es auf und las im Zwielicht: »In der Liebe ist das Schweigen besser als reden. Es gibt eine Beredsamkeit des Schweigens, die durchdringender ist als Worte es sein können. «

Pascal

FLAMANDLange blieb ich und spürte noch die Nähe Eurer Gedanken - da wurde es dunkel - ich war allein. - Seit jener Stunde bin ich ein anderer. Ich atme nur noch in Liebe zu Euch!

nach einer kleinen Pause

GRÄFINUnd jenen Spruch, Ihr beherzigt ihn wenig. Warum nehmt Ihr zu Worten Eure Zuflucht? Ihr borgt von Eurem Freund, vertauscht die Rollen.

FLAMANDErklingen hörtet Ihr meine Lieben, doch die Töne, sie fanden den Weg nicht zu Eurem Herzen.

GRÄFINSie erzählten beredsam von Eurem Empfinden.

FLAMANDSo tat ich recht, mein Geständnis zu wagen?

GRÄFIN»Das Glück der Liebe, die man nicht zu gestehen wagt, hat Dornen, aber auch Süsse. «

Pascal

FLAMANDIhr zitiert jenes Buch und weicht mir aus. Um Antwort bitt' ich, vernichtende oder beseligende Antwort! Gewährt mir ein Zeichen, ein Wort nur...

GRÄFINNicht jetzt, Flamand, nicht hier!

FLAMANDWann?! Wo?!

GRÄFINDort oben, wo Eure Liebe geboren -

FLAMANDIn der Bibliothek, noch heute!

GRÄFINNein, nein, morgen -

FLAMANDMorgen früh?

GRÄFINMorgen mittag um elf.

FLAMANDMadeleine!

er drückt stürmisch einen Kuss auf ihren Arm und stürzt ab. Die Gräfin bleibt allein zurück, sie ist sichtlich bewegt. Sie blickt Flamand nach und setzt sich nachdenklich in einen Armlehnstuhl. Die Probe im Theatersaal nebenan geht weiter. Man hört Clairon deklamieren, den Grafen antworten, Zwischenrufe des Direktors. Der Souffleur wird angerufen. Er ist eingeschlafen. Heiterkeit. Alles mehr oder weniger undeutlich. - Durch das Gelächter im Theatersaal wird die Gräfin aus ihrer nachdenklichen Stimmung gerissen, sie erhebt sich und klingelt

zum eintretenden Haushofmeister

GRÄFINWir werden die Schokolade hier im Salon einnehmen.

Haushofmeister ab

SYSTEMACHTE SZENE

Der Graf tritt aus dem Theatersaal sehr lebhaft ein

begeistert

GRAFWelch' köstliche Begegnung! Sie ist reizend -, bezaubernd!

ihn verspottend

GRÄFIN»Nur Flücht'ges gefällt mir!«

GRAFSie lobte meinen Vortrag, fand für mein Spiel begeisterte Worte.

GRÄFINDu fühlst dich bewundert und gibst dich gefangen. Eine süsse Schalmei sind die Worte der Schmeichler. Zu lieben geneigt, die uns bewundern, glauben oft wir zu lieben, die wir bewundern.

GRAFEin klarer Geist erkennt und beurteilt den Kreis aller Dinge.

GRÄFINBezahl nicht zu teuer, gescheiter Bruder!

GRAFSo traust du mir zu im Spiel der Gefühle den Kopf zu verlieren?

GRÄFINWenn man verliebt ist, so urteilt das Herz!

GRAFTorheit wär' es zu widerstehen, wo Geist und Schönheit so strahlend regieren.

GRÄFINSo huldige der Schönheit, du kennst ihren Wert. Meine Lage ist ernster! Denk nur, schon haben die beiden mir ihre heftige Liebe erklärt.

GRAFDas wird ja lustig! Was gab den Anlass?

GRÄFINDie Huldigung des Dichters.

GRAFDas Sonett aus dem Drama?

GRÄFINEr trug es mir vor.

GRAFEs bewegte dein Herz?

GRÄFINNicht sehr -

GRAFSo liess es dich kalt?

GRÄFINNicht mehr, hör doch nur, seit er -

GRAFWer? Flamand?

GRÄFINSeit er's komponiert!

GRAFWie? Er hat das Sonett komponiert!

GRÄFINZum Entsetzen des Dichters.

GRAFUnd was sagt Olivier?

GRÄFINEr schien verdriesslich, dann wurde er nachdenklich. Er war sichtlich bewegt, verblüfft jedenfalls.

in höfisch galantem Ton

GRAFUnd die beiden vereint -

auf seinen Ton eingehend

GRÄFINbestürmen mein Herz!

GRAFWas soll daraus werden?

GRÄFINVielleicht gar - eine Oper!

GRAFEine Oper? Charmant! Meine Schwester als Muse!

GRÄFINErspar dir dein Spotten! Triff du, lieber Bruder, da eine Wahl!

GRAFWort oder Ton - Ich bleibe beim Wort.

GRÄFINViel Glück bei Clairon!

mit einer galanten Verbeugung

GRAFVenus - Minerva in einer Person.

SYSTEMNEUNTE SZENE

Clairon, Direktor und Dichter treten fröhlich gelaunt aus dem Theatersaal auf. - Der Musiker bald darauf von der anderen Seite

DIREKTORWir kehren zurück in die Welt des Salons -

OLIVIERDie Probe ist aus.

DIREKTORWir wechseln das Zeitalter -

CLAIRON... verwandeln uns aus sagenhaften Gestalten in Menschen, die nach den Gesetzen des Salons ihre Rollen spielen.

zu Clairon

GRAFNicht immer dankbare Rollen!

CLAIRONHängt das nicht sehr von den Stichworten ab?

GRÄFINWaren Sie mit ihrem Partner zufrieden?

CLAIRONEr zeigte Esprit und Theatertalent. Denken Sie: Der Souffleur war eingeschlafen -

DIREKTOREin schlechtes Zeichen für dein Drama!

OLIVIERDein Souffleur schläft immer!

CLAIRON... und der Graf deklamierte weiter, voll Bravour und ohne aus seiner Rolle zu fallen. Ein seltener Fall von Geistesgegenwart.

zu Clairon

GRAFDürfen wir hoffen, dass Sie den heutigen Abend mit uns verbringen?

CLAIRONLeider muss ich zurück nach Paris. Morgen ist grosses Fest im Palais Luxemburg. Wir spielen den »Tancred« des Herrn Voltaire. Ich habe noch fleissig zu memorieren. Wie Sie gesehen haben, kann der Souffleur auch einschlafen.

Der Haushofmeister tritt auf mit einigen Dienern. Diese beginnen auf einen Wink der Gräfin

Schokolade zu reichen

zu Clairon

GRÄFINBevor Sie fahren, noch eine kleine Erfrischung.

DIREKTORFast wären wie in einem Ozean von Versen ertrunken! Eine Tasse Schokolade wird uns erquicken. - Und nun, verehrte Frau Gräfin, während wir nach den Anordnungen Ihrer Regie diese Schokolade schlürfen, eine kleine Abwechslung für Auge und Ohr: Eine Tänzerin und zwei italienische Sänger!

GRÄFINWir sind geneigt, uns daran zu erfreuen.

Auf einen Wink des Direktors treten aus dem Theatersaal eine junge Tänzerin und drei Musiker auf. Das Clavecin wird in den Hintergrund gerückt. Die Musiker gruppieren sich mit den Pulten um dasselbe. - Die Gräfin hat sich gesetzt - links vorne. In ihrer Nähe steh der Musiker. Rechts im Vordergrund Clairon. Der Dichter setzt sich alsbald zu ihr. - Die Tänzerin beginnt einen graziösen Tanz, von den Musikern auf der Bühne begleitet. - Während des Tanzes werden von den Dienern unauffällig Erfrischungen gereicht

SYSTEMI. TANZ

SYSTEMPassepied

spricht begeistert auf den Grafen ein, der mit grossem Interesse die Tänzerin beobachtet

DIREKTORWas sagt Ihr! Die personifizierte Grazie! Meine neueste Entdeckung! Ein kleines Mädchen aus der Picardie. Ich fand sie beim Vicomte

Er flüstert dem Grafen diskret den Namen ins Ohr

DIREKTOREr hielt sie bei sich verborgen!

Der'Graf betrachtet die Tänzerin mit neuem Interesse eingehend durch seine Lorgnette

DIREKTORIm richtigen Moment gelang es mir mit List, sie zu entführen. Sie wird jetzt in meiner Ballettschule erzogen. Oh! eine bedeutende Begabung! Ich prophezeie ihr eine grosse Zukunft in der nächsten Nähe des Königs. Morgen tanzt sie beim Prinzen von Conti im »Salon des quatre Glaces«. Seht mir, welch eine Beherrschung des Körpers! Und diese Jugend! Ein Traum! -

SYSTEMII. TANZ

SYSTEMGigue

Das folgende Gespräch wird so geführt, dass die anderen es nicht hören; sie folgen mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit demvorgeführten Tanz

setzt sich zu Clairon

OLIVIERWie soll ich dir danken, dass du gekommen bist? Du sprichst meine Verse hinreissend!

CLAIRONIch bin fest entschlossen, auf keinen Fall mehr dein Entzücken zu erregen. Behalt sie bei dir, deine Komplimente.

OLIVIERSoll zwischen uns nun für alle Zeit feindseliges Schweigen herrschen?

CLAIRONEin erspriesslicher Dialog dürfte nicht mehr aufkommen.

OLIVIERUm so wahrscheinlicher dürfte ein solcher sehr bald zwischen dem Grafen und dir beginnen.

CLAIRONEin Wundervogel - ein Philosoph. Er setzt seiner Jugend eine Maske auf. Gegen maskierte Männer bin ich von jeher misstrauisch.

OLIVIERDer Zauber deines Wesens wird auch ihn bestricken.

CLAIRONWenn du so gut die Zukunft weissagen kannst, so wirst du auch wissen, dass es zwischen uns nur eine Vergangenheit gibt.

OLIVIEREine sehr schöne Vergangenheit.

energisch

CLAIRONDie mit einem grossen Krach geschlossen hat.

Sie erhebt sich

CLAIRONDer Vorhang ist gefallen!

Sie lässt ihn stehen und setzt sich zur Gräfin

der bemerkt hat, dass die beiden sich in Unfrieden getrennt haben, wendet sich zum Dichter

DIREKTORNa, ich glaube nicht, dass du in ihren Memoiren eine ansehnliche Rolle spielen wirst!

SYSTEMIII. TANZ

SYSTEMGavotte

zur Tänzerin

GRAFEure Kunst entzückt und begeistert mich. So wie das Denken unseren Geist vom Körper loslöst und uns in eine höhere Welt versetzt, so überwindet der Tanz die Erdenschwere. Der Körper scheint zu schweben, begleitet von bewegenden Tönen.

Die Tänzerin mit einem Knix ab in den Theater-saal. Der Direktor begleitet sie und kommt sofort wieder zurück

GRAFUnd hier, lieber Freund Flamand, müssen Sie gestehen, ist Ihre Kunst nicht die Herrscherin, sondern nur

mit einem Dankeswink an die drei abgehenden Musiker

GRAFeine - allerdings köstliche - Beigabe.

FLAMANDEin bezaubernder Irrtum! Ohne Musik würde es niemand sich einfallen lassen, auch nur ein Bein zu heben.

OLIVIERTanz und Musik stehen im Bann des Rhythmus, ihm unterworfen seit ewiger Zeit.

FLAMANDDeiner Verse Mass ist ein weit stärkerer Zwang.

OLIVIERFrei schaltet in ihm des Dichters Gedanke! Wer zieht da die Grenze zwischen Form und Gehalt?

FLAMANDIn irdischer Form ein Unfassbar-Höheres: Musik! Sie erhebt sich in Sphären, in die der Gedanke nicht dringt.

OLIVIERNicht in unfassbaren Klängen, in klarer Sprache forme ich meine Gedanken. Dies ist der Musik für immer verwehrt.

FLAMANDMein Gedanke ist die Melodie. Sie kündet Tieferes, ein Unaussprechliches! In einem Akkord erlebst du eine Welt.

DIREKTORSie streiten sich um eine Rangordnung ihrer Künste. Verlorene Mühe! Im Bereich meiner Bühne dienen sie alle.

GRAFSchon sind wir inmitten der Diskussion über das Streit-Thema unserer Tage.

FLAMANDMusik ist eine erhabene Kunst! Nur unwillig dient sie dem Trug des Theaters.

GRÄFINNicht Trug! Die Bühne enthüllt uns das Geheimnis der Wirklichkeit. Wie in einem Zauberspiegel gewahren wir uns selbst. Das Theater ist das ergreifende Sinnbild des Lebens.

DIREKTORSeine oberste Göttin: Phantasie. Ihr untertan alle Künste: Poesie, Malerei, Skulptur und Musik. Und wo wär' eure Sprache, was sind eure Töne ohne Deklamation und Gesang? Ohne die Darstellung durch den Akteur, den Zauber seiner Persönlichkeit, ohne sein Kostüm? He? Ohne seine Maske?

CLAIRONJawohl, ganz recht!

DIREKTORIhr überschätzt euren Schreibtisch!

OLIVIERDer dichtende Geist ist der Spiegel der Welt. Poesie ist die Mutter aller Künste!

FLAMANDMusik ist die Wurzel, der alles entquillt. Die Klänge der Natur singen das Wiegenlied allen Künsten!

OLIVIERDie Sprache des Menschen allein ist der Boden, dem sie entspriessen.

FLAMANDDer Schmerzensschrei ging der Sprache voraus!

OLIVIERDoch das Leid zu deuten vermag sie allein. Der wirklichen Tiefe des Tragischen kann nur die Dichtkunst Ausdruck verleihen. Nie kann sie in Tönen sich offenbaren!

GRÄFINDas sagt Ihr jetzt, in dem Augenblick, wo ein Genie uns lehrt, dass es eine musikalische Tragödie gibt?

GRAFHalt! Noch einen Schritt und wir stehen vor dem Abgrund! Schon stehen wir der »Oper« Aug in Aug gegenüber.

GRÄFINEin schöner Anblick, ich wag' es zu sagen.

CLAIRONEtwas absonderlich, dieses Geschöpf aus Tönen und Worten.

dazwischen rufend

GRAFUnd Rezitativen! Und Rezitativen!

OLIVIERKomponist und Dichter, einer vom andern schrecklich behindert verschwenden unsägliche Mühen, um es zur Welt zu bringen.

GRAFEine Oper ist ein absurdes Ding. Befehle werden singend erteilt, über Politik im Duett verhandelt. Man tanzt um ein Grab, und Dolchstiche werden melodisch verabreicht.

CLAIRONIch könnte mich damit befreunden, dass man in der Oper mit einer Arie stirbt. Warum aber sind die Verse immer schlechter als die Musik? Dieser verdanken sie doch erst die Kraft ihres Ausdrucks.

GRÄFINBei Gluck ist es anders. Er führt die Dichter, er kennt die Leidenschaft unserer Herzen und er erweckt in jenen verborgene Kräfte.

OLIVIERAuch bei ihm ist das Wort mir ein Stiefkind des Taktstocks.

FLAMANDNur bei ihm ist die Musik nicht mehr Dienerin! - Dem Worte ebenbürtig, singt sie mit ihm.

GRAFWenn nur die Rezitative nicht wären! Wer widerstünde der bleiernen Langeweile, die sie verbreiten?

OLIVIEREndlos schleppen sie sich dahin.

GRAFSie haben weder die Süsse der Melodie noch denReiz der kraftvollen Rede.

FLAMANDEure Kritik trifft die Oper des alten Stils. Das »Accompagnato« unseres Meisters hat die Kraft des antiken Monologes. Der Reichtum des Orchesters macht es zu Höhepunkten in seinen Tragödien.

CLAIRONUnd die Arie? Soll sie verschwinden?

DIREKTORDas unheilbare Gebrechen unserer Opern ist der betäubende Lärm des Orchesters. Sein Brüllen und Toben verschlingt die Stimmen. Die Sänger werden gezwungen, zu schreien.

GRAFOb der Text gut oder schlecht, ist ohne Bedeutung. Niemand kann ihn verstehen.

DIREKTORWo bleibt der Gesang, diese Gabe der Götter? Die menschliche Stimme, das Ur-Instrument, es wird vergewaltigt züi Sklavendiensten! Dahin die Tradition des alten italienischen Gesanges! Der Bel Canto liegt im Sterben!

CLAIRONEin dramatischer Tod!

OLIVIERSeine prophetischen Worte scheinen mir stark übertrieben.

ironisch

GRÄFINBevor sein Leben erloschen, lieber La Roche, lassen Sie uns Ihre Sänger hören! Wir wollen uns immerhin von der Lebenskraft der italienischen Gesangskunst ein Bild machen.

Der Direktor gibt ein Zeichen, worauf die italienische Sängerin und der italienische Tenor eintreten

ironisch

FLAMANDGib uns eine Probe deiner »dienenden« Kunst!

DIREKTORSie hören ein Duett einer italienischen Oper nach einem Text des Metastasio.

GRÄFINEs wird die Debatte wohltuend beschliessen.

Die Sänger beginnen ihr Duett. - Der Graf bringt Clairon galant eine neue Tasse Schokolade und setzt sich zu ihr

SYSTEMDUETT DER ITALIENISCHEN SÄNGER

TENORAddio, mia vita, addio,

TENORNon piangere il mio fato;

TENORMisero non son'io:

TENORSei fida, ed io lo so.

TENORSe non ti moro allato,

TENORIdolo del cor mio,

TENORCol tuo bel nome amato

TENORFra' labbri, io morirò.

SOPRANSe a me t'invola il fato,

SOPRANIdolo del cor mio,

SOPRANCol tuo bel nome amato

SOPRANFra' labbri, io morirä.

TENORAddio mia vita,

SOPRANaddio.

SOPRANLuce degli occhi miei.

GRÄFINEin sehr heiteres »Addio«! Finden Sie nicht auch, Flamand? Der Text scheint nicht sehr zur Musik zu passen.

GRAFBravo! Bravo! Bei einer schönen Kantilene werden einem die Worte völlig gleichgültig.

FLAMANDEs bleibt immerhin eine Kunst, auf eine heitere Melodie so grossen Schmerz auszudrücken.

OLIVIERDiese Kunst hat einen Vorzug: Wir fühlen uns trotz des grausamenVorgangs angenehm getröstet.

TENORQuando fedel mi sei,

TENORChe più bramar dovrò?

SOPRANQuando il mio ben perdei,

SOPRANChe più sperar potrö?

TENORUn tenero contento

TENOREguale a quel ch'io sento,

TENORNumi, i mai provò!

SOPRANUn barbaro tormento

SOPRANEguale a quel ch'io sento,

SOPRANNumi, chi mai, provò?

TENORAddio, mia vita, addio!

SOPRANAddio luce degli occhi miei!

Freundlicher Beifall von allen Seiten. Die Gräfin lädt die beiden ein, einige Erfrischungen zu nehmen. - Graf und Clairon sind im Vordergrund sitzengeblieben

GRAFDarf ich Sie nach Paris zurückbringen und dort noch ein wenig in Ihrer Gesellschaft sein?

CLAIRONIch muss meine Rolle für morgen studieren. Wollen Sie mich abhören?

GRAFIch will in allem Ihr Diener sein!

CLAIRONDas sollten Sie nicht sagen.

GRAFWarum nicht wenigstens sagen?

CLAIRONWeil ich überzeugt bin, dass Sie selten das sagen, was Sie wirklich denken.

GRAFSo erraten Sie meine Gedanken?

CLARIONHalten Sie das für schwierig?

GRAFIhre Stichworte sind nicht immer leicht zu beantworten.

CLAIRONWenn es Ihre Weltanschauung nicht ins Wanken bringt, dürfen Sie mich begleiten.

GRAFSie machen mich glücklich!

CLAIRONSie haben einen schönen Geist. Ich bin nicht im Zweifel, dass Sie auch noch andere Gemeinplätze artig zu sagen vermögen.

kommt mit dem Direktor wieder nach vorne

GRÄFINWerden Ihre Neapolitaner auch bei meiner Geburtstagsfeier mitwirken?

DIREKTORGewiss, gewiss, sie sind aber nur ein winziger Teil meines grossangelegten Programms.

OLIVIERVergeblich warten wir seit Tagen auf die Enthüllung deiner geheimnisvollen Pläne.

FLAMANDWir lechzen danach, endlich etwas zu erfahren.

GRÄFINSo verraten Sie uns doch endlich Ihr grosses Programm!

DIREKTORDas Huldigungsfestspiel, die grandiose »azione teatrale« meiner gesamten Truppe, hat zwei Teile. Da ist zuerst die Darstellung einer erhabenen Allegorie: »Die Geburt der Pallas Athene.« Aus dem Kopf des Zeus wird sie geboren!

GRAFWie das?

DIREKTORSo erzählt's die Legende: Nachdem er mit Metis das Kind gezeugt, verschlang er die Mutter...

GRAFWie? Er hat sie verschluckt?

GRAFFLAMAND und OLIVIER

GRAFVerschluckt?

GRAFGRÄFIN und CLAIRON

GRAFVerschluckt?

OLIVIEREr schlingt sie hinunter wie ein Hecht, die zarte Geliebte ...

CLAIRONAus Liebe?

GRAFAus Liebe? Wie zärtlich!

GRÄFINAus Liebe?

GRAFAus Hunger!

FLAMANDAus Angst vor Juno!

fährt fort

DIREKTORIn ihm wächst die Tochter.

OLIVIERDie Geliebte versteckt vor der eifersüchtigen Gattin!

CLAIRONEin kurioses Mittel, seine Seitensprünge zu verbergen! Ha! Ha!

DIREKTORUnd als Kind seines Geistes steigt sie jäh empor aus dem Haupt des Gottes!

OLIVIERUnd Zeus?

DIREKTORIn voller Rüstung - von Chören begrüsst!

FLAMANDHa! Ha!

OLIVIERIhm ist wohl bei solcher Entbindung!

DIREKTORDie Erde erbebt...

FLAMANDEin quälender Kopfschmerz ...

DIREKTORDie Sonne stelit still!

CLAIRONUnd die Mutter?

FLAMAND... scheint ausser Frage!

CLAIRONWo bleibt sie?

DIREKTORPauken und Zymbeln...

FLAMANDSie bleibt spurlos verschwunden!

DIREKTOR... schildern die Erregung des Weltalls!

OLIVIERSie liegt ihm im Magen!

GRAFEin possierlicher Einfall!

SYSTEMOKTETT

SYSTEMI. Teil

Lach-Ensemble

GRÄFINSie lachen ihn aus und er meint es so ernst. Seine Würde ist köstlich! Ha! Ha! Im Grunde ist er rührend, der alte Herr in seinem jugendlichen Feuer! Seine Phantasie treibt wundersame Blüten! Seine Naivität ist wirklich entzückend!

CLAIRONEr ist wie immer originell in seinen Einfällen. Ein kühner Neuerer! Ha! Ha! Eine poetische Idee - in natura dargestellt! Hai Hai Er bringt Zeus in eine fatale Situation! Ha! Ha! Vaterfreuden besonderer Art! Ha! Ha! Bizarrer Gedanke! Ha! Ha!

GRAFHa! Ha! Er meint es ganz ernst! Diese Theaterleute sind ganze Narren! Ha! Ha! Sie leben im Mondlicht ihrer fixen Ideen! Ha! Ha! - Wie lächerlich! Sie fährt ihm in voller Rüstung aus dem Kopf. Hai Hai Ein possierlicher Einfall! - Als Geburtstagsüberraschung für meine Schwester! Ha! Ha!

DER ITALIENISCHE TENORSie lachen ihn aus - er wird schlechter Laune. Was ist da zu tun?

DIE SÄNGERINDie Torte ist grossartig! Nimm, Gaetano!

DER TENORIch glaube, wir kommen heute nicht mehr züi unserem Vorschuss.

DIE SÄNGERINIch habe dir geraten, heute früh ihn zu fordern, vor unserer Fahrt hierher auf das Schloss.

DER ITALIENISCHE TENOREr war nie allein, wie sollt' ich es machen!!

DIE SÄNGERINDie Torte ist grossartig! Sie zerfliesst auf der Zunge! Nimm, Gaetano - - -

DER TENORSie isst und isst und trinkt und isst!

DIE SÄNGERINBrüll nicht auf mich, Gatano' Die Torte ist grossartig! Nimm, teurer Freund. - *Und hier die Orangen! Sizilianische Früchte - ganz ohne Kerne. - Ein reines Vergnügen!

brüllt sie an

DER TENORTrink' nicht so viel vom spanischen Wein!

FLAMANDVor unseren Augen entschlüpft sie dem mäch-tigen Haupte Gottes! Ha! Ha! In vollerRüstung - mit Schild und Speer!! »Jäh steigt sie empor« - - mit Zymbeln und Pauken! Tschin! Tschin! - Bum! Bum! Tschin! Tschin! - Bum! Bum! »Die Sonne steht still!«

OLIVIERHa! Ha! Schon seh' ich die Wunder seiner Regie: Hephaistos tritt auf, der mächtige Schmied! Ha! Ha! Er schwingt den Hammer! Ha! Ha! Mit wuchtigen Schlägen ... Ha! Ha! Er spaltet ihn auf, den Schädel des Zeus, damit es empor kann, das göttliche Kind. . . Ha! Ha! ans Licht der Welt! - Die Frucht seiner Liebe! Ha! Ha! Es brummt ihm der Schädel - Er wird erlöst! Ha! Ha! und Chöre besingen die göttliche Entbindung! Ha! Ha!

DIREKTORIch glaube, die beiden lachen mich aus! Auch der Graf ist recht heiter! Oberflächliche Weltleute! Sie machen sich lustig über die Mythologie! Die heutige Jugend - sie hat keine Ehrfurcht! Nichts ist ihr heilig. Atheistengesindel! Wahrhaftig - sie lachen! Kein Verständnis für meine Inspiration! Atheistengesindel! Einer trostlosen Zukunft gehen sie entgegen! Lachend - in ihrem Unverstand!

GRÄFINOhol Ich sehe, er fühlt sieh beleidigt durch unser Lachen. Er scheint zu grollen, ich muss ihn versöhnen. (Sie wendet sich an den Direktor) Sie sehen uns überrascht von Ihrer Phantasie. Wir zweifeln, ob ihr kühner Entwurf sich wird darstellen lassen auf dem Theater. Nehmen Sie unseren Pessimismus nicht gar zu ernst. Haben Sie Nachsicht -, wir sind ja Laien. Die Kunst Ihrer Regie wird uns eines Besseren belehren! - Und wovon handelt der zweite Teil Ihres Festspiels?

DIREKTOREr ist heroisch und hochdramatisch: » Der Untergang Karthagos.« Kulissen, Prospekte, herrlich gemalt; Maschinen und Massen in regster Bewegung! Die Stadt in Brand - ein Feuermeer - atembeklemmend! Die Dekoration transparent - geschliffene Stäbe aus böhmischem Glas, von rückwärts beleuchtet, in flammendem Rot! Feuerspiegel! -Glasprismen! Viertausend Kerzen - Hundert Flambeaus! Pechringe - Fackeln in allen Grössen! Eine schaukelnde Galeere, von mir konstruiert. - Blitz und Einschlag auf offener Szene - - - Die Segel in Flammen - ein brennendes Wrack! Springflut im Hafen! Der Palast stürzt ein - - -

FLAMANDHör auf, hör auf! Wir kennen das Ende!

OLIVIERZum Schluss auf den Trümmern grosses Ballett!

SYSTEMOKTETT

SYSTEMII. Teil

Streit-Ensemble

DIREKTORAber so hört doch! Es kommt ja ganz anders.

FLAMANDVeralteter Plunder -

OLIVIERMaschinenzauber!

FLAMANDEinzugsmärsche -

OLIVIERWassermusik!

FLAMANDSinnlose Aufzüge -

OLIVIERÖder Pomp!

FLAMANDÜberschwemmung und Apotheose! Statisten und Fackeln!

OLIVIERAltes Gerümpel!

GRÄFINOh weh! Jetzt fallen sie über ihn her. Mein

GRÄFINRettungsversuch ist gründlich missglückt. Die

GRÄFINSituation für ihn ist nicht beneidenswert!

GRÄFINWer wird es sein? Ihre Argumente sind

GRÄFINniederschmetternd! Sie glauben? Er tut mir leid!

GRÄFINDie beiden gehen wirklich zu weit. Olivier!

GRÄFINFlamand! Sie werden brutal! Der Streit

GRÄFINentbrennt immer heftiger! Er scheint verloren!

GRÄFINWarum sie ihn nur so vehement bedrohen? Was

GRÄFINhaben sie vor?

GRÄFINIch fürchte, der Streit wird recht peinlich enden.

GRAFJetzt wird es ernst! ... Ein heiterer Zank! ... Sie zerstampfen ihn ... wie in einem Mörser... bald wird nichts mehr .. von ihm übrig sein!

GRAFHa! Ha! Ha! Die edlen Künste liegen sich in den Haaren, ihre Apostel streiten - untereinander - sie fletschen die Zähne und beginnen zu raufen! Wie lächerlich wichtig sie alles nehmen! Ha! Ha! Sie zerreissen ihn in der Luft, weil er uns mit einem Ausstattungsballett unterhalten wollte! Wie ungerecht! La Roche in der Klemme! - Ein köstlicher Anblick! Ha! Ha! Ha! Er ist äusserst bestürzt und kommt nicht zu Wort. Wo bleibt seine oft gepriesene Schlagfertigkeit? Wie wird er sich retten? -

FLAMANDEin Spektakel, bei dem die Dekorationen die Hauptrolle spielen!

OLIVIEREin Schaustück ohne Darsteller!

FLAMANDWie ein Gespenst aus einem vergangenen Jahrhundert blickt dein Stück in unsere Zeit!

OLIVIEREr erspart sich den Dichter - Wozu auch Verse?

FLAMANDVon Musik war überhaupt nicht die Rede!

BEIDEWort oder Ton? Ha! Welch eine Frage? »Flugmaschinen oder Versenkungen« muss es heissen! Nicht weiter! Sei still! Inhaltloses, schales Theater aus einer längst verklungenen Zeit! Unsinnig-schädlich und lächerlich!

OLIVIERTransparente Kulissen? Warum nicht ein ehrliches Feuerwerk?

FLAMANDWozu ein Orchester? Die Donnermaschine tut bessere Dienste!

OLIVIERWo bleibt der Gesang?

FLAMANDOho, du irrst: Zu all' dem wird italienisch ge-sungen. Triller-Rouladen! Kadenzen! Kadenzen!

BEIDE»Veto!« »Veto!« Wir sagen uns los von deinen Künsten! Deine Zeit ist vorüber! Vorbei! Vorbei!

CLAIRONHaben Sie keine Sorge! Ein Streit zwischen Männern endet immer mit einem Sieger! Wenn sie sich ausgetobt haben, wird er ihnen antworten. Seien Sie beruhigt, er ist nicht schüchtern. Ich kenn' ihn! Seine Widerstandskraft ist nicht leicht zu brechen! Seine »Suada« hat schon manchen niedergestreckt. Er braucht Ihren Schutz nicht, er hilft sich schon selbst! Lassen Sie sich nicht täuschen! Er wird sich furchtbar rächen! Er sammelt Kräfte, dann schlägt er los. Sehen Sie, sehen Sie, jetzt holt er aus. Sein Konzept ist fertig! O, er wird Blitze schleudern! Sehen Sie, sehen Sie, jetzt schlägt er los!

DIREKTORSo lasst mich doch nur zu Worte kommen!

DIREKTORVorschnell beurteilt ihr! Ich bin noch nicht fertig!

DIREKTORAber ...

DIREKTORWozu diese Vorwürfe? Ihr irrt euch!

DIREKTORWas soll euer Schimpfen?

DIREKTORAlberne Streitsucht! So lasst euch erklären!

DIREKTORHört doch zu Ende, bevor ihr beurteilt!

DIREKTORIch bitt' euch ... Aber - aber ...

DER ITALIENISCHE TENORNun streiten sie ernstlich ... Aus ist's für heute mit unsrem Vorschuss!

beginnt weinselig die Melodie des Duetts zu singen

DIE SÄNGERINAddio mio dolce acconto, Non piangere il nostro fato!

stimmt parodierend ein

DER TENORA morire io son pronto, io povero disgraziato!

BEIDEQuando il nostro acconto perdiamo, che più sperare potrò? Quando senza danari noi siamo, Che cosa mai far io dovrò?

BEIDEUn triste malcontento, eguale a quel ch'io sento, Numi, chi mai provò?

BEIDEAddio mio acconto amato, invano abbiamo sperato!

DIREKTORHolà, ihr Streiter in Apoll! Ihr verhöhnt und beschimpft mein festliches Theater?! Was gibt euch ein Recht, so überlieblich zu sprechen und mich zu schmähn, den wissenden Fachmann?! Euch, die ihr noch nichts für das Theater geleistet?! (zu Olivier) Deine Verse in Ehren, - wenn Clairon sie spricht! Aber die magere Handlung deiner Dramen - ihr dramatischer Aufbau? - Sehr bedürftig meiner szenischen Hilfe! (zu Flamand) Deine kleinen Ensembles für Streichinstrumente: - graziöse Kammermusik! Sie entzückt den Salon. Die heutige habe ich leider verschlafen. Elegische Romanzen kannst du wohl singen, aber Musik der Leidenschaften, wie die Bühne sie fordert, sie ist dir bisher noch nicht gelungen! - Nein, nein, euer Veto macht mich nicht erzittern! Was wisst ihr Knaben von meinen Sorgen? Seht hin auf die niederen Possen, an denen unsere Hauptstadt sich ergötzt. Die Grimasse ist ihr Wahrzeichen - die Parodie ihr Element - ihr Inhalt sittenlose Frechheit! Tölpisch und rüde sind ihre Spässe! Die Masken zwar sind gefallen, doch Fratzen seht ihr statt Menschenantlitze! Ihr verachtet dies Treiben, und doch, ihr duldet es! Ihr macht euch schuldig durch euer Schweigen. Nicht gegen mich richtet eure Phalanx! Ich diene den ewigen Gesetzen des Theaters. Ich bewahre das Gute, das wir besitzen, die Kunst unsrer Väter halte ich hoch. Voll Pietät hüte ich das Alte, harre geduldig des fruchtbaren Neuen, erwarte die genialischen Werke unserer Zeit! Wo sind die Werke, die zum Herzen des Volkes sprechen, die seine Seele widerspiegeln? Wo sind Sie? - Ich kann sie nichtfinden, so sehr ich auch suche. Nur blasse Ästheten blicken mich an: sie verspotten das Alte und schaffen nichts Neues! In ihren Dramen stolzieren papierne Helden, zücken die Schwerter und schwingen Tiraden, die wir längst schon kennen. In der Oper das gleiche: Greise Priester und griechische Könige aus grauer Vorzeit, Druiden, Propheten schreiten gleich Scheinen aus den Kulissen. - Ich will meine Bühne mit Menschen bevölkern! Mit Menschen, die uns gleichen, die unsere Sprache sprechen! Ihre Leiden sollen uns rühren und ihre Freuden uns tief bewegen! Auf! Erhebt euch und schafft die Werke, die ich suche! Kraftvoll führ auf meiner Bühne ich sie zum stolzen Erfolg. Schärft euren Witz, gebt dem Theater neue Gesetze -neuen Inhalt!! Wo nicht - so lasst mich in Frieden mit eurer Kritik. Heute im Zenith meiner ruhmreichen Lauf bahn darf ich es wagen, von mir zu sprechen, - von mir, dem Entdecker grosser Talente - dem weisen Erzieher, dem Inspirator! Ohne meinesgleichen, wo wäre das Theater? Ohne meinen kühnen Wagemut und schliesslich - ohne meine hilfreiche Hand? Ein Vorschuss im richtigen Augenblick kann aus tiefster Depression erheben und die entschwundene Tatkraft wieder erwecken. Ein Beispiel für viele: der berühmte Lekain, einst ein lebensmüder Statist, heute ein Führer des »Palais Royal«, ist mein Werk, ging durch mich seinen Weg. Gebt euch geschlagen, ihr Schwärmer, ihr Träumer! Achtet die Würde meiner Bühne! Meine Ziele sind lauter, unauslöschlich meine Verdienstel Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte! »Sicitur ad astra!« Auf meinem Grabstein werdet Ihr die Inschrift lesen: »Hier ruht La Roche, der unvergessliche, der unsterbliche Theaterdirektor. Der Freund der heitren Muse, der Förderer der ernsten Kunst. Der Bühne ein Vater, den Künstlern ein Schutzgeist. Die Götter haben ihn geliebt, die Menschen haben ihn bewundert! « - Amen.

Stürmischer Applaus

läuft auf den Direktor zu und drückt ihm begeistert einen Kuss auf die Wange

CLAIRONLa Roche, du bist gross, du bist monumental!

CLAIRONOLIVIER und FLAMAND

CLAIRONA - men, A - men!

leicht angeheitert vom vielen Portweintrinken, schluchzt laut auf

DIE ITALIENISCHE SÄNGERINHu! Hu!

DER TENORChe cosa c'è? Non è mica morto!

ärgerlich

DER TENORMach doch hier keine Szene!

Er führt die laut weinende Sängerin in den Theatersaal ab

GRAFBravissimo! Bravissimo!

tritt in die Mitte

GRÄFINIhr hörtet die mahnende Stimme unseres Freundes! Sie soll nicht verklingen, beherzigt sein Wort. Stellt ihm die Aufgabe, die er verlangt, damit seine Kunst der euren dient. Schafft gemeinsam ein Werk für unser Fest!

zu Clairon

GRAFSchauder erfasst mich, sie bestellt eine Oper!

fortfahrend

GRÄFINIn scharfem Disput habt ihr ei-ich bekämpft, vergeblich versucht, euch zu widerlegen. Verlasst die Irrwege des Denkens! Fühlt es mit mir, dass allen Künsten nur eine Heimat eigen ist: Unser nach Schönheit dürstendes Herz! Ein zarter Keim ist heute entsprossen - ich sehe ihn wachsen zum starken Baum, sein Blütenmeer Über uns ergiessend!

fährt Dichter und Musikerfeierlich vor die Gräfin. Mit theatralischem Pathos

CLAIRONDie Göttin Harmonie steigt züi uns hernieder. Einigt euch, ihr Kunste, sie wUrdig zu empfangen!

zum Musiker

GRÄFINDer süssen Regung, die Apoll in Euch getragen,

auf Olivier deutend

GRÄFINschenke der Dichter den edlen Gedanken! zum Dichter) Was herrlich begonnen der dichtende Geist, (auf Flamand deutend) die Macht der Töne soll es verklären!

auf den Direktor deutend

GRÄFINAuf seiner Bühne gewinn' es Gestalt, in Anmut und Würde die Herzen zu rühren. (zu allen dreien) Der schöne Bund vereint alle Künste, sie neigen sich liebend zueinander, bereiten sich freudig züi festlichem Spiel!

OLIVIERWelch reine Melodien bezaubern unser Ohr.

FLAMANDWas hebt sich göttergleich aus hohen Wolkengründen?

FLAMANDFLAMAND und OLIVIER

FLAMANDDie Göttin Harmonie, sie stieg zu uns hernieder! Wir wollen huldigend ihr entgegentreten und rauschend grüssen ihre Erdenfahrt.

CLAIRONWelch ungeahntes Glück lenkt hierher ihren Schritt? Die hohe Göttin selbst bemüht sich, euren Streit zu schlichten!

DIREKTORWer könnte ihrem Walten sich entziehen?

DIREKTORFLAMAND und OLIVIER

DIREKTORZu Ende sei der unfruchtbare Kampf!

DIREKTORSie schreite uns voran auf unsrem Weg.

CLAIRONSie soll euch begleiten auf euren Wegen und nimmer scheiden aus eurem Kreis!

FLAMAND, OLIVIER, DIREKTORWir wollen vergessen, was uns entzweite, versöhnt beginnen das befohl'ne Werk.

GRAFDas ist mehr als eine Versöhnung, das ist eine Verschwörung! Und ich bin das Opfer - meine Ahnung erfüllt sich.

GRÄFINEine neue Oper wird uns geschenkt, du kannst es nicht hindern. Ertrag' dein Geschick als Philosoph!

GRAFWas bleibt mir übrig, als mich zu fügen!

GRAFDas Unvermeidliche nimmt seinen Lanf, eine

GRAFOper bricht liber mich herein!

zum Grafen

CLAIRONIhre Stossseufzer verhallen ohne jede merkliche Wirkung.

zur Clairon

GRÄFINMein Bruder ist nicht sehr musikalisch. Er hat eine Vorliebe für Einzugsmärsche und betrachtet in der Oper die Komponisten als »Wortmörder«.

CLAIRONVielleicht hat er recht.

DIREKTORNun gleich an die Arbeit, wir wollen keine Zeit verlieren. (zum Musiker) Der Arie ihr Recht! Auf die Sänger nimm Rücksicht -nicht züi laut das Orchester! Im grossen Ballett, da tobe dich aus.

ironisch

OLIVIERSchon öffnet er wieder den Schrein seiner reichen Erfahrung.

zum Dichter

DIREKTORDie Szene der Primadonna nicht zu Anfang des Stückes. Verständliche Verse, (zum Musiker) und oft wiederholt, dann hast du die Chance, dass man sie versteht.

FLAMANDLass deine ehrwürd'gen Regeln beiseite. Neue Wege wollen wir suchen!

DIREKTORMacht euch nicht wichtig! In meiner Hand ruht schliesslich euer Erfolg. Gleichviel - wir wollen die Arbeit redlich teilen.

zum Dichter

DIREKTORBei dir liegt der Anfang, liberlege den Stoff!

zur Gräfin

OLIVIERWie würde Euch »Ariadne auf Naxos« gefallen?

FLAMANDSchon zu oft komponiert.

DIREKTORDie bekannte Gelegenheit züi sehr vielen, langen Trauerarien.

FLAMANDMich würde »Daphne« weit mehr interessieren.

OLIVIEREine verlockende Fabel, doch äusserst schwierig darzustellen: Daphnes Verwandlung zum ewigen Baum des Gottes Apollo -

FLAMANDDas Wunder der Töne kann sie gestalten!

GRÄFINEin schöner Stoff, ich lieb' ihn ganz besonders.

DIREKTORSchon wieder Nymphen und Schäfer, Götter und Griechen! Ihr wart doch selbst gegen die Mythologie.

GRAFAlltägliche Dinge - - - Es fehlte nur noch der

GRAFTrojanische Krieg!

DIREKTORAuch Ägypter und Juden, Perser und Römer haben wir genug in unseren Opern. Wählt doch einen Vorwurf, der Konflikte schildert, die auch uns bewegen.

GRAFIch wüsste ein äusserst fesselndes Thema! Schreibt eine Oper, wie er sie sich wünscht. Schildert Konflikte, die uns bewegen. Schildert euch selbst! Die Ereignisse des heutigen Tages - was wir alle erlebt - dichtet und komponiert es als Oper!

sprachlos

DIREKTORHa!

sehr Überrascht

OLIVIEREin verblüffender Einfall -

FLAMAND- das ist nicht zu leugnen.

GRAFDas wäre ein Thema, das auch uns interessierte!

GRÄFINEin entzückender Vorschlag!

CLAIRONWir fallen aus einer überraschenden Situation in die andere.

DIREKTOREin wahres Problem, so etwas aufzuführen.

Überlegend

OLIVIERWenig Handlung...

GRAFZeigt uns, dass ihr etwas Apartes schaffen könnt.

FLAMANDFür Musik ist gesorgt.

GRAFWir sind die Personen eurer Oper. Wir alle spielen mit in eurem Stück.

GRÄFINWird das nun eine heitere Oper?

einwerfend

DIREKTORIch sehe mich schon als Bassbuffo umherirren!

der Gräfin antwortend

GRAFJedenfalls eine Oper ohne »Helden«!

DIREKTORWer ist der Liebhaber?

CLAIRONIch glaube, es gibt nur wenige Personen, die es nicht sind.

zum Musiker

OLIVIERUnd wen wählst du von uns zum Tenor?

GRAFVerratet nicht zu früh die Geheimnisse eurer Werkstatt.

CLAIRONSehr fein pariert! Ich gratuliere, Herr Graf. Sie stellen den dreien eine schwierige Aufgabe!

GRÄFINEin wenig boshaft ist dein Vorschlag.

OLIVIERDer Einfall ist köstlich, was sagst du, La Roche?

OLIVIERDa hat wieder einmal ein blindes Huhn - -

DIREKTORein Ei gelegt!

OLIVIERWieso?

DIREKTORWarum nicht!

GRÄFINSie scheinen mir ganz bestürzt, La Roche!

DIREKTORDiesen Vorschlag hätte ich allerdings nicht erwartet!

GRÄFINFinden Sie ihn schlecht?

DIREKTORNein, nein, aber bedenken Sie, Frau Gräfin - - Ich fürchte, das Ganze wird eine einzige grosse Indiskretion!

GRÄFINEs wird von eurem Geschmack abhängen, sie graziös auf die Bühne zu bringen.

LAIRONNur indiskrete Theaterstücke haben Erfolg!

OLIVIERIch finde den Einfall ganz ausgezeichnet und werde sogleich das Szenarium entwerfen.

CLAIRONEs ist spät geworden, ich muss nach Paris.

DIREKTORAuch wir müssen aufbrechen

zum Dichter und Musiker

DIREKTORIhr fahrt doch mit mir?

zu Clairon

GRÄFINWir haben Sie hier allzu lange festgehalten.

CLAIRONOh - in Ihrem Salon vergehen die Stunden, ohne dass die Zeit älter wird. Frau Gräfin!

GRÄFINMademoiselle Clairon! Adieu La Roche! Schreiben Sie mir eine gute Rolle, Olivier! Auf Wiedersehen, Flamand!

FLAMANDAuf Wiedersehen!

Die Gräfin geht ab. Dichter und Musikerfolgen ihr bis zur Tür und blicken ihr nach

SYSTEMZEHNTE SZENE

hat die beiden italienischen Sänger aus dem Theatersaal geholt und bringt sie zum Ausgang durch die Galerie im Hintergrunde links

DIREKTORGut in eure Mäntel gehüllt, damit ihr euch auf der Fahrt nicht erkältet.

Der Sänger will ihm etwas sagen

DIREKTORJa, ja, euer Vorschuss - er ist morgen bereit.

zu einem Diener

GRAFIst angespannt?

DIENERZu dienen. Vier Pferde.

den Arm des Grafen nehmend

CLAIRONIch hätte wenigstens sechs erwartet.

Beide gehen lebhaft ab

zum Dichter

FLAMANDPrima le parole, dopo la musica. Dem Worte der Vorrang!

OLIVIERNein, der Musik, - doch geboren aus dem Wort.

halb für sich

FLAMANDPrima la musica -

zum Dichter, mit Beziehung auf die Gräfin

FLAMANDSie hat entschieden!

Geht ab. Der Theaterdirektor tritt auf

DIREKTORKommt, kommt, lasst mich nicht warten.

OLIVIERJa - für das Wort! Prima le parole.

DIREKTORTrennt euch doch endlich vom heutigen Tag! Auf der Fahrt können wir noch manches für unsere Oper besprechen.

zum Dichter

DIREKTORVergiss nicht meine Hauptszene in deinem Szenarium: wie ich im Theatersaal die Probe leite. Ein Marschall der Bühne! Sie kann zum Höhepunkt deines Stückes werden. Und vor allem: Sorge für gute Abgänge in meiner Rolle! Du weisst, der wirkungsvolle Abgang - ein entscheidendes Moment!

SYSTEMELFTE SZENE

Acht Diener treten auf. Sie beginnen den Salon aufzuräumen

DIE DIENERDas war ein schöner Lärm - und alle durcheinander!

SYSTEM1.DIENER

DIE DIENERDie Italienerin hat einen gesunden Appetit, von der Torte ist nichts mehr übrig.

SYSTEM2. DIENER

DIE DIENERWas wollte der Direktor mit seiner langen Rede?

SYSTEM3.DIENER

DIE DIENEREr sprach sogar griechisch!

SYSTEM4. DIENER

DIE DIENERIch habe nichts verstanden.

SYSTEM5. DIENER

DIE DIENEREs handelt sich um Reformen bei den Schaustücken, die er noch vor seinem Tod einführen will.

SYSTEM6. DIENER

DIE DIENERIch vermute, sie wollen jetzt auch Domestiken in den Opern auftreten lassen.

ALLEDie ganze Welt ist närrisch, alles spielt Theater. Uns machen sie nichts vor, wir sehen hinter die Kulissen. Dort sieht die Sache ganz anders aus. Der Graf sucht ein zärtliches Abenteuer, die Gräfin ist verliebt und weiss nicht in wen.

SYSTEM1. DIENER

ALLEVielleicht in alle beide ...

SYSTEM2. DIENER

ALLEUm sich darüber klar zu werden, lässt sie sich eine Oper schreiben.

SYSTEM4. DIENER

ALLEWie kann man aus einer Oper klug werden?

SYSTEM5.DIENER

ALLEVerworrenes Zeug!

SYSTEM1.DIENER

ALLEMan singt, damit man den Text nicht versteht.

SYSTEM4. DIENER

ALLEDas ist auch sehr notwendig, sonst zerbricht man sich über den verworrenen Inhalt den Kopf.

SYSTEM5. DIENER

ALLELass dein vorlautes Geschwätz!

SYSTEM3. DIENER

ALLEIch lob' mir die Seiltänzer und ihre Spektakels. Ihre Truppe ist vom König privilegiert. Ich habe sie in Versailles gesehen.

SYSTEM4. DIENER

ALLEIch auch! Grossartig, sage ich euch. Und nachher das grausige Stück: Coriolan, der die eigene Tochter ersticht!

SYSTEM.2. DIENER

ALLEMir sind die Marionetten lieber.

SYSTEM3. DIENER

ALLEDer Arlecchino ist noch lustiger!

SYSTEM1.DIENER

ALLEWollen wir am Geburtstag unserer Gräfin nicht auch etwas Lustiges spielen? So eine Geschichte mit Masken? Ich kenne den Brighella von der italienischen Truppe, der hilft uns sicher.

SYSTEM5.DIENER

ALLESeid still, der Maître kommt.

tritt ein

HAUSHOFMEISTERMacht schnell hier fertig, dann richtet alles zum Souper! Nachher seid ihr frei.

ALLE DIENERWelch Vergnügen, ein Abend ohne Gäste! Nun in die Küche, zu sehen, was es gibt. Das Souper steht bevor und nachher sind wir frei! Gloria! Gloria! Welch Vergnügen, ein Abend ohne Gäste! Der Graf sucht ein zärtliches Abenteuer, die Gräfin ist verliebt und weiss nicht in wen ...

Die Diener sind in heiterer Stimmung abgegan-gen. Es ist dunkel geworden. Der Haushofmeister beschäftigt sich damit, einen Armleuchter anzuzünden. Als auch er abgehen will, hört man aus dem Theatersaal lebhaftes Gepolter u nd eine ängstliche Stimme » Herr Direktor! Herr Direktor!« rufen

SYSTEMZWÖLFTE SZENE

rufend

MONSIEUR TAUPEHerr Direktor ...

HAUSHOFMEISTERWo kommen Sie her? Wer sind Sie?

MONSIEUR TAUPEErschrecken Sie nicht! Woher sollten Sie mich auch kennen? Ich bewege mich selten auf der Erdoberfläche.

HAUSHOFMEISTERWas wollen Sie damit sagen?

MONSIEUR TAUPEIch verbringe -mein Leben unter der Erde. Unsichtbar -

HAUSHOFMEISTERFür mich sind Sie aber sehr sichtbar.

MONSIEUR TAUPEIch bin der unsichtbare Herrscher einer magischen Welt.

HAUSHOFMEISTERWieso kommen Sie dort aus dem finsteren Saal ?

MONSIEUR TAUPEIch war eingeschlafen. Sie haben mich da drin vergessen.

HAUSHOFMEISTERWollen Sie mir nicht endlich sagen, wer Sie sind?

MONSIEUR TAUPEIch bin der Souffleur - man nennt mich Monsieur Taupe.

HAUSHOFMEISTERIch freue mich sehr, Sie kennenzulernen, Monsieur Taupe, und Sie in unserer wirklichen Welt begrüssen zu dürfen.

müde

MONSIEUR TAUPENur ein Besuch, Herr, - ein kurzer Besuch. Machen Sie kein Aufhebens davon.

HAUSHOFMEISTERSie sind ein merkwürdiger Mann - und wie mir scheint, von einiger Wichtigkeit.

MONSIEUR TAUPESchon gut, schon gut. - Sie haben recht. Erst wenn ich in meinem Kasten sitze, beginnt das Weltenrad der Bühne sich zu drehen!

HAUSHOFMEISTERSie setzen also sozusagen - es in Bewegung?

MONSIEUR TAUPEDie tiefen Gedanken unserer Dichter, ich flüstere sie leise vor mich hin - und alles beginnt zu leben. Unheimlich-schattenhaft spiegelt sich vor mir die Wirklichkeit. - Mein eigenes Flüstern schläfert mich ein.

bedeutungsvoll

MONSIEUR TAUPEWenn ich schlafe, werde ich zum Ereignis! Die Schauspieler sprechen nicht weiter - das Publikum erwacht!

HAUSHOFMEISTERHa! Ha! Gut gesagt, gut gesagt!

MONSIEUR TAUPENur mein Schlaf rettet mich vor Vergessenheit.

HAUSHOFMEISTERDiesmal hat man sie aber doch vergessen.

MONSIEUR TAUPEWie schlecht man mich behandelt!

HAUSHOFMEISTERDies Los teilen Sie mit allen Herrschern!

MONSIEUR TAUPESie liessen mich im Stich und sind davon gefahren. Wie soll ich jetzt nach Paris zurückkommen?

HAUSHOFMEISTERZu Fuss ist es zu weit. Kommen Sie mit in die Anrichte, stärken Sie sich ein wenig. Ich werde inzwischen einen Wagen anspannen lassen.

MONSIEUR TAUPESie sind sehr gütig!

HAUSHOFIMEISTERFolgen Sie mir!

MONSIEUR TAUPEIst das nun alles ein Traum! - Oder bin ich schon wach? ...

Er schüttelt den Kopf, gähnt und folgt dem Haus-hofmeister nach

SYSTEMLETZTE SZENE

Die Bühne bleibt eine Zeit lang leer. Der Salon liegt im Dunkeln. Mondlicht au f der Terrasse. Die Gräfin tritt auf, in grosser Abendtoilette und tritt hinaus auf die Terrasse. Orchester-Zwischenspiel. Nach einiger Zeit tritt der Haushofmeister auf und entzündet die Lichter im Salon. Der Salon ist alsbald hell erleuchtet

GRÄFINWo ist mein Bruder?

HAUSHOFMEISTERDer Herr Graf hat Madeirnoiselle Clairon nach Paris begleitet. Er lässt sich für heute abend entschuldigen.

GRÄFINSo werde ich allein soupieren. - Ein beneidenswertes Naturell! Das Flüchtige lockt ihn. Wie sagte er heute? »Heiter entscheiden - sorglos besitzen. Glück des Augenblicks - Weisheit des Lebens!« Ach! Wie einfach!

zum Haushofmeister

GRÄFINWas noch?

HAUSHOFMEISTERHerr Olivier wird morgen nach dem Frühstück seine Aufwartung machen, um von Fran Gräfin den Schluss der Oper zu erfahren.

GRÄFINDen Schluss der Oper? Wann will er kommen?

HAUSHOFMEISTEREr wird in der Bibliothek warten.

GRÄFINIn der Bibliothek? Wann?

HAUSHOFMEISTERMorgen mittag um elf.

geht mit einer Verbeugung ab

GRÄFINMorgen mittag um elf! Es ist ein Verhängnis. Seit dem Sonett sind sie unzertrennlich. Flamand wird ein wenig enttäuscht sein, statt meiner Ilerrn Olivier in der Bibliothek zu finden. Und ich? Den Schluss der Oper soll ich bestimmen, soll -wählen - entscheiden? Sind es die Worte, die mein Herz bewegen, oder sind es die Töne, die stärker sprechen -

Sie nimmt das Sonett zur Hand, setzt sich an die Harfe und beginnt, sich selbst begleitend, das Sonett zu singen

GRÄFINKein andres, das mir so im Herzen loht,

GRÄFINNein Schöne, nichts auf dieser ganzen Erde,

GRÄFINKein andres, das ich so wie dich begehrte,

GRÄFINUnd käm' von Venus mir ein Angebot.

GRÄFINDein Auge beut mir himmlisch-süsse Not,

GRÄFINUnd wenn ein Aufschlag alle Qual vermehrte,

GRÄFINEin andrer Wonne mir und Lust gewährte,

GRÄFINZwei Schläge sind dann Leben oder Tod.

sich unterbrechend

GRÄFINVergebliches Müh'n, die beiden zu trennen. In eins verschmolzen sind Worte und Töne - zu einem Neuen verbunden. Geheimnis der Stunde. Eine Kunst durch die andere erlöst!

GRÄFINUnd trüg' ich's fünfmalhunderttausend Jahre,

GRÄFINErhielte ausser dir ' du Wunderbare,

GRÄFINKein andres Wesen über mich Gewalt.

GRÄFINDurch neue Adern müsst' mein Blut ich giessen,

GRÄFINIn meinen, voll von dir zum Überfliessen,

GRÄFINFänd' neue Liebe weder Raum noch Halt.

Sie erhebt sich und geht leidenschaftlich bewegt auf die andere Seite der Bühne

GRÄFINIhre Liebe schlägt mir entgegen, zart gewoben aus Versen und Klängen. Soll ich dieses Gewebe zerreissen? Bin ich nicht selbst in ihm schon verschlungen? Entscheiden für einen? Für Flamand, die grosse Seele mit den schönen Augen - Für Olivier, den starken Geist, den leidenschaftlichen Mann? -

Sie sieht sich plötzlich im Spiegel

GRÄFINNun, liebe Madeleine, was sagt deinHerz? Du wirst geliebt und kannst dich nicht schenken. Du fandest es süss, schwach zu sein, - Du wolltest mit der Liebe paktieren, nun stehst du selbst in Flammen und kannst dich nicht retten! Wählst du den einen - verlierst du den andern! Verliert man nicht immer, wenn man gewinnt?

zu ihrem Spiegelbild

GRÄFINEin wenig ironisch blickst du zurück? Ich will eine Antwort und nicht deinen prüfenden Blick! Du schweigst? - O, Madeleinel Madeleine! Willst du zwischen zwei Feuern verbrennen? Du Spiegelbild der verliebten Madeleine, kannst du mir raten, kannst du mir helfen den Schluss zu finden für ihre Oper? Gibt es einen, der nicht trivial ist? -

HAUSHOFMEISTERFrau Gräfin, das Souper ist serviert.

Die Gräfin blickt lächelnd ihr Spiegelbild an und verabschiedet sich von diesem graziös mit einem tiefen Knix. - Dann geht sie in heiterster Laune, die Melodie des Sonetts summend, an dem Haushofmeister vorbei langsam in den Speisesaal