Der Rosenkavalier
Strauss, Richard
Die FELDMARSCHALLIN FÜRSTIN WERDENBERG (Sopran)
Der BARON OCHS VON LERCHENAU (Bass)
OCTAVIAN, genannt Quinquin, ein junger Herr aus grossem Haus (Mezzosopran)
HERR VON FANINAL, ein reicher Neugeadelter (Bariton)
SOPHIE, seine Tochter (Sopran)
JUNGFER MARIANNE LEITMETZERIN, die Duenna (Sopran)
VALZACCHI, ein Intrigant (Tenor)
ANNINA, seine Begleiterin (Alt)
Ein POLIZEIKOMMISSAR (Bass)
Der HAUSHOFMEISTER DER FELDMARSCHALLIN (Tenor)
Der HAUSHOFMEISTER BEI FANINAL (Tenor)
Ein NOTAR (Bass)
Ein WIRT (Tenor)
Ein SÄNGER (Tenor)
Ein GELEHRTER (stumme Rolle)
Ein FLÖTIST (stumme Rolle)
Ein FRISEUR (stumme Rolle)
Dessen GEHILFE (stumme Rolle)
Eine ADELIGE WITWE (stumme Rolle)
Drei ADELIGE WAISEN (Sopran; Mezzosopran; Alt)
Eine MODISTIN (Sopran)
Ein TIERHÄNDLER (Tenor)
Vier LAKAIEN DER MARSCHALLIN (2 Tenor; 2 Bass)
Vier KELLNER (Tenor; 3 Bass)
Ein KLEINER NEGER (stumme Rolle)
Lakaien; Lauffer; Haiducken; Küchenpersonal;
Gäste; Musikanten; Zwei Wächter; Vier kleine Kinder;
DIE WERKE VON RICHARD STRAUSS GENIESSEN BIS AUF WEITERES DEN SCHUTZ DES COPYRIGHTS© 1916 Adolph Fürstner, Berlin
DIE NACHFOLGENDE WIEDERGABE DES LIBRETTOS GESCHIEHT MIT FREUNDLICHER GENEHMIGUNG© 1987 Fürstner Musikverlag GmbH, Mainz
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SYSTEMERSTER AUFZUG
Das Schlafzimmer der Feldmarschallin. Links im Alkoven das grosse zeltförmige Himmelbett. Neben dem Bett ein dreiteiliger chinesischer Wandschirm hinter dem Kleider liegen. Ferner ein kleines Tischchen und ein paar Sitzmöbel. Auf einem kleinen Sofa links liegt ein Degen in der Scheide. Rechts grosse Flügeltüren in das Vorzimmer. In der Mitte, kaum sichtbar, kleine Türe in die Wand eingelassen. Sonst keine Türen. Zwischen dem Alkoven und der kleinen Türe steht ein Frisiertisch und ein paar Armsessel an der Wand. Die Vorhänge des Bettes sind zurückgeschlagen. Durch das halbgeöffnete Fenster strömt die helle Morgensonne herein. Man hört im Garten die Vöglein singen. Octavian kniet auf einem Schemel vor dem Bett und hält die Feldmarschallin, die im Bett liegt, halb umschlungen. Man sieht ihr Gesicht nicht, sondern nur ihre sehr schöne Hand und den Arm, von dem das Spitzenhemd abfällt.
schwärmerisch
OCTAVIANWie du warst! Wie du bist! Das weiss niemand, das ahnt keiner!
richtet sich in den Kissen auf
MARSCHALLINBeklagt Er sich über das, Quinquin? Möcht' Er, dass viele das wüssten?
feurig
OCTAVIANEngel! Nein! Selig bin ich, dass ich der Einzige bin, der weiss, wie du bist! Keiner ahnt es! Niemand weiss es! Du, du, du! - Was heisst das »Du«? Was »du und ich«? Hat denn das einen Sinn? Das sind Worte, blosse Worte, nicht? Du, sag'! Aber dennoch: Es ist etwas in ihnen; ein Schwindeln, ein Ziehen, ein Sehnen und Drängen, ein Schmachten und Brennen: Wie jetzt meine Hand zu deiner Hand kommt, das Zudirwollen, das Dichumklammern, das bin ich, das will zu dir; aber das Ich vergeht in dem Du ... Ich bin dein Bub', aber wenn mir dann Hören und Sehen vergeht - wo ist dann dein Bub?
leise
MARSCHALLINDu bist mein Bub', du bist mein Schatz!
sehr innig
MARSCHALLINIch hab' dich lieb!
fährt auf
OCTAVIANWarum ist Tag? Ich will nicht den Tag! Für was ist der Tag! Da haben dich alle! Finster soll sein!
Er stürzt ans Fenster, schliesst es und zieht die Vorhänge zu. Man hört von fern ein leises Klingeln. Die Marschallin lacht leise.
OCTAVIANLachst du mich aus?
zärtlich
MARSCHALLINLach' ich dich aus?
OCTAVIANEngel!
MARSCHALLINSchatz du, mein junger Schatz.
wieder ein feines Klingeln
MARSCHALLINHorch!
OCTAVIANIch will nicht.
MARSCHALLINStill, pass auf!
OCTAVIANIch will nichts hören! Was wird's denn sein?
das Klingeln näher
OCTAVIANSind's leicht Laufer mit Briefen und Komplimenten? Vom Saurau, vom Hartig, vom portugieser Envoyé? Hier kommt mir keiner herein! Hier bin ich der Herr!
Die kleine Tür in der Mitte geht auf und ein kleiner Neger in Gelb, behängt mit silbernen Schellen, ein Präsentierbrett mit der Schokolade tragend, trippelt über die Schwelle. Die Tür hinter dem Neger wird von unsichtbaren Händen geschlossen.
MARSCHALLINSchnell, da versteck' Er sich! Das Frühstück ist's.
gleitet hinter den Schirm
MARSCHALLINSchmeiss' Er doch den Degen hinters Bett.
fährt nach dem Degen und versteckt ihn
legt sich zurück, nachdem sie die Vorhänge zugezogen hat
stellt das Servierbrett auf das kleine Tischchen, schiebt dieses nach vorne, rückt das Sofa hinzu, verneigt sich dann tief gegen das Bett, die kleinen Arme über die Brust gekreuzt. Dann tanzt er zierlich nach rückwärts, immer das Gesicht dem Bette zugewandt. An der Tür verneigt er sich nochmals und verschwindet.
tritt zwischen den Bettvorhängen hervor. Sie hat einen leichten mit Pelz verbrämten Mantel umgeschlagen.
kommt zwischen der Mauer und dem Wandschirm heraus
MARSCHALLINEr Katzenkopf, Er Unvorsichtiger! Lässt man in einer Dame Schlafzimmer seinen Degen herumliegen? Hat Er keine besseren Gepflogenheiten?
OCTAVIANWenn Ihr zu dumm ist, wie ich mich benehm', und wenn Ihr abgeht, dass ich kein Geübter in solchen Sachen bin, dann weiss ich überhaupt nicht, was Sie an mir hat!
zärtlich, auf dem Sofa
MARSCHALLINPhilosophier' Er nicht, Herr Schatz, und komm Er her. jetzt wird gefrühstückt. Jedes Ding hat seine Zeit.
setzt sich dicht neben sie. Sie frühstücken sehr zärtlich. Octavian legt sein Gesicht auf ihr Knie. Sie streichelt sein Haar. Er blickt zu ihr auf. Leise.
OCTAVIANMarie Theres'!
MARSCHALLINOctavian!
OCTAVIANBichette!
MARSCHALLINQuinquin!
OCTAVIANMein Schatz!
MARSCHALLINMein Bub'!
Sie frühstücken weiter.
lustig
OCTAVIANDer Feldmarschall sitzt im krowatischen Wald und jagt auf Bären und Luchsen. Und ich, ich sitz' hier, ich junges Blut, und jag' auf was?
ausbrechend
OCTAVIANIch hab' ein Glück, ich hab' ein Glück!
indem ein Schatten über ihr Gesicht fliegt
MARSCHALLINLass Er den Feldmarschall in Ruh'!. Mir hat von ihm geträumt.
OCTAVIANHeut nacht hat dir von ihm geträumt? Heut nacht?
MARSCHALLINIch schaff' mir meine Träume nicht an.
OCTAVIANHeute nacht hat dir von deinem Mann geträumt? Heute nacht?
MARSCHALLINMach' Er nicht solche Augen. Ich kann nichts dafür. Er war einmal wieder zu Haus.
leise
OCTAVIANDer Feldmarschall?
MARSCHALLINEs war ein Lärm im Hof von Pferd' und Leut' und er war da, vor Schreck war ich auf einmal wach, nein, schau' nur, schau' nur, wie ich kindisch bin: ich hör' noch immer den Rumor im Hof. Ich bring's nicht aus dem Ohr. Hörst du leicht auch was?
OCTAVIANJa freilich hör' ich was, aber muss es denn dein Mann sein!? Denk' dir doch, wo der ist: im Raitzenland, noch hinterwärts von Esseg.
MARSCHALLINIst das sicher sehr weit? Na, dann wird's halt was anders sein. Dann is ja gut.
OCTAVIANDu schaust so ängstlich drein, Theres'.
MARSCHALLINWeiss Er, Quinquin - wenn es auch weit ist - der Feldmarschall ist halt sehr geschwind. Einmal -
sie stockt
OCTAVIANWas war einmal?
zerstreut, horcht
eifersüchtig
OCTAVIANWas war einmal? Was war einmal? Bichette! Bichette! Was war einmal?
MARSCHALLINAch sei Er gut, Er muss nicht alles wissen.
OCTAVIANSo spielt Sie sich mit mir!
wirft sich verzweifelt aufs Sofa
OCTAVIANIch bin ein unglücklicher Mensch!
MARSCHALLINJetzt trotz' Er nicht. Jetzt gilt's:
horcht
MARSCHALLINes ist der Feldmarschall. Wenn es ein Fremder wär', so wär' der Lärm da draussen in meinem Vorzimmer. Es muss mein Mann sein, der durch die Garderob' herein will und mit den Lakaien disputiert. Quinquin, es ist mein Mann!
fährt nach seinem Degen und läuft gegen rechts
MARSCHALLINNicht dort, dort ist das Vorzimmer. Da sitzen meine Lieferanten und ein halbes Dutzend Lakaien. Da!
läuft hinüber zur kleinen Türe
MARSCHALLINZu spät! Sie sind schon in der Garderob'! jetzt bleibt nur eins! Versteck' Er sich!
nach einer kurzen Pause der Ratlosigkeit
MARSCHALLINDort!
OCTAVIANIch spring' ihm in den Weg! Ich bleib' bei dir.
MARSCHALLINDort hinters Bett! Dort in die Vorhäng'. Und rühr' dich nicht.
zögernd
OCTAVIANWenn er mich dort erwischt, was wird aus dir, Theres'?
flehend
MARSCHALLINVersteck' Er sich, mein Schatz.
beim Wandschirm
OCTAVIANTheres!
ungeduldig aufstampfend
MARSCHALLINSei Er ganz still!
mit blitzenden Augen
MARSCHALLINDas möcht' ich sehn, ob einer sich dort hinübertraut, wenn ich hier steh'. Ich bin kein napolitanscher General: wo ich steh', steh' ich.
sie geht energisch gegen die kleine Tür los und horcht
MARSCHALLINSind brave Kerl'n, meine Lakaien, wollen ihn nicht herein lassen, sagen, dass ich schlaf'. Sehr brave Kerl'n!
der Lärm in der Garderobe wird immer grösser, aufhorchend
MARSCHALLINDie Stimm'! Das ist ja gar nicht die Stimm' vom Feldmarschall! Sie sagen »Herr Baron« zu ihm! Das ist ein Fremder.
ustig
MARSCHALLINQuinquin, es ist ein Besuch.
sie lacht
MARSCHALLINFahr' Er schnell in Seine Kleider, aber bleib' Er versteckt, dass die Lakaien Ihn nicht seh'n. Die blöde, grosse Stimm' müsste ich doch kennen. Wer ist denn das? Herrgott, das ist ja der Ochs. Das ist mein Vetter, der Lerchenau, der Ochs aus Lerchenau. Was will denn der? Jesus Maria!
sie muss lachen
MARSCHALLINQuinquin, hört Er, Quinquin, erinnert Er sich nicht? Vor fünf oder sechs Tagen - den Brief. Wir sind im Wagen gesessen und einen Brief haben sie mir an den Wagenschlag gebracht. Das war der Brief vom Ochs. Und ich hab' keine Ahnung, was drin gestanden ist.
lacht
MARSCHALLINDaran ist Er allein schuldig, Quinquin!
draussen gesprochen
HAUSHOFMEISTERBelieben Euer Gnaden in der Galerie zu warten!
draussen gesprochen
BARONSWo hat Er Seine Manieren gelernt? Der Baron Lerchenau antichambriert nicht.
MARSCHALLINQuinquin, was treibt Er denn? Wo steckt Er denn?
in einem Frauenrock und Jäckchen, das Haar mit einem Schnupftuch und einem Bande wie in einem Häubchen, tritt hervor und knickst
OCTAVIANBefehl'n fürstli' Gnad'n, i bin halt noch nit recht lang in fürstli'n Dienst.
MARSCHALLINDu, Schatz! Und nicht einmal mehr als ein Busserl kann ich dir geben.
Küsst ihn schnell. Neuer Lärm draussen.
MARSCHALLINEr bricht mir j a die Tür ein, der Herr Vetter. Mach' Er, dass Er hinauskomm'. Schlich Er frech durch die Lakaien durch. Er ist ein blitzgescheiter Lump! Und komm' Er wieder, Schatz, aber in Mannskleidern und durch die vordre Tür, wenn's Ihm beliebt.
Setzt sich mit dem Rücken gegen die Tür und beginnt ihre Schokolade zu trinken. Octavian geht schnell gegen die kleine Tür und will hinaus. Im gleichen Augenblick wird die Tür aufgerissen, und Baron Ochs, den die Lakaien vergeblich abzuhalten suchen, tritt ein. Octavian, der mit gesenktem Kopf rasch entwischen wollte, stösst mit ihm zusammen. Dann drückt er sich verlegen an die Wand links von der Tür. Drei Lakaien sind gleichzeitig mit dem Baron eingetreten, stehen ratlos.
mit Grandezza zu den Lakaien
BARONSelbstverständlich empfängt mich Ihro Gnaden.
Er geht nach vorn, die Lakaien zu seiner Linken suchen ihm den Weg zu vertreten. Zu Octavian mit Interesse.
BARONPardon, mein hübsches Kind!
dreht sich verlegen gegen die Wand
mit Grazie und Herablassung
BARONIch sag': Pardon, mein hübsches Kind.
sieht über die Schulter, steht dann auf und kommt dem Baron entgegen
galant zu Octavian
BARONIch hab' Ihr doch nicht ernstlich wehgetan?
zupfen den Baron, leise
LAKAIENIhre fürstlichen Gnaden!
macht die französische Reverenz mit zwei Wiederholungen
MARSCHALLINEuer Liebden sehen vortrefflich aus.
verneigt sich nochmals, dann zu den Lakaien
BARONSieht Er jetzt wohl, dass Ihre Gnaden entzückt ist, mich zu sehn.
Auf die Marschallin zu, mit weltmännischer Leichtigkeit, indem er ihr die Hand reicht und sie vorführt.
BARONUnd wie sollten Euer Gnaden nicht! Was tut die frühe Stunde unter Personen von Stand? Hab' ich nicht seinerzeit wahrhaftig Tag für Tag unsrer Fürstin Brioche meine Aufwartung gemacht, da sie im Bad gesessen ist, mit nichts als einem kleinen Wandschirm zwischen ihr und mir. Ich muss mich wundern,
zornig umschauend
BARONwenn Euer Gnaden Livree -
ist an der Wand gegen den Alkoven hin geschlichen, macht sich möglichst unsichtbar beim Bett zu schaffen
MARSCHALLINVerzeihen Sie! Man hat sich betragen, wie es befohlen war. Ich hatte diesen Morgen die Migräne.
Auf einen Wink der Marschallin haben die Lakaien ein kleines Sofa und einen Armstuhl mehr nach vorn gebracht und sind abgegangen.
sieht öfters nach rückwärts
setzt sich auf das Sofa, nachdem sie dem Baron den Platz auf dem Armstuhl angeboten hat
versucht sich zu setzen, äusserst okkupiert von der Anwesenheit der hübschen Kammerzofe. Für sich.
BARONEin hübsches Ding! Ein gutes saub'res Kinderl!
aufstehend, ihm zeremoniös aufs neue seinen Platz anbietend
setzt sich zögernd und bemüht sich, der hübschen Zofe nicht völlig den Rücken zu kehren
MARSCHALLINIch bin auch jetzt noch nicht ganz wohl. Der Herr Vetter wird darum vielleicht die Gnade haben -
BARONNatürlich.
Er dreht sich um, um Octavian zu sehen
MARSCHALLINMeine Kammerzofe, ein junges Ding vom Lande. Ich muss fürchten, sie inkommodiert Euer Liebden.
BARONGanz allerliebst! Wie? Nicht im geringsten! Mich? Im Gegenteil!
er winkt Octavian mit der Hand, dann zur Marschallin
BARONEuer Gnaden werden vielleicht verwundert sein, dass ich als Bräutigam
sieht sich um
BARONindes - inzwischen -
MARSCHALLINAls Bräutigam?
BARONJa, wie Euer Gnaden denn doch aus meinem Brief genugsam -
für sich
BARONEin Grasaff' appetitlich, keine fünfzehn Jahr!
erleichtert
MARSCHALLINDer Brief, natürlich, ja, der Brief, wer ist denn nur die Glückliche? Ich hab den Namen auf der Zunge.
BARONWie?
nach rückwärts
BARONPudeljung! Gesund! Gewaschen! Allerliebst!
MARSCHALLINWer ist nur schnell die Braut?
BARONDas Fräulein Faninal. Habe Euer Gnaden den Namen nicht verheimlicht.
MARSCHALLINNatürlich! Wo hab' ich meinen Kopf?! Bloss die Familie. Sind's keine Hiesigen?
macht sich mit dem Servierbrett zu tun, wodurch er mehr hinter den Rücken des Barons kommt
mit Nachdruck
BARONJawohl, Euer Gnaden, es sind Hiesige. Ein durch die Gnade Ihrer Majestät Geadelter. Er hat die Lieferung für die Armee, die in den Niederlanden steht.
bedeutet Octavian ungeduldig mit den Augen, er soll sich fortmachen
missversteht der Marschallin Miene vollständig
BARONIch seh', Euer Gnaden runzeln Dero schöne Stirn ob der Mesalliance. Allein dass ich es sage, das Mädchen ist für einen Engel hübsch genug. Kommt frischweg aus dem Kloster. Ist das einzige Kind.
stärker
BARONDem Mann gehören zwölf Häuser auf der Wied'n nebst dem Palais am Hof. Und seine Gesundheit
schmunzelnd
BARONsoll nicht die beste sein.
MARSCHALLINMein lieber Vetter, ich kapier' schon, wieviel's geschlagen hat.
winkt Octavian, den Rückzug zu nehmen
BARONUnd mit Verlaub, fürstliche Gnaden, ich dünke mir, gut's adeliges Blut genug im Leib zu haben für ihrer zwei: man bleibt doch schliesslich, was man ist, corpo di Bacco! Den Vortritt, wo er ihr gebührt, wird man der Frau Gemahlin noch zu verschaffen wissen, und was die Kinder anlangt, wenn sie denen den goldnen Schlüssel nicht konzedieren werden - Va bene! Sie werden sich mit den zwölf eisernen Schlüsseln zu den zwölf Häusern auf der Wied'n zu getrösten wissen.
MARSCHALLINGewiss! O sicherlich, dem Vetter seine Kinder, die werden keine Don Quichotten.
will mit dem Servierbrett rückwärts zur Tür hin
BARONWarum hinaus die Schokolade! Geruhen nur! Da! Pst, pst, wieso denn!
steht unschlüssig, das Gesicht abgewendet
MARSCHALLINFort, geh' Sie nur!
BARONWenn ich Euer Gnaden gesteh', dass ich so gut wie nüchtern bin.
resigniert
MARSCHALLINMariandel, komm' Sie her. Servier' Sie Seiner Liebden.
kommt, serviert
nimmt eine Tasse, bedient sich
BARONSo gut wie nüchtern, Euer Gnaden. Sitz' im Reisewagen seit fünf Uhr früh. Recht ein gestelltes Ding!
zu Octavian
BARONBleib' Sie hier, mein Herz. Ich hab' Ihr was zu sagen.
zur Marschallin, laut
BARONMeine ganze Livree, Stallpagen, Jäger, alles -
er frisst
BARONAlles unten im Hof zusammt meinem Altmosenier.
zu Octavian
MARSCHALLINGeh' Sie nur.
zu Octavian
BARONHat Sie noch ein Biskoterl? Bleib' Sie doch!
leise
BARONSie ist ein süsser Engel,
BARONSchatz, ein sauberer.
zur Marschallin
BARONSind auf dem Wege zum »Weissen Rosse«, wo wir logieren, heisst bis übermorgen -
halblaut zu Octavian
BARONIch gäb' was Schönes drum, mit Ihr -
zur Marschallin, sehr laut
BARONbis übermorgen -
schnell zu Octavian
BARONunter vier Augen zu scharmutzieren! Wie?
muss lachen über Octavians freches Komödienspiel
zur Marschallin
BARONDann ziehen wir ins Palais von Faninal. Natürlich muss ich vorher den Bräutigamsaufführer -
wütend zu Octavian
BARONwill Sie denn nicht warten? - an die wohlgeborne Jungfer Braut deputieren, der die Silberrosen überbringt nach der hochadeligen Gepflogenheit.
MARSCHALLINUnd wen von der Verwandtschaft haben Euer Liebden für dieses Ehrenamt ausersehn?
BARONDie Begierde, darüber Euer Gnaden Ratschlag einzuholen, hat mich so kühn gemacht, in Reisekleidern bei Dero heutigem Lever -
MARSCHALLINVon mir?
BARONGemäss brieflich in aller Devotion getaner Bitte. Ich bin doch nicht so unglücklich, mit dieser devotesten Supplik Dero Missfallen ...
lehnt sich zurück zu Octavian
BARONSie könnte mit mir machen, was Sie wollte. Sie hat das Zeug dazu!
MARSCHALLINWie denn, natürlich! Einen Aufführer für Euer Liebden ersten Bräutigamsbesuch aus der Verwandtschaft - wen denn nur? den Vetter Preysing? Wie? Den Vetter Lambert? Ich werde -
BARONDies liegt in Euer Gnaden allerschönsten Händen.
MARSCHALLINGanz gut. Will Er mit mir zu Abend essen, Vetter? Sagen wir morgen, will Er? Dann proponier' ich Ihm einen.
BARONEuer Gnaden sind die Herablassung selber.
will aufstehen
MARSCHALLINIndes -
halblaut zu Octavian
BARONDass Sie mir wiederkommt! Ich geh' nicht eher fort!
für sich
MARSCHALLINOho!
laut
MARSCHALLINBleib' Sie nur da! Kann ich dem Vetter für jetzt noch dienlich sein?
BARONIch schäme mich bereits: An Euer Gnaden Notari eine Rekommandation. wäre mir lieb. Es handelt sich um den Ehvertrag.
MARSCHALLINMein Notari kommt öfters des Morgens. Schau' Sie doch, Mariandel, ob er nicht in der Antichambre ist und wartet.
BARONWozu das Kammerzofel? Euer Gnaden beraubt sich der Bedienung um meinetwillen.
hält sie auf
MARSCHALLINLass Er doch, Vetter, Sie mag ruhig gehn.
lebhaft
BARONDas geb' ich nicht zu, bleib' Sie hier zu Ihrer Gnaden Wink. Es kommt gleich wer von der Livree herein. Ich liess ein solches Goldkind, meiner Seel', nicht unter das infame Lakaienvolk.
streichelt sie
MARSCHALLINEuer Liebden sind allzu besorgt.
tritt ein
BARONDa, hab' ich's nicht gesagt? Er wird Euer Gnaden zu melden haben.
zum Haushofmeister
MARSCHALLINStruhan, hab' ich meinen Notari in der Vorkammer warten?
HAUSHOFMEISTERFürstliche Gnaden haben den Notari, dann den Verwalter, dann den Kuchelchef, dann von Exzellenz Silva hergeschickt ein Sänger mit einem Flötisten.
trocken
HAUSHOFMEISTERAnsonsten das gewöhnliche Bagagi.
hat seinen Stuhl hinter den breiten Rücken des Haushofmeisters geschoben, ergreift zärtlich die Hand der vermeintlichen Zofe
BARONHat Sie schon einmal mit einem Kavalier im tête-à-tête zu Abend gegessen?
tut sehr verlegen
BARONNein? Da wird Sie Augen machen. Will Sie?
leise, verschämt
OCTAVIANI weiss halt nit, ob i dös derf.
dem Haushofmeister unaufmerksam zuhörend, beobachtet die beiden, muss leise lachen
verneigt sich, tritt zurück, wodurch die Gruppe für den Blick der Marschallin frei wird
lachend zum Haushofmeister
MARSCHALLINWarten lassen.
Haushofmeister ab
setzt sich möglichst unbefangen zurecht
lachend
MARSCHALLINDer Vetter ist, ich seh es, kein Kostverächter.
erleichtert
BARONMit Euer Gnaden
aufatmend
BARONist man frei daran. Da gibt's keine Flausen und keine Etikette und keine spanische Tuerei!
Er küsst der Marschallin die Hand.
amüsiert
MARSCHALLINAber wo Er doch ein Bräut'gam ist?
halb aufstehend, ihr genähert
BARONMacht das einen lahmen Esel aus mir? Bin ich da nicht wie ein guter Hund auf einer guten Fährte? Und doppelt scharf auf jedes Wild: nach links, nach rechts?
MARSCHALLINIch seh, Euer Liebden betreiben es als Profession.
ganz aufstehend
BARONDas will ich meinen. Wüsste nicht, welche mir besser behagen könnte. Ich muss Euer Gnaden sehr bedauern, dass Euer Gnaden nur - wie drück' ich mich aus - die verteidigenden Erfahrungen besitzen. Parole d'honneur! Es geht nichts über die von der anderen Seiten!
lacht
MARSCHALLINIch glaube Ihm, dass die sehr mannigfaltig sind.
BARONSoviel Zeiten das Jahr, soviel Stunden der Tag, da ist keine -
MARSCHALLINKeine?
BARONWo nicht -
MARSCHALLINWo nicht? -
BARONWo nicht dem Knaben Cupido ein Geschenkerl abzulisten wär'! Dafür ist man kein Auerhahn und kein Hirsch, sondern ist man Herr der Schöpfung, dass man nicht nach dem Kalender forciert ist, halten zu Gnaden! Zum Exempel, der Mai ist recht lieb für's verliebte Geschäft, das weiss jedes Kind, aber ich sage: Schöner ist Juni, Juli, August. Da hat's Nächte! Da ist bei uns da droben so ein Zuzug von jungen Mägden aus dem Böhmischen herüber, ihrer zweie, dreie halt' ich oft bis im November mir im Haus. Dann erst schick' ich sie heim! Zur Ernte kommen sie und sind auch ansonsten anstellig und gut - dann erst schick' ich sie heim. -
schmunzelnd
BARONUnd wie sich das mischt, das junge, runde böhmische Völkel, schwer und süss, mit denen im Wald und denen im Stall, dem deutschen Schlag scharf und herb wie ein Retzer Wein - wie sich das mischen tut! Und überall steht was und lauert und schielt durch den Gattern, und schleicht zueinander und liegt beieinander, und überall singt was und schupft sich in den Hüften und melkt was und mäht was und plantscht und plätschert was im Bach und in der Pferdeschwemm'.
sehr amüsiert
MARSCHALLINUnd Er ist überall dahinter her?
BARONWollt', ich könnt' sein wie Jupiter selig in tausend Gestalten! Wär' Verwendung für jede!
MARSCHALLINWie, auch für den Stier? So grob will Er sein? Oder möchte Er die Wolken spielen und daher gesäuselt kommen als ein Streiferl nasse Luft?
sehr munter
BARONJe nachdem, all's je nachdem. Das Frauenzimmer hat gar vielerlei Arten, wie es will genommen sein. Da ist die demütige Magd.. Und da die trotzige Teufelskreatur, haut dir die schwere Stalltür an den Schädel - und da ist, die kichernd und schluchzend den Kopf verliert, die hab' ich gern, und jener wieder, der sitzt im Auge ein kalter, rechnender Satan. Aber es kommt eine Stunde, da flackert dieses lauernde Auge, und der Satan, indem er ersterbende Blicke dazwischen schiesst,
mit Gusto
BARONder würzt mir die Mahlzeit unvergleichlich.
MARSCHALLINEr selber ist einer, meiner Seel'!
BARONUnd wär' eine - haben die Gnad' - die keiner anschaut: Im schmutzigen Kittel schlumpt sie her, hockt in der Asche hinterm Herd - die, wo du sie angehst zum richtigen Stündl - die hat's in sich! Ein solches Staunen gar nicht begreifen können und Angst und Scham; und auf die letzt' so eine rasende Seligkeit, dass sich der Herr, der gnädige Herr herabgelassen gar zu ihrer Niedrigkeit!
MARSCHALLINEr weiss mehr als das Abc.
BARONDa gibt es welche, die wollen beschlichen sein, sanft, wie der Wind das frischgemähte Heu beschleicht. Und welche - da gilt's wie ein Luchs hinterm Rücken heran und den Melkstuhl gepackt, dass sie taumelt und hinschlägt!
behäbig schmunzelnd
BARONMuss halt ein Heu in der Nähe dabei sein.
platzt lachend heraus
MARSCHALLINNein, Er agiert mir gar zu gut! Lass Er mir doch das Kind!
sehr ungeniert zu Octavian
BARONWeiss mich ins engste Versteck zu bequemen, weiss im Alkoven galant mich zu benehmen. Hätte Verwendung für tausend Gestalten, tausend Jungfern festzuhalten. Wäre mir keine zu junge, zu herbe, keine zu niedrige, keine zu derbe! Tät' mich für keinem Versteck nicht schämen, seh' ich was Liebs: ich muss mir's nehmen.
sofort wieder in seiner Rolle
OCTAVIANNa, zu dem Herrn, da ging' i net, da hätt' i an Respekt, na, was mir da passieren könnt', da wär' i gar zu g'schreckt. I wass net, was er meint, i wass net, was er will. Aber was z'viel is, das is z'viel. Na, was mir da passieren könnt'. Das is ja net zum Sagen, zu so an Herrn da ging' i net, mir tat's die Red' verschlagen. Da tät' sich unsereins mutwillig schaden:
zur Marschallin
OCTAVIANIch hab' solche Angst vor ihm, fürstliche Gnaden.
MARSCHALLINNein, Er agiert mir gar zu gut! Er ist ein Rechter! Er ist der Wahre! Lass Er mir doch das Kind! Er ist ganz, wie die andern dreiviertel sind. Wie ich Ihn so seh', so seh' ich hübsch viele. Das sind halt die Spiele, die Euch konvenieren! Und wir, Herr Gott! Wir leiden den Schaden, wir leiden den Spott, und wir haben's halt auch net anders verdient.
mit gespielter Strenge
MARSCHALLINUnd jetzt sackerlot, jetzt lass Er das Kind!
lässt von Octavian ab und nimmt wieder würdevolle Haltung an
BARONGeben mir Euer Gnaden den Grasaff' da zu meiner künftgen Frau Gemahlin Bedienung.
MARSCHALLINWie, meine Kleine da? Was sollte die? Die Fräulein Braut wird schon versehen sein und nicht ansteh'n auf Euer Liebden Auswahl.
BARONDas ist ein feines Ding! Kreuzsackerlot! Da ist ein Tropfen guten Blut's dabei!
für sich
OCTAVIANEin Tropf gutes Blut!
MARSCHALLINEuer Liebden haben ein scharfes Auge!
BARONGeziemt sich.
vertraulich
BARONFind'in der Ordnung, dass Personen von Stand in solcher Weise von adeligem Blut bedient werden. Führ' selbst ein Kind meiner Laune mit mir.
stets sehr belustigt zuhörend, für sich
OCTAVIANEin Kind seiner Laune?
MARSCHALLINWie? Gar ein Mädel? Das will ich nicht hoffen.
BARONNein, einen Sohn. Trägt lerchenauisches Gepräge im Gesicht. Halt' ihn als Leiblakai. Wenn Euer Gnaden dann werden befehlen, dass ich die silberne Rosen darf Dero Händen übergeben, wird er es sein, der sie heraufbringt.
MARSCHALLINSoll mich recht freuen. Aber wart' Er einmal.
Octavian winkend
MARSCHALLINMariandel!
BARONGeben mir Euer Gnaden das Zofel! Ich lass nicht locker.
MARSCHALLINEi! Geh' Sie nur und bring' Sie das Medaillon her.
leise
OCTAVIANTheres! Theres, gib acht!
ebenso
MARSCHALLINBring's nur schnell! Ich weiss schon, was ich tu.
Octavian nachsehend
BARONKönnt' eine junge Fürstin sein.
dann, im Konversationston
BARONHab' vor, meiner Braut eine getreue Kopie meines Stammbaums zu spendieren - nebst einer Locke vom Ahnherrn Lerchenau, der ein grosser Klosterstifter war und Oberst-Erblandhofmeister in Kärnten und in der windischen Mark.
bringt das Medaillon
MARSCHALLINWollen Euer Gnaden leicht den jungen Herren da als Bräutigamsaufführer haben?
BARONBin ungeschauter einverstanden!
etwas zögernd
MARSCHALLINMein junger Vetter, der Graf Octavian.
stets sehr verbindlich
BARONWüsste keinen vornehmeren zu wünschen! Wär'in Devotion dem jungen Herrn sehr verbunden!
schnell
MARSCHALLINSeh' Er ihn an!
hält ihm das Medaillon hin
sieht bald auf das Medaillon, bald auf die Zofe
BARONDie Ähnlichkeit!
MARSCHALLINJa, ja.
BARONWie aus dem Gesicht geschnitten!
MARSCHALLINHat mir auch schon Gedanken gemacht.
auf das Medaillon deutend
MARSCHALLINRofrano, des Herrn Marchese zweiter Bruder.
BARONOctavian Rofrano! Da ist man wer, wenn man aus solchem Haus,
mit Beziehung auf die Zofe
BARONund wär's auch bei der Domestikentür!
MARSCHALLINDarum halt' ich sie auch wie was Besonderes.
BARONGeziemt sich.
MARSCHALLINImmer um meine Person.
BARONSehr wohl.
MARSCHALLINJetzt aber geh' Sie, Mariandel, mach' Sie fort.
BARONWie denn? Sie kommt doch wieder.
überhört den Baron absichtlich
MARSCHALLINUnd lass Sie die Antichambre herein.
geht gegen die Flügeltür rechts
ihm nach
BARONMein schönstes Kind!
an der Tür rechts
OCTAVIANDerft's eina geh'!
läuft nach der andern Tür
ihm nach
BARONIch bin Ihr Serviteur! Geb' Sie doch einen Augenblick Audienz!
schlägt ihm die kleine Tür vor der Nase zu
OCTAVIANI komm' glei.
In diesem Augenblick tritt eine alte Kammerfrau durch die gleiche Türe ein. Der Baron zieht sich enttäuscht zurück. Zwei Lakaien kommen von rechts herein, bringen einen Wandschirm aus dem Alkoven. Die Marschallin tritt hinter den Wandschirm, die Kammerfrau mit ihr. Der Frisiertisch wird vorgeschoben in die Mitte. Lakaien öffnen die Flügeltüren rechts. Es treten ein der Notar, der Küchenchef, hinter diesem ein Küchenjunge, der das Menübuch trägt. Dann die Modistin, ein Gelehrter mit einem Folianten und der Tierhändler mit winzig kleinen Hunden und einem Äffchen. Valzacchi und Annina, hinter diesen rasch gleitend, nehmen den vordersten Platz links ein, die adelige Mutter mit ihren drei Töchtern, alle in Trauer, stellen sich in den rechten Flügel. Der Haushofmeister führt den Tenor und den Flötisten nach vorne. Baron rückwärts winkt einen Lakaien zu sich, gibt ihm den Auftrag, zeigt: "Hier durch die Hintertür«.
schreiend
DREI WAISENDrei arme adellge Waisen -
bedeutet ihnen, nicht so zu schreien und niederzuknien
niederkniend
DREI WAISENDrei arme adelige Waisen erflehen Dero hohen Schutz!
laut
MODISTINLe chapeau Paméla! La poudre à la reine de Golconde!
TIERHÄNDLERSchöne Affen, wenn Durchlaucht schaffen, auch Vögel hab' ich da aus Afrika.
DREI WAISENDer Vater ist jung auf dem Felde der Ehre gefallen, ihm dieses nachzutun, ist unser Herzensziel.
MODISTINLe chapeau Paméla! C'est la merveille du monde!
TIERHÄNDLERPapageien hätt' ich da, aus Indien und Afrika. Hunderln, so klein und schon zimmerrein.
Marschallin tritt hervor, alles verneigt sich. Baron ist links vorgekommen.
zum Baron
MARSCHALLINIch präsentiere Euer Liebden hier den Notar.
Notar tritt mit Verneigung gegen den Frisiertisch, wo sich die Marschallin niedergelassen, zum Baron links. Marschallin winkt die jüngste der drei Waisen zu sich, lässt sich vom Haushofmeister einen Geldbeutel reichen ' gibt ihn dem Mädchen, indem sie es auf die Stirn küsst. Gelehrter will vortreten, seine Folianten überreichen, Valzacchi springt vor, drängt ihn zur Seite.
ein schwarzgerändertes Zeitungsblatt hervorziehend
VALZACCHIDie swarze Seitungt Fürstlike Gnadel Alles 'ier ge'eim gesrieben! Nur für 'ohe Persönlikeite. Die swarze Seitung! Eine Leikname in 'Interkammer von eine gräflike Palais! Eine Bürgersfrau mit der amante vergiften der Hehemann diese Nackt um dreie Huhr!
MARSCHALLINLass Er mich mit dem Tratsch in Ruh'!
VALZACCHIIn Gnaden! Tutte quante Vertraulikeite aus die grosse Welt!
MARSCHALLINIch will nix wissen! Lass Er mich mit dem Tratsch in Ruh'!
mit bedauernder Verbeugung, springt
zuletzt auch die Mutter, haben der Marschallin die Hand geküsst, zum Abgehen bereit, etwas plärrend
DREI WAISENGlück und Segen allerwegen
DREI WAISENEuer Gnaden hohem Sinn!
DREI WAISENEingegraben steht erhaben
DREI WAISENer in unserem Herzen drin.
gehen ab samt der Mutter
Der Friseur tritt hastig auf, der Gehilfe stürzt ihm mit fliegenden Rockschössen nach. Der Friseur fasst die Marschallin ins Auge, verdüstert sich, tritt zurück, er studiert ihr heutiges Aussehen. Der Gehilfe packt indessen aus am Frisiertisch. Der Friseur schiebt einige Personen zurück, sich Spielraum zu schaffen. Der Flötist ist inzwischen vorgetreten und beginnt seine Kadenz. Nach einer kurzen Überlegung hat der Friseur sein en Plan gef asst, er eilt mit Entschlossenheit auf die Marschallin zu, beginnt zu frisieren. Ein Lauffer in Rosa, Schwarz und Silber tritt auf, überbringt ein Billet. Haushofmeister mit Silbertablett ist schnell zur Hand, präsentiert es der Marschallin. Friseur hält inne, sie lesen zu lassen. Gehilfe reicht ihm ein neues Eisen. Friseur schwenkt es: ist zu heiss. Gehilfe reicht ihm nach fragendem Blick auf die Marschallin das Billett, die nickt, worauf er es lächelnd verwendet, um das Eisen zu kühlen. Der Sänger hat sich in Position gestellt, hält das Notenblatt. Die Lakaien haben rechts ganz vorne Stellung genommen, andere stehen im Hintergrund.
TENORDírigori armato il seno
TENORcontro amor mi ribellai,
TENORma fui vinto in un baleno
TENORin mirar due gaghi rai.
TENORMa fui vinto in un baleno
TENORahí!
TENORin mirar due vaghi rai.
TENORAhi!
TENORche resiste puoco a stral di fuoco
TENORCor di gelo di fuoco a stral.
Der Friseur übergibt dem Gehilfen das Eisen und applaudiert dem Sänger. Dann fährt er im Arrangement des Lockenbaues fort. Ein Bedienter hat indessen bei der kleinen Tür den Kammerdiener des Barons, den Almosenier und den Jäger eingelassen. Es sind drei bedenkliche Gestalten. Der Kammerdiener ist ein junger grosser Lümmel, der dumm und frech aussieht. Er trägt unterm Arm ein Futteral aus rotem Saffian. Der Almosenier ist ein verwilderter Dorfkooperator, ein drei Schuh hoher, aber stark und verwegen aussehender Gnom. Der Leibjäger mag, bevor er in die schlechtsitzende Livree gesteckt wurde, Mist geführt haben. Der Almosenier und der Kammerdiener scheinen sich um den Vortritt zu streiten und steigen einander auf die Füsse. Sie steuern längs der linken Seite auf ihren Herrn zu, in dessen Nähe sie haltmachen.
sitzend zum Notar, der vor ihm steht, seine Weisungen entgegennimmt. Halblaut
BARONAls Morgengabe -ganz separatim jedoch - und vor der Mitgift - bin ich verstanden, Herr Notar? - kehrt Schloss und Herrschaft Gaunersdorf an mich zurück! Von Lasten frei und ungemindert an Privilegien, so wie mein Vater selig sie besessen hat.
kurzatmig
NOTARGestatten hochfreiherrliche Gnaden die submisseste Belehrung, dass eine Morgengabe wohl vom Gatten an die Gattin, nicht aber von der Gattin an den Gatten
tief aufatmend
NOTARbestellet und stipuliert zu werden, fähig ist.
BARONDas mag wohl sein.
NOTARDas ist so -
Aber im besondern Fall -
NOTARDie Formen und die Präskriptionen kennen keinen Unterschied.
schreit
BARONHaben ihn aber zu kennen!
erschrocken
NOTARIn Gnaden!
BARONWenn eines hochadeligen Blutes blühender Spross sich herablässt im Ehebette einer so gut als bürgerlichen Mamsell Faninal - bin ich verstanden? - acte de présence zu machen vor Gott und der Welt und sozusagen angesichts kaiserlicher Majestät -
beginnt wieder zu präludieren
BARONDa wird, corpo di Bacco! von Morgengabe als geziemendem Geschenk dankbarer Devotion für die Hingab' so hohen Blutes sehr wohl die Rede sein!
Sänger macht Miene wieder anzufangen, wartet noch, bis der Baron still wird.
zum Baron, leise
NOTARVielleicht, dass man die Sache separatim -
leise
BARONEr ist ein schmählicher Pedant: als Morgengabe will ich das Gütel!
ebenso
NOTARAls einen wohl verklausulierten Teil der Mitgift -
halblaut
BARONAls Morgengab e ! Geht das nicht in Seinen Schädel - ?
ebenso
NOTARAls eine Schenkung inter vivos oder -
schlägt wütend auf den Tisch, schreiend
BARONAls Morgengabe!
während des Gesprächs der beiden
SÄNGERMa si caro è'1 mio tormento doleo é si la piága mia, eh' il penare é mio contento e'1 sanarmi è tirannia. Ahi! Che resiste puoco cor .....
bricht jäh ab
zieht sich erschrocken in die Ecke zurück
winkt den Sänger zu sich, reicht ihm die Hand zum Kuss
ziehen sich unter tiefen Verbeugungen zurück
tut, als ob nichts geschehen wäre, winkt dem Sänger leutselig zu, tritt dann zu seiner Dienerschaft, streicht dem Leiblakai die bäurisch in die Stirn gekämmten Haare hinaus; geht dann, als suchte er jemand, zur kleinen Tür, öffnet sie, spioniert hinaus, ärgert sich, schnüffelt gegen's Bett, schüttelt den Kopf, kommt dann wieder vor
sieht sich in dem Handspiegel, halblaut
MARSCHALLINMein lieber Hippolyte, heut haben Sie ein altes Weib aus mir gemacht!
Der Friseur mit Bestürzung wirft sich fieberhaft auf den Lockenbau der Marschallin und verändert ihn aufs neue.
Das Gesicht der Maschallin bleibt traurig.
über die Schulter zum Haushofmeister
MARSCHALLINAbtreten die Leut'!
Die Lakaien, eine Kette bildend, schieben die aufwartenden Personen zur Tür hinaus, die sie dann verschliessen. Nur der Gelehrte, vom Haushofmeister ihr zugeführt, bleibt noch im Gespräch mit der Marschallin, bis zum Schluss des Intermezzos zwischen Valzacchi, Annina und dem Baron. Valzacchi, hinter ihm Annina, haben sich im Rücken aller rings um die Bühne zum Baron hinübergeschlichen und präsentieren sich ihm mit übertriebener Devotion.
zum Baron
VALZACCHIIhre Gnade sukt etwas. Ik seh, Ihre Gnade at eine Bedürfnis. lk kann dienen. Ik kann besorgen.
tritt zurück
BARONWer ist Er, was weiss Er?
VALZACCHIIhre Gnade Gesikt sprikt ohne Sunge. Wie ein Hantike: come statua di Giove.
BARONDas ist ein besserer Mensch.
VALZACCHIErlaukte Gnade, attachieren uns an Sein Gefolge.
fällt auf die Knie, desgleichen Annina, die Valzacchi immer nachspricht
BARONEuch?
VALZACCHIOnkel und Nikte. Su sweien maken alles besser. Per esemplo: Ihre Gnade at eine junge Frau -
BARONWoher weiss Er denn das, Er Teufel Er?
eifrig
VALZACCHIIhre Gnade ist in Eifersukt; dico per dire eut oder morgen könnte sein. Affare nostro! jede Sritt die Dame sie tut, jede Wagen die Dame steigt, jede Brief die Dame bekommt - wir sind da! An die Ecke, in die Kamin, 'inter die Bette - in eine Schranke, unter die Dache, wir sind da!
ANNINAIhre Gnade wird nicht bedauern!
halten ihm die Hände hin, Geld heischend, er tut, als bemerke er es nicht
halblaut
BARONHm! Was es alles gibt in diesem Wien? Zur Probe nur: kennt Sie die Jungfer Mariandel?
ebenso
ANNINAMariandel?
ebenso
BARONDas Zofel hier im Haus bei Ihrer Gnaden?
leise zu Annina
VALZACCHISai tu, cosa vuole?
ebenso
ANNINANiente.
zum Baron
VALZACCHISicker! Sicker! Mein Nickte wird besorgen. Seien sicker, Ihre Gnade? Wir sind da!
Marschallin ist aufgestanden. Friseur nach tiefer Verbeugung eilt ab. Gehilfe hinter ihm.
die beiden Italiener stehenlassend, zur Marschallin
BARONDarf ich das Gegenstück zu Dero sauberm Kammerzoferl präsentieren?
selbstgefällig
BARONDie Ähnlichkeit soll, hör' ich, unverkennbar sein.
nickt
BARONLeopold, das Futteral.
Der junge Kammerlakai präsentiert linkisch das Futteral.
ein bisschen lachend
MARSCHALLINIch gratuliere Euer Liebden sehr.
nimmt dem Burschen das Futteral aus der Hand und winkt ihm zurückzutreten
BARONUnd da ist nun die silberne Rose.
will's aufmachen
MARSCHALLINLassen nur drinnen. Haben die Gnad' und stellens' dort hin.
BARONVielleicht das Zofel soll's übernehmen? Ruft man ihr?
MARSCHALLINNein, lassen nur. Die hat jetzt keine Zeit. Doch sei Er sicher: den Grafen Octavian bitt' ich Ihm auf, er wird's mir zulieb schon tun und als Euer Liebden Kavalier vorfahren mit der Rosen zu der Jungfer Braut. Stellen indes nur hin. Und jetzt, Herr Vetter, sag' ich Ihm Adieu. Man retiriert sich jetzt von hier: Ich werd' jetzt in die Kirchen gehn.
Lakaien öffnen die Flügeltür.
BARONEuer Gnaden haben heut durch unversiegte Huld mich tiefst beschämt.
Macht die Reverenz; entfernt sich unter Zeremoniell. Der Notar hinter ihm, auf seinen Wink. Seine drei Leute hinter diesem, in mangelhafter Haltung. Die beiden Italiener lautlos und geschmeidig, schliessen sich unbemerkt an. Lakaien schliessen die Tür. Haushofmeister tritt ab. Marschallin allein.
allein
MARSCHALLINDa geht er hin, der aufgeblasne schlechte Kerl, und kriegt das hübsche junge Ding und einen Pinkel Geld dazu.
seufzend
MARSCHALLINAls müsst's so sein. Und bildet sich noch ein, dass er es ist, der sich was vergibt. Was erzürn'ich mich denn?'s ist doch der Lauf der Welt. Kann mich auch an ein Mädel erinnern, die frisch aus dem Kloster ist in den heiligen Ehstand kommandiert word'n.
nimmt den Handspiegel
MARSCHALLINWo ist die jetzt? Ja,
seufzend
MARSCHALLINsuch' dir den Schnee vom vergangenen Jahr! Das sag'ich so:
ruhig
MARSCHALLINAber wie kann das wirklich sein, dass ich die kleine Resi war und dass ich auch einmal die alte Frau sein werd? Die alte Frau, die alte Marschallin! »Siegst es, da geht die alte Fürstin Resi!« Wie kann denn das geschehn? Wie macht denn das der liebe Gott? Wo ich doch immer die gleiche bin. Und wenn er's schon so machen muss, warum lasst er mich zuschaun dabei mit gar so klarem Sinn! Warum versteckt er's nicht vor mir? Das alles ist geheim, so viel geheim. Und man ist dazu da, dass man's ertragt. Und in dem »Wie«
sehr ruhig
MARSCHALLINda liegt der ganze Unterschied.
tritt von rechts ein, in einem Morgenanzug mit Reitstiefeln
ruhig, mit halbem Lächeln
MARSCHALLINAh, du bist wieder da!
zärtlich
OCTAVIANUnd du bist traurig!
MARSCHALLINEs ist ja schon vorbei. Du weisst ja, wie ich bin. Ein halb Mal lustig, ein halb Mal traurig. Ich kann halt meinen Gedanken nicht kommandier'n.
OCTAVIANIch weiss, warum du traurig bist, mein Schatz. Weil du erschrocken bist und Angst gehabt hast. Hab' ich nicht recht? Gesteh' mir nur: du hast Angst gehabt, du Süsse, du Liebe, um mich, um mich!
MARSCHALLINEin bissel vielleicht, aber ich hab' mich erfangen und hab' mir vorgesagt: Es wird schon nicht dafür stehn. Und wär's dafür gestanden?
heiter
OCTAVIANUnd es war kein Feldmarschall, nur ein spassiger Herr Vetter, und du gehörst mir, du gehörst mir!
ihn abwehrend
Taverl, umarm' Er nicht zu viel. Wer allzuviel umarmt, der hält nichts fest..
leidenschaftlich
OCTAVIANSag', dass du mir gehörst! Mir!
MARSCHALLINOh, sei Er j etzt sanft, sei Er gescheit und sanft und gut.
will lebhaft erwidern
MARSCHALLINNein, bitt' schön, sei Er nur nicht, wie alle Männer sind!
misstrauisch auffahrend
OCTAVIANWie alle Männer?
schnell gefasst
MARSCHALLINWie der Feldmarschall und der Vetter Ochs.
nicht dabei beruhigt
OCTAVIANBichette!
mit Nachdruck
MARSCHALLINSei - Er nur nicht, wie alle Männer sind.
zornig
OCTAVIANIch weiss nicht, wie alle Männer sind.
plötzlich sanft
OCTAVIANWeiss nur, dass ich dich lieb hab', Bichette, sie haben dich mir ausgetauscht, Bichette, wo ist Sie denn!
ruhig
MARSCHALLINSie ist wohl da, Herr Schatz.
OCTAVIANJa, ist Sie da? Dann will ich Sie halten, dass Sie mir nicht wieder entkommt!
leidenschaftlich
OCTAVIANPacken will ich Sie, packen, dass Sie es spürt, zu wem Sie gehört zu mir! Denn ich bin Ihr und Sie ist mein!
sich ihm entwindend
MARSCHALLINOh, sei Er gut, Quinquin. Mir ist zumut, dass ich die Schwäche von allem Zeitlichen recht spüren muss, bis in mein Herz hinein, wie man nichts halten soll, wie man nichts packen kann, wie alles zerläuft zwischen den Fingern, wie alles , sich auflöst, wonach wir greifen, alles zergeht wie Dunst und Traum.
OCTAVIANMein Gott, wie Sie das sagt. Sie will mir doch nur zeigen, dass Sie nicht an mir hängt.
Er weint.
MARSCHALLINSei Er doch gut, Quinquin!
weint stärker
MARSCHALLINJetzt muss ich noch den Buben dafür trösten, dass er mich über kurz oder lang wird sitzen lassen.
Sie streichelt ihn.
OCTAVIANÜber kurz oder lang?
heftig
OCTAVIANWer legt dir heute die Wörter in den Mund, Bichette?
MARSCHALLINDass Ihn das Wort so kränkt!
hält sich die Ohren zu
MARSCHALLINDie Zeit im Grunde, Quinquin, die Zeit, die ändert doch nichts an den Sachen.
MARSCHALLINDie Zeit, die ist ein sonderbar Ding. Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts. Aber dann auf einmal, da spürt man nichts als sie. Sie ist um uns herum, sie ist auch in uns drinnen. In den Gesichtern rieselt sie, im Spiegel da rieselt sie, in meinen Schläfen fliesst sie. Und zwischen mir und dir da fliesst sie wieder, lautlos, wie eine Sanduhr.
warm
MARSCHALLINOh, Quinquin! Manchmal hör' ich sie fliessen - unaufhaltsam.
leise
MARSCHALLINManchmal steh' ich auf mitten in der Nacht und lass die Uhren alle, alle stehn. Allein man muss sich auch vor ihr nicht fürchten. Auch sie ist ein Geschöpf des Vaters, der uns alle erschaffen hat.
mit ruhiger Zärtlichkeit
OCTAVIANMein schöner Schatz, will Sie sich traurig machen mit Gewalt? Wo Sie mich da hat, wo ich meine Finger in Ihre Finger schlinge, wo ich mit meinen Augen Ihre Augen suche. Wo Sie mich da hat - gerade da ist Ihr so zumut?
sehr ernst
MARSCHALLINQuinquin, heut oder morgen geht Er hin, und gibt mich auf um einer andern willen,
etwas zögernd
MARSCHALLINdie jünger und schöner ist als ich.
OCTAVIANWillst du mit Worten mich von dir stossen, weil dir die Hände den Dienst nicht tun?
ruhig
MARSCHALLINDer Tag kommt ganz von selber. Heut oder morgen kommt der Tag, Octavian.
OCTAVIANNicht heut, nicht morgen! ich hab' dich lieb. Nicht heut, nicht morgen! Wenn's so einen Tag geben muss, ich denk' ihn nicht! So einen schrecklichen Tag! Ich will den Tag nicht sehn. Ich will den Tag nicht denken. Was quälst du dich und mich, Theres'?
MARSCHALLINHeut oder morgen oder den übernächsten Tag. Nicht quälen will ich dich, mein Schatz. Ich sag' was wahr ist, sag's zu mir so gut als wie zu dir. Leicht will ich's machen dir und mir. Leicht muss man sein, mit leichtem Herz und leichten Händen halten und nehmen, halten und lassen . . . Die nicht so sind, die straft das Leben, und Gott erbarmt sich ihrer nicht.
OCTAVIANSie spricht ja heute wie ein Pater. Soll das heissen, dass ich Sie nie mehr werde küssen dürfen, bis Ihr der Atem ausgeht?
sanft
MARSCHALLINQuinquin, Er soll jetzt gehn, Er soll mich lassen. Ich werd' jetzt in die Kirchen gehn, und später fahr' ich zum Onkel Greifenklau, der alt und gelähmt ist, und ess' mit ihm: das f reut den alten Mann. Und Nachmittag werd' ich Ihm einen Lauffer schicken, Quinquin, und sagen lassen, ob ich in den Prater fahr'. Und wenn ich fahr' und Er hat Lust, so wird Er auch in den Prater kommen und neben meinem Wagen reiten. jetzt sei Er gut und folg' Er mir.
leise
OCTAVIANWie Sie befiehlt, Bichette.
Er geht ab.
allein, fährt leidenschaftlich auf
MARSCHALLINIch hab' ihn nicht einmal geküsst.
Sie klingelt heftig. Lakaien kommen von rechts.
MARSCHALLINLauft's dem Herrn Grafen nach und bittet's ihn noch auf ein Wort herauf.
schnell ab
MARSCHALLINIch hab' ihn fortgehn lassen und ihn nicht einmal geküsst!
Die Lakaien kommen zurück ausser Atem.
ERSTER LAKAIDer Herr Graf sind auf und davon.
ZWE ITE R LAKAIGleich beim Tor sind aufgesessen.
DRITTER LAKAIReitknecht hat gewartet.
VIERTER LAKAIGleich beim Tor sind aufgesessen wie der Wind.
ERSTER LAKAIWaren um die Ecken wie der Wind.
ZWEITER LAKAISind nachgelaufen.
DRITTER LAKAIWir haben geschrien.
VIERTER LAKAIWar umsonst.
ERSTER LAKAIWaren um die Ecken wie der Wind.
MARSCHALLINEs ist gut, geht nur wieder.
Die Lakaien ziehen sich zurück.
ruft nach
MARSCHALLINDen Mohammed!
der kleine Neger herein, klingelnd, verneigt sich
MARSCHALLINDas da trag'.
nimmt eifrig das Saffianfutteral
MARSCHALLINWeisst ja nicht wohin. Zum Grafen Octavian. Gib's ab und sag': Da drin ist die silberne Ros'n. Der Herr Graf weiss ohnehin.
Der Neger läuft ab.
stützt den Kopf in die Hand und bleibt so in träumerischer Haltung bis zum Schluss
SYSTEMZWEITER AUFZUG
Saal bei Herrn von Faninal. Mitteltüre nach dem Vorsaal. Türen links und rechts. Rechts auch ein grosses Fenster. Zu beiden Seiten der Mitteltüre Stühle an der Wand. In den abgerundeten Ecken jederseits eine kleine unsichtbare Türe.
Faninal, Sophie, Marianne Leitmetzerin, die Duenna, der Haushofmeister, Lakaien.
im Begriff, von Sophie Abschied zu nehmen
FANINALEin ernster Tag, ein grosser Tag! Ein Ehrentag, ein heilger Tag!
küsst ihm die Hand
am Fenster
MARIANNEDer Josef fahrt vor mit der neuen Kaross', hat himmelblaue Vorhäng, vier Apfelschimmel sind dran.
nicht ohne Vertraulichkeit zu Faninal
HAUSHOFMEISTERIst höchste Zeit, dass Euer Gnaden fahren. Der hochadelige Bräutigamsvater, sagt die Schicklichkeit, muss ausgefahren sein, bevor der silberne Rosenkavalier vorfahrt. Wär' nicht geziemend, dass vor der Tür sie sich begegneten.
Lakaien öffnen die Tür.
FANINALIn Gottes Namen. Wenn ich wiederkomm', so führ' ich deinen Herrn Zukünftigen bei der Hand.
MARIANNEDen edlen und gestrengen Herrn von Lerchenau!
geht
vorgehend, allein
am Fenster
MARIANNEJetzt steigt er ein. Der Xaver und der Anton springen hinten auf. Der Stallpag' reicht dem Josef seine Peitsch'n. Alle Fenster sind voller Leut'.
SOPHIEIn dieser feierlichen Stunde der Prüfung, da du mich, o mein Schöpfer, über mein Verdienst erhöhen und in den heiligen Ehestand führen willst, (sie hat grosse Mühe, gesammelt zu bleiben) opfr' ich dir in Demut, mein Herz in Demut auf. Die Demut in mir zu erwecken, muss ich mich demütigen.
sehr aufgeregt
MARIANNEDie halbe Stadt ist auf die Füss'. Aus dem Seminari schaun die Hochwürdigen von die Balkoner. Ein alter Mann sitzt oben auf der Latern'.
sammelt sich mühsam
SOPHIEDemütigen und recht bedenken: die Sünde, die Schuld, die Niedrigkeit, die Verlassenheit, die Anfechtung! Die Mutter ist tot und ich bin ganz allein. Für mich selber steh' ich ein. Aber die Ehe ist ein heiliger Stand.
entzückt ausrufend
MARIANNEEr kommt, er kommt in zwei Karossen. Die erste ist vierspännig, die ist leer. In der zweiten, sechsspännigen, sitzt er selber, der Rosenkavalier.
ziemlich fassungslos
SOPHIEIch will mich niemals meines neuen Standes überheben -
die Stimmen der Lauffer vor Octavians Wagen unten auf der Gasse: Rofrano, Rofrano!
SOPHIE- mich überheben.
sie hält es nicht aus
SOPHIEWas rufen denn die?
MARIANNEDen Namen vom Rosenkavalier und alle Namen von deiner neuen fürstlichn Verwandschaft rufen's aus. jetzt rangier'n sich die Bedienten. Die Lakaien springen rückwärts ab!
Die Stimmen der Lauffer zu dreien näher: Rofrano! Rofrano!
SOPHIEWerden sie mein' Bräutigam sein' Namen auch so ausrufen, wenn er angefahren kommt!?
Die Stimmen der Lauffer dicht unter dem Fenster: Rofrano! Rofrano!
ganz begeistert
MARIANNESie reissen den Schlag auf! Er steigt aus! Ganz in Silberstück' ist er angelegt, von Kopf zu Fuss. Wie ein heil'ger Engel schaut er aus.
Zwei Faninalsche Lakaien haben schnell die Mitteltür aufgetan.
SOPHIEHerrgott im Himmel! Ich weiss, der Stolz ist eine schwere Sünd'. Aber jetzt kann ich mich nicht demütigen. Jetzt geht's halt nicht! Denn das ist ja so schön, so schön!
Währenddem ist Octavians Dienerschaft in seinen Farben: Weiss mit Blassgrün rasch eingetreten. Die Lakaien, die Haiducken mit krummen ungarischen Säbeln an der Seite, die Lauff er in weissem sämischem Leder mit grünen Straussenfedern. Dicht hinter diesem ein Neger, der Octavians Hut, und ein anderer Lakai, der das Safflanfutteral für die silberne Rose in beiden Händen trägt. Dann Octavian, die Rose in der Rechten. Er geht mit adeligem Anstand auf Sophie zu, aber sein Knabengesicht ist von seiner Schüchternheit gespannt und gerötet. Sophie ist vor Aufregung über seine Erscheinung und die Zeremonie leichenblass. Sie stehen einander gegenüber und machen sich wechselweise durch ihre Verlegenheit und Schönheit noch verwirrter.
etwas stockend
OCTAVIANMir ist die Ehre widerfahren, dass ich der hoch- und wohlgeborenen Jungfer Braut, in meines Herrn Vetters Namen, dessen zu Lerchenau Namen, die Rose seiner Liebe überreichen darf.
nimmt die Rose
SOPHIEIch bin Euer Liebden sehr verbunden. - Ich bin Euer Liebden in aller Ewigkeit verbunden. -
eine Pause der Verwirrung
indem sie an der Rose riecht
SOPHIEHat einen starken Geruch. Wie Rosen, wie lebendige.
OCTAVIANJa, ist ein Tropfen persischen Rosenöls darein getan.
SOPHIEWie himmlische, nicht irdische, wie Rosen vom hochheiligen Paradies. Ist Ihm nicht auch?
neigt sich über die Rose, die sie ihm hinhält; dann richtet er sich auf und sieht auf ihren Mund
SOPHIEIst wie ein Gruss vom Himmel. Ist bereits zu stark, als dass mans ertragen kann. Zieht einen nach, als lägen Stricke um das Herz.
leise
SOPHIEWo war ich schon einmal und war so selig?
zugleich mit ihr wie unbewusst und noch leiser
OCTAVIANWo war ich schon einmal und war so selig?
mit Ausdruck
SOPHIEDahin muss ich zurück! und müsst' ich völlig sterben auf dem Weg! Allein ich sterb' ja nicht. Das ist ja weit. Ist Zeit und Ewigkeit in einem sel'gen Augenblick, den will ich nie vergessen bis an meinen Tod.
zugleich mit ihr
OCTAVIANIch war ein Bub', da hab' ich die noch nicht gekannt. Wer bin denn ich? Wie komm' denn ich zu ihr? Wie kommt denn sie zu mir? Wär' ich kein Mann, die Sinne möchten mir vergehn. Das ist ein seliger Augenblick, den will ich nie vergessen bis an meinen Tod.
Indessen stand die Livree Octavians rückwärts regungslos. Ebenso die Faninalschen Bedienten mit dem Haushofmeister. Der Lakai Octavians übergibt jetzt das Futteral an Marianne. Sophie schüttelt ihre Versunkenheit ab und reicht die Rose der Marianne, die sie ins Futteral schliesst. Der Lakai mit dem Hut tritt von rückwärts an Octavian heran und reicht ihm den Hut. Die Livree Octavians tritt ab, während gleichzeitig die Faninalschen Bedienten drei Stühle in die Mitte tragen, zwei für Octavian und Sophie, einen rück- und seitwärts für die Duenna. Zugleich trägt der Faninalsche Haushofmeister das Futteral mit der Rose durch die Tür rechts ab. Sofort treten auch die Faninalschen Bedienten durch die Mitteltür ab. Sophie und Octavian stehen einander gegenüber, einigermassen zur gemeinen Welt zurückgekehrt, aber befangen. Auf eine Handbewegung Sophies nehmen sie beide Platz, desgleichen die Duenna, im gleichen Augenblick, wo der Haushofmeister unsichtbar die Tür rechts von aussen zuschliesst.
SOPHIEIch kenn' Ihn schon recht wohl, mon Cousin!
OCTAVIANSie kennt mich, ma Cousine?
SOPHIEJa, aus dem Buch, wo die Stammbäumer drin sind, dem Ehrenspiegel Osterreichs.
SOPHIEDas nehm' Ich immer abends mit ins Bett und such' mir meine zukünft'ge, gräflich' und fürstlich' Verwandtschaft drin zusammen.
OCTAVIANTut Sie das, ma Cousine?
SOPHIEIch weiss, wie alt Euer Liebden sind: Siebzehn Jahr' und zwei Monat. Ich weiss all Ihre Taufnamen: Octavian, Maria, Ehrenreich, Bonaventura, Fernand, Hyacinth.
OCTAVIANSo gut weiss ich sie selber nicht einmal.
SOPHIEIch weiss noch was.
errötet
OCTAVIANWas weiss Sie noch, sag' Sie mir's, ma Cousine.
ohne ihn anzusehen
SOPHIEQuinquin.
lacht
OCTAVIANWeiss Sie den Namen auch?
SOPHIESo nennen Ihn halt seine guten Freunde und schöne Damen, denk' ich mir, mit denen Er recht gut ist.
kleine Pause, mit Naivität
SOPHIEIch freu' mich aufs Heiraten! Freut Er sich auch darauf ? Oder hat Er leicht noch gar nicht dran gedacht, mon Cousin? Denk' Er: Ist doch was andres als der ledige Stand.
leise, während sie spricht!
OCTAVIANWie schön sie ist!
SOPHIEFreilich, Er ist ein Mann, da ist Er, was Er bleibt. Ich aber brauch' erst einen Mann, dass ich was bin. Dafür bin ich dem Mann dann auch gar sehr verschuldet.
wie oben
OCTAVIANMein Gott, wie schön und gut sie ist. Sie macht mich ganz verwirrt.
SOPHIEIch werd' ihm keine Schand' nicht machen und meinem Rang und Vortritt. Täte eine, die sich besser dünkt als ich, ihn mir bestreiten bei einer Kindstauf' oder Leich', so will ich, wenn es sein muss, mit Ohrfeigen ihr beweisen, dass ich die Vornehmere bin und lieber alles hinnehme wie Kränkung oder Ungebühr.
lebhaft
OCTAVIANWie kann Sie denn nur denken, dass man Ihr mit Ungebühr begegnen wird, da Sie doch immer die Schönste, die Allerschönste sein wird.
SOPHIELacht Er mich aus, mon cousin?
OCTAVIANWie, glaubt Sie das von mir?
SOPHIEEr darf mich auslachen, wenn Er will. Von Ihm lass ich alles mir gerne geschehn, weil mir nie noch ein junger Kavalier von Nähe oder Weitem also wohlgefallen hat wie Er. Jetzt aber kommt mein Herr Zukünftiger.
Die Tür rückwärts geht auf. Alle drei erheben sich. Sophie und Marianne treten nach rechts. Octavian nach links vorne. Faninal führt den Baron zeremoniös über die Schwelle und auf Sophie zu, indem er ihm den Vortritt lässt. Die Lerchenausche Livree folgt auf Schritt und Tritt: zuerst der Almosenier mit dem Sohn und Leibkammerdiener. Dann folgt der Leibjäger mit einem ähnlichen Lümmel, der ein Pflaster über der eingeschlagenen Nase trägt, und noch zwei von der gleichen Sorte, vom Rübenacker her in die Livree gesteckt. Alle tragen wie ihr Herr Myrtensträusschen. Die zwei Faninalschen Boten bleiben im Hintergrunde.
FANINALIch präsentiere Euer Gnaden Dero Zukünf tige.
macht die Reverenz, dann zu Faninal
BARONDeliziös! Mach' Ihm mein Kompliment.
er küsst Sophie die Hand, gleichsam prüfend
BARONEin feines Handgelenk. Darauf halt' ich gar viel. Ist unter Bürgerlichen eine seltne Distinktion.
halblaut
OCTAVIANEs wird mir heiss und kalt.
FANINALGestatten, dass ich die getreue Jungfer Marianne Leitmetzerin -
Marianne präsentierend, die dreimal tief knickst
indem er unwillig abwinkt
BARONLass Er das weg. Begrüss' Er jetzt mit mir meinen Herrn Rosenkavalier.
Er tritt mit Faninal auf Octavian zu, unter Reverenz, die Octavian erwidert. Das Lerchenausche Gefolge kommt endlich zum Stillstand, nachdem es Sophie fast umgestossen, und retiriert sich um ein paar Schritte nach rechts rückwärts.
mit Marianne rechtsstehend, halblaut
SOPHIEWas sind das für Manieren? Ist da leicht ein Rosstauscher und kommt ihm vor, er hätt' mich eingekauft?
ebenso
MARIANNEEin Kavalier hat halt ein ungezwungenes, leutseliges Benehmen. Sag' dir vor, wer er ist und zu was er dich macht, so werden dir die Faxen gleich vergehn.
während des Aufführens zu Faninal
BARONIst gar zum Staunen, wie der junge Herr jemand Gewissem ähnlich sieht. Hat ein Bastardl, recht ein saubres, zur Schwester.
Plump vertraulich
BARONIst kein Geheimnis unter Personen von Stand. Hab's aus der Fürstin eignem Mund, und weil der Faninal sozusagen jetzo zu der Verwandtschaft gehört! Mach' dir keine Depit darum, Rofrano, dass dein Vater ein Streichmacher war, befindet sich dabei in guter Kompanie, der selge Marchese. Ich selber exkludier' mich nicht. Seh', Liebden, schau' dir dort den Langen an, den Blonden, hinten dort. Ich will ihn nicht mit Fingern weisen, aber er sticht wohl hervor durch eine adelige Kontenance. Ist aber ein ganz besonderer Kerl. Sagt nichts, weil ich der Vater bin, hat's aber faustdick hinter den Ohren.
während dessen
SOPHIEJetzt lässt er mich so stehn, der grobe Ding. Und das ist mein Zukünftiger. Und blattersteppig ist er auch, o mein Gott!
MARIANNENa, wenn er dir von vorn nicht gefallt, du Jungfer Hochmut, so schau' ihn dir von rückwärts an, da wirst was sehn, was dir schon gefallen wird.
SOPHIEMöcht' wissen, was ich da schon sehen werd'.
ihr nachspottend
MARIANNEMöcht' wissen, was ich da schon sehen werd. Dass es ein kaiserlicher Kämmerer ist, den dir dein Schutzpatron als Herrn Gemahl spendiert hat. Das kannst sehn mit einem Blick.
Der Haushofmeister tritt verbindlich auf die Lerchenauschen Leute zu und führt sie ab. Desgleichen tritt die Faninalsche Livree ab bis auf zwei, welche Wein und Süssigkeiten servieren.
zum Baron
FANINALBelieben jetzt vielleicht? - ist ein alter Tokaier.
Octavian und Baron bedienen sich.
BARONBrav, Faninal, Er weiss, was sich gehört. Serviert einen alten Tokaier zu einem jungen Mädel. Ich bin mit Ihm zufrieden.
zu Octavian
BARONMusst denen Bagatelladeligen immer zeigen, dass nicht für unsresgleichen sich ansehen dürfen, muss immer was von Herablassung dabei sein.
spitzig
OCTAVIANIch muss deine Liebden sehr bewundern. Hast wahrhaft grosse Weltmanieren. Könntst einen Ambassadeur vorstellen heut oder morgen.
derb
BARONIch hol'mir jetzt das Mädel her. Soll uns jetzt Konversation vormachen, damit ich seh', wie sie beschlagen ist.
geht hinüber, nimmt Sophie bei der Hand, führt sie mit sich
BARONEh bien! Nun plauder' Sie uns eins, mir und dem Vetter Taverl. Sag' Sie heraus, auf was Sie sich halt in der Eh' am meisten freut.
setzt sich, will sie halb auf seinen Schoss ziehen
entzieht sich ihm
SOPHIEWo denkt Er hin?
behaglich
BARONPah! Wo ich hindenk'! Komm' Sie da ganz nah zu mir, dann will ich Ihr erzählen, wo ich hindenk'.
gleiches Spiel, Sophie entzieht sich ihm heftiger
behaglich
BARONWär' Ihr leicht präferabel, dass man gegen Ihrer den Zeromonienmeister sollt' hervortun? Mit »mille pardons« und »devotion« und »Geh da weg« und »hab Respekt«?
SOPHIEWahrhaftig und ja gefiele mir das besser!
lachend
BARONMir auch nicht! Da sieht Sie! Mir auch ganz und gar nicht! Bin einer biedern offenherzigen Galanterie recht zugetan.
nachdem er Octavian den zweiten Stuhl angeboten hat, den dieser ablehnt, für sich
FANINALWie ist mir denn! Da sitzt ein Lerchenau und karessiert in Ehrbarkeit mein Sopherl, als wär' sie ihm schon angetraut. Und da steht ein Rofrano, grad' als müsst's so sein - ein Graf Rofrano, sonsten nix - der Bruder vom Marchese Obersttruchsess.
zornig für sich
OCTAVIANDas ist ein Kerl, dem möcht' ich wo begegnen mit meinem Degen da, wo ihn kein Wächter schreien hört. ja, das ist alles, was ich möcht'.
zum Baron
SOPHIEEi, lass Er doch, wir sind nicht so vertraut!
zu Sophie
BARONGeniert Sie sich leicht vor dem Vetter Taverl? Da hat Sie unrecht. Hör Sie, in Paris, wo doch die hohe Schul' ist für Manieren, gibts frei nichts, was unter jungen Eheleuten geschieht, wozu man nicht Einladungen liess ergehen zum Zuschauen, ja an den König selber.
Er wird immer zärtlicher, sie weiss sich kaum zu helfen.
für sich
FANINALWär' nur die Mauer da von Glas, dass alle bürgerlichen Neidhammel von Wien uns könnten so en famille beisammen so sitzen sehn! Dafür wollt' ich mein Lerchenfelder Eckhaus geben, meiner Seel!
wütend
OCTAVIANDass ich das Mannsbild sehen muss, so frech, so unverschämt mit ihr. Könnt' ich hinaus und fort von hier!
zu Sophie
BARONLass Sie die Flausen nur! Gehört doch jetzo mir! Geht all's recht! Sei Sie gut! Geht alles so wie am Schnürl!
halb für sich, sie kajolierend
BARONGanz meine Massen! Schultern wie ein Henderl! Hundsmager noch - das macht nichts, aber weiss mit einem Glanz darauf, wie ich ihn ästimier'! Ich hab' halt ja ein lerchenauisch Glück!
reisst sich los und stampft auf
vergnügt
BARONIst Sie ein rechter Kapricenschädel.
auf und ihr nach
BARONSteigt Ihr das Blut gar in die Wangen, dass man sich die Hand verbrennt?
rot und blass vor Zorn
SOPHIELass Er die Hand davon!
in stummer Wut, zerdrückt das Glas, das er in der Hand hält, und schmeisst die Scherben zu Boden
läuft mit Grazie zu Octavian hinüber, hebt die Scherben auf und raunt ihm mit Entzücken zu
MARIANNEIst recht ein familiärer Mann, der Herr Baron! Man delektiert sich, was er all's für Einfälle hat, der Herr Baron!
dicht bei Sophie
BARONGeht mir nichts darüber! Könnt' mich mit Schmachterei und Zärtlichkeit nicht halb so glücklich machen, meiner Seel'!
scharf, ihm ins Gesicht
SOPHIEIch denk' nicht dran, dass ich Ihn glücklich mach'!
gemütlich
BARONSie wird es tun, ob Sie daran wird denken oder nicht.
für sich, blass vor Zorn
OCTAVIANHinaus! Hinaus! und kein Adieu! Sonst steh' ich nicht dafür, dass ich nicht was Verwirrtes tu'! Hinaus aus diesen Stuben! Nur hinaus!
Indessen ist der Notar mit dem Schreiber eingetreten, eingeführt durch Faninals Haushofmeister. Dieser meldet ihn dem Herrn von Faninal leise,- Faninal geht zum Notar nach rückwärts hin, spricht mit ihm und sieht einen vom Schreiber vorgehaltenen Aktenfaszikel durch.
zwischen den Zähnen
SOPHIEHat nie kein Mann dergleichen Reden nicht zu mir geführt! Möcht' wissen, was Ihm dünkt von mir und Ihm? Was ist Er denn zu mir?
gemütlich
BARONWird kommen über Nacht, dass Sie ganz sanft wird wissen, was ich bin zu Ihr. Ganz wie's im Liedel heisst - kennt Sie das Liedel? Lalalalala -
recht gefühlvoll
BARONWie ich dein alles werde sein! Mit mir, mit mir keine Kammer dir zu klein, ohne mich, ohne mich j eder Tag dir so bang,
frech und plump
BARONmit mir, mit mir keine Nacht dir zu lang?
da er sie fester an sich drückt, reisst sich los und stösst ihn heftig zurück
zu ihr eilend
MARIANNEIst recht ein familiärer Mann, der Herr Baron! Man delektiert sich, was er all's für Einfäll' hat!
krampfhaft in Sophie hineinredend
MARIANNEWas er all's für Einfäll' hat, der Herr Baron!
ohne hinzusehen, und doch sieht er alles, was vorgeht
OCTAVIANIch steh' auf glüh'nden Kohlen! Ich fahr' aus meiner Haut! Ich büss' in dieser einen Stund' all meine Sünden ab!
für sich, sehr vergnügt
BARONWahrhaftig und ja, ich hab' halt ein lerchenauisch Glück! Gibt gar nichts auf der Welt, was mich so enflammiert und also vehement verjüngt als wie ein rechter Trotz!
sowie er den Notar erblickt, eifrig zu Sophie, ohne zu ahnen, was in ihr vorgeht
BARONDort gibt's Geschäfte jetzt, muss mich dispensieren: bin dort von Wichtigkeit. Indessen der Vetter Taverl leistet Ihr Gesellschaft!
FANINALWenn es jetzt belieben tät', Herr Schwiegersohn!
eifrig
BARONNatürlich wird's belieben.
im Vorbeigehen zu Octavian, den er vertraulich anfasst
BARONHab' nichts dawider, wenn du ihr möchtest Äugerl machen, Vetter, jetzt oder künftighin. Ist noch ein rechter Rühr-nicht-an. Betracht's als förderlich, je mehr sie degourdiert wird. Ist wie bei einem jungen ungerittenen Pferd. Kommt all's dem Angetrauten letzterdings zugut', wofern er sein eh'lich Privilegium zunutz zu machen weiss.
Er geht nach links. Der Diener, der den Notar einliess, hat indessen die Türe links geöffnet. Faninal und der Notar schicken sich an, hineinzugehen. Der Baron misst Faninal mit dem Blick und bedeutet ihm, drei Schritte Distanz zu nehmen. Faninal tritt devot zurück. Der Baron nimmt den Vortritt, vergewissert sich, dass Faninal drei Schritte Abstand hat und geht gravitätisch durch die Tür links ab. Faninal hinter ihm, dann der Notar, dann der Schreiber. Der Bediente schliesst die Tür links und geht ab, lässt aber die Flügeltüre nach dem Vorsaal offen. Der servierende Diener ist schon früher abgegangen.
rechts, steht verwirrt und beschämt
neben ihr, knickst nach der Türe hin, bis sie sich schliesst
mit einem Blick hinter sich, gewiss zu sein, dass die anderen abgegangen sind, tritt schnell zu Sophie hinüber, bebend vor Aufregung
OCTAVIANWird Sie das Mannsbild da heiraten, ma cousine?
einen Schritt auf ihn zu, leise
SOPHIENicht um die Welt!
mit einem Blick auf die Duenna
SOPHIEMein Gott, wär' ich allein mit Ihm, dass ich Ihn bitten könnt'! dass ich Ihn bitten könnt'!
halblaut, schnell
OCTAVIANWas ist's, das Sie mich bitten möcht'? Sag Sie mir's schnell!
noch einen Schritt näher zu ihm
SOPHIEO mein Gott, dass Er mir halt hilft! Und Er wird mir nicht helfen wollen, weil es halt sein Vetter ist.
heftig
OCTAVIANNenn ihn Vetter aus Höflichkeit; Gott sei Lob und Dank, hab' ihn im Leben vor dem gestrigen Tage nie gesehen!
Quer durch den Vorsaal flüchten einige von den Mägden des Hauses, denen die Lerchenauschen Bedienten auf den Fersen sind. Der Leiblakai und der mit dem Pflaster auf der Nase jagen einem hübschen jungen Mädchen nach und bringen sie fast an der Schwelle zum Salon bedenklich in die Enge.
kommt verstört hereingelaufen
HAUSHOFMEISTERDie Lerchenauischen sind voller Branntwein gesoffen und gehn aufs Gesinde los zwanzigmal ärger als Türken und Kroaten!
MARIANNEHol' Er von unseren Leuten, wo sind denn die?
Läuft ab mit dem Haushofmeister, sie entreissen den beiden Zudringlichen ihre Beute und führen das Mädchen ab; alles verliert sich, der Vorsaal bleibt leer.
nun, da sie unbeobachtet ist, mit freier Stimme
SOPHIEZu Ihm hätt' ich ein Zutrau'n, mon cousin, so wie zu niemand auf der Welt, dass Er mir könnte helfen, wenn Er nur den guten Willen hätt!
OCTAVIANErst muss Sie sich selber helfen, dann hilf ich Ihr auch. Tu' Sie das erst für sich, dann tu' ich was für Sie!
zutraulich, fast zärtlich
SOPHIEWas ist denn das, was ich zuerst muss tun?
leise
OCTAVIANDas wird Sie wohl wissen!
den Blick unverwandt auf ihn
SOPHIEUnd was ist das, was Er für mich will tun? Nun sag' Er mir's!
entschlossen
OCTAVIANNun muss Sie ganz allein für uns zwei einstehn!
SOPHIEWie? Für uns zwei? O sag Er's noch einmal.
leise
OCTAVIANFür uns zwei!
mit hingegebenem Entzücken
SOPHIEIch hab' im Leben so was Schönes nicht gehört!
stärker
OCTAVIANFür sich und mich muss Sie sich wehren und bleiben -
SOPHIEBleiben?
OCTAVIANWas Sie ist.
nimmt seine Hand, beugt sich darüber, küsst sie schnell, eh er sie ihr entziehen kann, er küsst sie auf den Mund
indem er sie, die sich an ihn schmiegt, in den Armen hält, zärtlich
OCTAVIANMit Ihren Augen voll Tränen kommt Sie zu mir, damit Sie sich beklagt. Vor Angst muss Sie an mich sich lehnen, Ihr armes Herz ist ganz verzagt. Und ich muss jetzt als Ihren Freund mich zeigen und weiss noch gar nicht, wie! Mir ist so selig, so eigen, dass ich dich halten darf; Gib Antwort, aber gib sie mit Schweigen: Bist du von selber so zu mir gekommen? ja oder nein? ja oder nein? Du musst es nicht mit Worten sagen - Hast du es gern getan? Sag, oder nur aus Not? Nur aus Not so alles zu mir hergetragen, dein Herz, dein liebliches Gesicht? Sag', ist dir nicht, dass irgendwo in irgendeinem schönen Traum das einmal schon so war? Spürst du's wie ich? Sag'; spürst du's so wie ich? Mein Herz und Seel' wird bei Ihr bleiben, wo Sie geht und steht, bis in alle Ewigkeit.
gleichzeitig zu ihm
SOPHIEIch möchte mich bei Ihm verstecken und nichts mehr wissen von der Welt. Wenn Er mich so in Seinen Armen hält, kann mich nichts Hässliches erschrecken. Da bleiben möcht' ich, da! Und schweigen, und was mir auch gescheh', geborgen wie der Vogel in den Zweigen, stillstehn und spüren: Er ist in der Näh'! Mir müsste angst und bang im Herzen sein, statt dessen fühl' ich nur Freud' und Seligkeit und keine Pein, ich könnt' es nicht mit Worten sagen! Hab' ich was Unrechtes getan? Ich war halt in der Not! Da war Er mir nah! Da war es Sein Gesicht, Sein' Augen jung und licht, auf das ich mich gericht, Sein liebes Gesicht, und seitdem weiss ich halt nichts mehr von mir. Bleib du nur bei mir, o bleib bei mir. - Er muss mir Seinen Schutz vergönnen, was Er will, werd' ich können; bleib' Er nur bei mir. Er muss mir Seinen Schutz vergönnen -
Aus den Türen in den rückwärtigen Ecken sind links Valzacchi, rechts Annina lautlos spähend herausgeglitten. Lautlos schleichen sie, langsam, auf den Zehen näher. Octavian zieht Sophie an sich, küsst sie auf den Mund; in diesem Augenblick sind die Italiener dicht hinter ihnen, ducken sich hinter den Lehnsesseln; jetzt springen sie vor, Annina packt Sophie, Valzacchi fasst Octavian.
zu zweien schreiend
ANNINAHerr Baron von Lerchenau! - Herr Baron von Lerchenau! -
springt zur Seite nach links
der Mühe hat ' ihn zu halten, atemlos zu Annina
VALZACCHILauf und 'ole Seine Gnade! Snell, nur snell, ik muss 'alten diese 'err!
ANNINALass ich die Fräulein aus, lauft sie mir weg!
ZU ZWEIENHerr Baron von Lerchenau, Herr Baron von Lerchenau! Komm' zu sehn die Fräulein Braut! MiteinejungeKavalier! Kommen eilig, kommen hier! Ecco!
Baron tritt aus der Tür links. Die Italiener lassen ihre Opfer los, springen zur Seite, verneigen sich vor dem Baron mit vielsagender Gebärde.
schmiegt sich ängstlich an Octavian
die Arme über die Brust gekreuzt, betrachtet sich die Gruppe. Unheilschwangere Pause
BARONEh bien, Mamsell, was hat Sie mir zu sagen?
schweigt
der durchaus nicht ausser Fassung ist
BARONNun, resolvier' Sie sich!
SOPHIEMein Gott, was soll ich sagen, Er wird mich nicht verstehn!
gemütlich
BARONDas werden wir ja sehn!
einen Schritt auf den Baron zu
OCTAVIANEu'r Liebden muss ich halt vermelden, dass sich in Seiner Angelegenheit was Wichtiges verändert hat!
gemütlich
BARONVerändert? Ei, nicht dass ich wüsst't
OCTAVIANDarum soll Er es jetzt erfahren! Die Fräulein -
BARONEi, Er ist nicht faul! Er weiss zu profitieren, mit Seine siebzehn Jahr'! Ich muss Ihm gratulieren!
OCTAVIANDie Fräulein -
halb zu sich
BARONIst mir ordentlich, ich seh' mich selber! Muss lachen über den Filou, den pudeljungen.
OCTAVIANDie Fräulein -
BARONEi! Sie ist wohl stumm und hat Ihn angestellt für ihren Advokaten!
OCTAVIANDie Fräulein -
Er hält abermals inne, wie um Sophie sprechen zu lassen.
angstvoll
SOPHIENein! Nein! Ich bring' den Mund nicht auf. Sprech' Er für mich!
entschlossen
OCTAVIANDie Fräulein -
ihm nachspottend
BARONDie Fräulein, die Fräulein! Die Fräulein! Die Fräulein! Ist eine Kreuzerkomödi wahrhaftig! jetzt echappier' Er sich, sonst reisst mir die Geduld.
sehr bestimmt
OCTAVIANDie Fräulein, kurz und gut, die Fräulein mag Ihn nicht.
gemütlich
BARONSei Er da ausser Sorg'. Wird schon lernen mich mögen.
auf Sophie zu
BARONKomm' Sie da jetzt hinein: wird gleich an Ihrer sein, die Unterschrift zu geben.
zurücktretend
SOPHIEUm keinen Preis geh' ich an Seiner Hand hinein! Wie kann ein Kavalier so ohne Zartheit sein!
jetzt zwischen den beiden anderen und der Tür links sehr scharf
OCTAVIANVersteht Er deutsch: das Fräulein hat sich resolviert. Sie will Euer Gnaden ungeheirat' lassen in Zeit und Ewigkeitl
mit der Miene eines Mannes, der es eilig hat
BARONMancari! Jungfernred' ist nicht gehaun und nicht gestochen! Verlaub' Sie jetzt!
nimmt sie bei der Hand
sich breit vor die Tür stellend
OCTAVIANWenn nur so viel in Ihm ist von einem Kavalier, so wird Ihm wohl genügen, was Er g'hört hat von mir!
tut, als hörte er ihn nicht, zu Sophie
BARONGratulier' Sie sich nur, dass ich ein Aug' zudrück'! Daran mag Sie erkennen, was ein Kavalier ist!
Er macht Miene, mit ihr an Octavian vorbeizukommen.
schlägt an seinen Degen
OCTAVIANWird doch wohl ein Mittel geben, Seinesgleichen zu bedeuten!
der Sophie nicht loslässt, sie jetzt vorschiebt gegen die Tür
BARONEi schwerlich, wüsste nicht!
losbrechend
OCTAVIANIch acht' Ihn mit nichten für einen Kavalier!
mit Grandezza
BARONWahrhaftig wüsst'ich nicht, dass Er mich respektiert, und wär'Er nicht verwandt, es wär' mir jetzo schwer, dass ich mit Ihm nicht übereinander käm'!
Er macht Miene, Sophie mit scheinbarer Unbef angenheit gegen die Mitteltür zu führen, nachdem ihm die Italiener lebhafte Zeichen gegeben haben, diesen Weg zu nehmen.
BARONKomm' Sie! Gehn zum Herrn Vater dort hinüber! Ist bereits der nähere Weg!
OCTAVIANIch hoff', Er kommt vielmehr jetzt mit mir hinters Haus, ist dort ein recht bequemer Garten.
setzt seinen Weg fort, mit gespielter Unbefangenheit Sophie an der Hand nach jener Richtung zu führen bestrebt, über die Schulter zurück
BARONBewahre. Wär' mir jetzo nicht genehm. Lass um all's den Notari nicht warten. Wär' gar ein Affront für die Jungfer Braut!
fasst ihn am Ärmel
OCTAVIANBeim Satan, Er hat eine dicke Haut! Auch dort die Tür passiert Er mir nicht! Ich schrei's Ihm jetzt in. Sein Gesicht: ich acht' Ihn für einen Filou, einen Mitgiftjäger, einen durchtriebenen Lügner und schmutzigen Bauer, einen Kerl ohne Anstand und Ehr'! Und wenn's sein muss, geb' ich Ihm auf dem Fleck die Lehr'!
hat sich vom Baron losgerissen und ist hinter Octavian zurückgesprungen. Sie stehen links, ziemlich vor der Tür.
steckt zwei Finger in den Mund und tut einen gellenden Pfiff. Dann:
BARONWas so ein Bub' in Wien mit siebzehn Jahr schon für ein vorlaut Mundwerk hat!
Er sieht sich nach der Mitteltür um.
BARONDoch Gott sei Lob, man kennt in hiesiger Stadt den Mann, der vor Ihm steht, halt bis hinauf zu kaiserlicher Majestät! Man ist halt, was man ist, und braucht's nicht zu beweisen. Das lass Er sich gesagt sein und geb' mir den Weg da frei.
Die Lerchenausche Livree ist vollzählig in der Mitteltür aufmarschiert; er vergewissert sich dessen durch einen Blick nach rückwärts. Er rückt jetzt gegen die beiden vor, entschlossen, sich Sophiens und des Ausgangs zu bemächtigen.
BARONWär' mir wahrhaftig leid, wenn meine Leut' da hinten -
wütend
OCTAVIANAh, untersteh' Er sich, Seine Bedienten hineinzumischen in. unsern Streit! Jetzt zieh' Er oder gnad' Ihm Gott!
er zieht
Die Lerchenauschen, die schon einige Schritte vorgerückt waren, werden durch diesen Anblick einigermassen unschlüssig und stellen ihren Vormarsch ein.
tut einen Schritt, sich Sophiens zu bemächtigen
schreit ihn an
OCTAVIANZum Satan, zieh' Er oder ich stech' Ihn nieder!
SOPHIEAch Gott, was wird denn jetzt geschehn?
retiriert etwas
BARONVor einer Dame, pfui! So sei Er doch gescheit!
fährt wütend auf ihn los
zieht, fällt ungeschickt aus und hat schon die Spitze von Octavians Degen im Oberarm. Die Lerchenauschen stürzen vor.
indem er den Degen fallen lässt
BARONMord! Mord! Mein Blut! Zu Hilfe! Mörder! Mörder! Mörder!
Die Diener stürzen alle zugleich auf Octavian los. Dieser springt nach rechts hinüber und hält sie sich vom Leib, indem er seinen Degen blitzschnell um sich kreisen lässt. Der Almosenier, Valzacchi und Annina eilen auf den Baron zu, den sie stützen und auf einen der Stühle in der Mitte niederlassen.
von ihnen umgeben und dem Publikum verstellt
BARONIch hab' ein hitzig' Blut! Um Ärzt', um Leinwand! Verband her! Um Polizei! Ich verblut' mich auf eins, zwei, drei! Aufhalten den! Um Polizei! Um Polizei!
indem sie mit mehr Ostentation als Entschlossenheit auf Octavian eindringen
LERCHENAUSCHENDen haut's z'samm! den haut's z'samml Spinnweb'her! Feuerschwamm! Reisst's ihm den Spadi weg! Schlagt's ihn tot auf'm Fleck!
Die sämtliche Faninalsche Dienerschaft, auch das weibliche Hausgesinde, Küchenpersonal, Stallpagen sind zur Mitteltür hereingeströmt.
auf sie zu, haranguierend
ANNINADer junge Kavalier und die Fräulein Braut, versteht's? waren im Geheimen schon recht vertraut, versteht's?
Valzacchi und der Almosenier ziehen dem Baron, der fortwährend stöhnt, seinen Rock aus.
FANINALSCHE DIENERSCHAFTG'stochen is einer? Wer? Der dort? Der fremde Herr? Welcher? der Bräutigam? Packt's den Duellant z'samm! Welcher is der Duellant? Der dort im weissen G'wand! Wer? Der Rosenkavalier?
FANINALSCHE DIENERSCHAFTWegen was denn? Wegen ihr! Angepackt! Ni.ederg'haut! Wegen der Braut? Wegen der Liebschaft! Wütender Hass is! Schaufs nur die Fräulein an, Schaut's, wie sie blass is'!
bahnt sich den Weg, auf den Baron zu; alle umgeben den Baron in dichten Gruppen
MARIANNESo ein fescher Herr! So ein gross Malheur! So ein schwerer Schlag! So ein Unglückstag!
indem er sich seine Angreifer vom Leibe hält
OCTAVIANWer mir zu nah kommt, der lernt beten! Was da passiert ist, kann ich vertreten!
links vorn
SOPHIEAlles geht durcheinand'! Furchtbar war's, wie ein Blitz, wie er's erzwungen hat! Ich spür' nur seine Hand, die mich umschlungen hat! Ich verspür' nichts von Angst, ich verspür nichts von Schmerz, nur das Feuer, seinen Blick durch und durch, bis ins Herz!
haben von Octavian abgelassen und gehen auf die ihnen zunächst stehenden Mägde handgreiflich los
LERCHENAUSCHENLeinwand her! Verband machen! Fetzen aus'm Gewand machen! Vorwärts, keine Spanponaden! Leinwand her für Seine Gnaden!
Octavian verzweifelt zurufend
SOPHIELiebster!
Sophie verzweifelt zurufend
OCTAVIANLiebste!
Die Lerchenauschen machen Miene, sich zu diesem Zweck der Hemden der jüngeren und hübscheren Mägde zu bemächtigen. Handgemenge, bis Faninal beginnt. In diesem Augenblick kommt die Duenna, die fortgestürzt war, zurück, atemlos, beladen mit Leinwand; hinter ihr zwei Mägde mit Schwamm und Wasserbecken. Sie umgeben den Baron mit eifriger Hilfeleistung. Faninal kommt zur Türe links hereingestürzt, hinter ihm der Notar und der Schreiber, die in der Tür ängstlich stehenbleiben.
man hört seine Stimme, ohne viel von ihm zu sehen
BARONIch kann ein jedes Blut mit Ruhe fliessen sehen, nur bloss das meinig' nicht! Oh! Oh!
die Duenna anschreiend
BARONSo tu' Sie doch was G'scheit's, so rett' Sie doch mein Leben! Oh! Oh!
Sophie ist, wie sie ihres Vaters ansichtig wird, nach rechts vorne hingelaufen, steht neben Octavian, der nun seinen Degen einsteckt.
knicksend und eifrig zu Faninal links vorne
ANNINADer junge Kavalier und die Fräulein Braut, Gnaden, waren im Geheimen schon recht vertraut, Gnaden! Wir voller Eifer für'n Herrn Baron, Gnaden, haben sie betreten in aller Devotion, Gnaden!
um den Baron beschäftigt
MARIANNESo ein fescher Herr! So ein gross' Malheur, so ein schwerer Schlag, so ein Unglückstag!
anfangs sprachlos, schlägt nun die Hände überm Kopf zusammen und bricht aus
FANINALHerr Schwiegersohn! Wie ist Ihm denn? mein Herr und Heiland! Dass Ihm in mein' Palais das hat passieren müssen! Gelaufen um den Medikus! Geflogen! Meine zehn teuren Pferd' zu Tod gehetzt! ja hat denn niemand von meiner Livree dazwischenfahren mögen! Füttr' ich dafür ein Schock baumlange Lackeln, dass mir solche Schand' passieren muss in meinem neuchen Stadtpalais!
gegen Octavian hin
FANINALHätt' wohl von Euer Liebden eines andern Anstands mich versehn!
stöhnend
BARONOh! Ohl
abermals zu ihm hin
FANINALOh! um das schöne freiherrliche Blut, was auf den Boden rinnt! O pfui! So eine ordinäre Metzgerei!
BARONHab' halt so ein jung und hitzig Blut, ist nicht zum Stillen! Oh!
auf Octavian losgehend, verbissen
FANINALWar mir von Euer Liebden hochgräflichen Gegenwart allhier wahrhaftig einer andern Freud' gewärtig!
höflich
OCTAVIANEr muss mich pardonnieren. Bin ausser Massen sehr betrübt über den Vorfall. Bin aber ausser Schuld. Zu einer mehr gelegenen Zeit erfahren Euer Liebden wohl den Hergang aus Ihrer Fräulein Tochter Mund.
sich mühsam beherrschend
FANINALDa möcht' ich recht sehr bitten!
entschlossen
SOPHIEWie Sie befehlen, Vater. Werd' Ihnen alles sagen. Der Herr dort hat sich nicht so, wie er sollt', betragen.
zornig
FANINALEi, von wem red't Sie da? Von Ihrem Herrn Zukünft'gen? Ich will nicht hoffen, wär' mir keine Manier.
ruhig
Ist nicht der Fall. Seh' ihn mit nichten an dafür.
Der Arzt kommt, wird sogleich zum Baron geführt.
immer zorniger
FANINALSieht ihn nicht an?
SOPHIENicht mehr. Bitt' Sie dafür um gnädigen Pardon.
zuerst dumpf vor sich hin
FANINALSieht ihn nicht an. Nicht mehr. Mich um Pardon. Liegt dort gestochen
höhnisch
FANINALSteht bei ihr. Der Junge.
ausbrechend
FANINALBlamage. Mir auseinander meine Eh', alle Neidhammeln von der Wieden und der Leimgrub'n auf! in der Höh! Der Medikus! Stirbt mir womöglich.
auf Sophie zu in höchster Wut
FANINALSie heirat' ihn!
auf Octavian, indem der Respekt vor dem Grafen Rofrano seine Grobheit zu einer knirschenden Höflichkeit herabdämpft
FANINALMöcht Euer Liebden recht in aller Devotion gebeten haben, schleunig sich von hier zu retirieren und nimmer wieder zu erscheinen!
zu Sophie
FANINALHör' Sie mich! Sie heirat' ihn! Und wenn er sich verbluten tät', so heirat' Sie ihn als Toter!
Der Arzt zeigt durch eine beruhigende Gebärde, dass der Verwundete sich in keiner Gefahr befindet. Octavian sucht nach seinem Hut, der unter die Füsse der Dienerschaft geraten war. Eine Magd überreicht ihm knicksend den Hut. Faninal macht Octavian eine Verbeugung, übertrieben höflich, aber unzweideutig. Octavian muss wohl gehen, möchte aber gar züi gerne Sophie noch ein Wort sagen. Er erwidert zunächst Faninals Verbeugung durch ein gleich tiefes Kompliment.
beeilt sich das Folgende noch zu sagen, so lange Octavian es hören kann. Mit einer Reverenz
SOPHIEHeirat' den Herrn dort nicht lebendig und nicht tot! Sperr' mich zuvor in meine Kammer ein!
in Wut, und nachdem er abermals eine wütende Verbeugung gegen Octavian gemacht hat, die Octavian prompt erwidert
FANINALAh! Sperrst dich ein. Sind Leut' genug im Haus, die dich in Wagen tragen werden.
SOPHIESpring' aus dem Wagen noch, der mich zur Kirche führt!
mit dem gleichen Spiel zwischen ihr und Octavian, der immer einen Schritt gegen den Ausgang tut, aber von Sophie in diesem Augenblick nicht los kann
FANINALAh! Springst noch aus dem Wagen! Na, ich sitz' neben dir und werde dich schon halten!
mit einem neuen Knicks
SOPHIEGeb' halt dem Pfarrer am Altar Nein anstatt ja zur Antwort!
Der Haushofmeister indessen macht die Leute abtreten. Die Bühne leert sich. Nur die Lerchenauschen Leute bleiben bei ihrem Herrn zurück.
mit gleichem Spiel
FANINALAh! Gibst Nein anstatt ja zur Antwort. Ich steck'dich in ein Kloster stante pede! Marsch! Mir aus meinen Augen! Lieber heut als morgen! Auf Lebenszeit!
erschrocken
SOPHIEIch bitt' Sie um Pardon! Bin doch kein schlechtes Kind! Vergeben Sie mir nur dies eine Mal!
hält sich in Wut die Ohren zu
FANINALAuf Lebenszeit! Auf Lebenszeit!
schnell, halblaut
OCTAVIANSei Sie nur ruhig, Liebste, um alles! Sie hört von mir 1
Duenna stösst Octavian, sich zu entfernen.
FANINALAuf Lebenszeit!
zieht Sophie mit sich
DUENNASo geh' doch nur dem Vater aus den Augen!
zieht sie zur Türe hinaus, schliesst die Tür
eilt dem Baron entgegen
FANINALBin überglücklich! Muss Euer Liebden embrassieren!
dem bei der Umarmung der Arm wehgetan
BARONOh! Oh! Jesus, Marial
nach rechts hin in neuer Wut
FANINALLuderei! Ins Kloster!
nach der Mitteltür
FANINALEin Gefängnis! Auf Lebenszeit!
BARONIs gut! Is gut! Ein Schluck von was zu trinken!
FANINALEin Wein? Ein Bier? Ein Hippokras mit Ingwer?
macht eine ängstlich abwehrende Bewegung
jammernd
FANINALSo einen Herrn zurichten miserabel! In meinem Stadtpalais! Sie heirat' ihn um desto früher! Bin Manns genug'.
matt
BARONIs gut, is gut!
nach der Tür links, in aufflammender Wut
FANINALBin Manns genug!
zum Baron
FANINALKüss' Ihm die Hand für Seine Güt' und Nachsicht. Gehört all's Ihm im Haus. Ich lauf' - ich bring' Ihm -
nach links
FANINALein Kloster ist zu gut!
zum Baron
FANINALSei'n ausser Sorg'.
sehr devot
FANINALWeiss, was ich Satisfaktion Ihm schuldig bin.
Geht schnell ab. Desgleichen gehen Duenna und Mägde ab. Die beiden Italiener sind schon während des Obigen fortgeschlichen.
halb aufgerichtet
BARONDa lieg'ich! Was einem Kavalier nit all's passieren kann in dieser Wiener Stadt! Wär' nicht mein Gusto hier - da ist eins gar zu sehr in Gottes Hand, wär' lieber daheim!
Ein Diener ist aufgetreten, eine Kanne Weines zu servieren.
will trinken, da macht er eine Bewegung, die ihm Schmerzen verursacht
BARONOh! Oh! Der Satan! Oh! Oh! Sakermentsverfluchter Bub', nit trocken hinterm Ohr und fuchtelt mit 'n Spadi!
in immer grösserer Wut
BARONWällischer Hundsbub' das! Dich sollt' ich nur erwischen. In Hundezwinger sperr' ich dich ein, bei meiner Seel', in Hühnerstall! In Schweinekofen! Tät'dich kuranzen! Sollst alle Engel singen hör'n!
zu dem Faninalschen Diener
BARONSchenk' Er nur ein da, schnell!
gedämpft
LERCHENAUSCHENWenn ich dich erwisch', du liegst unterm Tisch. Wart, dich richt' ich zu, wällischer Filou!
Der Arzt schenkt ihm ein und präsentiert den Becher.
nachdem er getrunken, in allmählich besserer Laune
BARONUnd doch, muss lachen, wie sich so ein Loder mit seinen siebzehn Jahr die Welt imaginiert: meint, Gott weiss wie er mich kontreveniert. Haha! Umgekehrt ist auch gefahren! Möcht' um all's nicht, dass ich dem Mädel - sein rebellisch Aufbegehren nicht verspüret hätt'!
immer gemütlicher
BARONGibt auf der Welt nichts, was mich so enflammiert und also vehement verjüngt als wie ein rechter Trotz.
gedämpft
LERCHENAUSCHENWart', dich hau' i z'samm, wälfischer Filou! Wart', dich hau' i z'samm, dass dich Gott verdamm'!
zum Arzt gewandt
BARONHerr Medicus, verfüg' Er sich voraus! Mach'Er dasBett aus lauterFederbetten. Ich komm'. Erst aber trink' ich noch. Marschier' Er nur indessen.
Der Arzt geht ab mit dem Leiblakai. Annina ist durch den Vorsaal hereingekommen und schleicht sich verstohlen heran, einen Brief in der Hand.
vor sich leise, den zweiten Becher leerend
BARONEin Federbett. Zwei Stunden noch zu Tisch. Werd' Zeitlang haben. »Ohne mich, ohne mich, jeder Tag dir so bang, mit mir, mit mir keine Nacht dir zu lang. «
Annina stellt sich so, dass der Baron sie sehen muss und winkt ihm geheimnisvoll mit dem Brief.
BARONFür mich?
näher
ANNINAVon der Bewussten.
BARONWer soll damit gemeint sein?
ganz nahe
ANNTNANur eigenhändig, insgeheim zu übergeben.
BARONLuft da!
Die Diener treten zurück, nehmen den Faninalschen ohne weiteres die Weinkanne ab und trinken sie leer.
BARONZeig' Sie den Wisch!
reisst mit der Linken den Brief auf. Versucht ihn zu lesen, indem er ihn sehr weit von sich weghält.
BARONSuch' Sie in meiner Tasch meine Brillen.
misstrauisch, da sie sich dazu anschickt
BARONNein! Such' Sie nicht! Kann Sie Geschriebenes lesen? Da.
nimmt und liest
ANNINA»Herr Kavalier! Den morgigen Abend hätt' i frei. Sie ham mir schon g'fall'n, nur g'schamt hab' i mi vor der fürstli'n Gnade, weil i noch gar so jung bin. Das bewusste Mariandel, Kammerzofel und Verliebte. Wenn der Herr Kavalier den Nam' nit schon vergessen hat. I wart' auf Antwort. «
entzückt
BARONSie wart' auf Antwort. Geht all's recht am Schnürl so wie z'Haus und hat noch einen andern Schick dazu.
sehr lustig
BARONIch hab' halt schon einmal ein Ierchenauisch Glück. Komm' Sie nach Tisch, geb' Ihr die Antwort nachher schriftlich.
ANNINAGanz zu Befehl, Herr Kavalier. Vergessen nicht die Botin?
sie überhörend, vor sich
BARON»Ohne mich, ohne mich jeder Tag dir so lang. «
dringlicher
ANNINAVergessen nicht der Botin, Euer Gnad'n?
BARONSchon gut.» Mit mir, mit mir keine Nacht dir zu lang. «
macht nochmals eine Gebärde des Geldforderns
BARONDas später. Alls auf einmal. Dann zum Schluss. Sie wart' auf Antwort! Tret' Sie ab indessen. Schaff' Sie ein Schreibzeug in mein Zimmer hin dort drüben, dass ich die Antwort dann diktier'.
geht ab, nicht ohne mit einer drohenden Gebärde hinter des Barons Rücken angezeigt zu haben, dass sie sich bald für seinen Geiz rächen werde
tut noch einen letzten Schluck, er geht, von seinen Leuten begleitet, langsam und behaglich seinem Zimmer zu
BARON»Mit mir, mit mir keine Nacht dir zu lang! «
SYSTEMDRITTER AUFZUG
Ein Extrazimmer in einem Gasthaus. Im Hintergrunde links ein Alkoven, darin ein Bett. Der Alkoven durch einen Vorhang verschliessbar, der sich auf- und zuziehen lässt. Mitte links ein Kamin mit Feuer darin. Darüber ein Spiegel. Vorne links Türe ins Nebenzimmer. Gegenüber dem Kamin steht ein für zwei Personen gedeckter Tisch, auf diesem ein grosser, vielarmiger Leuchter. In der Mitte rückwärts Türe auf den Korridor. Daneben rechts ein Büfett. Rechts rückwärts ein blindes Fenster, vorne rechts ein Fenster auf die Gasse. Armleuchter mit Kerzen auf dem Büfett, auf dem Kamin sowie an den Wänden. Es brennt nur je eine Kerze in den Leuchtern auf dem Kamin. Das Zimmer halbdunkel. Annina steht da, als Dame in Trauer gekleidet. Valzacchi richtet ihr den Schleier, zupft da und dort das Kleid zurecht, tritt zurück, mustert sie, zieht einen Crayon aus der Tasche, untermalt ihr die Augen. Die Türe links wird vorsichtig geöffnet, ein Kopf erscheint, verschwindet wieder, dann kommt eine nicht ganz unbedenklich aussehende, aber ehrbar gekleidete Alte hereingeschlüpft, öffnet lautlos die Tür und lässt respektvoll Octavian eintreten, in Frauenkleidern, mit einem Häubchen, wie es die Bürgermädchen tragen.
Octavian, hinter ihm die Alte, gehen auf die beiden anderen zu, werden sogleich von Valzacchi bemerkt, der in seiner Arbeit innehält und sich vor Octavian verneigt. Annina erkennt nicht sofort den Verkleideten, sie kann sich vor Staunen nicht fassen, knickst dann tief. Octavian greift in die Tasche, nicht wie eine Dame, sondern wie ein Herr, und man sieht, dass er unter dem Reifrock Männerkleider und Reitstiefel anhat, aber ohne Sporen) und wirft Valzacchi eine Börse zu.
Valzacchi und Annina küssen ihm die Hände, Annina richtet noch an Octavians Brusttuch. Indessen sind fünf verdächtige Herren unter Vorsichtsmassregeln eingetreten. Valzacchi bedeutet sie mit einem Wink, zu warten. Sie stehen nahe der Türe. Eine Uhr schlägt halb. Valzacchi zieht seine Uhr, zeigt Octavian: es ist hohe Zeit. Octavian geht eilig links ab, gefolgt von der Alten, die als seine Begleiterin fungiert. Annina geht zum Spiegel (alles mit Vorsicht, jedes Geräusch vermeidend), arrangiert sich noch, zieht dann einen Zettel her-vor, woraus sie ihre Rolle zu lernen scheint. Valzacchi nimmt indessen dieVerdächtigen nach vorne, indem er mit Gebärde die Notwendigkeit höchster Vorsicht andeutet. Die Verdächtigen folgen ihm auf den Zehen nach der Mitte. Er bedeutet ihrer einem, ihm zu folgen: lautlos, ganz lautlos. Führt ihn an die Wand rechts, öffnet lautlos eine Falltür unfern des gedeckten Tisches, lässt den Mann hinabsteigen, schliesst wieder die Falltür. Dann winkt er zwei zu sich, schleicht ihnen voran bis an dieEingangstüre, steckt den Kopf heraus, vergewissert sich, dass niemand zusieht, winkt die zwei zu sich, lässt sie dort hinaus. Dann schliesst er die Türe, führt die beiden letzten leise an die Türe zum Nebenzimmer voran, schiebt sie hinaus. Winkt Annina zu sich, geht mit ihr leise links ab, die Türe lautlos hinter sich schliessend. Er kommt wieder herein, klatscht in die Hände. Der eine Versteckte hebt sich mit halbem Leib aus dem Boden hervor. Zugleich erscheinen über dem Bett und an anderen Stellen Köpfe. Auf Valzacchis Wink verschwinden dieselben ebenso plötzlich, die geheimen Schiebetüren schliessen sich ohne Geräusch. Valzacchi sieht abermals nach der Uhr, geht nach rückwärts, öffnet die Eingangstür, dann zieht er ein Feuerzeug hervor und beginnt eifrig, die Kerzen auf dem Tisch anzuzünden. Ein Kellner und ein Kellnerjunge kommen gelaufen mit zwei Stöcken zum Kerzenanzünden. Entzünden die Leuchter auf dem Kamin, auf dem Büfett, dann die zahlreichen Wandarme. Sie haben die Tür hinter sich offen gelassen, man hört aus dem Vorsaal (im Hintergrunde) Tanzmusik spielen. Valzacchi eilt zur Mitteltür, öffnet dienstbeflissen auch den zweiten Flügel, springt unter Verneigung zur Seite.
Baron Ochs erscheint, den Arm in der Schlinge, Octavian an der Linken führend, hinter ihm der Leiblakai. Baron mustert den Raum. Octavian sieht herum, läuft an den Spiegel, richtet sein Haar. Baron bemerkt den Kellner und Kellnerjungen, die noch mehr Kerzen anzünden wollen, winkt ihnen, sie sollten es sein lassen. In ihrem Eifer bemerken sie es nicht.
ungeduldig, reisst den Kellnerjungen vom Stuhl, auf den er gestiegen war, löscht einige ihm zunächst brennende Kerzen mit der Hand aus. Valzacchi zeigt dem Baron diskret den Alkoven und durch eine Spalte des Vorhanges das Bett. Der Wirt mit mehreren Kellnern eilt herbei, den vornehmen Gast zu begrüssen.
WIRTHaben Euer Gnaden noch weitre Befehle?
KELLNERBefehl'n mehr Lichter?
WIRTEin grösseres Zimmer?
KELLNERBefehlen mehr Lichter auf dem Tisch? Mehr Silber?
BARONVerschwindt's! Macht mir das Madel net verruckt! Was will die Musi? Hab' sie nicht bestellt.
löscht weitere Kerzen aus
WIRTSchaffen vielleicht, dass man sie näher hört? Im Vorsaal da als Tafelmusi.
BARONLass Er die Musi, wo sie ist.
bemerkt das Fenster rechts rückwärts im Rücken des gedeckten Tisches
BARONWas ist das für ein Fenster da?
WIRTEin blindes Fenster nur.
verneigt sich
WIRTDarf aufgetragen werd'n?
Alle fünf Kellner wollen abeilen.
BARONHalt, was woll'n die Maikäfer da?
an der Tür
KELLNERServier'n, Euer Gnaden.
winkt ab
BARONBrauch' niemand nicht.
als sie nicht gehen, heftig
BARONPackt's Euch! Servieren wird mein Kammerdiener da. Einschenken tu' ich selber. Versteht Er?
Valzacchi bedeutet sie, den Willen Seiner Gnaden wortlos zu respektieren. Schiebt alle zur Tür hinaus.
löscht aufs neue eine Anzahl Kerzen aus, darunter mit einiger Mühe die hoch an der Wand brennenden, zu Valzacchi
BARONEr ist ein braver Kerl. Wenn Er mir hilft, die Rechnung 'runterdrucken, dann fallt was ab für Ihn. Kost' sicher hier ein Martergeld.
Valzacchi unter Verneigung ab - Octavian ist nun fertig.
führt ihn zu Tisch, sie setzen sich
Der Lakai am Büfett sieht mit unverschämter Neugierde der Entwicklung des tête-à-tête entgegen, stellt Karaffen mit Wein vom Büfett auf den Esstisch. Baron schenkt ein. Octavian nippt. Baron küsst Octavian die Hand. Octavian entzieht ihm die Hand. Baron winkt den Lakaien abzugehen, muss es mehrmals wiederholen, bis die Lakaien endlich gehen.
schiebt sein Glas zurück
OCTAVIANNein, nein, nein, nein! I trink' kein Wein.
BARONGeh, Herzerl, was denn? Mach' doch keine Faxen. ,
OCTAVIANNein, nein, nein, nein, i bleib' net da.
springt auf, tut, als wenn er fort wollte
packt sie mit seiner Linken
BARONSie macht mich deschparat.
OCTAVIANIch weiss schon, was Sie glaubn. Oh, Sie schlimmer Herr!
sehr laut
BARONSaperdipix! Ich schwör' bei meinem Schutzpatron!
tut sehr erschrocken, läuft, als ob er sich irrte, statt zur Ausgangstür gegen den Alkoven, reisst den Vorhang auseinander, erblickt das Bett. Gerät in übermässiges Staunen, kommt ganz betroffen auf den Zehen zurück.
OCTAVIANJesus Maria, steht a Bett drin, a mordsmässig grosses. Ja mei, wer schlaft denn da?
führt ihn zurück an den Tisch
BARONDas wird Sie schon seh'n. jetzt komm' Sie. Setz' Sie sich schön. Kommt gleich wer mit'n Essen. Hat Sie denn keinen Hunger nicht?
legt ihr die Hand um die Taille
wirft dem Baron schmachtende Blicke zu
OCTAVIANO weh, wo Sie doch ein Bräutgam tun sein.
wehrt ihn ab
BARONAch, lass Sie schon einmal das fade Wort! Sie hat doch einen Kavalier vor sich und keinen Seifensieder: Ein Kavalier lässt alles, was ihm nicht konveniert, da draussen vor der Tür. Hier sitzt kein Bräutigam und keine Kammerjungfer nicht: Hier sitzt mit seiner Allerschönsten ein Verliebter beim Souper.
zieht sie an sich
lehnt sich kokett in den Sessel zurück, mit halbgeschlossenen Augen
erhebt sich, der Moment für den ersten Kuss scheint ihm gekommen. Wie sein Gesicht dem der Partnerin ganz nahe ist, durchzuckt ihn jäh die Ahnlichkeit mit Octavian. Er fährt zurück und greift unwillkürlich nach dem verwundeten Arm.
BARONIst e i n Gesicht! Verfluchter Bub! Verfolgt mich also wacher und im Traum!
öffnet die Augen und blickt ihn frech und kokett an
OCTAVIANWas meint Er denn?
BARONSiehst einem ähnlich, einem gottverfluchten Kerl!
OCTAVIANAh geh! Das hab' i no net g'hört!
nun wieder versichert, dass es die Zofe ist, zwingt sich zu einem Lächeln. Aber der Schreck ist ihm nicht ganz aus den Gliedern. Er muss Luft schöpfen und der Kuss bleibt aufgeschoben. Der Mann unter der Falltür öffnet zu früh und kommt zum Vorschein.
der ihm gegenübersitzt, winkt ihm eifrig, zu verschwinden. Der Mann verschwindet sofort. Baron, der, um den unangenehmen Eindruck von sich abzuschütteln, ein paar Schritte getan hat und sie von rückwärts umschlingen und küssen will, sieht gerade noch den Mann. Er erschrickt heftig, zeigt hin.
als verstände er nicht
OCTAVIANWas ist mit Ihm?
auf die Stelle deutend, wo die Erscheinung verschwunden ist
BARONWas war denn das? Hat Sie den nicht gesehn?
OCTAVIANDa is j a nix.
BARONDa is nix?
nun wieder ihr Gesicht angstvoll musternd
BARONSo? Und da is auch nix?
fährt mit der Hand über ihr Gesicht
OCTAVIANDa is mei' G'sicht.
atmet schwer, schenkt sich ein Glas Wein ein
BARONDa is Ihr G'sicht - und da is nix - mir scheint, ich hab' die Kongestion.
setzt sich schwer, es ist ihm ängstlich zumute. Die Tür geht auf, man hört draussen wieder die Musik. Der Lakai kommt und serviert.
sehr weich
OCTAVIANDie schöne Musi!
wieder sehr laut
BARONIs mei Leiblied, weiss Sie das?
horcht auf die Musik
OCTAVIANDa muss ma weinen.
BARONWas?
OCTAVIANWeil's gar so schön is.
BARONWas, weinen? Wär'nicht schlecht. Kreuzlustig muss Sie sein, die Musi geht ins Blut.
sentimental
BARONGspürt Sie's jetzt -
winkt dem Lakaien abzugehen
BARONauf die letzt, g'spürt Sie's dahier,
BARONdass Sie aus mir machen kann alles frei,
BARONwas Sie nur will.
geht zögernd ab, öffnet nochmals die Tür, schaut mit frecher Neugierde herein und verschwindet erst auf einen neuen heftigen Wink des Barons gänzlich
zurückgelehnt, wie zu sich selbst sprechend, mit unmässiger Traurigkeit
OCTAVIANEs is ja eh als eins, es is ja eh als eins, was ein Herz noch so jach begehrt.
indes der Baron ihre Hand fasst
OCTAVIANGeh', es is j a all's net drumi wert.
lässt ihre Hand fahren
BARONEi, wie denn? Is sehr wohl der Müh' wert.
immer gleich melancholisch, wirft dem Baron schmachtende Blicke zu
OCTAVIANWie die Stund' hingeht, wie der Wind verweht, so sind wir bald alle zwei dahin. Menschen sin'ma halt.
schmachtender Blick auf den Baron
Richtn's nicht mit G'walt, weint uns niemand nach, net dir net und net mir.
BARONMacht Sie der Wein leicht immer so? Is ganz g'wiss Ihr Mieder, das aufs Herzerl Ihr druckt.
mit geschlossenen Augen, gibt keine Antwort
steht auf und will ihr das Mieder aufschnüren
BARONjetzt wird's frei mir a bisserl heiss.
Schnell entschlossen nimmt er seine Perücke ab und sucht sich einen Platz, sie abzulegen. Indem erblickt er ein Gesicht, das sich wieder im Alkoven zeigt und ihn anstarrt. Das Gesicht verschwindet gleich wieder. Er sagt sich: Kongestionen! und verscheucht den Schrecken, muss sich aber doch die Stirne abwischen. Sieht nun wieder die Zofe willenlos wie mit gelösten Gliedern dasitzen. Das ist stärker als alles, und er nähert sich ihr zärtlich. Da meint er wieder das Gesicht Octavians ganz nahe dem seinigen zu erkennen, und er fährt abermals zurück. Mariandl rührt sich kaum. Abermals verscheucht der Baron sich den Schreck, zwingt Munterkeit in sein Gesicht zurück, da fällt sein Auge abermals auf einen fremden Kopf, welcher aus der Wand hervorstarrt. Nun ist er masslos geängstigt, er schreit dumpf auf, ergreift die Tischglocke und schwingt sie wie rasend.
BARONDa und da und da und da!
Plötzlich springt das angeblich blinde Fenster auf. Annina in schwarzer Trauerkleidung erscheint und zeigt mit ausgestreckten Armen auf den Baron.
ausser sich vor Angst
BARONDa und da und da und da!
sucht sich den Rücken zu decken
ANNINAEr ist es! Es ist mein Mann! Er ist's!
verschwindet
angstvoll
BARONWas ist denn das?
OCTAVIANDas Zimmer ist verhext.
schlägt ein Kreuz
gefolgt von dem Intriganten, der sie scheinbar abzuhalten sucht, vom Wirt und von drei Kellnern, stürzt zur Mitteltür herein,- sie bedient sich des böhmisch-deutschen Akzents, aber gebildeter Sprechweise.
ANNINAEs ist mein Mann, ich leg' Beschlag auf ihn! Gott ist mein Zeuge, Sie sind meine Zeugen! Gericht! Hohe Obrigkeit! Die Kaiserin muss ihn mir wieder geben!
zum Wirt
BARONWas will das Weibsbild da von mir, Herr Wirt! Was will der dort und der und der und der?
zeigt nach allen Richtungen
BARONDer Teufel frequentier' Sein gottverfluchtes Extrazimmer!
ANNINAEr wagt mich zu verleugnen, ah! Tut, als ob er mich nicht täte kennen!
hat sich eine kalte Kompresse auf den Kopf gelegt, hält sie mit der Linken fest, geht dann dicht auf die Kellner, den Wirt, zuletzt auf Annina zu, mustert sie ganz scharf, um sich über ihre Realität klar zu werden
BARONIst auch lebendig!
wirft die Kompresse weg. Sehr bestimmt
BARONIch hab', wahrhaftigen Gott, das Möbel nie gesehn!
zum Wirt
BARONDebarassier' Er mich und lass' Er fortservier'n! Ich hab' Sein Beisl heut zum letztenmal betreten.
als entdeckte sie jetzt erst die Gegenwart Octavians
ANNINAAh! Es ist wahr, was mir berichtet wurde, er will ein zweites Mal heiraten, der Infame, ein zweites unschuldiges Mädchen, so wie ich es war!
erschrocken
KELLNEROh, Euer Gnaden!
BARONBin ich in einem Narrenturm? Kreuzelement!
schüttelt kräftig mit der Linken Valzacchi, der ihm zunächst steht
BARONBin ich der Baron von Lerchenau oder bin ich es nicht? Bin ich bei mir?
fährt mit dem Finger ins Licht
BARONIs das, ein Kerzl?
schlägt mit der Serviette durch die Luft
BARONIs das ein Serviettl?
ANNINAJa, j a, du bist es und so wahr, als du es bist, bin ich es auch und du erkennst mich wohl, Leupold bedenk': Anton von Lerchenau, dort oben richtet dich ein Höherer!
erschrickt zuerst heftig, dass sie in ihrer Anrede unterbrochen wird, fasst sich aber schnell
starrt sie fassungslos an
BARONKommt mir bekannt vor.
sieht wieder auf Octavian
BARONHab'n doppelte Gesichter alle miteinander.
WIRTDie arme Frau Baronin!
KELLNERDie arme Frau, die arme Frau Baronin!
zwischen vier und zehn Jahren stürzen zu früh herein und auf den Baron zu
KINDERPapa! Papa! Papa!
ANNINAHörst du die Stimme deines Blutes!? Kinder, hebt die Hände auf zu ihm!
schlägt wütend mit einer Serviette, die er vom Tisch reisst, nach den Kindern; zum Wirt
BARONDebarassier' Er mich von denen da, von der, von dem, von dem, von dem!
zeigt nach allen Richtungen. Valzaechi indessen zu Octavian leise
zu Valzacchi
OCTAVIANIst gleich wer fort, den Faninal zu holen?
leise
VALZACCHISogleich in Anfang. Wird sogleich zur Stelle sein.
im Rücken des Barons leise
WIRTHalten zu Gnaden, gehen nit zu weit, könnten recht böse Folgen g'spürenl Bitterböse!
BARONWas? ich was g'spür'n? Von dem Möbel da? Hab's nie nicht angerührt, nicht mit der Feuerzang'!
schreit laut auf
ANNINAAah!
wie oben
WIRTDie Bigamie ist halt kein G'spass, is ein Kapitalverbrechen!
zum Baron leise
VALZACCHIIk rat' Euer Gnaden, sei'n vorsiktig, die Sittenpolizei sein gar nicht tolerant!
BARONDie Bigamie? Die Sittenpolizei?
die Stimmen der Kinder nachahmend
BARONPapa, Papa?
greift sich wie verloren an den Kopf, dann wütend
BARONSchmeiss' Er hinaus das Trauerpferd! Wer? Was? Er will nicht? Was? Polizei! Die Lackln woll'n nicht? Spielt das Gelichter leicht alles unter einem Leder? Sein wir in Frankreich? Sein wir unter Kurutzen? Oder in kaiserlicher Hauptstadt?
reisst das Gassenfenster auf
BARONPolizei! Herauf da, Polizei: Gilt Ordnung herzustellen und einer Standsperson zu Hilf' zu eilen!
Man hört auf der Gasse laute Rufe nach der Polizei.
jammernd
WIRTMein renommiertes Haus! Das muss mein Haus erleben!
plärrend
KINDERPapa! Papa! Papa!
Kommissarius mit zwei Wächtern treten auf. Alles rangiert sich, ihnen Platz zu machen.
zu Octavian
VALZACCHIOh weh, was maken wir?
OCTAVIANVerlass' Er sich auf mich und lass Er's gehn, wie's geht.
VALZACCHIZu Euer Exzellenz Befehl!
scharf
KOMMISSARIUSHalt! Keiner rührt sich! Was ist los? Wer hat um Hilf' geschrien? Wer hat Skandal gemacht?
auf ihn zu, mit der Sicherheit des grossen Herrn
BARONIs all's in Ordnung jetzt. Bin mit Ihm wohl zufrieden. Hab' gleich erhofft, dass in Wien all's wie am Schnürl geht.
vergnügt
BARONSchaff' Er das Pack mir vom Hals. Ich will in Ruh' soupieren.
KOMMISSARIUSWer ist der Herr? Was gibt dem Herrn Befugnis? Ist Er der Wirt?
Baron sperrt den Mund auf
scharf
KOMMISSARIUSDann halt' Er sich gefällig still und wart' Er, bis man Ihn vernehmen wird.
retiriert sich etwas, perplex, beginnt nach seiner Perücke zu suchen, die in dem Tumult abhanden gekommen ist und unauffindbar bleibt
setzt sich, die zwei Wächter nehmen hinter ihm Stellung
KOMMISSARIUSWo ist der Wirt?
devot
WIRTMich dem Herrn Oberkommissarius schönstens zu rekommandieren.
KOMMISSARIUSDie Wirtschaft da rekommandiert Ihn schlecht. Bericht' Er jetzt! Von Anfang!
WIRTHerr Kommissar! Der Herr Baron -
KOMMISSARIUSDer grosse Dicke da? Wo hat er sein Paruckl?
der die ganze Zeit gesucht hat
BARONUm das frag' ich Ihn!
WIRTDas ist der Herr Baron von Lerchenau!
KOMMISSARIUSGenügt nicht.
BARONWas?
KOMMISSARIUSHat Er Personen nahebei, die für Ihn Zeugnis geben?
BARONGleich bei der Hand! Da hier mein Sekretär, ein Italiener.
wechselt mit Octavian einen Blick des Einverständnisses
VALZACCIIIIk exkusier' mik. lk weiss nix. Die Herr kann sein Baron, kann sein auch nit. Ik weiss von nix.
ausser sich
BARONDas ist doch stark, wällisches Luder, falsches!
zum Baron, scharf
KOMMISSARIUSFürs erste moderier' Er sich.
der bis jetzt ruhig rechts gestanden, tut nun, als ob er, in Verzweiflung hin und her irrend, den Ausweg nicht fände und das Fenster für eine Ausgangstür hält
OCTAVIANOh mein Gott, in die Erd'n möcht' ich sinken! Heilige Mutter von Maria Taferl!
KOMMISSARIUSWer ist dort die junge Person?
BARONDie? Niemand. Sie steht unter meiner Protektion!
KOMMISSARIUSEr selber wird bald eine Protektion sehr nötig haben. Wer ist das junge Ding, was macht Sie hier?
blickt um sich
KOMMISSARIUSIch will nicht hoffen, dass Er ein gottverdammter Debauchierer und Verführer ist! Da könnt's Ihm schlecht ergehn. Wie kommt Er zu dem Mädel? Antwort will ich.
OCTAVIANI geh' ins Wasser!
rennt gegen den Alkoven, wie um zu flüchten, reisst den Vorhang auf, so dass man das Bett friedlich beleuchtet dastehen sieht
erhebt sich
KOMMISSARIUSHerr Wirt, was seh' ich da? Was für ein Handwerk treibt denn Er?
verlegen
WIRTWenn ich Personen von Stand zum Speisen oder Nachtmahl hab' -
KOMMISSARIUSHalt' Er den Mund. Ihn nehm' ich später vor.
zum Baron
KOMMISSARIUSJetzt zähl' ich noch bis drei, dann will ich wissen, wie Er da zu dem jungen Bürgermädchen kommt! Ich will nicht hoffen, dass Er sich einer falschen Aussag' wird unterfangen.
Wirt und Valzacchi deuten dem Baron durch Gebärden die Gefährlichkeit der Situation und die Wichtigkeit seiner Aussage an.
winkt ihnen mit grosser Sicherheit, sich auf ihn zu verlassen, er sei kein heuriger Has
BARONWird wohl kein Anstand sein bei ihm, Herr Kommissar, wenn eine Standsperson mit seiner ihm verlobten Braut um neune abends ein Souper einnehmen tut.
blickt um sich, die Wirkung seiner schlauen Aussage abzuwarten
KOMMISSARIUSDas wäre Seine Braut? Geb' Er den Namen an vom Vater und 's Logis. Wenn Seine Angab' stimmt, mag Er sich mit der Jungfer retirieren.
BARONIch bin wahrhaftig nicht gewohnt, in dieser Weise -
scharf
KOMMISSARIUSMach' Er sein Aussag' oder ich zieh' andere Saiten auf.
BARONWerd' nicht mankieren. Is die Jungfer Faninal Sophia Anna Barbara, eheliche Tochter des wohlgeborenen Herrn von Faninal, wohnhaft im »Hof« im eignen Palais.
An der Tür haben sich Gasthofpersonal, andere Gäste, auch einige der Musiker aus dem anderen Zimmer neugierig angesammelt. Herr von Faninal drängt sich durch sie durch, eilig aufgeregt in Hut und Mantel.
FANINALZur Stelle! Was wird von mir gewünscht?
auf den Baron zu
FANINALWie sieht Er aus? War mir vermutend nicht zu dieser Stunde, in ein gemeines Beisl depeschiert zu werden!
sehr erstaunt und unangenehm berührt
BARONWer hat Ihn hierher depeschiert? In Dreiteufels Namen?
halblaut zu ihm
FANINALWas soll mir die saudumme Frag', Herr Schwiegersohn? Wo Er mir schier die Tür einrennen lässt mit Botschaft, ich soll sehr schnell herbei und Ihm in einer üblen Lage soutenieren, in die Er unverschuldeterweise geraten ist!
greift sich an den Kopf
KOMMISSARIUSWer ist der Herr? Was schafft der Herr mit Ihm?
BARONNichts von Bedeutung. Ist bloss ein Bekannter, hält sich per Zufall hier im Gasthaus auf.
KOMMISSARIUSDer Herr geb' Seinen Namen an!
FANINALIch bin der Edle von Faninal.
KOMMISSARIUSSomit ist dies der Vater -
stellt sich dazwischen, deckt Octavian vor Faninals Blick, eifrig
BARONBeileib' gar nicht die Spur. Ist ein Verwandter, ein Bruder, ein Neveu! Der wirkliche ist noch einmal so dick!
sehr erstaunt
FANINALWas geht hier vor? Wie sieht Er aus? Ich bin der Vater, freilich!
will ihn forthaben
BARONDas Weitre findet sich, verzieh' Er sich.
FANINALIch muss schon bitten -
wütend
BARONFahr' Er heim in Teufels Namen.
immer ärgerlich
FANINALMein Nam' und Ehr' in einen solchen Händel zu melieren, Herr Schwiegersohn!
versucht ihm den Mund zuzuhalten, zum Kommissarius
BARONIst eine idée fixe! Benennt mich also nur im G'spass!
KOMMISSARIUSJa, ja, genügt schon.
zu Faninal
KOMMISSARIUSEr erkennt demnach in diesem Herrn hier Seinen Schwiegersohn?
FANINALSehr wohl! Wie sollt' ich ihn nicht erkennen? Leicht, weil er keine Haar nicht hat?
zum Baron
KOMMISSARIUSUnd Er erkennt nunmehr wohl auch in diesem Herrn wohl oder übel Seinen Schwiegervater?
nimmt den Leuchter vom Tisch, beleuchtet sich Faninal genau
BARONSo so, Iala! ja, ja, wird schon derselbe sein. War heut den ganzen Abend gar nicht recht beinand', kann meinen Augen heut nicht traun. Muss Ihm sagen, liegt hier was in der Luft, man kriegt die Kongestion davon.
zu Faninal
KOMMISSARIUSDagegen wird von Ihm die Vaterschaft zu dieser Ihm verbatim zugeschobenen Tochter geleugnet.
bemerkt jetzt erst Octavian
FANINALMeine Tochter? Da der Fetzen, gibt sich für meine Tochter aus?
gezwungen lächelnd
BARONIm Gspass! Ein purer Missverstand! Der Wirt hat dem Herrn Kommissarius da was vorerzählt von meiner Brautschaft mit der Faninalischen.
aufgeregt
WIRTKein Wort! Kein Wort! Herr Kommissarius! Laut eigner Aussag' -
ausser sich
FANINALDas Welbsbild arretieren! Kommt am Pranger! Wird ausgepeitscht! Wird eingekastelt in ein Kloster! Ich - ich -
BARONFahr' Er nach Haus. Auf morgen in der Früh'! Ich klär' Ihm alles auf. Er weiss, was Er mir schuldig ist!
ausser sich vor Wut
FANINALLaut eignerAussag'
einige Schritte nach rückwärts
FANINALMeine Tochter soll herauf! Sitzt unten in der Tragchaise. Im Galopp herauf!
wieder auf den Baron losstürzend
FANINALDas zahlt Er teuer! Bring' Ihn vors Gericht!
BARONJetzt macht Er einen rechten Palawatsch für nichts und wieder nichts! Ein Kavalier braucht ein Rossgeduld, Sein Schwiegersohn zu sein. - Parole d'honneur! Ich will mei' Perücke! -
schüttelt den Wirt
BARONMei' Perücke will ich sehn!
Im wilden Herumfahren, um die Perücke zu suchen, fasst er einige der Kinder an und stösst sie zur Seite.
automatisch
KINDERPapa! Papa! Papa!
fährt zurück
FANINALWas ist denn das?
im Suchen findet er wenigstens seinen Hut, schlägt mit dem Hut nach den Kindern
BARONGar nix, ein Schwindel! Kenn' nit das Bagagi! Sie sagt, dass sie verheirat' war mit mir. Käm' zu der Schand', so wie der Pontius ins Credo!
kommt im Mantel eilig herein, man macht ihr Platz. An der Tür sieht man die Faninalschen Bedienten, jeder eine Tragstange der Sänfte haltend. Baron sucht die Kahlheit seines Kopfes vor Sophie mit dem Hut zu beschatten
indes Sophie auf ihren Vater zugeht, dumpf
VIELE STIMMENDie Braut. Oh, was für ein Skandal!
zu Sophie
FANINALDa schau' dich um! Da hast du den Herrn Bräutigam! Da die Famili von dem saubern Herrn! Die Frau mitsamt die Kinder! Da das Weibsbild g'hört linker Hand dazu. Nein, das bist du, laut eigner Aussag', du! Möcht'st in die Erd'n sinken, was? Ich auch!
freudig aufatmend
SOPHIEBin herzensfroh, seh' ihn mit nichten an dafür.
FANINALSieht ihn nicht an dafür! Sieht ihn nicht an dafür!
immer verzweifelter
FANINALMein schöner Nam'! Ich trau' mi' nimmer übern Graben! Kein Hund nimmt mehr ein Stück'l Brot von mir.
Er ist dem Weinen nahe.
DUMPFE STIMMENDer Skandal! Der Skandal! Für Herrn von Faninal!
FANINALDie ganze Wiener Stadt! Die schwarze Zeitung! Da! Aus dem Keller! Aus der Luft! Die ganze Wiener Stadt!
auf den Baron zu, mit geballter Faust
FANINALOh, Er Filou! Mir wird nicht gut! Ein' Sessel!
Bediente springen hinzu, fangen ihn auf. Zwei desgleichen haben vorher ihre Stange einem der Hintenstehenden zugeworfen. Sophie ist angstvoll um ihn bemüht. Wirt springt gleichfalls hinzu. Sie nehmen ihn auf und tragen ihn ins Nebenzimmer. Mehrere Kellner den Weg weisend, die Türe öffnend voran. Baron wird in diesem Augenblick seiner Perücke ansichtig, die wie durch Zauberhand wieder zum Vorschein gekommen ist, stürzt darauf los, stülpt sie sich auf und gibt ihr vor dem Spiegel den richtigen Sitz. Mit dieser Veränderung gewinnt er seine Haltung so ziemlich wieder, begnügt sich aber, Annina und den Kindern, deren Gegenwart ihm trotz allem nicht geheuer ist, den Rücken zu kehren. Hinter Herrn von Faninal und seiner Begleitung hat sich die Türe links geschlossen. Wirt und Kellner kommen bald darauf leise wieder heraus, holen Medikamente, Karaffen mit Wasser und anderes, das in die Tür getragen und von Sophie in der Türspalte übernommen wird.
nunmehr mit dem alten Selbstgefühl auf den Kommissarius zu
BARONSind desto ehr im klaren. Ich zahl', ich geh'!
zu Octavian
BARONIch führ' Sie jetzt nach Haus.
KOMMISSARIUSDa irrt Er sich. Mit Ihm jetzt weiter im Verhör!
Auf den Wink des Kommissarius entfernen die beiden Wächter alle übrigen Personen aus dem Zimmer, nur Annina mit den Kindern bleibt an der linken Wand stehen.
BARONLass'Er's jetzt gut sein. War ein G'spass. Ich sag' Ihm später, wer das Mädel is! Geb' Ihm mein Wort, ich heirat' sie wahrscheinlich auch einmal. Da hinten dort, das Klumpret is schon stad. Da sieht Er, wer ich bin und wer ich nicht bin.
macht Miene, Octavian abzuführen
macht sich los
OCTAVIANI geh' nit mit dem Herrn.
halblaut
BARONI heirat' Sie, verhält Sie sich mit mir. Sie wird noch Frau Baronin, so gut gefallt Sie mir!
gesprochen
OCTAVIANHerr Kommissar, ich geb' was zu Protokoll, aber der Herr Baron darf nicht zuhör'n dabei.
Auf den Wink des Kommissarius drängen die beiden Wächter den Baron nach vorne rechts. Octavian scheint dem Kommissarius etwas zu melden, was diesen sehr überrascht.
zu den Wächtern, familiär, halblaut, auf Annina hindeutend
BARONKenn' nicht das Weibsbild dort, auf Ehr'. War grad' beim Essen! Hab' keine Ahnung, was es will. Hätt' sonst nicht selber um die Polizei -
Der Kommissarius begleitet Octavian bis an den Alkoven. Octavian verschwindet hinter dem Vorhang. Der Kommissarius scheint sich zu amüsieren und ist den Spalten des Vorhanges ungenierterweise nahe.
bemerkt die Heiterkeit des Kommissarius, plötzlich sehr aufgeregt über den unerklärlichen Vorfall
BARONWas g'schieht denn dort? Ist wohl nicht möglich das? Der Lackl! Das heisst Ihr Sittenpolizei? Ist eine Jungfer!
er ist schwer zu halten
BARONSteht unter meiner Protektion! Beschwer' mich! Hab' ein Wörtel drein zu reden!
Reisst sich los, will gegen das Bett hin. Sie fangen und halten ihn wieder. Aus dein Alkoven erscheinen Stück für Stück die Kleider der Mariandel. Der Kommissarius macht ein Bündel daraus.
immer aufgeregt, ringt, seine beiden Wächter los zu werden
BARONMuss jetzt partout zu ihr!
Sie halten ihn mühsam, während Octavians Kopf aus einer Spalte des Vorhangs hervorsieht.
hereinstürmend
WIRTIhre hochfürstliche Gnaden, die Frau Fürstin Feldmarschall!
Kellner herein, reissen die Türe auf. Zuerst werden einige Menschen in der Marschallin Livree sichtbar, sie rangieren sich, Marschallin tritt ein, der kleine Neger trägt ihre Schleppe.
hat sich von den Wächtern losgerissen, wischt sich den Schweiss von der Stirne, eilt auf die Marschallin zu
BARONBin glücklich über Massen, hab' die Gnad' kaum meritiert, schätz' Dero Gegenwart hier als ein Freundstück ohnegleichen.
steckt den Kopf zwischen dem Vorhang hervor
OCTAVIANMarie Theres', wie kommt Sie her?
Marschallin regungslos, antwortet nicht, sieht sich fragend um
auf die Fürstin zu, in dienstlicher Haltung
KOMMISSARIUSFürstliche Gnaden, melde mich gehorsamst als Vorstands-Unterkommissarius.
BARONEr sieht, Herr Kommisar, die Durchlaucht haben selber sich bemüht. Ich denk', Er weiss, woran Er ist.
Leiblakai auf den Baron zu, stolz und selbstzufrieden. Baron winkt ihm als Zeichen seiner Zufriedenheit.
zum Kommissar
MARSCHALLINEr kennt mich? Kenn' ich Ihn nicht auch? Mir scheint beinah'.
KOMMISSARIUSSehr wohl!
MARSCHALLINDem Herrn Feldmarschall sein' brave Ordonnanz gewest?
KOMMISSARIUSFürstliche Gnaden, zu Befehl!
Octavian steckt abermals den Kopf zwischen den Vorhängen hervor.
winkt ihm heftig, zu verschwinden, ist zugleich ängstlich bemüht, dass die Marschallin nichts merke. Halblaut
BARONBleib' Sie, zum Sakra, hinten dort!
Dann hört er, wie sich Schritte der Tür links vorne nähern; stürzt hin, stellt sich mit dem Rücken gegen die Türe, durch verbindliche Gebärden gegen die Marschallin bestrebt, seinem Gehaben den Schein völliger Unbefangenheit zu geben.
kommt gegen links, mit zuwartender Miene den Baron anblickend
in Männerkleidung, tritt zwischen den Vorhängen hervor, sobald der Baron ihm den Rücken kehrt; halblaut
OCTAVIANWar anders abgemacht! Marie Theres', ich wunder' mich!
als hörte sie ihn nicht, hat fortwährend den verbindlich erwartungsvollen Blick auf den Baron gerichtet, der in äusserster Verlegenheit zwischen der Tür und der Marschallin seine Aufmerksamkeit teilt. Die Tür links wird mit Kraft geöffnet, so dass der Baron, der vergebens versucht hatte, sich dagegen zu stemmen, wütend zurückzutreten genötigt ist. Zwei Faninalsche Diener lassen jetzt Sophie eintreten.
ohne die Marschallin zu sehen, die ihr durch den Baron verdeckt ist
SOPHIEHab' ihm von mei'm Herrn Vater zu vermelden:
ihr ins Wort fallend, halblaut
BARONIs jetzo nicht die Zeit, Kreuzelement! Kann Sie nicht warten, bis dass man Ihr rufen wird? Meint Sie, dass ich Sie hier im Beisl präsentieren werd'?
ist leise hervorgetreten, zur Marschallin, halblaut
OCTAVIANDas ist die Fräulein - die - um derentwillen -
über die Schulter zu Octavian halblaut
MARSCHALLINFind'Ihn ein bissl empressiert, Rofrano. Kann mir wohl denken, wer sie ist. Find' sie scharmant.
Octavian schlüpft zwischen die Vorhänge zurück.
den Rücken gegen die Türe, so scharf, dass der Baron unwillkürlich einen Schritt zurückweicht
SOPHIEEr wird mich keinem Menschen auf der Welt nicht präsentieren, dieweilen ich mit Ihm auch nicht so viel zu schaffen hab.
Die Marschallin spricht leise mit dem Kommissar.
SOPHIEUnd mein Herr Vater lasst Ihm sagen: wenn Er alsoweit die Frechheit sollte treiben, dass man Seine Nasen nur erblicken tät' auf hundert Schritt von unserm Stadtpalais, so hätt' Er sich die bösen Folgen selber zuzuschreiben. Das ist's, was mein Herr Vater Ihm vermelden lässt.
zornig
BARONCorpo di Bacco! Was ist das für eine ungezogene Sprache!
SOPHIEDie Ihm gebührt.
ausser sich, will an ihr vorbei, zur Tür hinein
BARONHe, Faninal, ich muss -
SOPHIEEr untersteh' sich nichtl
Die zwei Faninalschen Diener treten hervor, halten ihn auf, schieben ihn zurück, Sophie tritt in die Tür, die sich hinter ihr schliesst.
gegen die Tür brüllend
BARONBin willens, alles Vorgefall'ne vergeben und vergessen sein zu lassen1
ist von rückwärts an den Baron herangetreten und klopft ihm auf die Schulter
MARSCHALLINLass' Er nur gut sein und verschwind' Er auf eins zwei!
dreht sich um, starrt sie an
BARONWieso denn?
munter, überlegen
MARSCHALLINWahr' Er sein Dignité und fahr' Er ab.
sprachlos
BARONIch? Was?
MARSCHALLINMach' Er bonne mine au mauvais jeu: So bleibt Er quasi doch noch eine Standsperson.
starrt sie stumm an. Sophie tritt leise wieder heraus. Ihre Augen suchen Oetavian.
zum Kommissar, der hinten rechts steht, desgleichen seine Wächter
MARSCHALLINEr sieht, Herr Kommissar: das Ganze war halt eine Farce und weiter nichts.
KOMMISSARIUSGenügt mir! Retirier' mich ganz gehorsainst.
tritt ab, die beiden Wächter hinter ihm
vor sich, erschrocken
SOPHIEDas Ganze war halt eine Farce und weiter nichts.
Die Blicke der beiden Frauen begegnen sich, Sophie macht der Marschallin einen verlegenen Knicks.
zwischen Sophie und der Marschallin stehend
BARONBin gar nicht willens.
ungeduldig, stampft auf
MARSCHALLINMon Cousin, bedeut' Er Ihm!
kehrt dem Baron den Rücken
geht von rückwärts auf den Baron zu, sehr männlich
OCTAVIANMöcht' Ihn sehr bitten!
fährt herum
BARONWer? Was?
von rechts, wo sie nun steht
MARSCHALLINSein' Gnaden, der Herr Graf Rofrano, wer denn sonst?
nachdem er Octavians Gesicht scharf und in der Nähe betrachtet, mit Resignation
BARONIs schon a so!
vor sich
BARONHab' g'nug von dem Gesicht, sind doch nicht meine Augen schuld. Is schon ein Mandl.
Octavian steht frech und hochmütig da.
einen Schritt nähertretend
MARSCHALLINIst eine wienerische Maskerad' und weiter nichts.
halb traurig, halb höhnisch für sich
SOPHIEIs eine wienerische Maskerad' und weiter nichts.
sehr vor den Kopf geschlagen
BARONAha!
für sich
BARONSpiel'n alle unter einem Leder gegen meiner!
von oben herab
MARSCHALLINIch hätt' Ihm nicht gewunschen, dass Er mein Mariandl in der Wirklichkeit mir hätte debauchiert!
wie oben, vor sich hin sinnierend
wie oben und ohne Octavian anzusehen
MARSCHALLINHab' jetzt einen montierten Kopf gegen die Männer -so ganz im allgemeinen!
allmählich der Situation beikommend
BARONKreuzelement! Komm' aus dem Staunen nicht heraus!
BARONDer Feldmarschall - Octavian - Mariandl - die Marschallin - Octavian.
mit einem ausgiebigen Blick, der von der Marschallin zu Octavian, von Octavian wieder zurück zur Marschallin wandert
BARONWeiss bereits nicht, was ich von diesem ganzen qui-pro-quo mir denken soll!
mit einem langen Blick, dann mit grosser Sicherheit
MARSCHALLINEr ist, mein' ich, ein Kavalier? Da wird Er sich halt gar nichts denken. Das ist's, was ich von Ihm erwart'.
Pause
mit Verneigung und weltmännisch
BARONBin von so viel Finesse charmiert, kann gar nicht sagen, wie. Ein Lerchenauer war noch nie kein Spielverderber nicht.
einen Schritt an sie herantretend
BARONFind' deliziös das ganze qui-pro-quo, bedarf aber dafür nunmehro Ihrer Protektion. Bin willens, alles Vorgefallene vergeben und vergessen sein zu lassen.
Pause
BARONEh bien, darf ich den Faninal -
Er macht Miene, an die Türe links zu gehen.
MARSCHALLINEr darf - Er darf in aller Still' sich retirieren.
aus allen Himmeln gefallen
MARSCHALLINVersteht Er nicht, wenn eine Sach' ein End' hat? Die ganze Brautschaft und Affär' und alles sonst. Was drum und dran hängt,
sehr bestimmt
MARSCHALLINist mit dieser Stund' vorbei.
sehr betreten, für sich
SOPHIEWas drum und dran hängt, ist mit dieser Stund' vorbei.
für sich, empört, halblaut
BARONMit dieser Stund' vorbei! Mit dieser Stund' vorbei!
scheint sich nach einem Stuhl umzusehen, Octavian springt hin, gibt ihr einen Stuhl. Marschallin setzt sich rechts, mit Bedeutung für sich
MARSCHALLINIst halt vorbei.
links vor sich, blass
SOPHIEIst halt vorbei!
Baron findet sich durchaus nicht in diese Wendung, rollt verlegen und aufgebracht die Augen. In diesem Augenblick kommt der Mann aus der Falltür hervor. Von links tritt Valzacchi ein, die Verdächtigen in bescheidener Haltung hinter ihm. Annina nimmt Witwenhaube und Schleier ab, wischt sich die Schminke weg und zeigt ihr gewöhnliches Gesicht. Dies alles zu immer gesteigertem Staunen des Barons. Der Wirt, eine lange Rechnung in der Hand, tritt zur Mitteltüre herein, hinter ihm Kellner ' Musikanten, Hausknechte, Kutscher.
wie er sie alle erblickt, gibt er sein Spiel verloren. Ruft schnell entschlossen
BARONLeupold, wir gehn!
Macht der Marschallin ein tiefes, aber zorniges Kompliment. Leiblakai ergreift einen Leuchter vom Tisch und will seinem Herrn voran.
stellt sich frech dem Baron in den Weg
ANNINA»Ich hab' halt schon einmal ein Lerchenauisch Glück! «
auf die Rechnung des Wirtes deutend
ANNINA»Komm' Sie nach Tisch, geb' Ihr die Antwort nachher schriftlich! «
Die Kinder kommen dem Baron unter die Füsse. Er schlägt mit dem Hut unter sie.
KINDERPapa! Papa! Papa!
sich zuerst an den Baron drängend
KELLNEREntschuld'gen Euer Gnaden! Uns gehn die Kerzen an!
sich mit der Rechnung vordrängend
WIRTEntschuld'gen Euer Gnaden!
vor dem Baron her nach rückwärts tanzend
ANNINA»Ich hab' halt schon einmal ein Lerchenauisch Glück! «
höhnisch
VALZACCHIIch hab' halt schon einmal ein Lerchenauisch Glück! «
sich dem Baron in den Weg stellend
MUSIKANTENTafelmusik über zwei Stunden!
bahnt sich den Weg gegen die Tür hin
will hinter ihm durch
auf den Baron eindringend
KUTSCHERFür die Fuhr', für die Fuhr', Rösser g'schund'n ham ma gnua!
den Baron grob anrempelnd
HAUSKNECHTSö fürs Aufsperrn, Sö, Herr Baron!
immer die Rechnung präsentierend
WIRTEntschuld'gen Euer Gnaden.
KELLNERZwei Schock Kerzen, uns gehn die Kerzen an.
im Gedränge
BARONPlatz da, Kreuzmillion.
KINDERPapa! Papa! Papa!
schreien wild durcheinander
drängt sich mit Macht durch gegen die Ausgangstür, alle dicht um ihn in einem Knäuel
HAUSKNECHTFühra g'fahr'n, aussa g'ruckt, Sö, Herr Baron!
sind schon in der Tür, dem Lakai wird der Armleuchter entwunden
stürzt ab
stürmen ihm nach, der Lärm verhallt. Die zwei Faninalschen Diener sind indessen links abgetreten. Es bleiben allein zurück: Sophie, die Marschallin und Octavian.
links stehend, blass
SOPHIEMein Gott, es war nicht mehr als eine Farce. Mein Gott, mein Gott! Wie Er bei ihr steht und ich bin die leere Luft für Ihn.
hinter dem Stuhl der Marschallin, verlegen
OCTAVIANWar anders abgemacht, Marie Theres', ich wunder' mich.
in höchster Verlegenheit
OCTAVIANBefiehlt Sie, dass ich - soll ich nicht - die Jungfer - der Vater -
MARSCHALLINGeh' Er doch schnell und tu' Er, was Sein Herz Ihm sagt.
verzweifelt
SOPHIEDie leere Luft. O mein Gott. Mein Gott!
OCTAVIANTheres', ich weiss gar nicht -
MARSCHALLINGeh' Er und mach' Seinen Hof.
OCTAVIANIch schwör Ihr -
MARSCHALLINLass Er's gut sein.
OCTAVIANIch begreif' nicht, was Sie hat.
lacht zornig
MARSCHALLINEr ist ein rechtes Mannsbild, geh' Er hin.
OCTAVIANWie Sie befiehlt.
geht hinüber
wortlos
bei ihr
OCTAVIANEh bien, hat Sie kein freundlich Wort für mich? Nicht einen Blick, nicht einen lieben Gruss?
stockend
SOPHIEWar mir von Euer Gnaden Freundschaft und Behilflichkeit wahrhaftig einer andern Freud' gewärtig.
lebhaft
OCTAVIANWie - freut Sie sich denn nicht?
unmutig
SOPHIEHab' wirklich keinen Anlass nicht.
OCTAVIANHat man Ihr nicht den Bräutigam vom Hals geschafft?
SOPHIEWär' all's recht schön, wenn's anders abgegangen wär'. Schäm' mich in Grund und Boden. Versteh' sehr wohl, mit was für einem Blick Ihre fürstliche Gnaden mich betracht'.
OCTAVIANIch schwör' Ihr, meiner Seel' und Seligkeit.
SOPHIELass Er mich gehn.
OCTAVIANIch lass Sie nicht.
fasst ihre Hand
SOPHIEDer Vater braucht mich drin.
OCTAVIANIch brauch' Sie nötiger.
SOPHIEDas sagt sich leicht.
OCTAVIANIch hab' Sie übermässig lieb.
SOPHIEDas ist nicht wahr. Er hat mich nicht so lieb, als wie Er spricht. Vergess' Er mich!
OCTAVIANIst mir um Sie und nur um Sie.
SOPHIEVergess' Er mich!
heftig
OCTAVIANMag alles drunter oder drüber gehn!
leidenschaftlich
SOPHIEVergess' Er mich!
OCTAVIANHab' keinen andern Gedanken nicht. Seh' allweil Ihr lieb Gesicht.
fasst mit beiden Händen ihre beiden
schwach abwehrend
SOPHIEVergess' Er mich!
ist indessen aufgestanden, bezwingt sich aber und setzt sich wieder, vor sich getragen, gleichzeitig mit Octavian und Sophie
MARSCHALLINHeut oder morgen oder den übernächten Tag. Hab' ich mir's denn nicht vorgesagt? Das alles kommt halt über jede Frau. Hab' ich's denn nicht gewusst? Hab` ich nicht ein Gelübde t"- in, dass ich's mit einem ganz gefassten Herzen ertragen werd' . . . Heut oder morgen oder den übernächsten Tag.
Sie wischt sich die Augen, steht auf.
leise
SOPHIEDie Fürstin da! Sie ruft Ihn hin! So geh' Er doch.
ist ein paar Schritte gegen die Marschallin hingegangen, steht jetzt zwischen beiden, verlegen. Pause
in der Tür, unschlüssig, ob sie gehen oder bleiben soll
in der Mitte, dreht den Kopf von einer zur andern
sieht seine Verlegenheit; ein trauriges Lächeln huscht über ihr Gesicht
an der Tür
SOPHIEIch muss hinein und fragen, wie's dem Vater geht.
OCTAVIANIch muss jetzt was reden, und mir verschlagt's die Red'.
MARSCHALLINDer Bub', wie er verlegen da in der Mitten steht.
zu Sophie
OCTAVIANBleib' Sie um alles hier.
zur Marschallin
OCTAVIANWie, hat Sie was gesagt?
geht, ohne Octavian zu beachten hinüber zu Sophie
tritt einen Schritt zurück
steht vor Sophie, sieht sie prüfend, aber gütig an
in Verlegenheit, knickst
MARSCHALLINSo schnell hat Sie ihn gar so lieb?
sehr schnell
SOPHIEIch weiss nicht, was Euer Gnaden meinen mit der Frag'.
MARSCHALLINIhr blass Gesicht gibt schon die rechte Antwort drauf.
in grosser Schüchternheit und Verlegenheit, immer sehr schnell
SOPHIEWär' gar kein Wunder, wenn ich blass bin, Euer Gnaden. Hab' einen grossen Schreck erlebt mit dem Herrn Vater. Gar nicht zu reden von gerechtem Einportement gegen den skandalösen Herrn Baron. Bin Euer Gnaden in Ewigkeit verpflichtet, dass mit Dero Hilf' und Aufsicht -
abwehrend
MARSCHALLINRed' Sie nur nicht zu viel, Sie ist ja hübsch genug! Und gegen den Herrn Papa sein Übel weiss ich etwa eine Medizin. Ich geh' jetzt da hinein zu ihm und lad' ihn ein, mit mir und Ihr und dem Herrn Grafen da in meinem Wagen heimzufahren - meint Sie nicht - dass ihn das rekreieren wird und allbereits ein wenig munter machen?
SOPHIEEuer Gnaden sind die Güte selbst.
MARSCHALLINUnd für die Blässe weiss vielleicht mein Vetter da die Medizin.
innig
OCTAVIANMarie Theres', wie gut Sie ist. Marie Theres', ich weiss gar nicht. -
mit einem undefinierbaren Ausdruck leise
MARSCHALLINIch weiss auch nix.
ganz tonlos
MARSCHALLINGar nix.
winkt ihm, zurückzubleiben
unschlüssig, als wollte er ihr nach
OCTAVIANMarie Theres'!
Marschallin bleibt in der Tür stehen. Octavian steht ihr zunächst, Sophie weiter rechts.
vor sich, zugleich mit Octavian und Sophie
MARSCHALLINHab' mir's gelobt, Ihn lieb zu haben in der richtigen Weis'. Dass ich selbst Sein Lieb' zu einer andern noch lieb hab! Hab' mir freilich nicht gedacht, dass es so bald mir aufgelegt sollt' werden!
seufzend
MARSCHALLINEs sind die mehreren Dinge auf der Welt, so dass sie ein's nicht glauben tät', wenn man sie möcht' erzählen hör'n. Alleinig wer's erlebt, der glaubt daran und weiss nicht wie - da steht der Bub' und da steh' ich, und mit dem fremden Mädel dort wird er so glücklich sein, als wie halt Männer das Glücklichsein verstehen. In Gottes Namen.
zugleich mit der Marschallin und Sophie, erst vor sich, dann Aug' in Aug' mit Sophie
OCTAVIANEs ist was kommen und ist was g'schehn, Ich möcht' Sie fragen: darf's denn sein? und grad' die Frag, die spür' ich, dass sie mir verboten ist. Ich möcht' Sie fragen: warum zittert was in mir? - Ist denn ein grosses Unrecht geschehn? Und grad' an die darf ich die Frag' nicht tun - und dann seh' ich dich an, Sophie, und seh' nur dich und spür' nur dich, Sophie, und weiss von nichts als nur: dich hab' ich lieb.
zugleich mit der Marschallin und Octavian, erst vor sich, dann Aug' in Aug' mit Octavian
SOPHIEMir ist wie in der Kirch'n, heilig ist mir und so bang; und doch ist mir unheilig auch! Ich weiss nicht, wie mir ist. (ausdrucksvoll) Ich möcht' mich niederknien dort vor der Frau und möcht' ihr was antun, denn ich spür', sie gibt mir ihn und nimmt mir was von ihm zugleich. Weiss gar nicht, wie mir ist! Möcht' alles verstehen und möcht' auch nichts verstehen. Möcht' fragen und nicht fragen, wird mir heiss und kalt. Und spür' nur dich und weiss nur eins: dich hab' ich lieb.
Marschallin geht leise links hinein, die beiden bemerken es gar nicht. Octavian ist dicht an Sophie herangetreten, einen Augenblick später liegt sie in seinen Armen.
zugleich mit Sophie
OCTAVIANSpür' nur dich, spür' nur dich allein und dass wir beieinander sein! Geht alls sonst wie ein Traum dahin vor meinem Sinn!
zugleich mit Octavian
SOPHIEIst ein Traum, kann nicht wirklich sein, dass wir zwei beieinander sein, beieinand' für alle Zeit und Ewigkeit!
ebenso
OCTAVIANWar ein Haus wo, da warst du drein, und die Leut' schicken mich hinein, mich gradaus in die Seligkeit! Die waren g'scheit!
ebenso
SOPHIEKannst du lachen? Mir ist zur Stell' bang wie an der himmlischen Schwell!
SOPHIEHalt' mich, ein schwach Ding, wie ich bin, sink' dir dahin!
Sie muss sich an ihn lehnen. In diesem Augenblick öffnen die Faninalschen Lakaien die Tür und treten herein, jeder mit einem Leuchter. Durch die Tür kommt Faninal, die Marschallin an der Hand führend. Die beiden jungen stehen einen Augenblick verwirrt, dann machen sie ein tiefes Kompliment, das Faninal und die Marschallin erwidern. Faninal tupft Sophie väterlich gutmütig auf die Wange.
FANINALSind halt aso, die jungen Leut'!
MARSCHALLINJa, ja.
Faninal reicht der Marschallin die Hand, führt sie zur Mitteltür, die zugleich durch die Livree der Marschallin, darunter der kleine Neger, geöffnet wurde. Draussen hell, herinnen halbdunkel, da die beiden Diener mit den Leuchtern der Marschallin voraustreten. Octavian und Sophie, allein im halbdunklen Zimmer, wiederholen leise.
zugleich mit Sophie
OCTAVIANSpür' nur dich, spür' nur dich allein und dass wir beieinander sein! Geht all's sonst wie ein Traum dahin vor meinem Sinn!
zugleich mit Octavian
SOPHIEIst ein Traum, kann nicht wirklich sein, dass wir zwei beieinander sein, beieinand' für alle Zeit und Ewigkeit!
Sie sinkt an ihn hin, er küsst sie schnell. Ihr fällt, ohne dass sie es merkt, ihr Taschentuch aus der Hand. Dann laufen sie schnell, Hand in Hand, hinaus. Die Bühne bleibt leer, dann geht nochmals die Mitteltür auf. Herein kommt der kleine Neger, mit einer Kerze in der Hand, sucht das Taschentuch, findet es, hebt es auf, trippelt hinaus.