Bist du aus einem Traum erwacht, und hat

Rihm, Wolfgang

Bist du aus einem Traum erwacht, und hat

Der schoene Trug auf einmal dich verlassen?

Hat dich nach einem Tag der hoechsten Lust

Ein Schlaf gebaendigt, haelt und aengstet nun

Mit schweren Fesseln deine Seele? Ja,

Du wachst und traeumst. Wo sind die Stunden hin,

Die um dein Haupt mit Blumenkraenzen spielten?

Die Tage, wo dein Geist mit freier Sehnsucht

Des Himmels ausgespanntes Blau durchdrang?

Und dennoch lebst du noch, und fuehlst dich an,

Du fuehlst dich an, und weisst nicht, ob du lebst.

Ist's meine Schuld, ist's eines andern Schuld,

Dass ich mich nun als schuldig hier befinde?

Hab' ich verbrochen, dass ich leiden soll?

Ist nicht mein ganzer Fehler ein Verdienst?

Ich sah ihn an, und ward vom guten Willen,

Vom Hoffnungswahn des Herzens uebereilt:

Der sei ein Mensch, der menschlich Ansehn traegt.

Ich ging mit offnen Armen auf ihn los

Und fuehlte Schloss und Riegel, keine Brust.

O hatt' ich doch so klug mir ausgedacht,

Wie ich den Mann empfangen wollte, der

Von alten Zeiten mir verdaechtig war!

Allein was immer dir begegnet sei,

So halte dich an der Gewissheit fest:

Ich habe sie gesehn! Sie stand vor mir!

Sie sprach zu mir, ich habe sie vernommen!

Der Blick, der Ton, der Worte holder Sinn,

Sie sind auf ewig mein, es raubt sie nicht

Die Zeit, das Schicksal, noch das wilde Glueck!

Und hob mein Geist sich da zu schnell empor

Und liess ich allzu rasch in meinem Busen

Der Flamme Luft, die mich nun selbst verzehrt,

So kann mich's nicht gereun, und waere selbst

Auf ewig das Geschick des Lebens hin.

Ich widmete mich ihr und folgte froh

Dem Winke, der mich ins Verderben rief.

Es sei! So hab' ich mich doch wert gezeigt

Des koestlichen Vertrauns, das mich erquickt,

In dieser Stunde selbst erquickt, die mir

Die schwarze Pforte langer Trauerzeit

Gewaltsam oeffnet.--Ja, nun ist's getan!

Es geht die Sonne mir der schoensten Gunst

Auf einmal unter; seinen holden Blick

Entziehet mir der Fuerst, und laesst mich hier

Auf duestrem, schmalen Pfad verloren stehn.

Das haessliche zweideutige Gefluegel,

Das leidige Gefolg' der alten Nacht,

Es schwaermt hervor und schwirrt mir um das Haupt.

Wohin, wohin beweg' ich meinen Schritt,

Dem Ekel zu entfliehn, der mich umsaust,

Dem Abgrund zu entgehn, der vor mir liegt?