Der Engel der Freude

W. Speyer

Ein heit'rer Engel wallet heute

Mit lichten Schwingen durch das Haus.

Es ist der Geist der reinen Freude,

Er schmückte diese Hallen aus.

Mit Rosen ist sein Haupt gezieret,

Und Blumen blüh'n, wohin er zieht,

Und wem die Lippen er berühret,

Dem wird das Wort zum frohen Lied.

[Auch ist er nicht hereingekommen

Dem hilfsbedürft'gen Bettler gleich,

Viel' Schätze hat er mitgenommen,

Und wen er liebt, den macht er reich.]

Ein buntes Spiel will er entfalten;

Er ist ein Elfe reich an Scherz,

Und zieht in wechselnden Gestalten

Ins sorglos off'ne Menschenherz.

Bald taucht er in die gold'nen Wellen,

Und spielt in Weines würz'ger Flut.

Wie dann die Blicke sich erhellen!

Fast pocht das Herz mit Übermut!

So atmet frischer jede Blüte

Und alles Leben jauchzt erneut,

Wenn auf die Flur, die heiß durchglühte,

Die Wolke ihren Segen streut.

Bald wiegt er sich auf leichten Schwingen

In einem Liede, zart und lind;

Er weiß euch in das Herz zu dringen,

Das listenreiche Elfenkind!

Bald rauscht er stürmend, übermächtig

In eines Jubelchores Klang,

Dem Krieger gleich, der stolz und prächtig

Das Land durchzieht, das er bezwang.

Jetzt leuchtet er im Freundes-Auge,

Und grüßt verklärt im schönsten Licht;

Dann fühlt ihr ihn im sanften Hauche

Des Wortes, das von Liebe spricht.

In tausendfältigen Gestalten

Zieht er ins Herz der Menschen ein,

Und wo er ungestört darf walten,

Da ist's wie Frühlingssonnenschein.

Ihr Freunde! Ja, es wallet heute

Ein heit'rer Engel durch das Haus,

Ein Elfe, der die reinste Freude

Als Himmelsgabe teilet aus.

Heil! wenn er eine Heimatstätte

In unser aller Herzen fand,

Dann schlingt sich fest die Rosenkette

Der Einigkeit von Hand zu Hand!