Der Fliegende Holländer
Wagner, Richard
Responsief blok lib/tran/syn
Der Fliegende Holländer Libretto
DALAND, ein norwegischer Seefahrer (Bass)
SENTA, seine Tochter (Sopran)
ERIK, ein Jäger (Tenor)
MARY, Sentas Amme (Alt)
Der STEUERMANN Dalands (Tenor)
Der HOLLÄNDER (Bariton)
SYSTEMERSTER AUFZUG
Steiles Felsenufer. Das Meer nimmt den grössten Teil der Bühne ein; weite Aussicht auf dasselbe. Die Felsen im Vordergrund bilden auf beiden Seiten Schluchten, aus denen die Echos antworten. - Finsteres Wetter; heftiger Sturm; zwischen den Felsen selbst verliert der Wind, den man in offener See die Wogen peitschen sieht, seine Macht; nur von Zeit zu Zeit scheint das Heulen des Sturms hereinzudringen. - Das Schiff Dalands hat soeben dicht am Ufer Anker geworfen; die Mannschaft ist in geräuschvoller Arbeit beschäftigt, die Segel aufzustreichen, Taue auszuwerfen usw. Daland ist ans Land gegangen; er steigt auf einen Felsen und sucht landeinwärts die Gegend zu erkennen
während der Arbeit
MATROSENJohohe! Hallajo! Hohoha! Hallojo!
MATROSENHo! Ha! Ha! Ja! Hallajo! Hallaha! Hallahoja!
kommt vom Felsen herab
DALANDKein Zweifel! Sieben Meilen fort
DALANDtrieb uns der Sturm vom sichren Port.
DALANDSo nah dem Ziel nach langer Fahrt,
DALANDwar mir der Streich noch aufgespart!
Der Steuermann ruft vom Schiff her
durch die hohlen Hände
STEUERMANNHo! Kapitän!
DALANDAm Bord bei euch - wie steht's?
STEUERMANNGut, Kapitän! Wir haben sich'ren Grund!
DALANDSandwike ist's, genau kenn' ich die Bucht.
DALANDVerwünscht! Schon sah am Ufer ich mein Haus,
DALANDSenta, mein Kind, glaubt ich schon zu umarmen: -
DALANDda bläst es aus dem Teufelsloch heraus …
DALANDWer baut auf Wind, baut auf Satans Erbarmen!
DALANDWas hilft's? Geduld! Der Sturm lässt nach;
DALANDwenn so er tobte, währt's nicht lang.
Er geht am Bord des Schiffes
DALANDHe, Bursche! Lange wart ihr wach, -
DALANDzur Ruhe denn! Mir ist nicht bang!
Die Matrosen steigen in den Schiffsraum hinab
DALANDNun, Steuermann, die Wache nimmst du wohl für mich?
DALANDGefahr ist nicht, doch gut ist's, wenn du wachst.
STEUERMANNSeid ausser Sorg! Schlaft ruhig, Kapitän!
Daland geht in die Kajüte. Der Sturm hat sich gelegt; nur in abgesetzten Pausen dringen gemilderte Windstösse in die Schlucht. Auf offener See türmen sich die Wogen. Der Steuermann macht die Schiffsrunde; von Müdigkeit überfallen setzt er sich dann am Steuerruder nieder. Er gähnt - Er schüttelt sich auf, als ihm der Schlaf kommt
STEUERMANNMit Gewitter und Sturm aus fernem Meer -
STEUERMANNmein Mädel, bin dir nah!
STEUERMANNÜber turmhohe Flut vom Süden her -
STEUERMANNMein Mädel, ich bin da!
STEUERMANNMein Mädel, wenn nicht Südwind wär,
STEUERMANNich nimmer wohl käm zu dir;
STEUERMANNach, lieber Südwind, blas noch mehr!
STEUERMANNMein Mädel verlangt nach mir!
STEUERMANNHohoja! Hallohoho Jollohohoho! Heho!
Eine grosse Woge naht dem Schiffe un rüttelt es heftig. - Der Steuermann fährt auf; er sieht nach, ob das Schiff Schaden genommen habe. Beruhigt setzt er sich wieder am Steuer nieder. Der Schlaf kommt ihn immer mehr an. - Er gähnt
STEUERMANNVon des Südens Gestad, aus weitem Land -
STEUERMANNich hab' an dich gedacht!
STEUERMANNDurch Gewitter und Meer vom Mohrenstrand -
STEUERMANNhab dir was mitgebracht.
STEUERMANNMein Mädel, preis den Südwind hoch,
STEUERMANNich bring dir ein gülden Band!
STEUERMANNAch, lieber Südwind, blase doch!
STEUERMANNMein Mädel hätt' gern den Tand.
STEUERMANNHoho! Ja! Hollaho!
Er schläft völlig ein; das Meer wird von neuem unruhiger. - Das Schiff des Fliegenden Holländers, mit schwarzen Masten und blutroten Segeln, zeigt sich in der Ferne, und naht sich mit grosser Schnelle der Küste. Es legt auf der dem norwegischen Schiffe entgegengesetzte Seite an. Mit einem furchtbaren Krach sinkt der Anker an der Kette in den Grund. - Der Steuermann fährt auf und siehr nach dem Steuer; überzeugt, dass nichts geschehen, setzt er sich wieder
STEUERMANNMein Mädel, wenn nicht Südwind wär...
Er schläft von neuem ein. Stumm und ohne ferneres Geräusch zieht die gespenstische Mannschaft des Holländers die Segel auf usw. Der Holländer geht an Land, er trägt schwarze spanische Tracht
HOLLÄNDERDie Frist ist um,… und abermals verstrichen
sind sieben Jahr…voll Überdruss wirft mich
HOLLÄNDERdas Meer ans Land … Ha! Stolzer Ozean!
HOLLÄNDERIn kurzer Frist sollst du mich wieder tragen!
HOLLÄNDERDein Trotz ist beugsam, doch ewig meine Qual!
HOLLÄNDERDas Heil, das auf dem Land ich suche, nie
HOLLÄNDERwerd ich es finden! Euch, des Weltmeers Fluten
HOLLÄNDERbleib' ich getreu - bis eure letzte Welle
HOLLÄNDERsich bricht - und euer letztes Nass versiegt!
HOLLÄNDERWie oft in Meeres tiefsten Schund
HOLLÄNDERstürzt ich voll Sehnsucht mich hinab:
HOLLÄNDERdoch ach! Den Tod, ich fand ihn nicht!
HOLLÄNDERDa, wo der Schiffe furchtbar Grab,
HOLLÄNDERtrieb mein Schiff ich zum Klippengrund:
HOLLÄNDERdoch ach! mein Grab, es schloss sich nicht!
HOLLÄNDERVerhöhnend droht ich dem Piraten,
HOLLÄNDERin wildem Kampfe hofft ich Tod:
HOLLÄNDER"Hier" - rief ich - "zeige deine Taten!
HOLLÄNDERVon Schätzen voll ist Schiff und Boot!" -
HOLLÄNDERDoch ach! des Meer's barbar'scher Sohn
HOLLÄNDERschlägt bang das Kreuz und flieht davon…
HOLLÄNDERWie oft in Meeres tiefsten Grund
HOLLÄNDERstürzt' ich voll Sehnsucht mich hinab!
HOLLÄNDERDa, wo der Schiffe furchtbar Grab,
HOLLÄNDERtrieb mein Schiff ich zum Klippengrund:
HOLLÄNDERNirgends ein Grab! Niemals der Tod!
HOLLÄNDERDies der Verdammnis Schreckgebot.
HOLLÄNDERDich frage ich, gepries'ner Engel Gottes,
HOLLÄNDERder meines Heils Bedingung mir gewann!
HOLLÄNDERWar ich Unsel'ger Spielwerk deines Spottes,
HOLLÄNDERals die Erlösung du mir zeigtest an?
HOLLÄNDERVergeb'ne Hoffnung! Furchtbar eitler Wahn!
HOLLÄNDERUn ew'ge Treu auf Erden - ist's getan!
HOLLÄNDERNur eine Hoffnung soll mir bleiben,
HOLLÄNDERnur eine unerschüttert steh'n: -
HOLLÄNDERso lang der Erde Keim auch treiben,
HOLLÄNDERso muss sie doch zugrunde gehn.
HOLLÄNDERTag des Gerichtes! Jüngster Tag!
HOLLÄNDERWann brichst du an in meine Nacht?
HOLLÄNDERWann dröhnt er, der Vernichtungs-Schlag,
HOLLÄNDERmit dem die Welt zusammenkracht?
HOLLÄNDERWann alle Toten auferstehn,
HOLLÄNDERdann werde ich in Nichts vergehn!
HOLLÄNDERIhr Welten, endet euren Lauf!
HOLLÄNDEREw'ge Vernichtung, nimm mich auf!
Der Holländer lehnt sich mit verschränkten Armen, dumpf in sich gekehrt, an einer Felswand
der Mannschaft des Holländers - im Schiffsraum - unsichtbar
CHOREw'ge Vernichtung, nimm uns auf!
Daland kommt aus der Kajüte; er sieht sich nach dem Wind um und erblickt das fremde Schiff
sich nach dem Steuermann umsehend
DALANDHe! Holla! Steuermann!
sich schlaftrunken halb aufrichtend
STEUERMANN's ist nichts! 's ist nichts!
STEUERMANN- Ach, lieber Südwind, blas' noch mehr! -
STEUERMANNmein Mädel . . .
den Steuermann aufrüttelnd
DALANDDu siehst nichts? Gelt, du wachest brav, mein Bursch!
DALANDDort liegt ein Schiff … wie lange schliefst du schon?
rasch auffahrend
STEUERMANNZum Teufel auch! Verzeiht mir, Kapitän!
Er setzt schnell das Sprachrohr an und ruft über Bord
STEUERMANNWer da?
Lange Pause
STEUERMANNWer da?
Lange Pause
DALANDEs scheint, sie sind gerad
DALANDso faul als wir.
wie vorher
STEUERMANNGebt Anwort! Schiff und Flagge?
erblickt den Holländer am Lande
DALANDLass ab! Mich dünkt, ich seh' den Kapitän!
den Holländer anrufend:
DALANDHe! Holla! Seemann! Nenne dich! Wes Landes?
Langes Stillschweigen
ohne seine Stellung zu verlassen
HOLLÄNDERWeit komm' ich her… Verwehrt bei Sturm und Wetter
HOLLÄNDERihr mir den Ankerplatz?
DALANDBehüt' es Gott!
DALANDGastfreundschaft kennt der Seemann -
an das Land gehend
DALANDWer bist du?
DALANDGott zum Gruss! So trieb auch dich
DALANDder Sturm an diesen nackten Felsenstrand?
DALANDMir ging's nicht besser… wenig Meilen nur
DALANDvon hier ist meine Heimat, fast erreicht,
DALANDmusst ich aufs neu mich von ihr wenden. Sag,
DALANDwoher kommst du? Hast Schaden du genommen?
HOLLÄNDERMein Schiff ist fest … es leidet keinen Schaden.
mit Ausdruck aber ohne Leidenschaft
HOLLÄNDERDurch Sturm und bösen Wind verschlagen,
HOLLÄNDERirr' auf den Wassern ich umher;
HOLLÄNDERwie lange? weiss ich kaum zu sagen,
HOLLÄNDERschon zähl' ich nicht die Jahre mehr.
HOLLÄNDERUnmöglich dünkt mich, dass ich nenne
HOLLÄNDERdie Länder alle, die ich fand: -
HOLLÄNDERdas Eine nur, nach dem ich brenne,
HOLLÄNDERich find' es nicht - mein Heimatland!
HOLLÄNDERVergönne mir auf kurze Frist dein Haus,
HOLLÄNDERund deine Freundschaft soll dich nicht gereun!
HOLLÄNDERMit Schätzen aller Gegenden und Zonen
HOLLÄNDERist reich mein Schiff beladen; willst du handeln,
HOLLÄNDERso sollst du sicher deines Vorteils sein.
DALANDWie wunderbar! Soll deinem Wort ich glauben?
DALANDEin Unstern, scheint's, hat dich bis jetzt verfolgt: -
DALANDUm dir zu frommen, biet ich, was ich kann …
DALANDdoch darf ich fragen … was dein Schiff enthält?
Der Holländer gibt der Wache seines Schiffs ein Zeichen, auf welches man von demselben eine Kiste an das Land bringt
HOLLÄNDERDie seltensten der Schätze sollst du sehn;
HOLLÄNDERkostbare Perlen, edelstes Gestein.
HOLLÄNDERBlick hin, und überzeuge dich vom Werte
HOLLÄNDERdes Preises, den ich für ein gastlich Dach
HOLLÄNDERdir biete!
DALANDWie? Ist's möglich? Diese Schätze!
DALANDWer ist so reich, den Preis dafür zu bieten?
HOLLÄNDERDen Preis? Soeben hab ich ihn genannt:
HOLLÄNDERdies für das Obdach einer einz'gen Nacht!
HOLLÄNDERDoch, was du siehst, ist nur der kleinste Teil
HOLLÄNDERvon dem, was meines Schiffes Raum verschliesst…
HOLLÄNDERWas frommt der Schatz? Ich habe weder Weib noch Kind,
HOLLÄNDERund meine Heimat find' ich nie!
HOLLÄNDERAll meinen Reichtum biet ich dir, wenn bei
HOLLÄNDERden Deinen du mir neue Heimat gibst.
DALANDWas muss ich hören!
HOLLÄNDERHast du eine Tochter?
DALANDFürwahr, ein treues Kind.
HOLLÄNDERSie sei mein Weib! -
freudig betroffen
DALANDWie? Hört ich recht? Mein Tochter sein Weib!
DALANDEr selbst spricht aus den Gedanken!
DALANDFast fürcht ich, wenn unentschlossen ich bleib,
DALANDer müsste im Vorsatze wanken.
DALANDWüsst ich, ob ich wach oder träume!
DALANDKann ein Eidam willkommener sein?
DALANDEin Tor! - wenn das Glück ich versäume!
DALANDVoll Entzücken schlage ich ein.
HOLLÄNDERAch, ohne Weib, ohne Kind bin ich,
HOLLÄNDERnichts fesselt mich an die Erde.
HOLLÄNDERRastlos verfolgt das Schicksal mich.
HOLLÄNDERdie Qual nur war mir Gefährte.
HOLLÄNDERNie werd ich die Heimat erreichen:
HOLLÄNDERzu was frommt mir der Güter Gewinn?
HOLLÄNDERLässt du zu dem Bund dich erweichen,
HOLLÄNDERoh! so nimm meine Schätze dahin!
DALANDWohl, Fremding, hab' ich eine schöne Tochter,
DALANDmit treuer Kindeslieb' ergeben mir;
DALANDsie ist mein Stolz, das höchste meiner Güter, -
DALANDmein Trost im Unglück, meine Freud im Glück!
HOLLÄNDERDem Vater stets bewahr sie ihre Liebe!
HOLLÄNDERIhm treu - wird sie auch treu dem Gatten sein.
DALANDDu gibst Juwelen, unschätzbare Perlen: -
DALANDdas höchste Kleinod doch,- ein treues Weib . . .
HOLLÄNDERDu gibst es mir?
DALANDIch gebe dir mein Wort!
DALANDMich rührt dein Los; - freigebig, wie du bist,
DALANDzeigst Edelmut und hohen Sinn du mir …
DALANDden Eidam wünscht ich so, - und wär dein Gut
DALANDauch nicht so reich, wählt ich doch keinen andren!.
HOLLÄNDERHab' Dank! Werd' ich die Tochter heut' noch sehn?
DALANDDer nächste günst'ge Wind bringt uns nach Haus;
DALANDdu sollst sie sehn - und wenn sie dir gefällt . . .
HOLLÄNDERSo ist sie mein … Wird sie mein Engel sein?
HOLLÄNDERWenn aus der Qualen Schreckgewalten
HOLLÄNDERdie Sehnsucht nach dem Heil mich treibt,
HOLLÄNDERist mir's erlaubt, mich festzuhalten
HOLLÄNDERan einer Hoffnung, die mir bleibt?
HOLLÄNDERDarf ich in jenem Wahn noch schmachten,
HOLLÄNDERdass sich ein Engel mir erweicht?
HOLLÄNDERDer Qualen, die mein Haupt umnachten,
HOLLÄNDERersehntes Ziel hätt ich erreicht?
HOLLÄNDERAch! ohne Hoffnung, wie ich bin,
HOLLÄNDERgeb' ich mich doch der Hoffnung hin!
DALANDGepriesen seid, des Sturmes Gewalten,
DALANDdie ihr an diesen Strand mich triebt!
DALANDFürwahr, bloss brauch ich festzuhalten
DALANDwas sich so schön von selbst mir gibt.
DALANDDie ihn an diese Küste brachten,
DALANDihr Winde, sollt gesegnet sein!
DALANDHa, womach alle Väter trachten,
DALANDein reicher Eidam, er ist mein!
DALANDJa! dem Mann mit Gut und hohem Sinn
DALANDgeb froh ich Haus und Tochter hin!
Das Wetter hat sch völlig aufgeklärt, - der Wind ist umgeschlagen
STEUERMANNSüdwind! Südwind!
STEUERMANNAch! Lieber Südwind, blas noch mehr!
die Mütze schwenkend
MATROSENHalloho! Hohoho! Halloho! Halloho!
MATROSENHalloho! Ho! Ho! Ho!
DALANDDu siehst, das Glück ist günstig dir,
DALANDder Wind ist gut, die See in Ruh.
DALANDSogleich die Anker lichten wir,
DALANDund segeln froh der Heimat zu.
HOLLÄNDERDarf ich dich bitten, so segelst du voran; -
HOLLÄNDERder Wind ist frisch, doch meine Mannschaft müd;
HOLLÄNDERich gönn ihr kurze Ruh - und folge dann.
DALANDDoch - unser Wind?
HOLLÄNDEREr bläst noch lang aus Süd.
HOLLÄNDERMein Schiff ist schnell, es holt dich sicher ein.
DALANDDu glaubst? - Wohlan! Es möge denn so sein.
DALANDLeb' wohl! Mögst heute du mein Kind noch sehn!
HOLLÄNDERGewiss!
an Bord seines Schiffes gehend
DALANDHeil! Wie die Segel schon sich blähn!
DALANDHallo! Hallo!
Er gibt ein Signal auf der Schiffspfeife
DALANDFrisch, Jungen, greifet an!
Das Schiff wird losgemacht
im Absegeln
MATROSENMit Gewitter und Sturm aus fernem Meer -
MATROSENmein Mädel, bin dir nah! Hurrah!
MATROSENÜber sturmhohe Flut vom Süden her -
MATROSENmein Mädel, bin ich da! Hurrah!
MATROSENMein Mädel, wenn nicht Südwind wär,
MATROSENich nimmer wohl käm zu dir!
MATROSENAch! lieber Südwind, blas noch mehr!
MATROSENMein Mädel verlangt nach mir.
MATROSENHo! Ho! Joloho! Hohohohoho!
Der Holländer ist an Bord seines Schiffes gegangen, der Vorhang fällt
SYSTEMZWEITER AUFZUG
Ein geräumiges Zimmer im Hause Dalands. An den Seitenwänden Abbildungen von See Gegenständen, Karten usw. An der Wand im Hintergrunde das Bild eines bleichen Mannes mit dunklem Barte und in schwarzer Kleidung. Mary und die Mädchen sitzen um den Kamin herum und spinnen; Senta, in einem Grossvaterstuhl zurückgelehnt und mit untergeschlagenen Armen, ist im träumerischen Anschauen des Bildes im Hintergrunde versunken
MÄDCHENSumm' und brumm', du gutes Rädchen,
MÄDCHENmunter, munter, dreh' dich um!
MÄDCHENSpinne, spinne tausend Fädchen,
MÄDCHENgutes Rädchen, summ' und brumm'!
MÄDCHENMein Schatz ist auf dem Meere draus',
MÄDCHENer denkt nach Haus
MÄDCHENans fromme Kind; -
MÄDCHENmein gutes Rädchen, braus' und saus'!
MÄDCHENAch! gäbst du Wind,
MÄDCHENer käm' geschwind.
MÄDCHENSpinnt! Spinnt! Spinnt!
MÄDCHENFleissig, Mädchen!
MÄDCHENBrumm'! Summ'!
MÄDCHENGutes Rädchen!
MÄDCHENTra la ra la la . . . <
usw.
MARYEi! Fleissig, fleissig! Wie sie spinnen!
MARYWill jede sich den Schatz gewinnen.
MÄDCHENFrau Mary, still! Denn wohl Ihr wisst,
MÄDCHENdas Lied noch nicht zu Ende ist.
MARYSo singt! Dem Rädchen lässt's nicht Ruh'.
MARYDu aber, Senta, schweigst dazu?
MÄDCHENSumm' und brumm', du gutes Rädchen,
MÄDCHENmunter, munter dreh' dich um!
MÄDCHENSpinne, spinne tausend Fädchen,
MÄDCHENgutes Rädchen, summ' und brumm'!
MÄDCHENMein Schatz da draussen auf dem Meer,
MÄDCHENim Süden er
MÄDCHENviel Gold gewinnt;
MÄDCHENach, gutes Rädchen, saus' noch mehr!
MÄDCHENEr gibt's dem Kind,
MÄDCHENwenn's fleissig spinnt.
MÄDCHENSpinnt! Spinnt!
MÄDCHENFleissig, Mädchen!
MÄDCHENBrumm'! Summ'!
MÄDCHENGutes Rädchen!
MÄDCHENTra la ra la . . .
usw.
zu Senta
MARYDu böses Kind, wenn du nicht spinnst,
MARYvom Schatz du kein Geschenk gewinnst.
MÄDCHENSie hat's nicht not, dass sie sich eilt;
MÄDCHENihr Schatz nicht auf dem Meere weilt.
MÄDCHENBringt er nicht Gold, bringt er doch Wild -
MÄDCHENman weiss ja, was ein Jäger gilt!
Sie lachen. Senta singt leise eine Melodie aus der folgenden Ballade
MARYDu seht ihr! Immer vor dem Bild!
zu Senta
MARYWillst du dein ganzes junges Leben
MARYverträumen vor dem Konterfei?
SENTAWas hast du Kunde mir gegeben,
SENTAwas mir erzählet, wer er sei?
SENTADer arme Mann!
MARYGott sei mit dir!
MÄDCHENEi, ei! Ei, ei! Was hören wir!
MÄDCHENSie seufzet um den bleichen Mann!
MARYDen Kopf verliert sie noch darum!
MÄDCHENDa sieht man, was ein Bild doch kann!
MARYNichts hilft es, wenn ich täglich brumm'!
MARYKomm! Senta! Wend' dich doch herum!
MÄDCHENSie hört Euch nicht - sie ist verliebt!
MÄDCHENEi, ei! Wenn's nur nicht Händel gibt!
MÄDCHENDenn Erik hat gar heisses Blut -
MÄDCHENdass er nur keinen Schaden tut!
MÄDCHENSagt nichts - er schiesst sonst wutentbrannt,
MÄDCHENden Nebenbuhler von der Wand!
MÄDCHENHa ha ha ha . . . usw.
SENTAO schweigt mit eurem tollen Lachen!
SENTAWollt ihr mich ernstlich böse machen?
MÄDCHENSumm' und brumm', Du gutes Rädchen,
MÄDCHENmunter, munter dreh' dich um!
MÄDCHENSpinne, spinne tausend Fädchen!
MÄDCHENGutes Rädchen, summ' und brumm'!
SENTAO macht dem dummen Lied ein Ende,
SENTAes brummt und summt nur vor dem Ohr!
SENTAWollt ihr, dass ich mich zu euch wende,
SENTAso sucht was besseres hervor!
MÄDCHENGut, singe du!
SENTAHört, was ich rate;
SENTAFrau Mary singt uns die Ballade.
MARYBewahre Gott! Das fehlte mir!
MARYDen fliegenden Holläender lasst in Ruh'!
SENTAWie oft doch hört' ich sie von dir.
MARYBewahre Gott! Das fehlte mir!
SENTAIch sing' sie selbst; hört, Mädchen, zu!
SENTALasst mich's euch recht zum Herzen führen,
SENTAdes Ärmsten Los, es muss euch rühren.
MÄDCHENUns ist es recht.
SENTAMerkt auf die Wort'.
MÄDCHENDem Spinnrad Ruh'!
ärgerlich
MARYIch spinne fort.
IJohohohe! Johohohe! Johohohe! Johohe!
ITraft ihr das Schiff im Meere an,
Iblutrot die Segel, schwarz der Mast?
IAuf hohem Bord der bleiche Mann,
Ides Schiffes Herr, wacht ohne Rast.
IHui! - Wie saust der Wind! - Johohoe!
IHui! - Wie pleift's im Tau! - Johohe!
IHui! - Wie ein Pfeil fliegt er hin,
Iohne Ziel, ohne Rast, ohne Ruh'!
IDoch kann dem bleichen Manne
IErlösung einstens noch werden,
Ifänd' er ein Weib, das bis in den Tod
Igetreu ihm auf Erden!.
IAch! wann wirst du, bleicher Seemann, sie finden?
IBetet zum Himmel, dass bald ein Weib
ITreue ihm halt'!
IIBei bösem Wind und Sturmes wut
IIumsegeln wollt' er einst ein Kap;
IIer flucht' und schwur mit tollem Mut:
IIIn Ewigkeit lass' ich nicht ab!
IIHui! - Und Satan hört's! - Johohe!
IIHui! - nahm ihm bei'm Wort! - Johohe!
IIHui! - und verdammt zieht er nun
IIdurch das Meer ohne Rast, ohne Ruh'!
IIDoch, dass der arme Mann'
IInoch Erlösung fände auf Erden,
zeigt' Gottes Engel an,
IIwie sein Heil ihm einst könnte werden.
IIAch, könntest du, bleicher Seemann,
IIes finden!
IIBetet zum Himmel, dass bald ein Weib
IITreue ihm halt'!
Die Mädchen sind tief ergriffen und singen den Schlussreim leise mit
IIIVor Anker alle sieben Jahr',
IIIein Weib zu frei'n, geht er ans Land:
IIIer freite alle sieben Jahr',
IIInoch nie ein treues Weib er fand.
IIIHui! - Die Segel auf! Johohe!
IIIHui! - Den Anker los! Johohe!
IIIHui! - Falsche Lieb', falsche Treu',
IIIAuf, in See, ohne Rast, ohne Ruh!
MÄDCHENAch, wo weilt sie,
MÄDCHENdie dir Gottes Engel einst könnte zeigen?
MÄDCHENWo triffst du sie,
MÄDCHENdie bis in den Tod dein bleibe treu eigen?
SENTAIch sei's, die dich durch ihre Treu' erlöse!
SENTAMög' Gottes Engel mich dir zeigen!
SENTADurch mich sollst du das Heil erreichen!
SENTAMARY und MÄDCHEN
SENTAHilf, Himmel! Senta! Senta!
ist eingetregen und hat Sentas Ausruf vernommen
ERIKSenta! Willst du mich verderben?
MÄDCHENHelft, Erik, uns! Sie ist von Sinnen!
MARYIch fühl das Blut in mir gerinnen!
MARYAbscheulich' Bild, du sollst hinaus,
MARYkommt nur der Vater erst nach Haus!
ERIKDer Vater kommt.
SENTADer Vater kommt?
ERIKVom Felsen seh sein Schiff ich nah'n.
MÄDCHENSie sind daheim!
MARYNun seht, zu was eu'r Treiben frommt!
MARYIm Hause ist noch nichts getan.
MÄDCHENSie sind daheim! Auf, eilt hinaus!
MARYHalt, halt! Ihr bleibet fein im Haus!
MARYDas Schiffsvolk kommt mit leerem Magen.
MARYIn Küch' und Keller Säumet nicht!
MARYLasst euch nur von der Neugier plagen -
MARYvor allem geht an eure Pflicht!
MÄDCHENAch! Wie viel hab' ich ihn zu fragen!
MÄDCHENIch halte mich vor Neugier nicht.
MÄDCHENSchon gut! Sobald nur aufgetragen,
MÄDCHENhält hier aus länger keine Pflicht.
Mary treibt de Mädchen hinaus und folgt ihnen. Senta will ebenfalls gehen; Erik hält sie zurürck
ERIKBleib', Senta! Bleib' nur einen Augenblick!
ERIKAus meinen Qualen reisse mich!
ERIKDoch willst du, ach! so verdirb mich ganz!
SENTAWas ist . . . ? Was soll . . . ?
ERIKO Senta, sprich, was aus mir werden soll?
ERIKDein Vater kommt: - eh' wieder er verreist,
ERIKwird er vollbringen, was schon oft er wollte . . .
SENTAUnd was meinst du?
ERIKDir einen Gatten geben!
ERIKMein Herz, voll Treue bis zum Sterben,
ERIKmein dürftig Gut, mein Jägerglueck;
ERIKdarf so um deine Hand ich werben?
ERIKStösst mich dein Vater nicht zurück?
ERIKWenn dann mein Herz im Jammer bricht,
ERIKsag, Senta, wer dann für mich spricht?
SENTAAch, schweige, Erik, jetzt! Lass mich hinaus,
SENTAden Vater zu begrüssen!
SENTAWenn nicht, wie sonst, an Bord die Tochter kommt,
SENTAwird er nicht zürnen müssen.
ERIKDu willst mich fliehn?
SENTAIch muss zum Port.
ERIKDu weichst mir aus?
SENTAAch, lass mich fort!
ERIKFliehst du zurück vor dieser Wunde,
ERIKdie du mir schlugst, dem Liebeswahn?
ERIKO, höre mich zu dieser Stunde,
ERIKhör' meine letzte Frage an:
ERIKwenn dieses Herz im Jammer bricht,
ERIKwird's Senta sein, die für mich spricht?
SENTAWie? Zweifelst du an meinem Herzen?
SENTADu zweifelst, ob ich gut dir bin?
SENTAO sag', was weckt dir solche Schmerzen?
SENTAWas trübt mit Argwohn deinen Sinn?
ERIKDein Vater, ach! - nach Schätzen geizt er nur . . .
ERIKUnd Senta, du - wie dürft' auf dich zu zählen?
ERIKErfülltest du nur eine meiner Bitten?
ERIKKränkst du mein Herz nicht jeden Tag?
SENTADein Herz?
ERIKWas soll ich denken? Jenes Bild . . .
SENTADas Bild?
ERIKLasst du von deiner Schwärmerei wohl ab?
SENTAKann meinem Blick Teilnahme ich verwehren?
ERIKUnd die Ballade- heut' noch sangst du sie!
SENTAIch bin ein Kind und weiss nicht, was ich singe.
SENTAO sag', wie? Fürchtest du ein Lied, ein Bild?
ERIKDu bist so bleich . . .
ERIKsag', sollte ich's nicht fürchten?
SENTASoll mich des Ärmsten
SENTASchreckenslos nicht rühren?
ERIKMein Leiden, Senta, rührt es dich nicht mehr?
SENTAO, prahle nicht! Was kann dein Leiden sein?
SENTAKennst jenes Unglücksel'gen Schicksal du?
SENTAFühlst du den Schmerz, den tiefen Gram,
SENTAmit dem herab auf mich er sieht?
SENTAAch, was die Ruhe für ewig ihm nahm,
SENTAwie schneidend Weh' durch's Herz mir zieht!
ERIKWeh' mir!
ERIKEs mahnt mich mein unsel'ger Traum!
ERIKGott schütze dich! Satan hat dich umgarnt!
SENTAWas schreckt dich so?
ERIKSenta! Lass dir vertrau'n:
ERIKein Traum ist's! Hör' ihn zur Warnung an!
ERIKAuf hohem Felsen lag' ich träumend,
ERIKsah unter mir des Meeres Flut;
ERIKdie Brandung hört' ich, wie sich schäumend
ERIKam Ufer brach der Wogen Wut.
ERIKEin fremdes Schiff am nahen Strande
ERIKerblickt' ich, seltsam, wunderbar;
ERIKzwei Männer nahten sich dem Lande,
ERIKder ein', ich sah's, dein Vater war.
SENTADer andre?
ERIKWohl erkannt' ich ihn:
ERIKmit schwarzen Wams, bleicher Mien' . . .
SENTADer düstre Blick . . .
auf das Bild deutend
ERIKDer Seemann, er.
SENTAUnd ich?
ERIKDu kamst vom Hause her,
ERIKdu flogst, den Vater zu begrüsssen;
ERIKdoch kaum noch sah ich an dich langen,
ERIKdu stürztest zu des Fremden Fuessen -
ERIKich sah dich seine Knie umfangen . . .
SENTAEr hub mich auf . . .
ERIK. . . an seine Brust;
ERIKvoll Inbrunst hingst du dich an ihn -
ERIKdu küsstest ihn mit heisser Lust . . .
SENTAUnd dann?
ERIKSah ich auf's Meer euch fliehn.
SENTAEr sucht mich auf! Ich muss ihn sehn!
ERIKEntsetzlich! Ha, mir wird es klar!
SENTAMit ihm muss ich zugrunde gehn.
ERIKSie ist dahin! Mein Traum sprach wahr!
Er stürzt voll Enstetzen ab
SENTAAch, möchtest du,
SENTAbleicher Seemann, sie finden!
SENTABetet zum Himmel, dass bald ein Weib
SENTATreue ihm . . . Ha!
Die Tür geht auf. Daland und der Holländer treten ein. Sentas Blick streift vom Bilde auf den Holländer, sie stösst einen Schrei der Überraschung aus und bleibt wie festgebannt stehen, ohne ihr Auge vom Holländer abzuwenden
DALANDMein Kind, du siehst mich auf der Schwelle . . .
DALANDWie? Kein Umarmen, Keinen Kuss?
DALANDDu bleibst gebannt an deiner Stelle -
DALANDverdien' ich, Senta, solchen Gruss?
SENTAGott dir zum Gruss!
SENTAMein Vater, sprich!
SENTAWer ist der Fremde?
lächelnd
DALANDDrängst du mich?
DALANDMögst du, mein Kind, den fremden Mann willkommen heissen?
DALANDSeemann ist er, gleich mir,
DALANDdas Gastrecht spricht er an.
DALANDLang' ohne Heimat,
DALANDstets auf fernen, weiten Reisen,
DALANDin fremden Landen er
DALANDder Schätze viel gewann.
DALANDAus seinem Vaterland verwiesen,
DALANDfür einen Herd er reichlich lohnt:
DALANDsprich, Senta, würd' es dich verdriessen,
DALANDwenn dieser Fremde bei uns wohnt?
Senta nickt beifällig mit dem Kopf. Daland wendet sich zum Holländer
DALANDSagt, hab' ich sie zuviel gepreisen?
DALANDIhr seht sie selbst - ist sie Euch recht?
DALANDSoll ich von Lob noch überfliessen?
DALANDGesteht, sie zieret ihr Geschlect?
zu Senta
DALANDMögst du, mein Kind,
DALANDdem Manne freundlich dich erweisen!
DALANDVon deinem Herzen auch
DALANDspricht holde Gab' er an;
DALANDReich' ihm die Hand, denn Bräutigam
DALANDsollst du ihn heissen:
DALANDstimmst du der Vater bei,
DALANDist morgen er dein Mann.
DALANDSieh dieses Band, sieh diese Spangen!
DALANDWas er besitzt, macht dies gering.
DALANDMuss, teures Kind, dich's nicht verlangen?
DALANDDein ist es, wechselst du den Ring.
Senta, ohne ihn zu beachten, wendet ihren Blick nicht vom Holländer ab, sowie auch dieser ohne auf Daland zu hören, nur in den Anblick des Mädchens versunken ist. Daland wird es gewahr; er betrachtet beide
DALANDDoch keines spricht . . .
DALANDSollt' ich hier lästig sein?
DALANDSo ist's! Am besten lass' ich sie allein.
zu Senta
DALANDMögst du den edlen Mann gewinnen!
DALANDGlaub' mir, soch' Glück wird immer neu.
zum Holländer
DALANDBleibt hier allein!
DALANDIch geh' von hinnen.
DALANDGlaubt mir, wie schön, so ist sie treu!
Er geht langsam ab, indem er die beiden wohlgefällig und verwundert betrachtet
HOLLÄNDERWie aus der Ferne längst vergang'ner Zeiten
HOLLÄNDERspricht dieses Mädchens Bild zu mir:
HOLLÄNDERwie ich's geträumt seit bangen Ewigkeiten,
HOLLÄNDERvor meinen Augen seh' ich's hier.
HOLLÄNDERWohl hub auch ich voll Sehnsucht meine Blicke
HOLLÄNDERaus tiefer Nacht empor zu einem Weib:
HOLLÄNDERein schlagend' Herz liess, ach! mir Satans Tücke,
HOLLÄNDERdass eingedenk ich meiner Qualen bleib'.
HOLLÄNDERDie düstre Glut, die hier ich fühle brennen,
HOLLÄNDERsollt' ich Unseliger sie Liebe nennen?
HOLLÄNDERAch nein! Die Sehnsucht ist es nach dem Heil:
HOLLÄNDERwürd es durch solchen Engel mir zuteil!
SENTAVersank ich jetzt in wunderbares Träumen?
SENTAWas ich erblicke, ist's ein Wahn?
SENTAWeilt' ich bisher in trügerischen Räumen,
SENTAbrach des Erwachens Tag heut' an?
SENTAEr steht vor mir, mit leidenvollen Zügen,
SENTAes spricht sein unerhörter Gram zu mir:
SENTAkann tiefen Mitleids Stimme mich belügen?
SENTAWie ich ihn oft gesehn, so steht er hier.
SENTADie Schmerzen, die in meinem Busen brennen,
SENTAach', dies Verlangen, wie soll ich es nennen?
SENTAWonach mit Sehnsucht es dich treibt - das Heil,
SENTAwürd' es, du Ärmster, dir duch mich zuteil!
HOLLÄNDERWirst du des Vaters Wahl nicht schelten?
HOLLÄNDERWas er versprach, wie - dürft' es gelten?
HOLLÄNDERDu könntest dich für ewig mir ergeben,
HOLLÄNDERund deine Hand dem Fremdling reichtest du?
HOLLÄNDERSoll finden ich, nach qualenvollen Leben,
HOLLÄNDERin deiner Treu' die langersehnte Ruh'?
SENTAWer du auch seist und welches das Verderben,
SENTAdem grausam dich dein schicksal konnte weih'n -
SENTAwas auch das Los, das ich mir sollt' erwerben,
SENTAgehorsam stests werd' ich dem Vater sein!
HOLLÄNDERSo unbedingt, wie? Könnte dich durchdringen
HOLLÄNDERfür meine Leiden tiefstes Mitgefühl?
für sich
SENTAOh, welche Leiden!
SENTAKönnt' ich Trost dir bringen!
da er es vernommen
HOLLÄNDERWelch' holder Klang im nächtigen Gewühl!
HOLLÄNDERDu bist ein Engel! Eines Engels Liebe
HOLLÄNDERVerworf'ne selbst zu trösten weiss!
HOLLÄNDERAch, wenn Erlösung mir zu hoffen bliebe,
HOLLÄNDERAllewiger, durch diese sei's!
SENTAAch, wenn Erlösung ihm zu hoffen bliebe,
SENTAAllewiger, durch mich nur sei's!
HOLLÄNDERAch! Könntest das Geschick du ahnen,
HOLLÄNDERdem dann mit mir du angehörst,
HOLLÄNDERdich würd' es an das Opfer mahnen,
HOLLÄNDERdas du mir bringst, wenn Treu' du schwörst.
HOLLÄNDEREs flöhe schaudernd deine Jugend
HOLLÄNDERdem Lose, dem du sie willst weih'n,
HOLLÄNDERnennst du des Weibes schönste Tugend,
HOLLÄNDERnennst ew'ge Treue du nicht dein!
SENTAWohl kenn' ich Weibes heil'ge Pflichten.
SENTAsei drum gestrost, unsel'ger Mann!
SENTALass über die das Schicksal richten,
SENTAdie seinem Spruche trotzen kann!
SENTAIn meines Herzens höchster Reine
SENTAkenn' ich der Treue Hochgebot.
SENTAWem ich sie weih', schenk' ich die eine;
SENTAdie Treue bis zum Tod.
HOLLÄNDEREin heil'ger Balsam meinen Wunden
HOLLÄNDERdem Schwur, dem hohen Wort entfliesst.
HOLLÄNDERHört es: mein Heil, hab' ich gefunden.
HOLLÄNDERMächte, ihr Mächte, die ihr zurück mich stiesst.
HOLLÄNDERDu Stern des Unheils sollst erblassen.
HOLLÄNDERLicht meiner Hoffnung, leuchte neu!
HOLLÄNDERIhr Engel, die mich einst verlassen,
HOLLÄNDERstärkt jetzt dies Herz in seiner Treu'.
SENTAVon mächt'gem Zauber überwunden
SENTAreisst mich's zu seiner Rettung fort.
SENTAhier habe Heimat er gefunden,
SENTAhier ruh' sein schiff in sich'rem Port!
SENTAWas ist's, das mächtig in mir lebet?
SENTAWas schliesst berauscht mein Busen ein?
SENTAAllmächt'ger, was so hoch mich erhebet,
SENTAlass es die Kraft der Treue sein!
wieder eintretend
DALANDVerzeiht! Mein Volk hält draussen sich nicht mehr;
DALANDnach jeder Rückkunft, wisset, gibt's ein Fest.
DALANDVerschönern möcht ich's, komme deshalb her,
DALANDob mit Verlobung sich's vereinen lässt?
zum Holländer
DALANDIch denk', ihr habt nach Herzenswunsch gefreit?
DALANDSenta, mein Kind, sag, bist auch du bereit?
SENTAHier meine Hand! Und ohne Reu'
SENTAbis in den Tod gelob' ich Treu'!
HOLLÄNDERSie reicht die Hand! Geprochen sie
HOLLÄNDERHohn, Hölle, dir durch ihre Treu'!
DALANDEuch soll dies Bündnis nicht gereu'n!
DALANDZum Fest! Heut' soll sich alles freu'n!
SYSTEMDRITTER AUFZUG
Seebucht mit felsigem Gestade; das Haus Dalands zur Seite im Vordergrunde. Den Hintergrund nehmen, ziemlich nahe beieinander liegend, die beiden Schiffe, das des Norwegers und das des Holländers, ein. Helle Nacht: das norwegische Schiff ist erleuchtet; die Matrosen desselben sind auf dem Verdeck; Jubel und Freude. Die Haltung des holländischen Schiffes bietet einen unhbeimlichen Kontrast: eine unnatürliche Finsternis ist über dasselbe ausgebreitet; es herrscht Totenstille auf ihm
trinkend
MATROSEN DES NORWEGERSSteuermann! Lass die Wacht!
MATROSEN DES NORWEGERSSteuermann! her zu uns!
MATROSEN DES NORWEGERSHo! He! Je! Ha!
MATROSEN DES NORWEGERSHisst die Segel auf! Anker fest!
MATROSEN DES NORWEGERSSteuermann, her!
MATROSEN DES NORWEGERSFürchten weder Wind noch bösen Strand,
MATROSEN DES NORWEGERSwollen heute mal recht lustig sein!
MATROSEN DES NORWEGERSJeder hat sein Mädel auf dem Land,
MATROSEN DES NORWEGERSherrlichen Tabak und guten Branntwein.
MATROSEN DES NORWEGERSHussassahe!
MATROSEN DES NORWEGERSKlipp' und Sturm' drauss - Jollohohe!
MATROSEN DES NORWEGERSlachen wir aus! Hussassahe!
MATROSEN DES NORWEGERSSegel ein! Anker fest!
MATROSEN DES NORWEGERSKlipp' und Sturm lachen wir aus!
MATROSEN DES NORWEGERSSteuermann, lass die Wacht!
MATROSEN DES NORWEGERSSteuermann, her zu uns!
MATROSEN DES NORWEGERSHo! He! Je! Ha!
MATROSEN DES NORWEGERSSteuermann, her trink mit uns!
MATROSEN DES NORWEGERSHo! He! Je! Ha!
MATROSEN DES NORWEGERSKlipp' und Sturm' He! sind vorbei, he!
MATROSEN DES NORWEGERSHussahe! Hallohe! Hussahe!
MATROSEN DES NORWEGERSSteuermann, Ho!
MATROSEN DES NORWEGERSHer, komm und trink mit uns!
Sie tanzen auf dem Verdeck. Die Mädchen kommen mit Körben voll Speisen und Getränken
MÄDCHENMein! Seht doch an! Sie tanzen gar!
MÄDCHENDer Mädchen bedarf's da nicht, fürwahr!
Sie gehen auf das holländische Schiff zu
MATROSENHe! Mädel! Halt! Wo geht ihr hin?
MÄDCHENSteht euch nach frischem Wein der Sinn?
MÄDCHENEuer Nachbar dort soll auch was haben!
MÄDCHENIst Trank und Speis' für euch allein?
STEUERMANNFürwahr! Tragt's hin den armen Knaben!
STEUERMANNVor Durst sie scheinen matt zu sein!
MATROSENMan hört sie nicht.
STEUERMANNEi, seht doch nur!
STEUERMANNKein Licht! Von der Mannschaft keine Spur!
im Begriff, an Bord des Holländers zu gehen
MÄDCHENHe! Seeleut'! He! Wollt Fackeln ihr?
MÄDCHENWo seid ihr doch? Man sieht nicht hier!
MATROSENHahaha!
MATROSENWeckt sie nicht auf! Sie schlafen noch!
MÄDCHENHe. Seeleut! He! Antwortet doch!
MATROSENHa ha!
MATROSENWahrhaftig, sie sind tot:
MATROSENsie haben Speis' und Trank nicht not!
MÄDCHENEi, Seeleute, liegt ihr so faul schon im Nest?
MÄDCHENIst heute für euch denn nicht auch ein Fest?
MATROSENSie liegen fest auf ihrem Platz,
MATROSENwie Drachen hüten sie den Schatz.
MÄDCHENHe! Seeleute! Wollt ihr nicht frischen Wein?
MÄDCHENIhr müsset wahrlich doch durstig auch sein.
MATROSENSie trinken nicht, sie singen nicht;
MATROSENIn ihrem Schiffe brennt kein Licht.
MÄDCHENSagt! Habt ihr denn nicht auch ein Schätzen am Land?
MÄDCHENWollt ihr nicht mit tanzen auf freundlichen Strand?
MATROSENSie sind schon alt und bleich statt rot!
MATROSENUnd ihre Liebsten, die sind tot!
MÄDCHENHe! Seeleut'! Seeleut'! Wacht doch auf!
MÄDCHENWir bringen euch Speise und Trank zu Hauf!
MÄDCHENMATROSEN und MÄDCHEN
MÄDCHENHe! Seeleut'! Seeleut'! Wacht doch auf!. . . usw.
MÄDCHENWahrhaftig, ja! Sie scheinen tot!
MÄDCHENSie haben Speis' und Trank nicht not.
MATROSENVom fliegenden Holländer wisst ihr ja?
MATROSENSein Schiff, wie es liebt, wie es lebt, seht ihr da!
MÄDCHENSo weckt die Mannschaft ja nicht auf;
MÄDCHENGespenster sind's, wir schwören drauf!
MATROSENWieviel hundert Jahre schon sied ihr zur See?
MATROSENEuch tut ja der Sturm und die Klippe nicht weh!
MÄDCHENSie trinken nicht, sie singen nicht!
MÄDCHENIn ihrem schiffe brennt kein Licht.
MATROSENHabt ihr keine Brief', keine Aufträg' für's Land?
MATROSENUnsern Urgrossvätern wir bringen's zur Hand!
MÄDCHENSie sind schon alt und bleich statt rot!
MÄDCHENUnd ihre Liebsten, ach, sind tot!
MATROSENHei, Seeleute! Spannt eure Segel doch auf
MATROSENund zeigt uns des fliegenden Holländers Lauf!
MÄDCHENSie hören nicht! Uns graust es hier!
MÄDCHENSie wollen nichts - was rufen wir?
MATROSENIhr Mädel, lasst die Toten ruh'n;
MATROSENLasst's uns Lebend'gen gütlich tun!
den Matrosen ihre Körbe über Bord reichend
MÄDCHENSo nehmt! Der Nachbar hat's verschmäht!
STEUERMANNWie? Kommt ihr denn nicht selbst an Bord?
MÄDCHENEi, jetzt noch nicht! Es ist ja nicht spät.
MÄDCHENWir kommen bald! Jetzt trinkt nur fort,
MÄDCHENund wenn ihr wollt, so tanzt dazu,
MÄDCHENnor gönnt dem müden Nachbar Ruh',
MÄDCHENLasst ihm Ruh'!
die Körbe leerend
MATROSENJucche! Da gibt's die Fülle!
MATROSENLieb' Nachbar, habe Dank!
STEUERMANNZum Rand sein Glas ein jeder fülle!
STEUERMANNLieb' Nachbar liefert uns den Trank.
MATROSENHallohohoho!
MATROSENLieb' Nachbarn, habt ihr Stimm' und Sprach',
MATROSENso wachet auf und macht's uns nach! . . . usw.
Sie trinken aus und stampfen die Becher heftig auf. Von hier an beginnt es sich auf dem holländischen Schiff zu regen
MATROSENSteuermann, lass die Wacht!
MATROSENSteuermann! her zu uns!
MATROSENHo! He! Je! Ha!
MATROSENHisst die Segel auf! Anker fest!
MATROSENSteuermann, her!
MATROSENWachten manche Nacht bei Sturm und Graus,
MATROSENtranken oft des Meer's gesalz'nes Nass:
MATROSENheute wachen wir bei Saus und Schmaus,
MATROSENbesseres Getränk gibt Mädel uns vom Fass.
MATROSENHussassahe!
MATROSENKlipp' und Sturm draus' -
MATROSENJollolohe!
MATROSENlachen wir aus!
MATROSENHussassahe!
MATROSENSegel ein! Anker fest!
MATROSENKlipp' und Sturm lachen wir aus!
MATROSENSteuermann, lass die Wacht!
MATROSENSteuermann, her zu uns!
MATROSENHo! He! Je! Ha!
MATROSENSteuermann, her! Trink' mit uns!
MATROSENHo! He! Je! Ha!
MATROSENKlipp' und Sturm' - ha!
MATROSENsind vorbei, he!
MATROSENHussahe! Hallohe!
MATROSENHussahe! Steuermann! Ho!
MATROSENHer, komm und trink mit uns!
Das Meer, das sonst überall ruhig bleibt, hat sich im Umkreise des holländischen Schiffes zu heben begonnen; eine düstere, bläuliche Flamme lodert in diesem als Wachtfeuer auf. Sturmwind erhebt sich in dessen Tauen. - Die Mannschaft, von der man zuvor nichts sah, belebt sich
DIE MANNSCHAFT DES HOLLÄNDERSJohohoe! Johohoe! Hoe! Hoe! Hoe! . . . usw.
DIE MANNSCHAFT DES HOLLÄNDERSHui-ssa!
DIE MANNSCHAFT DES HOLLÄNDERSNach dem Land treibt der Sturm.
DIE MANNSCHAFT DES HOLLÄNDERSHui-ssa!
DIE MANNSCHAFT DES HOLLÄNDERSIn die Bucht laufet ein!
DIE MANNSCHAFT DES HOLLÄNDERSSchwarzer Hauptmann, geh ans Land!
DIE MANNSCHAFT DES HOLLÄNDERSsieben Jahre sind vorbei!
DIE MANNSCHAFT DES HOLLÄNDERSFrei' um blonden Mädchens Hand!
DIE MANNSCHAFT DES HOLLÄNDERSBlondes Mädchen, sie ihm treu'!
DIE MANNSCHAFT DES HOLLÄNDERSLustig heut', hui!
DIE MANNSCHAFT DES HOLLÄNDERSBräutigam! Hui!
DIE MANNSCHAFT DES HOLLÄNDERSSturmwind heult Brautmusik
DIE MANNSCHAFT DES HOLLÄNDERSOzean tanzt dazu!
DIE MANNSCHAFT DES HOLLÄNDERSHui! - Horch, er pfeift!
DIE MANNSCHAFT DES HOLLÄNDERSKapitän, bist wieder da?
DIE MANNSCHAFT DES HOLLÄNDERSHui! - Segel auf!
DIE MANNSCHAFT DES HOLLÄNDERSDeine Braut - sag', wo sie blieb?
DIE MANNSCHAFT DES HOLLÄNDERSHui! - Auf, in See!
DIE MANNSCHAFT DES HOLLÄNDERSKapitän! Kapitän!
DIE MANNSCHAFT DES HOLLÄNDERSHast kein Glück in der Lieb'!
DIE MANNSCHAFT DES HOLLÄNDERSHahaha!
DIE MANNSCHAFT DES HOLLÄNDERSSause, Sturmwind, heule zu!
DIE MANNSCHAFT DES HOLLÄNDERSUnsern Sgeln lässt du Ruh'!
DIE MANNSCHAFT DES HOLLÄNDERSSatan hat sie uns gefeit,
DIE MANNSCHAFT DES HOLLÄNDERSreissen nicht in Ewigkeit!
DIE MANNSCHAFT DES HOLLÄNDERSHohoe! Nicht in Ewigkeit!
Während des Gesanges der Holländer wird ihr Schiff von den Wogen auf und ab getragen; furchtbarer Sturmwind heult und pfeift durch die nackten Taue. Die Luft und das Meer bleiben, ausser in der nächsten Umgebung des holländischen Schiffes, ruhig Schiffes, ruhig wie zuvor
MATROSEN DES NORWEGERSWelcher Sang! Ist es Spuk?
MATROSEN DES NORWEGERSWie mich's graust!
MATROSEN DES NORWEGERSStimmet an - unser Lied!
MATROSEN DES NORWEGERSSinget laut!
MATROSEN DES NORWEGERSSteurmann, lass die Wacht!
MATROSEN DES NORWEGERSSteurmann, her zu uns!
MATROSEN DES NORWEGERSHo! He! Je! Ha! . . . usw.
MATROSEN DES NORWEGERSSinget laut! Lauter!
Der Gesang der Mannschaft des Holländers wird in einzelnen Strophen immer stärker wiederholt; die Norweger suchen ihn mit ihrem Lied zu übertäuben; nach vergeblichen Versuchen bringt sie das Tosen des Meeres, das Sausen, Heulen und Pfeifen des unnatürlichen Sturmes sowie der immer wilder werdende Gesang der Holländer zum Schweigen. Sie ziehen sich zurück, schalgen das Kreuz und verlassen das Verdeck; die Holländer, als sie dies sehen, erheben ein gellendes Hohngelächter. Sodann herrscht mit einem Male auf ihrem Schiffe wieder die Totenstille; Luft und Meer werden in einem Augenblick wieder ruhig, wie zuvor. Senta kommt bewegten Schrittes aus dem Hause; ihr folgt Erik in höchster Aufregung
ERIKWas musst ich hören? Gott, was muss ich sehen?
ERIKIst's Täuschung? Wahrheit? Ist es Tat?
SENTAO frage nicht! Antwort darf ich nicht geben.
ERIKGerechter Gott! Kein Zweifel! Es ist wahr!
ERIKWelch unheilvolle Macht riss dich dahin?
ERIKWelche Gewalt verfuehrte dich so schnell,
ERIKgrausam zu brechen dieses treuste Herz!
ERIKDein Vater - ha - Den Bräut'gam bracht' er mit . . .
ERIKWohl kenn' ich ihn mir ahnte, was geschieht!
ERIKDoch du . . . ist's möglich! - reichest deine Hand
ERIKdem Mann, der deine
ERIKSchwelle kaum betrat.
SENTANicht wieter! Schweig'! Ich muss! ich muss!
ERIKO des Gehorsams, blind wie deine Tat!
ERIKDen Wink des Vaters nanntest du willkommen,
ERIKmit einem Stoss vernichtest du mein Herz!
SENTANicht mehr! nicht mehr!
SENTAIch darf dich nicht mehr seh'n,
SENTAnicht an dich denken - hohe Pflicht gebeut's!
ERIKWelch hohe Pflicht? Ist's höh're nich zu halten,
ERIKwas du mir einst gelobtest, ewige Treue?
SENTAWie? Ew'ge Treue hätt' ich dir gelobt?
ERIKSenta! O Senta! Leugnest du?
ERIKWillst jenes Tags dich nicht mehr entsinnen,
ERIKals du zu dir mich riefest in das Tal?
ERIKAls, dir des Hochlands Blume zu gewinnen,
ERIKmutvoll ich trug Beschwerden ohne Zahl?
ERIKGedenkst du, wie auf steilem Felsenriffe
ERIKvom Ufer wir den Vater scheiden sah'n?
ERIKEr zog dahin auf weiss beschwingtem Schiffe,
ERIKund meinem Schutz vertraute er dich an,
ERIKja, meinem Schutz vertraute er dich an.
ERIKAls sich dein Arm um meinen Nacken schlang,
ERIKgestandest du mir Liebe nicht aufs neu'?
ERIKWas bei der Hände Druck mich hehr durchdrang,
ERIKsag', war's nicht Versich'rung deiner Treu'?
Der Holländer hat den Auffritt belauscht; in furchtbarer Aufregung bricht er jetzt hervor
HOLLÄNDERVerloren! Ach! verloren!
HOLLÄNDEREwig verlor'nes Heil!
ERIKWas seh' ich? Gott!
HOLLÄNDERSenta, leb' wohl!
sich ihm in den Weg werfend
SENTAHalt ein, Unsel'ger!
ERIKzu Senta
ERIKWas beginnst du?
HOLLÄNDERIn See! - In See für ew'ge Zeiten!
zu Senta
HOLLÄNDERUm deine Treue ist's getan,
HOLLÄNDERum deine Treue - um mein Heil!
HOLLÄNDERLeb' wohl, ich will dich nicht verderben!
ERIKEntsetzlich! Dieser Blick . . . !
wie vorher
SENTAHalt' ein! Von dannen sollst du nimmer flieh'n!
gibt seiner Mannschaft ein gellendes Zeichen auf einer Schiffspfeife
HOLLÄNDERSegel auf! Anker los!
HOLLÄNDERSagt Lebewohl auf Ewigkeit dem lande!
HOLLÄNDERFort auf das Meer triebt's mich auf's neue!
HOLLÄNDERIch zweifl' an dir! Ich zweiff' an Gott!
HOLLÄNDERDahin, dahin, ist alle Treue!
HOLLÄNDERWas du gelobtest, war dir Spott!
SENTAHa! Zweifelst du an meiner Treue?
SENTAUnsel'ger, was verblendet dich?
SENTAHalt' ein! Das Bündnis nicht bereue!
SENTAWas ich gelobte, halte ich!
ERIKWas hör' ich! Gott, was muss ich sehen?
ERIKMuss ich dem Ohr, dem Auge trau'n?
ERIKSenta! Willst du zugrunde gehen?
ERIKZu mir! Du bist in Satans Klau'n!
HOLLÄNDERErfahre das Geschick, vor dem ich dich bewahr'!
HOLLÄNDERVerdammt bin ich zum grässlichsten der Lose;
HOLLÄNDERzehnfacher Tod wär' mir erwünschte Lust!
HOLLÄNDERVom Fluch ein Weib allein mich kann erlösen,
HOLLÄNDERein Weib, das Treu' bis in den Tod mir hält.
HOLLÄNDERWohl hast du Treue mir gelobt, doch vor
HOLLÄNDERdem Ewigen noch nicht; dies rettet dich!
HOLLÄNDERDenn wiss', Unsel'ge, welches das Geschick,
HOLLÄNDERdas jene trifft, die mir die Treue brechen:
HOLLÄNDERew'ge Verdammnis ist ihr Los!
HOLLÄNDERZahllose Opfer fielen diesem Spruch durch mich!
HOLLÄNDERdu aber sollst gerettet sein!
HOLLÄNDERLeb' wohl! Bahr' him, mein Heil, in Ewigkeit!
in furchtbarer Angst
ERIKZu Hilfe! Rettet, rettet sie!
in höchster Aufregung
SENTAWohl' kenn' ich dich! Wohl kenn' ich dein Geschick!
SENTAIch kannte dich, als ich zuerst dich sah!
SENTADas Ende deiner Qual ist da! - ich bin's.
SENTAdurch deren Treu' dein Heil du finden sollst!
Auf Eriks Hilferufe sind Daland, Mary die Mädchen und die Matrosen herbeigeeilt
ERIKHelft ihr! Sie ist verloren!
ERIKDALAND, MARY und CHOR
ERIKWas erblick' ich!
DALANDGott!
zu Senta
HOLLÄNDERDu kennst mich nicht,
HOLLÄNDERdu ahnst nicht, wer ich bin!
Er deutet auf sein Schiff, dessen rote Segel aufgespannt sind und dessen Mannschaft in gespenstischer Regsamkeit die Abfahrt vorbereitet
HOLLÄNDERBefrag' die Meere aller Zonen, befrag'
HOLLÄNDERden Seemann, der den Ozean durchstrich,
HOLLÄNDERer kennt dies Schiff, das Schrecken aller Frommen:
HOLLÄNDERden fliegenden Holländer nennt man mich.
DIE MANNSCHAFT DES HOLLÄNDERSJohohoe! Johohohoe! Hoe! Hui-ssa!
Schnell langt er am Bord seines Schiffes an, das augenblicklich unter dem Seerufe der Mannschaft abfährt. Senta sucht sich mit Gewalt von Daland und Erik loszuwinden
DIE MANNSCHAFT DES HOLLÄNDERSMARY, ERIK, DALAND und CHOR
DIE MANNSCHAFT DES HOLLÄNDERSSenta! Senta! Was willst du tun?
Senta hat sich mit wütender Kraft losgerissen und erreicht ein vorstehendes Felsenriff: von da aus ruft sie dem absegelnden Holländer nach
SENTAPreis' deinen Engel und sein Gebot!
SENTAHier steh' ich, treu dir bis zum Tod!
Sie stürzt sich in das Meer; in demselben Augenblicke versinkt das Schiff des Holländers und verschwindet schnell in Trümmern. In weiter Ferne entsteigen dem Wasser der Holländer und Senta , beide in verklärter Gestalt; er hält sie umschlungen.