Die Meistersinger von Nürnberg

Wagner, Richard

HANS SACHS, Schuster, Meistersinger (Bass)

VEIT POGNER, Goldschmied, Meistersinger (Bass)

KUNZ VOGELSANG, Kürschner, Meistersinger (Tenor)

KONRAD NACHTIGALL, Spengler, Meistersinger (Bass)

SIXTUS BECKMESSER, Stadtschreiber, Meistersinger (Bass)

FRITZ KOTHNER, Bäcker, Meistersinger (Bass)

BALTHASAR ZORN, Zinngiesser, Meistersinger (Tenor)

ULRICH EISSLINGER, Würzkrämer, Meistersinger (Tenor)

AUGUSTIN MOSER, Schneider, Meistersinger (Tenor)

HERMANN ORTEL, Seifensieder, Meistersinger (Bass)

HANS SCHWARZ, Strumpfwirker, Meistersinger (Bass)

HANS FOLTZ, Kupferschmied, Meistersinger (Bass)

WALTHER VON STOLZING, ein junger Ritter aus Franken (Tenor)

DAVID, Sachsens Lehrbube (Tenor)

EVA, Pogners Tochter (Sopran)

MAGDALENA, Evas Amme (Mezzosopran)

EIN NACHTWÄCHTER (Bass)

CHORUSBürger und Frauen aller Zünfte, Gesellen, Lehrbuben, Mädchen, Volk

SYSTEMERSTER AUFZUG

Die Bühne stellt das Innere der Katharinenkirche in schrägem Durchschnitt dar. Von dem Hauptschiff, welches links ab dem Hintergrunde zu sich ausdehnend anzunehmen ist, sind nur noch die letzten Reihen der Kirchenstuhlbänke sichtbar. Den Vordergrund nimmt der freie Raum vor dem Chor ein; dieser wird später durch einen schwarzen Vorhang gegen das Schiff zu gänzlich geschlossen. In der letzten Reihe der Kirchenstühle sitzen Eva und Magdalene; Walther von Stolzing steht, in einiger Entfernung, zur Seite an eine Säule gelehnt, die Blicke auf Eva heftend, die sich mit stummem Gebärdenspiel wiederholt zu ihm umkehrt

DIE GEMEINDEDa zu dir der Heiland kam,…

Walther drückt durch Gebärde eine schmachtende Frage an Eva aus

DIE GEMEINDE…willig deine Taufe nahm,…

Evas Blick und Gebärde sucht zu antworten; doch beschämt schlägt sie das Auge wieder nieder

DIE GEMEINDE…weihte sich dem Opfertod,…

Walther zärtlich, dann dringender

DIE GEMEINDE…gab er uns des Heils Gebot:…

Eva, Walther schüchtern abweisend, aber schnell wieder seelenvoll zu ihm aufblickend

DIE GEMEINDE…dass wir durch ein' Tauf' uns weih'n,…

Walther entzückt, höchste Beteuerungen, Hoffnung

DIE GEMEINDE…seines Opfers wert zu sein.

Eva lächelnd, dann beschämt die Augen senkend. Walther dringend, aber schnell sich unterbrechend

DIE GEMEINDEEdler Täufer, Christ's Vorläufer!…

Walther nimmt die dringende Gebärde wieder auf, mildert sie aber sogleich, um sanft um eine Unterredung zu bitten

DIE GEMEINDENimm uns freundlich an, dort am Fluss Jordan.

Die Gemeinde erhebt sich, wendet sich dem Ausgange zu und verlässt unter dem Nachspiel allmählich die Kirche. Walther heftet in höchster Spannung seinen Blick auf Eva, welche ihren Sitz ebenfalls verlässt und, von Magdalene gefolgt, langsam in seine Nähe kommt. Da Walther Eva sich nähern sieht, drängt er sich gewaltsam durch die Kirchgänger zu ihr

leise, doch feurig zu Eva

WALTHERVerweilt! - Ein Wort! Ein einzig Wort!

sich schnell zu Magdalena umwendend

EVAMein Brusttuch…! Schau! Wohl liegt's im Ort?

MAGDALENEVergesslich' Kind! Nun heisst es: such!

Sie kehrt nach den Kirchenstühlen zurück

WALTHERFräulein! Verzeiht der Sitte Bruch!

WALTHEREines zu wissen, eines zu fragen,

WALTHERwas müsst' ich nicht zu brechen wagen?

WALTHEROb Leben oder Tod, ob Segen oder Fluch?

WALTHERMit einem Worte sei mir's vertraut:

WALTHERmein Fräulein sagt -

zurückkommend

MAGDALENEHier ist das Tuch.

EVAO weh! Die Spange!

MAGDALENEFiel sie wohl ab?

Sie geht suchend abermals nach hinten

WALTHEROb Licht und Lust oder Nacht und Tod?

WALTHEROb ich erfahr, wonach ich verlange,

WALTHERob ich vernehme, wovor mir graut:

WALTHERMein Fräulein, sagt -

wieder zurückkommend

MAGDALENEDa ist auch die Spange.

MAGDALENEKomm, Kind! Nun hast du Spang' und Tuch ...

MAGDALENEO weh! Da vergass ich selbst mein Buch!

Sie geht nochmals eilig nach hinten

WALTHERDies eine Wort, Ihr sagt mir's nicht?

WALTHERDie Silbe, die mein Urteil spricht?

WALTHERJa oder nein! - ein flücht'ger Laut:

WALTHERmein Fräulein sagt,

entschlossen und hastig

WALTHERseid Ihr schon Braut?

die wieder zurückgekehrt ist und sich vor Walther verneigt

MAGDALENESieh da, Herr Ritter,

MAGDALENEwie sind wir hochgeehrt:

MAGDALENEmit Evchens Schutze habt Ihr Euch gar beschwert?

MAGDALENEDarf den Besuch des Helden

MAGDALENEich Meister Pogner melden?

bitter, leidenschaftlich

WALTHEROh, betrat ich doch nie sein Haus!

MAGDALENEEi, Junker! Was sagt Ihr da aus?

MAGDALENEIn Nürnberg eben nur angekommen,

MAGDALENEwart Ihr nicht freundlich aufgenommen?

MAGDALENEWas Küch' und Keller, Schrein und Schrank

MAGDALENEEuch bot, verdient' es keinen Dank?

EVAGut Lenchen, ach, das meint er ja nicht.

EVADoch von mir wohl wünscht er Bericht.

EVAWie sag ich's schnell? Versteh' ich's doch kaum!

EVAMir ist, als wär' ich gar wie im Traum!-

EVAEr frägt - ob ich schon Braut?

heftig erschrocken

MAGDALENEHilf Gott! Sprich nicht so laut!

MAGDALENEJetzt lass uns nach Hause gehn;

MAGDALENEwenn uns die Leut' hier sehn!

WALTHERNicht eh'r, bis ich alles weiss!

zu Magdalene

EVA's ist leer, die Leut' sind fort.

MAGDALENEDrum eben wird mir heiss!

MAGDALENEHerr Ritter, an andrem Ort!

David tritt aus der Sakristei ein und macht sich darüber her, die, schwarzen Vorhänge zu schliessen

dringend

WALTHERNein! Erst dies Wort!

bittend zu Magdalene

EVADies Wort!

die sich bereits umgewendet, erblickt David, hält an und ruft zärtlich für sich

MAGDALENEDavid? Ei! David hier?

Sie wendet sich wieder zurück, und zu Walther

zu Magdalene

EVAWas sag ich? Sag du's mir!

zerstreut, öfter nach David sich umsehend

MAGDALENEHerr Ritter, was Ihr die Jungfer fragt,

MAGDALENEdas ist so leichtlich nicht gesagt;

MAGDALENEfürwahr ist Evchen Pogner Braut

lebhaft unterbrechend

EVADoch hat noch keiner den Bräut'gam erschaut.

MAGDALENEDen Bräut'gam wohl noch niemand kennt,

MAGDALENEbis morgen ihn das Gericht ernennt,

MAGDALENEdas dem Meistersinger erteilt den Preis -

enthusiastisch

EVAUnd selbst die Braut ihm reicht das Reis.

verwundert

WALTHERDem Meistersinger?

bang

EVASeid Ihr das nicht?

WALTHEREin Werbgesang?

MAGDALENEVor Wettgericht.

WALTHERDen Preis gewinnt?

MAGDALENEWen die Meister meinen.

WALTHERDie Braut dann wählt?

sich vergessend

EVAEuch oder keinen!

Walther wendet sich, in grosser Erregung auf und ab gehend, zur Seite

sehr erschrocken

MAGDALENEWas, Evchen! Evchen! Bist du von Sinnen?

EVAGut' Lene, lass mich den Ritter gewinnen!

MAGDALENESahst ihn doch gestern zum erstenmal?

EVADas eben schuf mir so schnelle Qual,

EVAdass ich schon längst ihn im Bilde sah!

EVASag, trat er nicht ganz wie David nah?

höchst verwundert

MAGDALENEBist du toll? Wie David?

EVAWie David im Bild.

MAGDALENEAch, meinst du den König mit der Harfen

MAGDALENEund langem Bart in der Meister Schild?

EVANein! Der, dess' Kiesel den Goliath warfen,

EVAdas Schwert im Gurt, die Schleuder zur Hand,

EVAdas Haupt von lichten Locken umstrahlt,

EVAwie ihn uns Meister Dürer gemalt.

laut seufzend

MAGDALENEAch, David! David!

der hinausgegangen und jetzt wieder zurückkommt, ein Lineal im Gürtel und ein grosses Stück weisser Kreide an einer Schnur schwenkend

DAVIDDa bin ich! Wer ruft?

MAGDALENEAch, David! Was Ihr für Unglück schuft!

für sich

MAGDALENEDer liebe Schelm! Wüsst' er's noch nicht?

laut

MAGDALENEEi seht, da hat er uns gar verschlossen?

zärtlich

DAVIDIns Herz Euch allein!

feurig

MAGDALENEDas treue Gesicht! Ei sagt!

MAGDALENEWas treibt Ihr hier für Possen?

DAVIDBehüt es, Possen? Gar ernste Ding'!

DAVIDFür die Meister hier richt' ich den Ring.

MAGDALENEWie? Gäb' es ein Singen?

DAVIDNur Freiung heut:

DAVIDder Lehrling wird da losgesprochen,

DAVIDder nichts wider die Tabulatur verbrochen;

DAVIDMeister wird, wen die Prob' nicht reut.

MAGDALENEDa wär' der Ritter ja am rechten Ort. -

MAGDALENEJetzt, Evchen, komm, wir müssen fort.

schnell sich zu den Frauen wendend

WALTHERZu Meister Pogner lasst mich euch geleiten.

MAGDALENEErwartet den hier; er ist bald da.

MAGDALENEWollt Ihr Evchens Hand erstreiten,

MAGDALENErückt Ort und Zeit das Glück Euch nah.

Zwei Lehrbuben kommen dazu und tragen Bänke herbei

MAGDALENEJetzt eilig von hinnen!

WALTHERWas soll ich beginnen?

MAGDALENELasst David Euch lehren, die Freiung begehren. -

MAGDALENEDavidchen, hör, mein lieber Gesell,

MAGDALENEden Ritter hier bewahr' mir wohl zur Stell'!

MAGDALENEWas Fein's aus der Küch' bewahr' ich für dich;

MAGDALENEund morgen begehr' du noch dreister,

MAGDALENEwird hier der Junker heut' Meister.

Sie drängt Eva zum Fortgehen

zu Walther

EVASeh' ich Euch wieder?

sehr feurig

WALTHERHeut abend, gewiss! -

WALTHERWas ich will wagen, wie könnt' ich's sagen?

WALTHERNeu ist mein Herz, neu mein Sinn,

WALTHERneu ist mir alles, was ich beginn'.

WALTHEREines nur weiss ich, eines begreif' ich:

WALTHERMit allen Sinnen Euch zu gewinnen!

WALTHERIst's mit dem Schwert nicht, muss es gelingen,

WALTHERgilt es als Meister Euch zu ersingen.

WALTHERFür Euch Gut und Blut!

WALTHERFür Euch Dichters heil'ger Mut!

mit grosser Wärme

EVAMein Herz, sel'ger Glut,

EVAfür Euch liebesheil'ge Hut!

MAGDALENESchnell heim, sonst geht's nicht gut!

der Walther verwunderungsvoll gemessen

DAVIDGleich Meister? Oho! Viel Mut!

Magdalene zieht Eva eilig durch die Vorhänge nach sich fort. Walther wirft sich, aufgeregt und brütend, in einen erhöhten kathederartigen Lehnstuhl, den zuvor zwei Lehrbuben von der Wand ab mehr nach der Mitte zu gerückt haben

Noch mehrere Lehrbuben sind eingetreten; sie tragen und stellen Bänke und richten alles zur Sitzung der Meistersinger her

EIN ZWEITERDavid, was stehst?

EIN LEHRBUBEGreif ans Werk!

EIN ZWEITERHilf uns richten das Gemerk!

DAVIDZu eifrigst war ich vor euch allen;

DAVIDschafft nun für euch:

DAVIDhab ander Gefallen!

DIE LEHRBUBENWas der sich dünkt!

DIE LEHRBUBENDer Lehrling' Muster!

DIE LEHRBUBENDas macht, weil sein Meister ein Schuster.

DIE LEHRBUBENBeim Leisten sitzt er mit der Feder.

DIE LEHRBUBENBeim Dichten mit Draht und Pfriem.

DIE LEHRBUBENSein' Verse schreibt er auf rohes Leder.

mit entsprechender Gebärde

ALLEDas - dächt' ich - gerbten wir ihm!

Sie machen sich lachend an die fernere Herrichtung

nachdem er den sinnenden Ritter eine Weile betrachtet

DAVIDFanget an!

verwundert

WALTHERWas soll's?

noch stärker

DAVID»Fanget an!« - So ruft der »Merker«.

DAVIDNun sollt Ihr singen! Wisst Ihr das nicht?

WALTHERWer ist der Merker?

DAVIDWisst Ihr das nicht? Wart Ihr noch nie bei ‘nem Sing-Gericht?

WALTHERNoch nie, wo die Richter Handwerker!

DAVIDSeid Ihr ein »Dichter«?

WALTHERWär' ich's doch!

DAVIDSeid Ihr ein »Singer«?

WALTHERWüsst' ich's noch!

DAVIDDoch »Schulfreund« wart Ihr und »Schüler« zuvor?

WALTHERDas klingt mir alles fremd vorm Ohr.

DAVIDUnd so gradhin wollt Ihr Meister werden?

WALTHERWie, machte das so grosse Beschwerden?

DAVIDO Lene! Lene!

WALTHERWie Ihr doch tut!

DAVIDO Magdalene!

WALTHERRatet mir gut!

setzt sich in Positur

DAVIDMein Herr, der Singer Meister-Schlag

DAVIDgewinnt sich nicht an einem Tag.

DAVIDIn Nüremberg der grösste Meister

DAVIDmich lehrt die Kunst Hans Sachs!

DAVIDSchon voll ein Jahr mich unterweist er,

DAVIDdass ich als Schüler wachs'.

DAVIDSchuhmacherei und Poeterei,

DAVIDdie lern' ich da alleinerlei:

DAVIDhab ich das Leder glatt geschlagen,

DAVIDlern' ich Vokal und Konsonanz sagen;

DAVIDwichst' ich den Draht erst fest und steif,

DAVIDwas sich dann reimt, ich wohl begreif!

DAVIDDen Pfriemen schwingend,

DAVIDim Stich die Ahl',

DAVIDwas stumpf, was klingend,

DAVIDwas Mass, was Zahl -

DAVIDden Leisten im Schurz, was lang, was kurz,

DAVIDwas hart, was lind, hell oder blind,

DAVIDwas Waisen, was Milben, was Klebsilben,

DAVIDwas Pausen, was Körner, was Blumen, was Dörner -

DAVIDdas alles lernt' ich mit Sorg' und Acht.

DAVIDWie weit nun, meint Ihr, dass ich's gebracht?

WALTHERWohl zu ‘nem Paar recht guter Schuh'?

DAVIDJa, dahin hat's noch gute Ruh'!

DAVIDEin »Bar« hat manch Gesätz' und Gebänd';

DAVIDwer da gleich die rechte Regel fänd',

DAVIDdie richt'ge Naht und den rechten Draht,

DAVIDmit gutgefügten »Stollen« den Bar recht zu versohlen.

DAVIDUnd dann erst kommt der »Abgesang«;

DAVIDdass der nicht kurz und nicht zu lang

DAVIDund auch keinen Reim enthält,

DAVIDder schon im Stollen gestellt.

DAVIDWer alles das merkt, weiss und kennt,

DAVIDwird doch immer noch nicht »Meister« genennt.

WALTHERHilf Gott! Will ich denn Schuster sein?

WALTHERIn die Singkunst lieber führ mich ein.

DAVIDJa, hätt' ich's nur selbst schon zum »Singer« gebracht!

DAVIDWer glaubt wohl, was das für Mühe macht?

DAVIDDer Meister Tön' und Weisen,

DAVIDgar viel an Nam' und Zahl,

DAVIDdie starken und die leisen,

DAVIDwer die wüsste allzumal!

DAVIDDer »kurze«, »lang'« und »überlang'« Ton,

DAVIDdie »Schreibpapier«-, »Schwarz-Tinten«-Weis';

DAVIDder »rote«, »blau'« und »grüne« Ton;

DAVIDdie »Hageblüh«-, »Strohhalm«-, »Fengel«-Weis';

DAVIDder »zarte«, der »süsse«, der »Rosen«-Ton;

DAVIDder »kurzen Liebe«, der »vergessne« Ton;

DAVIDdie »Rosmarin«-, »Gelbveiglein«-Weis',

DAVIDdie »Regenbogen«-, die »Nachtigall« -Weis',

DAVIDdie »englische Zinn«-, die »Zimmtröhren«-Weis',

DAVID»frisch' Pomeranzen«-, »grün' Lindenblüh«-Weis',

DAVIDdie »Frösch'«-, die »Kälber«-, die »Stieglitz«-Weis',

DAVIDdie »abgeschiedene Vielfrass«-Weis';

DAVIDder »Lerchen«-, der »Schnecken«-, der »Beller«-Ton,

DAVIDdie »Melissenblümlein«-, die »Meiran«-Weis',

DAVID»Gelblöwenhaut«-,

gefühlvoll

DAVID»treu' Pelikan«-Weis',

prunkend

DAVIDdie »buttglänzende Draht«-Weis' ...

WALTHERHilf Himmel! Welch endlos Tönegeleis'!

DAVIDDas sind nur die Namen:

DAVIDnun lernt sie singen,

DAVIDrecht, wie die Meister sie gestellt!

DAVIDJed' Wort und Ton muss klärlich klingen,

DAVIDwo steigt die Stimm' und wo sie fällt;

DAVIDfangt nicht zu hoch, zu tief nicht an,

DAVIDals es die Stimm' erreichen kann;

DAVIDmit dem Atem spart, dass er nicht knappt

DAVIDund gar am End' Ihr überschnappt;

DAVIDvor dem Wort mit der Stimme ja nicht summt,

DAVIDnach dem Wort mit dem Mund auch nicht brummt.

DAVIDNicht ändert an »Blum'« und »Koloratur«,

DAVIDjed' Zierat fest nach des Meisters Spur.

DAVIDVerwechseltet Ihr, würdet gar irr',

DAVIDverlört Ihr Euch und kämt ins Gewirr:

DAVIDwär' sonst Euch alles auch gelungen,

DAVIDda hättet Ihr gar »versungen!«

DAVIDTrotz grossem Fleiss und Emsigkeit

DAVIDich selbst noch bracht' es nicht so weit.

DAVIDSo oft ich's versuch' und ‘s nicht gelingt,

DAVIDdie »Knieriem-Schlag«-Weis' der Meister mir singt.

sanft

DAVIDWenn dann Jungfer Lene nicht Hilfe weiss,

greinend

DAVIDsing' ich die »eitel Brot- und Wasser«-Weis'!

DAVIDNehmt Euch ein Beispiel dran

DAVIDund lasst vom Meister-Wahn!

DAVIDDenn »Singer« und »Dichter« müsst Ihr sein,

DAVIDeh' Ihr zum »Meister« kehret ein.

während der Arbeit

DIE LEHRBUBENDavid!

WALTHERWer ist nun Dichter?

DIE LEHRBUBENDavid! Kommst her?

zu den Lehrbuben

DAVIDWartet nur, gleich! -

schnell wieder zu Walther sich wendend

DAVIDWer der »Dichter« wär'?

DAVIDHabt Ihr zum »Singer« Euch aufgeschwungen

DAVIDund der Meister Töne richtig gesungen,

DAVIDfügtet Ihr selbst nun Reim' und Wort',

DAVIDdass sie genau an Stell' und Ort

DAVIDpassten zu eines Meisters Ton,

DAVIDdann trügt Ihr den Dichterpreis davon.

DIE LEHRBUBENHe, David! Soll man's dem Meister klagen?

ALLEWirst dich bald des/deines Schwatzens entschlagen?

DAVIDOho! - Jawohl! Denn helf' ich euch nicht,

DAVIDohne mich wird alles doch falsch gericht't.

Er will sich zu ihnen wenden

ihn zurückhaltend

WALTHERNur dies noch:

WALTHERwer wird »Meister« genannt?

schnell wieder umkehrend

DAVIDDamit, Herr Ritter, ist's so bewandt:

mit sehr tiefsinniger Miene

DAVIDDer Dichter, der aus eig'nem Fleisse

DAVIDzu Wort' und Reimen, die er erfand,

äusserst zart

DAVIDaus Tönen auch fügt eine neue Weise,

DAVIDder wird als »Meistersinger« erkannt.

WALTHERSo bleibt mir einzig der Meisterlohn!

WALTHERMuss ich singen,

WALTHERkann's nur gelingen,

WALTHERfind' ich zum Vers auch den eig'nen Ton.

der sich zu den Lehrbuben gewendet

DAVIDWas macht ihr denn da? - Ja, fehl' ich beim Werk,

DAVIDverkehrt nur richtet ihr Stuhl und Gemerk! -

Er wirft polternd und lärmend die Anordnungen der Lehrbuben in betreff des Gemerkes um

DAVIDIst denn heut »Singschul'«? - Dass ihr's wisst,

DAVIDdas kleine Gemerk! - Nur »Freiung« ist!

Die Lehrbuben, welche in der Mitte der Bühne ein grösseres Gerüst mit Vorhängen aufgeschlagen hatten, schaffen auf Davids Weisung dies schnell beiseite und stellen dafür ein geringeres Brettergerüst auf; daraufstellen sie einen Stuhl mit einem kleinen Pult davor, daneben eine grosse schwarze Tafel, daran die Kreide am Faden aufgehängt wird; um das Gerüst sind schwarze Vorhänge angebracht, die zunächst hinten und an beiden Seiten, dann auch vorn ganz zusammengezogen werden

während der Herrichtung

ALLEAller End' ist doch David der Allergescheit'st,

ALLEnach hohen Ehren ganz sicher er geizt:

ALLE‘s ist Freiung heut;

ALLEgewiss er freit,

ALLEals vornehmer »Singer« er schon sich spreizt!

ALLEDie »Schlag«-Reime fest er inne hat,

ALLE»Arm-Hunger«-Weise singt er glatt.

ALLEVIER LEHRBUBEN (1. Tenor)

ALLEDoch die »harte-Tritt«-Weis', die kennt er am best' -

ALLEDie trat ihm der Meister hart und fest!

Mit der Gebärde zweier Fusstrtte. Sie lachen

DAVIDJa, lacht nur zu! Heut bin ich's nicht;

DAVIDein andrer stellt sich zum Gericht:

DAVIDder war nicht Schüler, ist nicht Singer,

DAVIDden Dichter, sagt er, überspring' er;

DAVIDdenn er ist Junker, und mit einem Sprung er

DAVIDdenkt ohne weit're Beschwerden

DAVIDheut' hier Meister zu werden.

DAVIDDrum richtet nur fein das Gemerk dem ein!

DAVIDWährend die Lehrbuben vollends aufrichten.

DAVIDDorthin! - Hierher! Die Tafel all die Wand,

DAVIDso dass sie recht dem Merker zur Hand!

sich zu Walther um wendend

DAVIDJa, ja, dem »Merker«! - Wird Euch wohl bang?

DAVIDVor ihm schon mancher Werber versang.

DAVIDSieben Fehler gibt er Euch vor,

DAVIDdie merkt er mit Kreide dort an;

DAVIDwer über sieben Fehler verlor,

DAVIDhat versungen und ganz vertan!

DAVIDNun nehmt Euch in acht!

DAVIDDer Merker wacht.

Derb in die Hände schlagend

DAVIDGlück auf zum Meistersingen!

DAVIDMögt Euch das Kränzlein erschwingen!

DAVIDDas Blumenkränzlein aus Seiden fein

DAVIDwird das dem Herrn Ritter beschieden sein?

elche zu gleicher Zeit das Gemerk geschlossen haben, fassen sich an und tanzen einen verschlungenen Reigen um dasselbe

LEHRBUBENDas Blumenkränzlein aus Seiden fein,

LEHRBUBENwird das dem Herrn Ritter beschieden sein?

Die Lehrbuben fahren sogleich erschrocken auseinander, als die Sakristei aufgeht und Pogner mit Beckmesser eintritt; sie ziehen sich nach hinten zurück

Die Einrichtung ist nun folgendermassen beendigt: Zur Seite rechts sind gepolsterte Bänke in der Weise ausgestellt, dass sie einen schwachen Halbkreis nach der Mitte zu bilden. Am Ende der Bänke, in der Mitte der Bühne, befindet sich das »Gemerk« benannte Gerüst, welches zuvor hergerichtet worden. Zur linken Seite steht nun der erhöhte, kathederartige Stuhl (»der Singstuhl«) der Versammlung gegenüber. Im Hintergrunde, den grossen Vorhang entlang, steht eine lange niedere Bank für die Lehrlinge. Walther, verdriesslich über das Gespött der Knaben, hat sich auf die vordere Bank niedergelassen. Pogner und Beckmesser sind im Gespräch aus der Sakristei aufgetreten. Die Lehrbuben harren, ehrerbietig vor der hinteren Bank stehend. Nur David stellt sich anfänglich am Eingang der Sakristei auf

zu Beckmesser

POGNERSeid meiner Treue wohl versehen.

POGNERWas ich bestimmt, ist Euch zu Nutz:

POGNERim Wettgesang müsst Ihr bestehen;

POGNERwer böte Euch als Meister Trutz?

BECKMESSERDoch wollt Ihr von dem Punkt nicht weichen,

BECKMESSERder mich - ich sag's - bedenklich macht;

BECKMESSERkann Evchens Wunsch den Werber streichen,

BECKMESSERwas nützt mir meine Meisterpracht?

POGNEREi sagt! Ich mein, vor allen Dingen

POGNERsollt' Euch an dem gelegen sein.

POGNERKönnt Ihr der Tochter Wunsch nicht zwingen,

POGNERwie möchtet Ihr wohl um sie frei'n?

BECKMESSEREi ja! Gar wohl! Drum eben bitt' ich,

BECKMESSERdass bei dem Kind Ihr für mich sprecht,

BECKMESSERwie ich geworben zart und sittig

BECKMESSERund wie Beckmesser grad Euch recht.

POGNERDas tu ich gern.

beiseite

BECKMESSEREr lässt nicht nach!

BECKMESSERWie wehrt' ich da 'nem Ungemach?

der, als er Pogner gewahrt, aufgestanden und ihm entgegengegangen ist, verneigt sich vor ihm

WALTHERGestattet, Meister!

POGNERWie, mein Junker?

POGNERIhr sucht mich in der Singschul' hie?

Sie wechseln die Begrüssungen

immer beiseite

BECKMESSERVerstünden's die Frau'n! Doch schlechtes Geflunker

BECKMESSERgilt ihnen mehr als all' Poesie.

Er geht verdriesslich im Hintergrunde auf und ab

WALTHERHier eben bin ich am rechten Ort.

WALTHERGesteh' ich's frei, vom Lande fort

WALTHERwas mich nach Nürnberg trieb,

WALTHERwar nur zur Kunst die Lieb'.

WALTHERVergass ich's gestern Euch zu sagen,

WALTHERheut muss ich's laut zu künden wagen:

WALTHERein Meistersinger möcht' ich sein.

Sehr innig

WALTHERSchliesst, Meister, in die Zunft mich ein!

Kunz Vogelgesang und Konrad Nachtigall sind eingetreten

freudig zu den Hinzutretenden

POGNERKunz Vogelgesang! Freund Nachtigall!

POGNERHört doch, welch' ganz besondrer Fall!

POGNERDer Ritter hier, mir wohlbekannt,

POGNERhat der Meisterkunst sich zugewandt.

Vorstellungen, Begrüssungen, andere Meister treten noch dazu

wieder in den Vordergrund tretend, für sich

BECKMESSERNoch such' ich's zu wenden;

BECKMESSERdoch sollt's nicht gelingen,

BECKMESSERversuch' ich des Mädchens Herz zu ersingen.

BECKMESSERIn stiller Nacht, von ihr nur gehört,

BECKMESSERerfahr' ich, ob auf mein Lied sie schwört.

Walther erblickend

BECKMESSERWer ist der Mensch?

sehr warm zu Walther fortfahrend

POGNERGlaubt, wie mich's freut!

POGNERDie alte Zeit dünkt mich erneut.

BECKMESSEREr gefällt mir nicht!

POGNERWas Ihr begehrt,

BECKMESSERWas will er hier? -

POGNER...soviel an mir....

BECKMESSERWie der Blick ihm lacht!

POGNER... sei's Euch gewährt.

POGNERHalf ich Euch gern bei des Guts Verkauf,

BECKMESSERHolla, Sixtus!

POGNERin die Zunft nun nehm' ich Euch gleich gern auf.

BECKMESSERAuf den hab acht!

WALTHERHabt Dank der Güte aus tiefstem Gemüte!

WALTHERUnd darf ich denn hoffen, steht heut mir noch offen,

WALTHERzu werben um den Preis, dass Meistersinger ich heiss'?

BECKMESSEROho! Fein sacht! Auf dem Kopf steht kein Kegel!

POGNERHerr Ritter, dies geh' nun nach der Regel.

POGNERDoch heut ist Freiung:

POGNERich schlag' Euch vor;

POGNERmir leihen die Meister ein willig Ohr.

Die Meistersinger sind nun alle angelangt, zuletzt Hans Sachs

SACHSGott grüss Euch, Meister!

VOGELGESANGSind wir beisammen?

BECKMESSERDer Sachs ist ja da!

NACHTIGALLSo ruft die Namen!

zieht eine Liste hervor, stellt sich zur Seite auf und ruft laut

KOTHNERZu einer Freiung und Zunftberatung

KOTHNERging an die Meister ein' Einladung:

KOTHNERbei Nenn' und Nam', ob jeder kam,

KOTHNERruf' ich nun auf als letztentbot'ner,

KOTHNERder ich mich nenn' und bin Fritz Kothner.

KOTHNERSeid Ihr da, Veit Pogner?

POGNERHier zur Hand.

Er setzt sich

KOTHNERKunz Vogelgesang?

VOGELGESANGEin sich fand.

Er setzt sich

KOTHNERHermann Ortel?

ORTELImmer am Ort.

Er setzt sich

KOTHNERBalthasar Zorn?

ZORNBleibt niemals fort.

Er setzt sich

KOTHNERKonrad Nachtigall?

NACHTIGALLTreu seinem Schlag.

Er setzt sich

KOTHNERAugustin Moser?

MOSERNie fehlen mag.

Er setzt sich

KOTHNERNiklaus Vogel? - Schweigt?

von der Bank aufstehend

EIN LEHRBUBEIst krank.

KOTHNERGut' Bess'rung dem Meister!

ausser Kothner

DIE MEISTERWalt's Gott!

EIN LEHRBUBESchön' Dank!

Er setzt sich wieder nieder

KOTHNERHans Sachs?

vorlaut sich erhebend und auf Sachs zeigend

DAVIDDa steht er!

drohend zu David

SACHSJuckt dich das Fell?

SACHSVerzeiht, Meister! Sachs ist zur Stell'.

Er setzt sich

KOTHNERSixtus Beckmesser?

BECKMESSERImmer bei Sachs

während er sich setzt

BECKMESSERdass den Reim ich lern' von »blüh' und wachs«.

Sachs lacht

KOTHNERUlrich Eisslinger?

EISSLINGERHier.

Er setzt sich

KOTHNERHans Foltz?

FOLTZBin da.

Er setzt sich

KOTHNERHans Schwarz?

SCHWARZZuletzt:

SCHWARZGott wollt's!

Setzt sich

KOTHNERZur Sitzung gut und voll die Zahl.

KOTHNERBeliebt's, wir schreiten zur Merkerwahl?

VOGELGESANGWohl eh'r nach dem Fest.

BECKMESSERPressiert's dem Herrn?

BECKMESSERMein Stell' und Amt lass ich ihm gern.

POGNERNicht doch, Ihr Meister! Lasst das jetzt fort.

POGNERFür wichtigen Antrag bitt ich ums Wort.

Alle Meister stehen auf, nicken Kothner zu und setzen sich wieder

KOTHNERDas habt Ihr, Meister, sprecht!

POGNERNun hört und versteht mich recht! -

POGNERDas schöne Fest, Johannistag,

POGNERIhr wisst, begeh'n wir morgen.

POGNERAuf grüner Au', am Blumenhang,

POGNERbei Spiel und Tanz im Lustgelag,

POGNERan froher Brust geborgen,

POGNERvergessen seiner Sorgen,

POGNERein jeder freut sich, wie er mag.

POGNERDie Singschul' ernst im Kirchenchor

POGNERdie Meister selbst vertauschen;

POGNERmit Kling und Klang hinaus zum Tor

POGNERauf offne Wiese ziehn sie vor

POGNERbei hellen Festes Rauschen;

POGNERdas Volk sie lassen lauschen

POGNERdem Freigesang mit Laienohr.

POGNERZu einem Werb- und Wettgesang

POGNERgestellt sind Siegespreise,

POGNERund beide preist man weit und lang,

POGNERdie Gabe wie die Weise.

POGNERNun schuf mich Gott zum reichen Mann;

POGNERund gibt ein jeder, wie er kann,

POGNERso musste ich wohl sinnen,

POGNERwas ich gäb' zu gewinnen,

POGNERdass ich nicht käm' zu Schand':

POGNERso hört denn, was ich fand.

POGNERIn deutschen Landen viel gereist,

POGNERhat oft es mich verdrossen,

POGNERdass man den Bürger wenig preist,

POGNERihn karg nennt und verschlossen.

POGNERAn Höfen wie an nied'rer Statt

POGNERdes bitt'ren Tadels ward ich satt,

POGNERdass nur auf Schacher und Geld

POGNERsein Merk' der Bürger stellt.

POGNERDass wir im weiten deutschen Reich

POGNERdie Kunst einzig noch pflegen,

POGNERdran dünkt ihnen wenig gelegen.

POGNERDoch wie uns das zur Ehre gereich',

POGNERund dass mit hohem Mut

POGNERwir schätzen, was schön und gut,

POGNERwas wert die Kunst und was sie gilt,

POGNERdas ward ich der Welt zu zeigen gewillt.

POGNERDrum hört, Meister, die Gab',

POGNERdie als Preis bestimmt ich hab.

POGNERDem Sieger, der im Kunstgesang

POGNERvor allem Volk den Preis errang

POGNERam Sankt-Johannis-Tag,

POGNERsei er, wer er auch mag,

POGNERdem geh' ich, ein Kunstgewogner,

POGNERvon Nürnberg Veit Pogner,

POGNERmit all meinem Gut, wie's geh' und steh',

POGNEREva, mein einzig Kind, zur Eh'.

sich erhebend und sehr lebhaft durcheinander

DIE MEISTERDas heisst ein Wort! Ein Mann!

DIE MEISTERDa sieht man, was ein Nürnberger kann!

DIE MEISTERDrob preist man Euch noch weit und breit,

DIE MEISTERden wack'ren Bürger Pogner Veit!

DIE MEISTERDie LEHRBUBEN

lustig aufspringend

DIE MEISTERAlle Zeit, weit und breit:

DIE MEISTERPogner Veit! Pogner Veit!

VOGELGESANGWer möchte da nicht ledig sein?

SACHSSein Weib gäb' mancher gern wohl drein!

KOTHNERAuf, ledig' Mann! Jetzt macht euch 'ran!

POGNERNun hört noch, wie ich's ernstlich mein'!

Die Meister setzen sich allmählich wieder nieder, die Lehrbuben ebenfalls

POGNEREin' leblos' Gabe geh' ich nicht:

POGNERein Mägdlein sitzt mit zu Gericht.

POGNERDen Preis erkennt die Meisterzunft;

POGNERdoch gilt's der Eh', so will's Vernunft,

POGNERdass ob der Meister Rat

POGNERdie Braut den Ausschlag hat.

zu Kothner gewandt

BECKMESSERDünkt Euch das klug?

laut

KOTHNERVersteh' ich gut,

KOTHNERIhr gebt uns in des Mägdleins Hut?

BECKMESSERGefährlich das!

KOTHNERStimmt es nicht bei,

KOTHNERwie wäre dann der Meister Urteil frei?

BECKMESSERLasst's gleich wählen nach Herzensziel

BECKMESSERund lasst den Meistergesang aus dem Spiel!

POGNERNicht so! Wie doch? Versteht mich recht!

POGNERWem Ihr Meister den Preis zusprecht,

POGNERdie Maid kann dem verwehren,

POGNERdoch nie einen andren begehren.

POGNEREin Meistersinger muss er sein:

POGNERnur wen Ihr krönt, den soll sie frei'n.

erhebt sich

SACHSVerzeiht!

SACHSVielleicht schon ginget Ihr zu weit.

SACHSEin Mädchenherz und Meisterkunst

SACHSerglüh'n nicht stets in gleicher Brunst;

SACHSder Frauen Sinn, gar unbelehrt,

SACHSdünkt mich dem Sinn des Volks gleich wert.

SACHSWollt Ihr nun vor dem Volke zeigen,

SACHSwie hoch die Kunst Ihr ehrt,

SACHSund lasst Ihr dem Kind die Wahl zu eigen,

SACHSwollt nicht, dass dem Spruch es wehrt:

SACHSso lasst das Volk auch Richter sein;

SACHSmit dem Kinde sicher stimmt's überein.

VOGELGESANGOho!

ausser Sachs und Pogner

ALLE MEISTERDas Volk? Ja, das wäre schön!

ALLE MEISTERAde dann Kunst und Meistertön'!

KOTHNERNein, Sachs! Gewiss, das hat keinen Sinn,

KOTHNERgäbt Ihr dem Volk die Regeln hin?

SACHSVernehmt mich recht! Wie Ihr doch tut!

SACHSGesteht, ich kenn die Regeln gut;

SACHSund dass die Zunft die Regeln bewahr',

SACHSbemüh' ich mich selbst schon manches Jahr.

SACHSDoch einmal im Jahre fänd' ich's weise,

SACHSdass man die Regeln selbst probier',

SACHSob in der Gewohnheit trägem Gleise

SACHSihr' Kraft und Leben nicht sich verlier':

SACHSund ob Ihr der Natur noch seid auf rechter Spur,

SACHSdas sagt Euch nur,

SACHSwer nichts weiss von der Tabulatur.

Die Lehrbuben springen auf und reiben sich die Hände

BECKMESSERHei! Wie sich die Buben freuen!

eifrig fortfahrend

SACHSDrum möcht' es Euch nie gereuen,

SACHSdass jährlich am Sankt-Johannis-Fest,

SACHSstatt dass das Volk man kommen lässt,

SACHSherab aus hoher Meister Wolk'

SACHSIhr selbst Euch wendet zu dem Volk.

SACHSDem Volke wollt Ihr behagen;

SACHSnun dächt' ich, läg' es nah,

SACHSIhr liesst es selbst Euch auch sagen,

SACHSob das ihm zur Lust geschah.

SACHSDass Volk und Kunst gleich blüh' und wachs',

SACHSbestellt Ihr so, mein' ich, Hans Sachs.

VOGELGESANGIhr meint's wohl recht!

KOTHNERDoch steht's drum faul.

NACHTIGALLWenn spricht das Volk, halt' ich das Maul.

Der Kunst droht allweil Fall und Schmach,

KOTHNERläuft sie der Gunst des Volkes nach.

BECKMESSERDrin bracht' er's weit, der hier so dreist:

BECKMESSERGassenhauer dichtet er meist.

POGNERFreund Sachs, was ich mein', ist schon neu:

POGNERzuviel auf einmal brächte Reu'!

Er wendet sich zu den Meistern.

POGNERSo frag' ich, ob den Meistern gefällt

POGNERGab' und Regel, so wie ich's gestellt?

POGNERDie Meister erheben sich beistimmend.

SACHSMir genügt der Jungfer Ausschlagstimm'.

BECKMESSERDer Schuster weckt doch stets mir Grimm!

KOTHNERWer schreibt sich als Werber ein?

KOTHNEREin Junggesell' muss es sein.

BECKMESSERVielleicht auch ein Witwer? Fragt nur den Sachs!

SACHSNicht doch, Herr Merker! Aus jüng'rem Wachs

SACHSals ich und Ihr muss der Freier sein,

SACHSsoll Evchen ihm den Preis verleih'n.

BECKMESSERAls wie auch ich? Grober Gesell!

KOTHNERBegehrt wer Freiung, der komm' zur Stell'!

KOTHNERIst jemand gemeld't, der Freiung begehrt?

POGNERWohl, Meister! Zur Tagesordnung kehrt!

POGNERUnd nehmt von mir Bericht,

POGNERwie ich auf Meisterpflicht

POGNEReinen jungen Ritter empfehle,

POGNERder will, dass man ihn wähle

POGNERund heut als Meistersinger frei'. -

POGNERMein Junker Stolzing, kommt herbei!

Walther tritt hervor und verneigt sich

bei Seite

BECKMESSERDacht' ich mir's doch! Geht's da hinaus, Veit?

Laut

BECKMESSERMeister, ich mein', zu spät ist's der Zeit.

BECKMESSERSCHWARZ und FOLTZ

BECKMESSERDer Fall Soll man sich freu'n?

DIE ÜBRIGEN MEISTEREin Ritter gar?

VOGELGESANGSoll man sich freu'n?

ORTELWäre da Gefahr?

VOGELGESANGOder wär' Gefahr?

ALLE MEISTERImmerhin hat's ein gross' Gewicht,

ALLE MEISTERdass Meister Pogner für ihn spricht.

KOTHNERSoll uns der Junker willkommen sein,

KOTHNERzuvor muss er wohl vernommen sein.

POGNERVernehmt ihn wohl! Wünsch' ich ihm Glück,

POGNERnicht bleib' ich doch hinter der Regel zurück.

POGNERTut, Meister, die Fragen!

KOTHNERSo mög' uns der Junker sagen:

KOTHNERist er frei und ehrlich geboren?

POGNERDie Frage gebt verloren,

POGNERda ich Euch selbst des Bürge steh',

POGNERdass er aus frei' und edler Eh':

POGNERvon Stolzing Walther aus Frankenland,

POGNERnach Brief und Urkund' mir wohlbekannt.

POGNERAls seines Stammes letzter Spross

POGNERverliess er neulich Hof und Schloss

POGNERund zog nach Nürnberg her,

POGNERdass er hier Bürger wär'.

BECKMESSERNeu Junker-Unkraut! Tut nicht gut!

NACHTIGALLFreund Pogners Wort Genüge tut.

SACHSWie längst von den Meistern beschlossen ist,

SACHSob Herr, ob Bauer, hier nichts beschiesst:

SACHShier fragt sich's nach der Kunst allein,

SACHSwer will ein Meistersinger sein.

KOTHNERDrum nun frag' ich zur Stell':

KOTHNERwelch Meisters seid Ihr Gesell'?

WALTHERAm stillen Herd in Winterszeit,

WALTHERwann Burg und Hof mir eingeschneit,

wie einst der Lenz so lieblich lacht'

WALTHERund wie er bald wohl neu erwacht,

WALTHERein altes Buch, vom Ahn vermacht,

WALTHERgab das mir oft zu lesen:

WALTHERHerr Walther von der Vogelweid',

WALTHERder ist mein Meister gewesen.

SACHSEin guter Meister!

BECKMESSERDoch lang' schon tot;

BECKMESSERwie lehrt' ihn der wohl der Regeln Gebot?

KOTHNERDoch in welcher Schul' das Singen

KOTHNERmocht' Euch zu lernen gelingen?

WALTHERWann dann die Flur vom Frost befreit

WALTHERund wiederkehrt die Sommerszeit,

WALTHERwas einst in langer Winternacht

WALTHERdas alte Buch mir kundgemacht,

WALTHERdas schallte laut in Waldespracht,

WALTHERdas hört' ich hell erklingen:

WALTHERim Wald dort auf der Vogelweid',

WALTHERda lernt' ich auch das Singen.

BECKMESSEROho! Von Finken und Meisen

BECKMESSERlerntet Ihr Meisterweisen?

BECKMESSERDas wird dann wohl auch darnach sein!

VOGELGESANGZwei art'ge Stollen fasst' er da ein.

BECKMESSERIhr lobt ihn, Meister Vogelgesang,

BECKMESSERwohl weil vom Vogel er lernt' den Gesang?

KOTHNERWas meint Ihr, Meister? Frag' ich noch fort?

KOTHNERMich dünkt, der Junker ist fehl am Ort.

SACHSDas wird sich bäldlich zeigen.

SACHSWenn rechte Kunst ihm eigen

SACHSund gut er sie bewährt,

SACHSwas gilt's, wer sie ihn gelehrt?

zu Walther

KOTHNERSeid Ihr bereit, ob Euch geriet

KOTHNERmit neuer Find' ein Meisterlied,

KOTHNERnach Dicht' und Weis' Eu'r eigen,

KOTHNERzur Stunde jetzt zu zeigen?

WALTHERWas Winternacht, was Waldespracht,

WALTHERwas Buch und Hain mich wiesen;

WALTHERwas Dichtersanges Wundermacht

WALTHERmir heimlich wollt' erschliessen;

WALTHERwas Rosses Schritt beim Waffenritt,

WALTHERwas Reihentanz bei heit'rem Schanz

WALTHERmir sinnend gab zu lauschen:

WALTHERgilt es des Lebens höchsten Preis,

WALTHERum Sang mir einzutauschen,

WALTHERzu eignem Wort und eigner Weis'

WALTHERwill einig mir es fliessen,

WALTHERals Meistersang, ob den ich weiss,

WALTHEREuch Meistern sich ergiessen.

BECKMESSEREntnahmt Ihr was der Worte Schwall?

VOGELGESANGEi nun, er wagt's!

NACHTIGALLMerkwürd'ger Fall!

KOTHNERNun, Meister, wenn's gefällt,

KOTHNERwerd'das Gemerk bestellt. -

zu Walther

KOTHNERWählt der Herr einen heiligen Stoff?

WALTHERWas heilig mir, der Liebe Panier

WALTHERschwing' und sing' ich mir zu Hoff .

KOTHNERDas gilt uns weltlich. Drum allein,

KOTHNERMeister Beckmesser, schliesst Euch ein!

erhebt sich und schreitet wie widerwillig dem Gemerke zu

BECKMESSEREin sau'res Amt, und heut'zumal!

BECKMESSERWohl gibt's mit der Kreide manche Qual.

BECKMESSEREr verneigt sich gegen Walther.

BECKMESSERHerr Ritter, wisst:

BECKMESSERSixtus Beckmesser Merker ist.

BECKMESSERHier im Gemerk

BECKMESSERverrichtet er still sein strenges Werk.

BECKMESSERSieben Fehler gibt er Euch vor,

BECKMESSERdie merkt er mit Kreide dort an:

BECKMESSERwenn er über sieben Fehler verlor,

BECKMESSERdann versang der Herr Rittersmann.

Er setzt sich im Gemerk

BECKMESSERGar fein er hört;

BECKMESSERdoch dass er Euch den Mut nicht stört,

BECKMESSERsäht Ihr ihm zu, so gibt er Euch Ruh'

und schliesst sich gar hier ein -

BECKMESSERlässt Gott Euch befohlen sein.

Er streckt den Kopf höhnisch freundlich nickend heraus und verschwindet hinter dem zugezogenen Vorhange des Gemerks gänzlich

winkt den Lehrbuben. Zu Walther:

KOTHNERWas Euch zum Liede Richt' und Schnur,

KOTHNERvernehmt nun aus der Tabulatur.

Zwei Lehrbuben haben die an der Wand aufgehängte Tafel der »Leges Tabulaturae« herabgenommen und halten sie Kothner vor; dieser liest daraus:

KOTHNER»Ein jedes Meistergesanges Bar

KOTHNERstell' ordentlich ein Gemässe dar

KOTHNERaus unterschiedlichen Gesätzen,

KOTHNERdie keiner soll verletzen.

KOTHNEREin Gesätz besteht aus zweenen Stollen,

KOTHNERdie gleiche Melodei haben sollen;

KOTHNERder Stoll' aus etlicher Vers' Gebänd',

KOTHNERder Vers hat seinen Reim am End'.

KOTHNERDarauf erfolgt der Abgesang,

KOTHNERder sei auch etlich' Verse lang

KOTHNERund hab' sein' besond're Melodei,

KOTHNERals nicht im Stollen zu finden sei.

KOTHNERDerlei Gemässes mehre Baren

KOTHNERsoll ein jed'Meisterlied bewahren;

KOTHNERund wer ein neues Lied gericht't,

KOTHNERdas über vier der Silben nicht

KOTHNEReingreift in andrer Meister Weis',

KOTHNERdess Lied erwerb' sich Meisterpreis.« -

Er gibt die Tafel den Lehrbuben zurück; diese hängen sie wieder auf

KOTHNERNun setzt Euch in den Singestuhl!

mit einem Schauer

WALTHERHier - in den Stuhl?

KOTHNERWie's Brauch der Schul'.

besteigt den Stuhl und setzt sich mit Widerstreben. Beiseite

WALTHERFür dich, Geliebte, sei's getan!

sehr laut

KOTHNERDer Sänger sitzt.

unsichtbar im Gemerk, sehr grell

BECKMESSERFanget an!

WALTHERFanget an!

WALTHERSo rief der Lenz in den Wald,

WALTHERdass laut es ihn durchhallt;

WALTHERund wie in fern'ren Wellen

WALTHERder Hall von dannen flieht,

WALTHERvon weither naht ein Schwellen,

WALTHERdas mächtig näher zieht;

WALTHERes schwillt und schallt,

WALTHERes tönt der Wald

WALTHERvon holder Stimmen Gemenge;

WALTHERnun laut und hell schon nah zur Stell',

WALTHERwie wächst der Schwall! Wie Glockenhall

WALTHERertost des Jubels Gedränge!

WALTHERDer Wald, wie bald

WALTHERantwortet er dem Ruf,

WALTHERder neu ihm Leben schuf,

WALTHERstimmte an

WALTHERdas süsse Lenzeslied! -

Man hört aus dem Gemerk unnzutige Seufzer des Merkers und heftiges Anstreichen mit der Kreide. Auch Walther hat es gehört; nach kurzer Störung fährt er fort

WALTHERIn einer Dornenhecken,

WALTHERvon Neid und Gram verzehrt,

WALTHERmusst' er sich da verstecken,

WALTHERder Winter, grimm-bewehrt.

WALTHERVon dürrem Laub umrauscht

WALTHERer lauert da und lauscht,

WALTHERwie er das frohe Singen

WALTHERzu Schaden könnte bringen. -

Er steht vom Stuhle auf

WALTHERDoch:

WALTHERfanget an!

WALTHERSo rief es mir in der Brust,

WALTHERals noch ich von Liebe nicht wusst'.

WALTHERDa fühlt' ich's tief sich regen,

WALTHERals weckt' es mich aus dem Traum;

WALTHERmein Herz mit bebenden Schlägen

WALTHERerfüllte des Busens Raum:

WALTHERdas Blut, es wallt mit Allgewalt,

WALTHERgeschwellt von neuem Gefühle;

WALTHERaus warmer Nacht mit Übermacht

WALTHERschwillt mir zum Meer der Seufzer Heer

WALTHERim wilden Wonnegewühle.

WALTHERDie Brust wie bald

WALTHERantwortet sie dem Ruf,

WALTHERder neu ihr Leben schuf;

WALTHERstimmt nun an

WALTHERdas hehre Liebeslied!

den Vorhang aufreissend

BECKMESSERSeid Ihr nun fertig?

WALTHERWie fraget Ihr?

BECKMESSERMit der Tafel ward ich fertig schier.

Er hält die ganz mit Kreidestrichen bedeckte Tafel heraus; die Meister brechen in ein Gelächter aus

WALTHERHört doch! Zu meiner Frauen Preis

WALTHERgelang' ich jetzt erst mit der Weis'.

das Gemerk verlassend

BECKMESSERSingt, wo Ihr wollt! Hier habt Ihr vertan.

BECKMESSERIhr Meister, schaut die Tafel Euch an:

BECKMESSERso lang' ich leb', ward's nicht erhört;

BECKMESSERich glaubt's nicht, wenn Ihr's all auch schwört!

WALTHERErlaubt Ihr's, Meister, dass er mich stört?

WALTHERBlieb ich von allen ungehört?

POGNEREin Wort, Herr Merker! Ihr seid gereizt!

BECKMESSERSei Merker fortan, wer danach geizt!

BECKMESSERDoch dass der Junker hier versungen hat,

BECKMESSERbeleg' ich erst noch vor der Meister Rat.

BECKMESSERZwar wird's 'ne harte Arbeit sein:

BECKMESSERwo beginnen, da wo nicht aus noch ein?

BECKMESSERVon falscher Zahl und falschem Gebänd'

BECKMESSERschweig' ich schon ganz und gar;

BECKMESSERzu kurz, zu lang, wer ein End' da fänd'!

BECKMESSERWer meint hier im Ernst einen Bar?

BECKMESSERAuf »blinde Meinung« klag' ich allein:

BECKMESSERsagt, konnt' ein Sinn unsinniger sein?

ohne Sachs und Pogner

DIE MEISTERMan ward nicht klug! Ich muss gestehn.

DIE MEISTEREin Ende konnte keiner erseh'n.

BECKMESSERUnd dann die Weis'! Welch tolles Gekreis'

BECKMESSERaus »Abenteuer«-, »blau Rittersporn«-Weis',

BECKMESSER»hoch Tannen«- und »stolz Jüngling«-Ton!

KOTHNERJa, ich verstand gar nichts davon!

BECKMESSERKein Absatz wo, kein' Koloratur,

BECKMESSERvon Melodei auch nicht eine Spur!

BECKMESSERORTEL, dann FOLTZ

BECKMESSERWer nennt das Gesang?

MOSEREs ward einem bang'!

NACHTIGALLJa, 's ward einem bang!

VOGELGESANGEitel Ohrgeschinder!

ZORNAuch gar nichts dahinter!

KOTHNERUnd gar vom Singstuhl ist er gesprungen!

BECKMESSERWird erst auf die Fehlerprobe gedrungen?

BECKMESSEROder gleich erklärt, dass er versungen?

der vom Beginne an Walther mit wachsendem Ernst zugehört hat, schreitet vor

SACHSHalt Meister! Nicht so geeilt!

SACHSNicht jeder Eure Meinung teilt.

SACHSDes Ritters Lied und Weise,

SACHSsie fand ich neu, doch nicht verwirrt;

SACHSverliess er unsre Gleise,

SACHSschritt er doch fest und unbeirrt.

SACHSWollt Ihr nach Regeln messen,

SACHSwas nicht nach Eurer Regeln Lauf,

SACHSder eig'nen Spur vergessen,

SACHSsucht davon erst die Regeln auf!

BECKMESSERAha, schon recht! Nun hört Ihr's doch:

den Stümpern öffnet Sachs ein Loch,

BECKMESSERda aus und ein nach Belieben

BECKMESSERihr Wesen leicht sie trieben.

BECKMESSERSinget dem Volk auf Markt und Gassen;

BECKMESSERhier wird nach den Regeln nur eingelassen!

SACHSHerr Merker, was doch solch ein Eifer?

SACHSWas doch so wenig Ruh'?

SACHSEu'r Urteil, dünkt mich, wäre reifer,

SACHShörtet Ihr besser zu.

SACHSDarum, so komm' ich jetzt zum Schluss,

SACHSdass den Junker man zu End' hören muss.

BECKMESSERDer Meister Zunft, die ganze Schul',

BECKMESSERgegen den Sachs da sind wir Null.

SACHSVerhüt' es Gott, was ich begehr',

SACHSdass das nicht nach den Gesetzen wär'!

SACHSDoch da nun steht geschrieben:

SACHS»Der Merker werde so bestellt,

SACHSdass weder Hass noch Lieben

SACHSdas Urteil trübe, das er fällt« -

SACHSGeht der nun gar auf Freiersfüssen,

SACHSwie sollt' er da die Lust nicht büssen,

SACHSden Nebenbuhler auf dem Stuhl

SACHSzu schmähen vor der ganzen Schul'?

SACHSWalther flammt auf.

NACHTIGALLIhr geht zu weit!

KOTHNERPersönlichkeit!

POGNERVermeidet, Meister, Zwist und Streit!

BECKMESSEREi, was kümmert doch Meister Sachsen,

BECKMESSERauf was für Füssen ich geh?

BECKMESSERLiess er doch lieber Sorge sich wachsen,

BECKMESSERdass mir nichts drück' die Zeh'!

BECKMESSERDoch seit mein Schuster ein grosser Poet,

BECKMESSERgar übel es um mein Schuhwerk steht.

BECKMESSERDa seht, wie's schlappt und überall klappt!

BECKMESSERAll seine Vers' und Reim' liess ich ihm gern daheim,

BECKMESSERHistorien, Spiel' und Schwänke dazu,

BECKMESSERbrächt' er mir morgen die neuen Schuh'!

kratzt sich hinter den Ohren

SACHSIhr mahnt mich da gar recht:

SACHSdoch schickt sich's, Meister, sprecht,

SACHSdass, find' ich selbst dem Eseltreiber

SACHSein Sprüchlein auf die Sohl',

SACHSdem hochgelahrten Herrn Stadtschreiber

SACHSich nichts drauf schreiben soll?

SACHSDas Sprüchlein, das Eu'r würdig sei,

SACHSmit all meiner armen Poeterei

SACHSfand ich noch nicht zur Stund';

SACHSdoch wird's wohl jetzt mir kund,

SACHSwenn ich des Ritters Lied gehört:

SACHSdrum sing' er nun weiter ungestört!

Walther steigt in grosser Aufregung auf den Singstuhl und blickt stehend herab

BECKMESSERNicht weiter! Zum Schluss!

nacheinander

VOGELGESANGGenug!

ZORNZum Schluss!

KOTHNERGenug! Zum Schluss.

zu Walther

SACHSSingt dem Herrn Merker zum Verdruss!

BECKMESSERWas sollte man da noch hören?

BECKMESSERWär's nicht Euch zu betören?

Er holt aus dem Gemerk die Tafel herbei und hält sie während des Folgenden, von einem zum andern sich wendend, zur Prüfung den Meistern vor

WALTHERAus finst'rer Dornenhecken

WALTHERdie Eule rauscht' hervor,

WALTHERtät' rings mit Kreischen wecken

WALTHERder Raben heis'ren Chor:

BECKMESSERJeden Fehler gross und klein

BECKMESSERseht genau auf der Tafel ein.

ohne Sachs und Pogner

DIE MEISTERJawohl, so ist's!

WALTHERin nächt'gem Heer zu Hauf

WALTHERwie krächzen all' da auf

WALTHERmit ihren Stimmen, den hohlen,

WALTHERdie Elstern, Kräh'n und Dohlen!

BECKMESSER»Falsch Gebänd«, »unredbare Worte«,

BECKMESSER»Klebsilben«, hier »Laster« gar;

ohne Sachs und Pogner

DIE MEISTERIch seh' es recht!

DIE MEISTERMit dem Herrn Ritter steht es schlecht.

DIE MEISTERMag Sachs von ihm halten, was er will,

DIE MEISTERhier in der Singschul' schweig' er still!

beobachtet Walther entzückt

SACHSHa, welch ein Mut!

SACHSBegeisterungsglut! -

WALTHERAuf da steigt

WALTHERmit gold'nem Flügelpaar

WALTHERein Vogel wunderbar:

WALTHERsein strahlend hell Gefieder

WALTHERlicht in den Lüften blinkt;

BECKMESSER»Äquivoca«, »Reim am falschen Orte«,

BECKMESSER»verkehrt«, »verstellt« der ganze Bar;

BECKMESSERein »Flickgesang« hier zwischen den Stollen;

POGNERJawohl, ich seh's, was mir nicht recht:

POGNERmit meinem Junker steht es schlecht!

ohne Sachs und Pogner

DIE MEISTERBleibt einem jeden doch unbenommen,

DIE MEISTERwen er sich zum Genossen begehrt!

SACHSIhr Meister, schweigt doch und hört!

WALTHERschwebt selig hin und wider,

WALTHERzu Flug und Flucht mir winkt.

WALTHEREs schwillt das Herz

WALTHERvor süssem Schmerz,

POGNERWeich' ich hier der Übermacht,

POGNERmir ahnet, dass mir's Sorge macht.

ohne Sachs und Pogner

DIE MEISTERWär' uns der erste best'willkommen,

DIE MEISTERwas blieben die Meister dann wert?

inständig

SACHSHört, wenn Sachs Euch beschwört!

BECKMESSER»blinde Meinung« allüberall;

SACHSHerr Merker da, gönnt doch nur Ruh'!

BECKMESSER»unklare Wort'«, »Differenz«,

BECKMESSERhier »Schrollen«,

BECKMESSERda »falscher Atem«, hier »Überfall«.

WALTHERder Not entwachsen Flügel;

WALTHERes schwingt sich auf

WALTHERzum kühnen Lauf,

WALTHERaus der Städte Gruft

WALTHERzum Flug durch die Luft,

WALTHERdahin zum heimischen Hügel;

SACHSLasst and're hören, gebt das nur zu!

SACHSUmsonst! All eitel' Trachten!

SACHSKaum vernimmt man sein eig'nes Wort!

BECKMESSERGanz unverständliche Melodei!

BECKMESSERAus allen Tönen ein Mischgebräu!

SACHSDes Junkers will keiner achten.

SACHSDas nenn' ich Mut, singt der noch fort!

POGNERWie gern säh' ich ihn angenommen,

WALTHERdahin zur grünen Vogelweid',

WALTHERwo Meister Walther einst mich freit';

WALTHERda sing' ich hell und hehr

WALTHERder liebsten Frauen Ehr';

WALTHERDAVID und die LEHRBUBEN

sind von der Bank aufgestanden und nähern sich dem Gemerk, um welches sie einen Ring schliessen und sich zum Reigen ordnen

WALTHERGlück auf zum Meistersingen,

WALTHERmögt Ihr Euch das Kränzlein erschwingen!

Sie fassen sich an und tanzen im Ringe immer lustiger um das Gemerk

BECKMESSERScheutet Ihr nicht das Ungemach,

BECKMESSERMeister, zählt mir die Fehler nach!

ohne Sachs und Pogner

DIE MEISTERHei wie sich der Ritter da quält!

POGNERals Eidam wär' er mir gar wert;

SACHSDas Herz auf dem rechten Fleck:

SACHSein wahrer Dichter-Reck'!

WALTHERauf dann steigt,

WALTHERob Meister-Kräh'n ihm ungeneigt,

WALTHERdas stolze Minnelied. -

WALTHERDAVID und die LEHRBUBEN

WALTHERDas Blumenkränzlein aus Seiden fein

WALTHERwird das dem Herrn Ritter beschieden sein?

BECKMESSERVerloren hätt' er schon mit dem acht':

BECKMESSERdoch so weit wie der hat's noch keiner gebracht!

POGNERnenn' ich den Sieger jetzt willkommen,

POGNERwer weiss, ob ihn mein Kind erwählt?

ohne Sachs und Pogner

DIE MEISTERDer Sachs hat ihn sich erwählt! -

lachend

DIE MEISTERHahaha!

SACHSMach' ich, Hans Sachs, wohl Vers' und Schuh',

SACHSist Ritter der und Poet dazu.

DIE MEISTERohne Sachs und Pogner

DIE MEISTER's ist ärgerlich gar!

DIE MEISTERDrum macht ein End'!

BECKMESSERWohl über fünfzig, schlecht gezählt!

BECKMESSERSagt, ob Ihr Euch den zum Meister wählt?

POGNERGesteh ich's, dass mich das quält,

POGNERob Eva den Meister wählt!

ohne Sachs und Pogner

DIE MEISTERAuf, Meister, stimmt

DIE MEISTERund erhebt die Händ'!

Die Meister erheben die Hände

WALTHERAde, Ihr Meister, hienied'!

BECKMESSERNun, Meister, kündet's an!

ohne Sachs und Pogner

DIE MEISTERVersungen und vertan!

Er verlässt mit einer stolzen verächtlichen Gebärde den Stuhl und wendet sich rasch zum Fortgehen.

Alles geht in Aufregung auseinander; lustiger Tumult der Lehrbuben, welche sich des Gemerks des Singstuhls und der Meisterbänke bemächtigen, wodurch Gedränge und Durcheinander der nach dem Ausgange sich wendenden Meister entsteht. Sachs, der allein im Vordergrunde geblieben, blickt noch gedankenvoll nach dem leeren Singestuhl, als die Lehrbuben auch diesen erfassen. Während Sachs mit humoristisch-unmutiger Gebärde sich abwendet, fällt der Vorhang

SYSTEMZWEITER AUFZUG

Die Bühne stellt im Vordergrund eine Strasse im Längendurchschnitt dar, welche in der Mitte von einer schmalen Gasse, nach dem Hintergrunde zu krumm abbiegend, durchschnitten wird, so dass sich in Front zwei Eckhäuser darbieten, von denen das eine reichere - rechts - das Haus Pogners, das andere einfachere - links - das des Hans Sachs ist. - Vor Pogners Haus eine Linde; vor dem Sachsens ein Fliederbaum. Heiterer Sommerabend, im Verlaufe der ersten Auftritte allmählich einbrechende Nacht. David ist darüber her, die Fensterläden nach der Gasse zu von aussen zu schliessen. Andere Lehrbuben tun das gleiche bei anderen Häusern

an der Arbeit

LEHRBUBENJohannistag! Johannistag!

LEHRBUBENBlumen und Bänder, so viel man mag!

leise für sich

DAVIDDas Blumenkränzlein von Seiden fein

DAVIDmöcht' es mir balde beschieden sein!

ist mit einem Korbe am Arm aus Pogners Haus gekommen und sucht David unbemerkt sich zu nähern

MAGDALENEPst, David!

nach der Gasse zu sich umwendend, heftig

DAVIDRuft ihr schon wieder?

DAVIDSingt allein eure dummen Lieder!

Er wendet sich unwillig zur Seite

zuerst Magdalenes Stimme nachahmend

LEHRBUBENDavid, was soll's? Wärst nicht so stolz,

LEHRBUBENschaut'st besser um, wärst nicht so dumm!

LEHRBUBENJohannistag! Johannistag!

LEHRBUBENWie der nur die Jungfer Lene nicht kennen mag!

MAGDALENEDavid, hör' doch! Kehr' dich zu mir!

DAVIDAch, Jungfer Lene! Ihr seid hier?

auf ihren Korb deutend

MAGDALENEBring' dir was Gut's; schau nur hinein!

MAGDALENEDas soll für mein lieb' Schätzel sein.

MAGDALENEErst aber schnell, wie ging's mit dem Ritter?

MAGDALENEDu rietest ihm gut? Er gewann den Kranz?

DAVIDAch, Jungfer Lene! Da steht's bitter; der hat versungen und ganz vertan!

erschrocken

MAGDALENEVersungen? Vertan?

DAVIDWas geht's Euch nur an?

den Korb, nach welchem David die Hand ausstreckt, heftig zurückziehend

MAGDALENEHand von der Taschen! Nichts zu naschen!

MAGDALENEHilf Gott! Unser Junker vertan!

Sie geht mit Gebärden der Trostlosigkeit ins Haus zurück. David sieht verblüfft nach

MAGDALENEDie LEHRBUBEN

welche unbemerkt nähergeschlichen waren und gelauscht hatten, präsentieren sich jetzt, wie glückwünschend, David

MAGDALENEHeil, Heil zur Eh' dem jungen Mann!

MAGDALENEWie glücklich hat er gefreit!

MAGDALENEWir hörten's all' und sahen's an:

MAGDALENEder er sein Herz geweiht,

MAGDALENEfür die er lässt sein Leben,

MAGDALENEdie hat ihm den Korb nicht gegeben.

auffahrend

DAVIDWas steht ihr hier faul?

DAVIDGleich haltet das Maul!

DAVIDDie LEHRBUBEN

schliessen einen Ring um David und tanzen um ihn

DAVIDJohannistag! Johannistag!

DAVIDDa freit ein jeder, wie er mag.

DAVIDDer Meister freit, der Bursche freit!

DAVIDDa gibt's Geschlamb und Geschlumbfer.

DAVIDDer Alte freit die junge Maid,

DAVIDder Bursche die alte Jumbfer!

DAVIDJuchhei! Juchhei! Johannistag!

David ist im Begriff wütend dreinzuschlagen, als Sachs, der aus der Gasse hervorgekommen, dazwischentritt. Die Lehrbuben fahren auseinander

zu David

SACHSWas gibt's? Treff' ich dich wieder am Schlag?

DAVIDNicht ich! Schandlieder singen die.

SACHSHör' nicht drauf! Lern's besser wie sie!

SACHSZur Ruh'! Ins Haus! Schliess und mach Licht!

Die Lehrbuben zerstreuen sich

DAVIDHab ich heut Singstund'?

SACHSNein, singst nicht

SACHSzur Straf' für dein heutig frech' Erdreisten.

SACHSDie neuen Schuh' steck mir auf den Leisten!

David und Sachs sind in die Werkstatt eingetreten und gehen durch eine innere Tür ab

Pogner und Eva, vom Spaziergang heimkehrend, die Tochter leicht am Arme des Vaters eingehängt, sind schweigsam die Gasse heraufgekommen

noch auf der Gasse, durch eine Klinze im Fensterladen von Sachs' Werkstatt spähend

POGNERLass seh'n, ob Nachbar Sachs zu Haus?

POGNERGern spräch' ich ihn. Trät' ich wohl ein?

David kommt mit Licht aus der Kammer, setzt sich damit an den Werktisch am Fenster und macht sich über die Arbeit her

spähend

EVAEr scheint daheim:

EVAkommt Licht heraus.

POGNERTu ich's? Zu was doch? - Besser, nein!

Er wendet sich ab

POGNERWill einer Selt'nes wagen,

POGNERwas liess' er sich dann sagen? - -

Er sinnt nach

POGNERWar er's nicht, der meint', ich ging' zu weit?

POGNERUnd blieb ich nicht im Geleise,

POGNERwar's nicht auf seine Weise?

POGNERDoch war's vielleicht auch - Eitelkeit?

Er wendet sich zu Eva

POGNERUnd du, mein Kind, du sagst mir nichts?

EVAEin folgsam Kind, gefragt nur spricht's.

POGNERWie klug! Wie gut! - Komm, setz' dich hier

POGNERein Weil' noch auf die Bank zu mir.

Er setzt sich auf die Steinbank unter der Linde

EVAWird's nicht zu kühl?

EVA‘s war heut' gar schwül.

POGNERNicht doch, ‘s ist mild und labend; gar lieblich lind der Abend.

Eva setzt sich zögernd und beklommen Pogner zur Seite

POGNERDas deutet auf den schönsten Tag,

POGNERder morgen soll erscheinen.

POGNERo Kind, sagt dir kein Herzensschlag,

POGNERwelch Glück dich morgen treffen mag,

POGNERwenn Nüremberg, die ganze Stadt

POGNERmit Bürgern und Gemeinen,

POGNERmit Zünften, Volk und hohem Rat,

POGNERvor dir sich soll vereinen,

POGNERdass du den Preis, das edle Reis,

POGNERerteilest als Gemahl

POGNERdem Meister deiner Wahl?

EVALieb' Vater, muss es ein Meister sein?

POGNERHör' wohl:

POGNERein Meister deiner Wahl.

Magdalene erscheint an der Tür und winkt Eva

zerstreut

EVAJa - meiner Wahl! Doch tritt nur ein -

Laut zu Magdalene gewandt

EVAGleich, Lene, gleich! -zum Abendmahl.

Sie steht auf

ärgerlich aufstehend

POGNER‘s gibt doch keinen Gast?

wie zuvor

EVAWohl den Junker?

verwirrt

POGNERWieso?

EVASahst ihn heut' nicht?

halb für sich nachdenklich zerstreut

POGNERWard sein nicht froh. -

Sich zusammennehmend

POGNERNicht doch! Was denn?

Sich vor die Stirn klopfend

POGNEREi, werd ich dumm?

EVALieb' Väterchen, komm! Geh', kleid' dich um!

während er ins Haus vorangeht

POGNERHm! - Was geht mir im Kopf doch , rum?

heimlich zu Eva

MAGDALENEHast was heraus?

ebenso

EVABlieb still und stumm.

MAGDALENESprach David:

MAGDALENEmeint', er habe vertan.

erschrocken

EVADer Ritter! Hilf Gott, was fing' ich an?

EVAAch, Lene, die Angst! Wo was erfahren?

MAGDALENEVielleicht vom Sachs?

heiter

EVAAch, der hat mich lieb! Gewiss, ich geh' hin.

MAGDALENELass drin nichts gewahren!

MAGDALENEDer Vater merkt' es, wenn man jetzt blieb'.

MAGDALENENach dem Mahl:

MAGDALENEdann hab ich dir noch was zu sagen,

im Abgehen auf der Treppe

MAGDALENEwas jemand geheim mir aufgetragen.

sich umwendend

EVAWer denn? Der Junker?

MAGDALENENichts da! Nein, Beckmesser!

EVADas mag was Rechtes sein!

Sie geht in das Haus, Magdalene folgt ihr

Sachs ist, in leichter Hauskleidung, von innen in die Werkstatt zurückgekommen. Er wendet sich zu David, der an seinem Werktische verblieben ist

SACHSZeig her! - ‘s ist gut. - Dort an die Tür

SACHSriick' mir Tisch und Schemel herfür! -

SACHSLeg' dich zu Bett! Steh' auf beizeit'

SACHSverschlaf die Dummheit, sei morgen gescheit!

während er den Tisch und Schemel richtet

DAVIDSchafft Ihr noch Arbeit?

SACHSKümmert dich das?

für sich

DAVIDWas war nur der Lene? Gott weiss, was! -

DAVIDWarum wohl der Meister heute wacht?

SACHSWas stehst noch?

DAVIDSchlaft wohl, Meister!

SACHSGut' Nacht!

David geht in die der Gasse zu gelegene Kammer ab

legt sich die Arbeit zurecht, setzt sich an der Tür auf den Schemel, lässt aber die Arbeit wieder liegen und lehnt, mit dem Arm auf den geschlossenen Unterteil des Türladens gestützt, sich zurück

SACHSWas duftet doch der Flieder

SACHSso mild, so stark und voll!

SACHSMir löst es weich die Glieder,

SACHSwill, dass ich was sagen soll.

SACHSWas gilt's, was ich dir sagen kann?

SACHSBin gar ein arm einfältig Mann!

SACHSSoll mir die Arbeit nicht schmecken,

SACHSgäbst, Freund, lieber mich frei;

SACHStät' besser, das Leder zu strecken,

SACHSund liess alle Poeterei.

Er nimmt heftig und geräuschvoll die Schusterarbeit vor. Lässt wieder ab, lehnt sich von neuem zurück und sinnt nach

SACHSUnd doch, ‘s will halt nicht geh'n.

SACHSIch fühl's - und kann's nicht versteh'n -

SACHSkann's nicht behalten - doch auch nicht vergessen;

SACHSund fass ich es ganz - kann ich's nicht messen!

SACHSDoch wie wollt' ich auch messen,

SACHSwas unermesslich mir schien?

SACHSKein' Regel wollte da passen

SACHSund war doch kein Fehler drin.

SACHSEs klang so alt und war doch so neu

SACHSwie Vogelsang im süssen Mai!

SACHSWer ihn hört

SACHSund wahnbetört

SACHSsänge dem Vogel nach,

SACHSdem brächt' es Spott und Schmach. -

SACHSLenzes Gebot, die süsse Not,

SACHSdie legt' es ihm in die Brust:

SACHSnun sang er, wie er musst'!

SACHSUnd wie er musst' - so konnt' er's;

SACHSdas merkt' ich ganz besonders.

SACHSDem Vogel, der heut' sang,

SACHSdem war der Schnabel hold gewachsen:

SACHSmacht' er den Meistern bang,

SACHSgar wohl gefiel' er doch Hans Sachsen.

Er nimmt mit heiterer Gelassenheit seine Arbeit vor

Eva ist auf die Strasse getreten, hat sich schüchtern der Werkstatt genähert und steht jetzt unbemerkt an der Tür bei Sachs

EVAGut'n Abend, Meister! Noch so fleissig?

fährt angenehm überrascht auf

SACHSEi, Kind!

SACHSLieb Evchen! Noch so spät?

SACHSUnd doch, warum so spät noch, weiss ich:

SACHSdie neuen Schuh'?

EVAWie fehl er rät!

EVADie Schuh' hab ich noch gar nicht probiert;

EVAsie sind so schön und reich geziert,

EVAdass ich sie noch nicht an die Füss' mir getraut.

Sie setzt sich dicht neben Sachs auf den Steinsitz

SACHSDoch sollst sie morgen tragen als Braut?

EVAWer wäre denn Bräutigam?

SACHSWeiss ich das?

EVAWie wisst Ihr dann, dass ich Braut?

SACHSEi was! - Das weiss die Stadt.

EVAJa, weiss es die Stadt,

EVAFreund Sachs gute Gewähr dann hat.

EVAIch dacht', er wüsst' mehr.

SACHSWas sollt' ich wissen?

EVAEi seht doch! Werd ich's ihm sagen müssen?

EVAIch bin wohl recht dumm?

SACHSDas sag ich nicht.

EVADann wärt Ihr wohl klug?

SACHSDas weiss ich nicht.

EVAIhr wisst nichts? Ihr sagt nichts? Ei, Freund Sachs,

EVAjetzt merk' ich wahrlich, Pech ist kein Wachs.

EVAIch hätt' Euch für feiner gehalten.

SACHSKind,

SACHSbeid', Wachs und Pech, vertraut mir sind.

SACHSMit Wachs strich ich die seid'nen Fäden,

SACHSdamit ich dir die zieren Schuh' gefasst:

SACHSheut fass ich die Schuh' mit dicht'ren Drähten,

SACHSda gilt's mit Pech für den derb'ren Gast.

EVAWer ist denn der? Wohl was Recht's?

SACHSDas mein' ich!

SACHSEin Meister, stolz auf Freiers Fuss,

SACHSdenkt morgen zu siegen ganz alleinig:

SACHSHerrn Beckmessers Schuh' ich richten muss.

EVASo nehmt nur tüchtig Pech dazu:

EVAda kleb' er drin und lass' mir Ruh'!

SACHSEr hofft dich sicher zu ersingen.

EVAWieso denn der?

SACHSEin Junggesell:

SACHS‘s gibt deren wenig dort zur Stell'.

EVAKönnt's einem Witwer nicht gelingen?

SACHSMein Kind, der wär' zu alt für dich.

EVAEi, was! Zu alt? Hier gilt's der Kunst,

EVAwer sie versteht, der werb' um mich!

SACHSLieb' Evchen! Machst mir blauen Dunst?

EVANicht ich! Ihr seid's; Ihr macht mir Flausen!

EVAGesteht nur, dass Ihr wandelbar;

EVAGott weiss, wer Euch jetzt im Herzen mag hausen,

EVAglaubt' ich mich doch drin so manches Jahr.

SACHSWohl, da ich dich gern auf den Armen trug?

EVAIch seh', ‘s war nur, weil Ihr kinderlos.

SACHSHatt' einst ein Weib und Kinder genug.

EVADoch starb Eure Frau, so wuchs ich gross.

SACHSGar gross und schön!

EVADa dacht' ich aus,

EVAIhr nähmt mich für Weib und Kind ins Haus.

SACHSDa hätt' ich ein Kind und auch ein Weib!

SACHS‘s wär ein lieber Zeitvertreib!

SACHSJa, ja! Das hast du dir schön erdacht.

EVAIch glaub', der Meister mich gar verlacht?

EVAAm End' auch liess' er sich gar gefallen,

EVAdass unter der Nas' ihm weg vor allen

EVAder Beckmesser morgen mich ersäng'?

SACHSWer sollt's ihm wehren, wenn's ihm geläng'?

SACHSDem wüsst' allein dein Vater Rat.

EVAWo so ein Meister den Kopf nur hat!

EVAKäm' ich zu Euch wohl, fänd' ich's zu Haus?

trocken

SACHSAch ja! Hast recht! ‘s ist im Kopf mir kraus.

SACHSHab heut manch' Sorg' und Wirr' erlebt:

SACHSda mag's dann sein, dass was drin klebt.

wieder näher rückend

EVAWohl in der Singschul'? ‘s war heut Gebot.

SACHSJa, Kind! Eine Freiung machte mir Not.

EVAJa, Sachs! Das hättet Ihr gleich soll'n sagen;

EVAquält Euch dann nicht mit unnützen Fragen.

EVANun sagt, wer war's, der Freiung begehrt?

SACHSEin Junker, Kind, gar unbelehrt.

wie heimlich

EVAEin Ritter? Mein, sagt!

EVAUnd ward er gefreit?

SACHSNichts da, mein Kind! ‘s gab gar viel Streit.

EVASo sagt! Erzählt, wie ging es zu?

EVAMacht's Euch Sorg', wie liess' mir es Ruh'?

EVASo bestand er übel und hat vertan?

SACHSOhne Gnad' versang der Herr Rittersmann.

kommt zum Hause heraus und ruft leise

MAGDALENEPst! Evchen! Pst!

eifrig zu Sachs gewandt

EVAOhne Gnade? Wie?

EVAKein Mittel gäb's, das ihm gedieh?

EVASang er so schlecht, so fehlervoll,

EVAdass nichts mehr zum Meister ihm helfen soll?

SACHSMein Kind, für den ist alles verloren,

SACHSund Meister wird der in keinem Land;

SACHSdenn wer als Meister geboren,

SACHSder hat unter Meistern den schlimmsten Stand.

vernehmlicher rufend

MAGDALENEDer Vater verlangt.

immer dringender zu Sachs

EVASo sagt mir noch an,

EVAob keinen der Meister zum Freund er gewann?

SACHSDas wär' nicht übel! Freund ihm noch sein!

SACHSIhm, vor dem sich alle fühlten so klein?

SACHSDen Junker Hochmut, lasst ihn laufen,

SACHSmag er durch die Welt sich raufen;

SACHSwas wir erlernt mit Not und Müh',

SACHSdabei lasst uns in Ruh' verschnaufen:

SACHShier renn' er uns nichts über'n Haufen,

SACHSsein Glück ihm anderswo erblüh'!

erhebt sich zornig

EVAJa, anderswo soll's ihm erblühn

EVAals bei euch garst'gen, neid'schen Mannsen;

EVAwo warm die Herzen noch erglühen,

EVAtrotz allen tück'schen Meister Hansen! -

zu Magdalene

EVAGleich, Lene, gleich! Ich komme schon!

EVAWas trüg' ich hier für Trost davon?

EVADa riecht's nach Pech, dass Gott erbarm'!

EVABrennt' er's lieber, da würd' er doch warm!

Sie geht sehr aufgeregt mit Magdalene über die Strasse hinüber und verweilt in grosser Unruhe unter der Tür des Hauses

sieht ihr mit bedeutungsvollem Kopfnicken nach

SACHSDas dacht' ich wohl. Nun heisst's:

SACHSschaff Rat!

Er ist während des Folgenden damit beschäftigt, auch die obere Ladentüre so weit zu schiessen dass sie nur ein wenig Licht noch durchlässt er selbst verschwindet so fast gänzlich

MAGDALENEHilf Gott! Wo bliebst du nur so spat? Der Vater rief.

EVAGeh zu ihm ein:

EVAich sei zu Bett im Kämmerlein.

MAGDALENENicht doch! Hör mich! Komm ich dazu?

MAGDALENEBeckmesser fand mich, er lässt nicht Ruh',

MAGDALENEzur Nacht sollst du dich ans Fenster neigen,

MAGDALENEer will dir was Schönes singen und geigen,

MAGDALENEmit dem er dich hofft zu gewinnen, das Lied,

MAGDALENEob das dir nach Gefallen geriet.

EVADas fehlte auch noch! - Käme nur er!

MAGDALENEHast David gesehn?

EVAWas soll mir der?

Sie späht aus

für sich

MAGDALENEIch war zu streng; er wird sich grämen.

EVASiehst du noch nichts?

tut, als spähe sie

MAGDALENE‘s ist, als ob Leut' dort kämen.

EVAWär' er's?

MAGDALENEMach und komm jetzt hinan!

EVANicht eh'r, bis ich sah den teuersten Mann!

MAGDALENEIch täuschte mich dort, er war es nicht.

MAGDALENEJetzt komm, sonst merkt der Vater die Geschicht'!

EVAAch, meine Angst!

MAGDALENEAuch lass uns beraten, wie wir des Beckmessers uns entladen.

EVAZum Fenster gehst du für mich.

Sie lauscht

MAGDALENEWie, ich? -

für sich

MAGDALENEDas machte wohl David eiferlich?

MAGDALENEEr schläft nach der Gassen! Hihi, ‘s wär' fein!

EVADa hör' ich Schritte.

zu Eva

MAGDALENEJetzt komm, es muss sein!

EVAJetzt näher!

MAGDALENEDu irrst! ‘s ist nichts, ich wett'.

MAGDALENEEi, komm! Du musst, bis der Vater zu Bett.

von innen

POGNERS STIMMEHe! Lene! Eva!

MAGDALENE‘s ist höchste Zeit!

MAGDALENEHörst du's? Komm! Dein Ritter ist weit.

Sie zieht die sich sträubende Eva am Arm die Stufen zur Tür hinauf

Walther ist die Gasse heraufgekommen; jetzt biegt er um die Ecke herum: Eva erblickt ihn, reisst sich von Magdalene los und stürzt Walther auf die Strasse entgegen

EVADa ist er!

MAGDALENEDa haben wir's! Nun heisst's:

MAGDALENEgescheit!

Sie geht eilig in das Haus

ausser sich

EVAJa, Ihr seid es! Nein, du bist es!

EVAAlles sag' ich, denn Ihr wisst es;

EVAalles klag' ich, denn ich weiss es;

EVAIhr seid beides, Held des Preises

EVAund mein einz'ger Freund!

leidenschaftlich

WALTHERAch, du irrst! Bin nur dein Freund, doch des Preises

WALTHERnoch nicht würdig, nicht den Meistern ebenbürtig.

WALTHERMein Begeistern fand Verachten,

WALTHERund, ich weiss es, darf nicht trachten

WALTHERnach der Freundin Hand!

EVAWie du irrst! Der Freundin Hand,

EVAerteilt nur sie den Preis,

EVAwie deinen Mut ihr Herz erfand,

EVAreicht sie nur dir das Reis.

WALTHERAch nein, du irrst! Der Freundin Hand,

WALTHERwär' keinem sie erkoren;

WALTHERwie sie des Vaters Wille band,

WALTHERmir war sie doch verloren.

WALTHER»Ein Meistersinger muss er sein,

WALTHERnur wen Ihr krönt, den darf sie frein!«

WALTHERSo sprach er festlich zu den Herr'n,

WALTHERkann nicht zurück, möcht' er auch gern!

WALTHERDas eben gab mir Mut;

WALTHERwie ungewohnt mir alles schien,

WALTHERich sang voll Lieb' und Glut,

WALTHERdass ich den Meisterschlag verdien'.

WALTHERDoch diese Meister!

wütend

WALTHERHa, diese Meister!

WALTHERDieser Reim-Gesetze Leimen und Kleister!

WALTHERMir schwillt die Galle,

WALTHERdas Herz mir stockt,

WALTHERdenk' ich der Falle,

WALTHERdarein ich gelockt!

WALTHERFort in die Freiheit!

WALTHERDa hin gehör' ich,

WALTHERda, wo ich Meister im Haus!

WALTHERSoll ich dich frei'n heut,

WALTHERdich nun beschwör' ich,

WALTHERkomm und folg mir hinaus!

WALTHERNichts steht zu hoffen;

WALTHERkeine Wahl ist offen!

WALTHERÜberall Meister,

WALTHERwie böse Geister

WALTHERseh' ich sich rotten,

WALTHERmich zu verspotten:

WALTHERmit den Gewerken,

WALTHERaus den Gemerken,

WALTHERaus allen Ecken,

WALTHERauf allen Flecken

WALTHERseh' ich zu Haufen

WALTHERMeister nur laufen,

WALTHERmit höhnendem Nicken

WALTHERfrech auf dich blicken,

WALTHERin Kreisen und Ringeln

WALTHERdich umzingeln,

WALTHERnäselnd und kreischend

WALTHERzur Braut dich heischend,

WALTHERals Meisterbuhle

WALTHERauf dem Singestuhle,

WALTHERzitternd und bebend,

WALTHERhoch dich erhebend!

WALTHERUnd ich ertrüg' es, sollt' es nicht wagen,

WALTHERgradaus tüchtig d'rein zu schlagen?

Man hört den starken Ruf eines Nachtwächterhorns

WALTHERHa! ...

Er hat mit emphatischer Gebärde die Hand an das Schwert gelegt und starrt wild vor sich hin

fasst ihn besänftigend bei der Hand

EVAGeliebter, spare den Zorn!

EVA‘s war nur des Nachtwächters Horn.

EVAUnter der Linde birg dich geschwinde;

EVAhier kommt der Wächter vorbei.

ruft leise unter der Tür

MAGDALENEEvchen! ‘s ist Zeit:

MAGDALENEmach dich frei!

WALTHERDu fliehst?

lächelnd

EVAMuss ich denn nicht?

WALTHEREntweichst?

mit zarter Bestimmtheit

EVADem Meistergericht.

Sie verschwindet mit Magdalene im Hause

EVADer NACHTWÄCHTER

ist währenddem in der Gasse erschienen, kommt singend nach vorn, biegt um die Ecke von Pogners Haus und geht nach links ab

EVAHört, ihr Leut', und lasst euch sagen,

EVAdie Glock' hat zehn geschlagen:

EVAbewahrt das Feuer und auch das Licht,

EVAdamit niemand kein Schad' geschicht!

EVALobet Gott den Herrn!

welcher hinter der Ladentür dem Gespräche gelauscht, öffnet jetzt, bei eingezogenem Lampenlicht, ein wenig mehr

SACHSÜble Dinge, die ich da merk':

SACHSeine Entführung gar im Werk!

SACHSAufgepasst! Das darf nicht sein!

hinter der Linde

WALTHERKäm' sie nicht wieder? o der Pein! -

Eva kommt in Magdalenes Kleidung aus dem Hause; die Gestalt gewahrend

WALTHERDoch ja, sie kommt dort! -

WALTHERWeh mir, nein! Die Alte ist's! -

Eva erblickt Walther und eilt auf ihn zu

WALTHERDoch aber - ja!

EVADas tör'ge Kind:

EVAda hast du's! Da!

Sie wirft sich ihm heiter an die Brust

hingerissen

WALTHERO Himmel! Ja, nun wohl ich weiss,

WALTHERdass ich gewann den Meisterpreis!

EVADoch nun kein Besinnen! Von hinnen! Von hinnen!

EVAo wären wir schon fort!

WALTHERHier durch die Gasse:

WALTHERdort

WALTHERfinden wir vor dem Tor Knecht und Rosse vor.

Nachtwächterhorn entfernt. Als sich beide wenden, um in die Gasse einzubiegen, lässt Sachs, nachdem er die Lampe hinter eine Glaskugel gestellt, durch die ganz wieder geöffnete Ladentür einen grellen Lichtschein quer über die Strasse fallen, so dass Eva und Walther sich plötzlich hell beleuchtet sehen

Walther hastig zurückziehend

EVAO weh, der Schuster!

EVAWenn er uns säh'!

EVABirg dich! Komm ihm nicht in die Näh'!

WALTHERWelch and'rer Weg führt uns hinaus?

EVADort durch die Strasse:

EVAdoch der ist kraus,

EVAich kenn' ihn nicht gut;

EVAauch stiessen wir dort auf den Wächter.

WALTHERNun denn:

WALTHERdurch die Gasse!

EVADer Schuster muss erst vom Fenster fort.

WALTHERIch zwing' ihn, dass er's verlasse.

EVAZeig dich ihm nicht:

EVAer kennt dich!

WALTHERDer Schuster?

EVA‘s ist Sachs!

WALTHERHans Sachs? Mein Freund!

EVAGlaub's nicht! Von dir Übles zu sagen nur wusst' er.

WALTHERWie, Sachs? Auch er? Ich lösch' ihm das Licht.

Beckmesser ist, dem Nachtwächter nachschleichend, die Gasse heraufgekommen, hat nach den Fenstern von Pogners Haus gespäht und, an Sachsens Haus gelehnt, stimmt er jetzt seine mitgebrachte Laute

Walther zurückhaltend

EVATu's nicht! - Doch horch!

WALTHEREiner Laute Klang.

Als Sachs den ersten Ton der Laute vernommen, hat er, von einem plötzlichen Einfall erfasst, das Licht wieder etwas eingezogen und öffnet leise den unteren Teil des Ladens

EVAAch, meine Not!

WALTHERWie, wird dir bang'?

WALTHERDer Schuster, sieh, zog ein das Licht. So sei's gewagt!

EVAWeh! Siehst du denn nicht? Ein and'rer kam und nahm dort Stand.

Sachs hat unvermerkt seinen Werktisch ganz unter die Tür gestellt Jetzt erlauscht er Evas Ausruf

WALTHERIch hör's und seh's:

WALTHERein Musikant. Was will der hier so spät des Nachts?

in Verzweiflung

EVA‘s ist Beckmesser schon!

SACHSAha, ich dacht's!

Er setzt sich leise zur Arbeit zurecht

WALTHERDer Merker? Er in meiner Gewalt?

WALTHERDrauf zu! Den Lung'rer mach' ich kalt!

EVAUm Gott! So hör! Willst den Vater wecken?

EVAEr singt ein Lied, dann zieht er ab.

EVALass dort uns im Gebüsch verstecken. -

EVAWas mit den Männern ich Müh' doch hab!

Sie zieht Walther hinter das Gebüsch auf die Bank unter der Linde. Beckmesser, eifrig nach dem Fenster lugend, klimpert voll Ungeduld heftig auf der Laute. Als er sich endlich auch zum Singen rüstet, schlägt Sachs sehr stark mit dem Hammer auf den Leisten, nachdem er soeben das Licht wieder hell auf die Strasse hat fallen lassen.

SACHSJerum! Jerum! Hallo hallo he!

SACHSO ho! Trallalei! Trallalei! O ho!

springt ärgerlich von dem Steinsitz auf und gewahrt Sachs bei der Arbeit

BECKMESSERWas soll das sein?

BECKMESSERVerdammtes Schrein!

SACHSAls Eva aus dem Paradies

SACHSvon Gott dem Herrn verstossen,

SACHSgar schuf ihr Schmerz der harte Kies

SACHSan ihrem Fuss, dem blossen.

BECKMESSERWas fällt dem groben Schuster ein?

SACHSDas jammerte den Herrn,

flüsternd zu Eva

WALTHERWas heisst das Lied? Wie nennt er dich?

SACHSihr Füsschen hatt' er gern,

flüsternd zu Walther

EVAIch hört' es schon:

EVA‘s geht nicht auf mich.

SACHSund seinem Engel rief er zu:

EVADoch eine Bosheit steckt darin.

SACHS»Da, mach der armen Sünd'rin Schuh'!

SACHSUnd da der Adam, wie ich seh',

SACHSan Steinen dort sich stösst die Zeh',

SACHSdass recht fortan er wandeln kann,

SACHSso miss dem auch Stiefeln an!«

WALTHERWelch Zögernis! Die Zeit geht hin!

tritt zu Sachs heran

BECKMESSERWie, Meister? Auf? Noch so spät zur Nacht?

SACHSHerr Stadtschreiber! Was, Ihr wacht?

SACHSDie Schuh' machen Euch grosse Sorgen?

SACHSIhr seht, ich bin dran:

SACHSIhr habt sie morgen.

Er arbeitet

zornig

BECKMESSERHol' der Teufel die Schuh'! Hier will ich Ruh'!

SACHSJerum! Jerum!

SACHSHallo hallo he!

SACHSOho! Trallalei! Trallalei! O he!

SACHSO Eva, Eva! Schlimmes Weib,

SACHSdas hast du am Gewissen,

zu Eva

WALTHERUns oder dem Merker? Wem spielt er den Streich?

SACHSdass ob der Füss' am Menschenleib

zu Walther

EVAIch fürcht', uns dreien

EVAgilt er gleich.

SACHSjetzt Engel schustern müssen.

EVAO weh der Pein.

EVAMir ahnt nichts Gutes!

SACHSBlieb'st du im Paradies, da gab es keinen Kies.

WALTHERMein süsser Engel, sei guten Mutes!

SACHSUm deiner jungen Missetat

SACHShantier' ich jetzt mit Ahl' und Draht

EVAMich betrübt das Lied!

WALTHERIch hör' es kaum!

WALTHERDu bist bei mir,

WALTHERwelch holder Traum!

Er zieht sie zärtlich an sich

SACHSund ob Herrn Adams übler Schwäch'

SACHSversohl' ich Schuh' und streiche Pech.

SACHSWär' ich nicht fein ein Engel rein,

SACHSTeufel möchte Schuster sein!

Beckmesser drohend auf Sachs zufahrend

SACHSJe -

Er unterbricht sich

BECKMESSERGleich höret auf!

BECKMESSERSpielt Ihr mir Streich'?

BECKMESSERBleibt Ihr tags und nachts Euch gleich?

SACHSWenn ich hier sing', was kümmert's Euch?

SACHSDie Schuhe sollen doch fertig werden?

BECKMESSERSo schliesst Euch ein und schweigt dazu still!

SACHSDes Nachts arbeiten macht Beschwerden;

SACHSwenn ich da munter bleiben will,

SACHSso brauch' ich Luft und frischen Gesang;

SACHSdrum hört, wie der dritte Vers gelang!

Er wichst den Draht ersichtlich

BECKMESSEREr macht mich rasend!

fortarbeitend

SACHSJerum! Jerum!

SACHSHallo hallo he!

BECKMESSERDas grobe Geschrei!

SACHSO ho! Trallalei! Trallalei! O he!

BECKMESSERAm End' denkt sie gar, dass ich das sei!

Er hält sich die Ohren zu und geht verzweiflungsvoll, sich mit sich beratend, die Gasse vor dem Fenster auf und ab

SACHSO Eva! Hör mein' Klageruf,

SACHSmein' Not und schwer Verdrüssen!

SACHSDie Kunstwerk', die ein Schuster schuf,

SACHSsie tritt die Welt mit Füssen!

SACHSGäb' nicht ein Engel Trost,

SACHSder gleiches Werk erlost,

SACHSund rief' mich oft ins Paradies,

SACHSwie ich da Schuh' und Stiefel liess'!

SACHSDoch wenn mich der im Himmel hält,

SACHSdann liegt zu Füssen mir die Welt,

SACHSund bin in Ruh'

SACHSHans Sachs ein Schuh-

SACHSmacher und Poet dazu.

BECKMESSERDas Fenster geht auf!

Er späht nach dem Fenster, welches jetzt leise geöffnet wird und an welchem vorsichtig Magdalene in Evas Kleidung sich zeigt

mit grosser Aufgeregtheit

EVAMich schmerzt das Lied, ich weiss nicht wie!

EVAO fort, lass uns fliehen!

auffahrend

WALTHERNun denn:

WALTHERmit dem Schwert!

EVANicht doch! Ach, halt!

BECKMESSERHerrgott, ‘s ist sie!

die Hand vom Schwert nehmend

WALTHERKaum wär' er's wert!

EVAJa, besser Geduld!

der, während Sachs fortfährt zu arbeiten und zu singen, in grosser Aufregung mit sich beraten hat

BECKMESSERJetzt bin ich verloren, singt der noch fort!

EVAO bester Mann,

EVAdass ich so Not dir machen kann!

tritt zu Sachs an den Laden heran und klimpert, während des Folgenden mit dem Rücken der Gasse zugewandt, seitwärts auf der Laute, um Magdalene am Fenster festzuhalten

BECKMESSERFreund Sachs! So hört doch nur ein Wort!

leise zu Eva

WALTHERWer ist am Fenster?

BECKMESSERWie seid Ihr auf die Schuh' versessen!

EVA‘s ist Magdalene.

BECKMESSERIch hatt' sie wahrlich schon vergessen.

WALTHERDas heiss' ich vergelten!

BECKMESSERAls Schuster seid Ihr mir wohl wert,

WALTHERFast muss ich lachen.

BECKMESSERals Kunstfreund doch weit mehr verehrt.

EVAWie ich ein End' und Flucht mir ersehne!

WALTHERIch wünscht', er möchte den Anfang machen.

Walther und Eva, auf der Bank sanft aneinandergelehnt, erfolgen des weiteren Sachs und Beckmesser mit wachsender Teilnahme

BECKMESSEREu'r Urteil, glaubt, das halt' ich hoch;

BECKMESSERdrum bitt' ich:

BECKMESSERhört das Liedlein doch,

BECKMESSERmit dem ich morgen möcht' gewinnen,

BECKMESSERob das auch recht nach Euren Sinnen.

Er klimpert wiederholt seitwärts nach dem Fenster gewandt

SACHSOha! Wollt mich beim Wahne fassen?

SACHSMag mich nicht wieder schelten lassen.

SACHS»Seit sich der Schuster dünkt Poet,

SACHSgar übel es um Eu'r Schuhwerk steht.«

SACHSIch seh', wie's schlappt und überall klappt:

SACHSdrum lass ich Vers und Reim'

SACHSgar billig nun daheim,

SACHSVerstand und Witz und Kenntnis dazu,

SACHSmach' Euch für morgen die neuen Schuh'.

kreischend

BECKMESSERLasst das doch sein! Das war ja nur Scherz.

BECKMESSERVernehmt besser, wie's mir ums Herz!

BECKMESSERVom Volk seid Ihr geehrt,

BECKMESSERauch der Pognerin seid Ihr wert.

BECKMESSERWill ich vor aller Welt

BECKMESSERnun morgen um die werben,

BECKMESSERsagt, könnt's mich nicht verderben,

BECKMESSERwenn mein Lied ihr nicht gefällt?

BECKMESSERDrum hört mich ruhig an;

BECKMESSERund sang ich, sagt mir dann,

BECKMESSERwas Euch gefällt, was nicht,

BECKMESSERdass ich mich danach richt'.

Er klimpert wieder

SACHSEi, lasst mich doch in Ruh'!

SACHSWie käme solche Ehr' mir zu?

SACHSNur Gassenhauer dicht' ich zum meisten,

SACHSdrum sing' ich zur Gassen und hau' auf den Leisten.

SACHSJerum! Jerum!

SACHSHallo hallo he!

BECKMESSERVerfluchter Kerl! Den Verstand verlier' ich

BECKMESSERmit seinem Lied voll Pech und Schmierich! -

SACHSO ho! Trallalei! Trallalei! O he!

BECKMESSERSchweigt doch! Weckt Ihr die Nachbarn auf?

SACHSDie sind's gewohnt:

SACHS‘s hört keiner drauf. -

SACHS»O Eva, Eva!« -

in höchste Wut ausbrechend

BECKMESSERO Ihr boshafter Geselle!

BECKMESSERIhr spielt mir heut' den letzten Streich!

BECKMESSERSchweigt Ihr jetzt nicht auf der Stelle,

BECKMESSERso denkt Ihr dran, das schwör' ich Euch.

Er klimpert wütend

BECKMESSERNeidisch seid Ihr, nichts weiter,

BECKMESSERdünkt Ihr Euch auch gleich gescheiter.

BECKMESSERDass andre auch was sind, ärgert Euch schändlich!

BECKMESSERGlaubt, ich kenne Euch aus- und inwendlich!

BECKMESSERDass man Euch noch nicht zum Merker gewählt,

BECKMESSERdas ist's, was den gallichten Schuster quält.

BECKMESSERNun gut! Solang' als Beckmesser lebt

BECKMESSERund ihm noch ein Reim an den Lippen klebt,

BECKMESSERsolang' ich noch bei den Meistern was gelt',

BECKMESSERob Nürnberg »blüh' und wachs'«,

BECKMESSERdas schwör' ich Herrn Hans Sachs:

BECKMESSERnie wird er je zum Merker bestellt!

Er klimpert in höchster Wut

der ihm ruhig und aufmerksam zugehört hat

SACHSWar das Eu'r Lied?

BECKMESSERDer Teufel hol's!

SACHSZwar wenig Regel:

SACHSdoch klang's recht stolz!

BECKMESSERWollt Ihr mich hören?

SACHSIn Gottes Namen

SACHSsingt zu:

SACHSich schlag' auf die Sohl' die Rahmen.

BECKMESSERDoch schweigt Ihr still?

SACHSEi, singet Ihr,

SACHSdie Arbeit, schaut, fördert's auch mir.

BECKMESSERDas verfluchte Klopfen wollt Ihr doch lassen?

SACHSWie sollt' ich die Sohl' Euch richtig fassen?

BECKMESSERWas? Ihr wollt klopfen, und ich soll singen?

SACHSEuch muss das Lied, mir der Schuh gelingen.

BECKMESSERIch mag keine Schuh'!

SACHSDas sagt Ihr jetzt;

SACHSin der Singschul' Ihr mir's dann wieder versetzt.

SACHSDoch hört! Vielleicht sich's richten lässt:

SACHSzwei-einig geht der Mensch am best.

SACHSDarf ich die Arbeit nicht entfernen,

SACHSdie Kunst des Merkers möcht' ich erlernen.

SACHSDarin kommt Euch nun keiner gleich;

SACHSich lern' sie nie, wenn nicht von Euch.

SACHSDrum singt Ihr nun, ich acht' und merk'

SACHSund fördr' auch wohl dabei mein Werk.

BECKMESSERMerkt immer zu; und was nicht gewann,

BECKMESSERnehmt Eure Kreide und streicht mir‘s an.

SACHSNein, Herr! Da fleckten die Schuh' mir nicht,

SACHSmit dem Hammer auf den Leisten halt' ich Gericht.

BECKMESSERVerdammte Bosheit! - Gott, und ‘s wird spät:

BECKMESSERam End' mir die Jungfer vom Fenster geht!

Er klimpert eifrig

aufschlagend

SACHSFanget an! ‘s pressiert! Sonst sing' ich für mich!

BECKMESSERHaltet ein! Nur das nicht! - Teufel, wie ärgerlich! -

BECKMESSERWollt Ihr Euch denn als Merker erdreisten,

BECKMESSERnun gut, so merkt mit dem Hammer auf den Leisten;

BECKMESSERnur mit dem Beding, nach den Regeln scharf,

BECKMESSERaber nichts, was nach den Regeln ich darf.

SACHSNach den Regeln, wie sie der Schuster kennt,

SACHSdem die Arbeit unter den Händen brennt.

BECKMESSERAuf Meisterehr'?

SACHSUnd Schustermut!

BECKMESSERNicht einen Fehler:

BECKMESSERglatt und gut!

Nachtwächterhorn sehr entfernt

SACHSDann gingt Ihr morgen unbeschuht.

leise zu Eva

WALTHERWelch toller Spuk!

WALTHERMich dünkt's ein Traum.

auf den Steinsitz vor der Ladentür deutend

SACHSSetzt Euch denn hier!

zieht sich nach der Ecke des Hauses zurück

BECKMESSERLasst hier mich stehen!

WALTHERden Singstuhl, scheint's, verliess ich kaum!

SACHSWarum so weit?

BECKMESSEREuch nicht zu seh'n,

BECKMESSERwie's Brauch der Schul' vor dem Gemerk'.

sanft an Walthers Brust gelehnt

EVADie Schläf' umwebt mir's wie ein Wahn:

EVAob's Heil, ob Unheil, was ich ahn'?

SACHSDa hör' ich Euch schlecht.

BECKMESSERDer Stimme Stärk'

BECKMESSERich so gar lieblich dämpfen kann.

Er stellt sich ganz um die Ecke, dem Fenster gegenüber, auf

SACHSWie fein! Nun gut denn! - Fanget an!

Beckmesser stimmt die in der Wut unversehens heraufgeschraubte D-Saite wieder herunter. Sachs holt mit dem Hammer aus

zur Laute

BECKMESSER»Den Tag seh' ich erscheinen,

BECKMESSERder mir wohlgefall'n tut.....

Sachs schlägt auf, Beckmesser schüttelt sich

BECKMESSER»Da fasst mein Herz sich einen

Sachs schlägt auf, Beckmesser setzt heftig ab, singt aber weiter

BECKMESSERguten und frischen -

Sachs hat aufgeschlagen, Beckmesser wendet sich wütend um die Ecke herum

BECKMESSERTreibt Ihr hier Scherz? Was wär' nicht gelungen?

SACHSBesser gesungen:

SACHS»Da fasst mein Herz sich einen guten, frischen -«

BECKMESSERWie sollt' sich das reimen

BECKMESSERauf »Seh ich erscheinen«?

SACHSIst Euch an der Weise nichts gelegen?

SACHSMich dünkt, sollt' passen Ton und Wort.

BECKMESSERMit Euch zu streiten?

BECKMESSERLasst von den Schlägen,

BECKMESSERsonst denkt Ihr mir dran!

SACHSJetzt fahret fort!

BECKMESSERBin ganz verwirrt!

SACHSSo fangt noch mal an:

SACHSdrei Schläg' ich jetzt pausieren kann.

für sich

BECKMESSERAm besten, wenn ich ihn gar nicht beacht'.

BECKMESSERWenn's nur die Jungfer nicht irre macht!

BECKMESSERDen Tag seh' ich erscheinen,

BECKMESSERder mir wohl gefall'n tut;

BECKMESSERda fasst mein Herz sich einen

BECKMESSERguten und frischen Mut.

BECKMESSERDa denk' ich nicht an Sterben,

Sachs schlägt

BECKMESSERlieber an Werben

BECKMESSERum jung' Mägdeleins Hand.

Sachs schlägt

BECKMESSERWarum wohl aller Tage

BECKMESSERschönster mag dieser sein?

Schlag. Ärgerlich

BECKMESSERAllen hier ich es sage:

Schlag

BECKMESSERweil ein schönes Fräulein

zwei Schläge

BECKMESSERvon ihrem lieb'n Herrn Vater,

Sachs schlägt und nickt ironisch beifällig

BECKMESSERwie gelobt hat er,

viele kleine Schläge

BECKMESSERist bestimmt zum Eh'stand.

Fünf Schläge. Sehr ärgerlich

BECKMESSERWer sich getrau',

Schlag

BECKMESSERder komm' und schau',

BECKMESSERda steh'n die hold lieblich' Jungfrau,

drei Schläge

BECKMESSERauf die ich all mein' Hoffnung bau':

Schlag

BECKMESSERdarum ist der Tag so schön blau,

viele Schläge

BECKMESSERals ich anfänglich fand.«

Er bricht wütend um die Ecke auf Sachs los

BECKMESSERSachs! Seht, Ihr bringt mich um!

BECKMESSERWollt Ihr jetzt schweigen?

SACHSIch bin ja stumm!

SACHSDie Zeichen merkt' ich; wir sprechen dann:

SACHSderweil lassen die Sohlen sich an.

gewahrt, dass Magdalene sich vom Fenster entfernen will

BECKMESSERSie entweicht? Pst, pst! - Herrgott! Ich muss!

Um die Ecke herum die Faust gegen Sachs ballend

BECKMESSERSachs, Euch gedenk' ich die Ärgernuss!

Er macht sich zum zweiten Vers fertig

mit dem Hammer nach dem Leisten ausholend

SACHSMerker am Ort! - Fahret fort!

immer stärker und atemloser

BECKMESSER»Will heut' mir das Herz hüpfen,

Schlag

BECKMESSERwerben um Fräulein jung,

drei Schläge

BECKMESSERdoch tät' der Vater knüpfen

Schlag

BECKMESSERdaran ein' Bedingung

drei Schläge

BECKMESSERfür den, wer ihn beerben

BECKMESSERwill und auch werben

zwei Schläge

BECKMESSERum sein Kindelein fein.

viele Schläge

BECKMESSERDer Zunft ein bied'rer Meister

BECKMESSERwohl sein' Tochter er liebt,

drei Schläge

BECKMESSERdoch zugleich auch beweist er,

zwei Schläge

BECKMESSERwas er auf die Kunst gibt:

ununterbrochene Schläge

BECKMESSERzum Preise muss es bringen

BECKMESSERim Meistersingen,

BECKMESSERwer sein Eidam will sein.

Er stampft wütend mit den Füssen

BECKMESSERNun gilt es Kunst, dass mit Vergunst,

BECKMESSERohn' all schädlich gemeinen Dunst,

fortwährende Schläge

BECKMESSERihm glücke des Preises Gewunst,

BECKMESSERwar begehrt mit wahrer Inbrunst,

Sachs, welcher kopfschüttelnd es aufgibt, die einzelnen Fehler anzumerken, arbeitet hämmernd fort, um den Keil aus dem Leisten zu schlagen

BECKMESSERum die Jungfrau zu frei'n.«

über den Laden weit herausgelehnt

SACHSSeid Ihr nun fertig?

in höchster Angst

BECKMESSERWie fraget Ihr?

hält die fertigen Schuhe triumphierend heraus

SACHSMit den Schuhen ward ich fertig schier. -

Während er die Schuhe an den Bändern hoch in der Luft tanzen lässt

SACHSDas heiss ich mir echte Merkerschuh: -

SACHSmein Merkersprüchlein hört dazu! -

sehr kräftig

SACHSMit lang und kurzen Hieben

SACHSsteht's auf der Sohl geschrieben:

SACHSda lest es klar

SACHSund nehmt es wahr,

SACHSund merkt's Euch immerdar.

SACHSGut Lied will Takt:

SACHSwer den verzwackt,

SACHSdem Schreiber mit der Feder

SACHShaut ihn der Schuster aufs Leder. -

SACHSNun lauft in Ruh:

SACHShabt gute Schuh,

SACHSder Fuss Euch drin nicht knackt,

SACHSihn hält die Sohl im Takt!

der sich ganz in die Gasse zurückgezogen hat und an die Mauer mit dem Rücken sich anlehnt, singt, um Sachs zu übertäuben, mit grösster Anstrengung, schreiend und atemlos hastig, während er die Laute wütend nach Sachs schwingt

BECKMESSER"Darf ich mich Meister nennen,

BECKMESSERdas bewähr ich heut gern,

BECKMESSERweil ich nach dem Preis brennen

BECKMESSERmuss, dursten und hungern.

BECKMESSERNun ruf ich die neun Musen,

BECKMESSERdass an sie blusen

BECKMESSERmein dicht'rischen Verstand.

BECKMESSERWohl kenn ich alle Regeln,

BECKMESSERhalte gut Mass und Zahl;

BECKMESSERdoch Sprung und Überkegeln

BECKMESSERwohl passiert je einmal,

BECKMESSERwann der Kopf ganz voll Zagen

BECKMESSERzu frei'n will wagen

BECKMESSERum jung Mägdeleins Hand.

Er verschnauft sich

BECKMESSEREin Junggesell,

BECKMESSERtrug ich mein Fell,

BECKMESSERmein Ehr, Amt, Würd und Brot zur Stell,

BECKMESSERdass Euch mein Gesang wohl gefällt,

BECKMESSERund mich das Jungfräulein erwähl,

BECKMESSERwenn sie mein Lied gut fand." -

hat den Fensterladen, dicht hinter Beckmesser, ein wenig geöffnet und lugt daraus hervor

DAVIDWer Teufel, hier? -

Er wird Magdalene gewahr

DAVIDUnd drüben gar?

DAVIDDie Lene ist's -, ich seh es klar!

DAVIDHerrje, der war's, den hat sie bestellt.

DAVIDDer ist's, der ihr besser als ich gefällt!

DAVIDNun warte, du kriegst's!

DAVIDDir streich ich das Fell!

Er entfernt sich nach innen

erst einige, dann immer mehr, öffnen während Beckmessers Lied in der Gasse die Fenster und gucken heraus

NACHBARNWas heult denn da?

NACHBARNWer kreischt mit Macht?

NACHBARNIst das erlaubt so spät zur Nacht?

NACHBARNGebt Ruhe hier! 's ist Schlafenszeit.

NACHBARNMein', hört nur, wie dort der Esel schreit!

NACHBARNIhr da! Seid still und schert Euch fort!

NACHBARNHeult, kreischt und schreit an andrem Ort!

Sie verlassen die Fenster und kommen nach und nach in Nachtkleidern einzeln auf die Strasse heraus. – Sachs beobachtet noch eine Zeitlang den wachsenden Tumult, löscht aber alsbald sein Licht aus und schliesst den Laden so weit, dass er, ungesehen, stets durch eine kleine Öffnung den Platz unter der Linde beobachten kann. Walther und Eva sehen mit wachsender Sorge dem anschwellenden Auflaufe zu; er schliesst sie in seinen Mantel fest an sich und birgt sich hart an der Linde im Gebüsch, so dass beide fast ungesehen bleiben

ist, mit einem Knüppel bewaffnet, zurückgekommen, steigt aus dem Fenster und wirft sich auf Beckmesser

DAVIDZum Teufel mit dir, verdammter Kerl!

winkt David heftig zurück. Am Fenster, schreiend

MAGDALENEAch, Himmel! David! Gott, welche Not!

MAGDALENEZu Hilfe! Zu Hilfe!

MAGDALENESie schlagen sich tot!

wehrt sich, will fliehen; David hält ihn am Kragen

BECKMESSERVerfluchter Bursch!

BECKMESSERLässt du mich los?

DAVIDGewiss! Die Glieder brech ich dir bloss!

Beckmesser und David balgen sich fortwährend; bald verschwinden sie gänzlich, bald kommen sie wieder in den Vordergrund, immer Beckmesser auf der Flucht. David ihn einholend, festhaltend und prügelnd

an den Fenstern

NACHBARNSeht nach! Springt zu!

NACHBARNDa würgen sich zwei!

NACHBARNSie kommen herab.

NACHBARN's gibt Schlägerei!

in die Gasse laut schreiend

EIN NACHBARHeda! Herbei! 's gibt Schlägerei:

EIN NACHBARda würgen sich zwei.

EIN NACHBARIhr da, lasst los! Gebt freien Lauf!

EIN NACHBARLasst ihr nicht los, wir schlagen drauf.

EIN NACHBAREi, seht, auch Ihr hier?

EIN NACHBARGeht's Euch was an?

EIN ZWEITERWas sucht Ihr hier?

EIN ZWEITERHat man Euch was getan?

ERSTER NACHBAREuch kennt man gut.

ZWEITER NACHBAREuch noch viel besser.

ERSTER NACHBARWieso denn?

zuschlagend

ZWEITER NACHBAREi, so!

hinabschreiend

MAGDALENEDavid! Beckmesser!

einzeln, dann mehr, von allen Seiten dazukommend

LEHRBUBENHerbei! Herbei! 's gibt Keilerei!

EINIGE IM VOLK's sind die Schuster!

ANDERENein, 's sind die Schneider!

DIE ERSTERENDie Trunkenbolde!

DIE ANDERENDie Hungerleider!

auf der Gasse durcheinander

NACHBARNEuch gönnt ich's schon lange

NACHBARNWird euch wohl bange?

NACHBARNDas für die Klage!

NACHBARNSeht euch vor, wenn ich schlage!

NACHBARNHat euch die Frau gehetzt?

NACHBARNSchau, wie es Prügel setzt!

NACHBARNSeid ihr noch nicht gewitzt?

NACHBARNNun, schlagt doch! - Das sitzt!

NACHBARNDass dich Halunken

NACHBARNgleich ein Donnerwetter träf!

NACHBARNWartet, ihr Racker!

NACHBARNMassabzwacker! -

NACHBARNEsel! - Dummrian! -

NACHBARNDu Grobian! -

NACHBARNLümmel du! -

NACHBARNDrauf und zu!

komen von allen Seiten dazu

LEHRBUBENKennt man die Schlosser nicht?

LEHRBUBENDie haben's sicher angericht't!

LEHRBUBENIch glaub, die Schmiede werden's sein!

LEHRBUBENDie Schreiner seh ich dort beim Schein! -

LEHRBUBENHei! Schaut die Schäffler dort beim Tanz!

LEHRBUBENDort seh die Bader ich im Glanz;

LEHRBUBENherbei zum Tanz!

LEHRBUBENKrämer finden sich zur Hand

LEHRBUBENmit Gerstenstang und Zuckerkand,

LEHRBUBENmit Pfeffer, Zimt, Muskatennuss,

LEHRBUBENsie riechen schön,

LEHRBUBENdoch machen viel Verdruss;

LEHRBUBENsie riechen schön,

LEHRBUBENund bleiben gern vom Schuss.

LEHRBUBENSeht nur, der Has

LEHRBUBENhat überall die Nas!

LEHRBUBENMeinst du damit etwa mich?

LEHRBUBENMein ich damit etwa dich?

LEHRBUBENImmer mehr heran!

LEHRBUBENLustig, wacker! jetzt geht's erst recht an!

LEHRBUBENHei, nun geht's Plauz! hast du nicht gesehn!

LEHRBUBENHast's auf die Schnauz! -

LEHRBUBENHa! nun geht's: Krach! Hagelwetterschlag!

LEHRBUBENWo es sitzt, da wächst nichts so bald nach!

LEHRBUBENKeilt euch wacker! Keiner weiche!

LEHRBUBENHaltet selbst Gesellen mutig stand!

LEHRBUBENWer wich, 's wär wahrlich eine Schand!

LEHRBUBENWacker drauf und dran!

LEHRBUBENWir stehen alle wie ein Mann!

LEHRBUBENWie ein Mann

LEHRBUBENstehn wir alle fest zur Keilerei!

Bereits prügeln sich Nachbarn und Lebrbuben fast allgemein durcheinander

mit Knitteln bewaffnet, kommen von verschiedenen Seiten dazu

GESELLENHeda! Gesellen 'ran!

GESELLENDort wird mit Streit und Zank getan;

GESELLENda gibt's gewiss noch Schlägerei;

GESELLENGesellen, haltet euch dabei!

GESELLEN's sind die Weber! 's sind die Gerber!

GESELLENDie Preisverderber!

GESELLENDacht ich mir's doch gleich:

GESELLENspielen immer Streich!

GESELLENDort den Metzger Klaus

GESELLENkenn ich heraus!

GESELLEN's brennt manchem im Haus!

GESELLEN's ist morgen der Fünfte!

GESELLENZünfte heraus! -

GESELLENHei, hier setzt's Prügel!

GESELLENSchneider mit dem Bügel!

GESELLENGürtler! - Spengler! - Zinngiesser! -

GESELLENLeimsieder! - Lichtgiesser! -

GESELLENTuchscherer! Leinweber!

GESELLENImmer dran! Immer drauf!

GESELLENSchert euch selber fort

GESELLENund macht euch heim!

GESELLENImmer drauf und dran!

GESELLENjetzt gilt's, keiner weiche hier!

GESELLENZünfte! Zünfte! Heraus! -

und älteren Bürger kommen von verschiedenen Seiten dazu

DIE MEISTERWas gibt's denn da für Zank und Streit?

DIE MEISTERDas tost ja weit und breit!

DIE MEISTERGebt Ruh und schert

DIE MEISTEReuch jeder gleich nach Hause heim,

DIE MEISTERsonst schlag ein Hageldonnerwetter drein!

DIE MEISTERStemmt euch hier nicht mehr zu Hauf,

DIE MEISTERoder sonst wir schlagen drein!

haben die Fenster geöffnet und gucken heraus

NACHBARINNENWas ist das für Zanken und Streit?

NACHBARINNENDa gibt's gewiss noch Schlägerei!

NACHBARINNENWär nur der Vater nicht dabei!

NACHBARINNEN's wird einem wahrlich angst und bang!

NACHBARINNENHeda! Ihr dort unten,

NACHBARINNENso seid doch nur gescheit!

NACHBARINNENSeid ihr denn Alle gleich

NACHBARINNENzu Streit und Zank bereit?

NACHBARINNENSeid ihr alle blind und toll?

NACHBARINNENSind euch vom Wein denn

NACHBARINNENnoch die Köpfe voll?

NACHBARINNENMein! Dort schlägt sich mein Mann!

NACHBARINNENHilfe! Der Vater! Der Vater!

NACHBARINNENAch, sie haun ihn tot!

NACHBARINNENHört keines mehr sein Wort!

NACHBARINNENGott, welche Not!

NACHBARINNENSeht dort den Christian;

NACHBARINNENer walkt den Peter ab!

NACHBARINNENAuf, schreit zu Hilfe: Mord und Zeter! -

NACHBARINNENGott, wie sie walken!

NACHBARINNENDie Köpf und Zöpfe wackeln hin und her!

NACHBARINNENSchafft Wasser, Wasser her! Wasser her!

NACHBARINNENdas giesst ihn' auf die Köpf herab!

Die Rauferei ist allgemein geworden, Schreien und Toben

am Fenster, verzweifelt die Hände ringend

MAGDALENEAch Himmel! David! Gott! Welche Not!

MAGDALENEZu Hilfe! Zu Hilfe! Sie schlagen sich tot!

mit grösster Anstrengung

MAGDALENEHör doch nur, David!

MAGDALENESo lass doch nur den Herrn dort los,

MAGDALENEer hat mir nichts getan!

hinabspähend

MAGDALENESo hör mich doch nur an!

MAGDALENEHerrgott, er hält ihn noch!

MAGDALENENein! David, ist er toll?

mit höchster Anstrengung

MAGDALENEAch, David, hör:

MAGDALENE's ist Herr Beckmesser!

ist im Nachtgewand oben an das Fenster getreten

POGNERUm Gott! Eva! Schliess zu!

POGNERIch seh, ob unt' im Hause Ruh!

Er zieht Magdalenen, welche jammernd die Hände nach der Gasse hinab gerungen, herein und schliesst das Fenster

der bisher mit Eva sich hinter dem Gebüsch verborgen, fasst jetzt Eva dicht in den linken Arm und zieht mit der rechten Hand das Schwert

WALTHERJetzt gilt's zu wagen,

WALTHERsich durchzuschlagen!

Er dringt mit geschwungenem Schwert bis in die Mitte der Bühne vor, um sich mit Eva durch die Gasse durchzuhauen. Da springt Sachs mit einem kräftigen Satze aus dem Laden, bahnt sich mit geschwungenem Knieriemen den Weg bis zu Walther und packt diesen beim Arm

auf der Treppe

POGNERHe! Lene! Wo bist du?

die halb ohnmächtige Eva die Treppe hinaufstossend

SACHSIns Haus, Jungfer Lene!

Pogner empfängt Eva und zieht sie in das Haus. - Sachs, mit einem Knieriemen David eines überhauend und mit einem Fusstritt ihn voran in den Laden stossend, zieht Walther, den er mit der andren Hand fest gefasst hält, mit sich hinein und schliesst sogleich fest hinter sich zu. Beckmesser, durch Sachs von David befreit, sucht sich eilig durch die Menge zu flüchten. – Im gleichen Augenblick, wo Sachs auf die Strasse sprang, hörte man einen Hornruf des Nachtwächters. Alle suchen in eiliger Flucht nach allen Seiten hin das Weite, so dass die Bühne sehr bald gänzlich leer wird. Als die Strasse und Gasse leer geworden und alle Häuser geschlossen sind, betritt der Nachtwächter die Bühne, reibt sich die Augen, siebt sich verwundert um und schüttelt den Kopf.

mit leise bebender Stimme

DER NACHTWÄCHTERHört, ihr Leut,

DER NACHTWÄCHTERund lasst euch sagen,

DER NACHTWÄCHTERdie Glock hat

DER NACHTWÄCHTEReilfe geschlagen:

DER NACHTWÄCHTERbewahrt euch vor Gespenstern und Spuk,

DER NACHTWÄCHTERdass kein böser Geist eu'r Seel beruck!

DER NACHTWÄCHTERLobet Gott, den Herrn!

Hornruf. Der Vollmond tritt hervor und scheint hell in die Gasse hinein; der Nachtwächter schreitet langsam dieselbe hinab. Als der Nachtwächter um die Ecke biegt, fällt der Vorhang, genau mit dem letzten Takte

SYSTEMDRITTER AUFZUG

In Sachs' Werkstatt. Kurzer Raum. Im Hintergrund die halb geöffnete Ladentür, nach der Strasse führend. Rechts zur Seite eine Kammertür. Links das nach der Gasse gehende Fenster, mit Blumenstöcken davor, zur Seite ein Werktisch. Sachs sitzt auf einem grossen Lehnstuhle an diesem Fenster, durch welches die Morgensonne hell auf ihn hereinscheint: Er hat vor sich auf dem Schosse einen grossen Folianten und ist im Lesen vertieft. David zeigt sich, von der Strasse kommend, unter der Ladentür, er lugt herein, und da er Sachs gewahrt, fährt er zurück. Er versichert sich aber, dass Sachs ihn nicht bemerkt, schlüpft herein, stellt seinen mitgebrachten Korb auf den hinteren Werktisch beim Laden und untersucht seinen Inhalt: Er holt Blumen und Bänder und kramt sie auf dem Tische aus, endlich findet er auf dem Grunde eine Wurst und einen Kuchen und lässt sich sogleich an, diese zu verzehren, als Sachs, der ihn fortwährend nicht beachtet, mit starkem Geräusch eines der grossen Blätter des Folianten umwendet

fährt zusammen, verbirgt das Essen und wendet sich zurück

DAVIDGleich, Meister! Hier!

DAVIDDie Schuh' sind abgegeben

DAVIDin Herrn Beckmessers Quartier.

DAVIDMir war's, als rieft Ihr mich eben?

beiseite

DAVIDEr tut, als säh' er mich nicht?

DAVIDDa ist er bös', wenn er nicht spricht! -

Er nähert sich sehr demütig langsam Sachs

DAVIDAch, Meister, wollt mir verzeih'n!

DAVIDKann ein Lehrbub' vollkommen sein?

DAVIDKenntet Ihr die Lene wie ich,

DAVIDdann vergäbt Ihr mir sicherlich.

DAVIDSie ist so gut, so sanft für mich

und blickt mich oft an so innerlich.

DAVIDWenn Ihr mich schlagt, streichelt sie mich

DAVIDund lächelt dabei holdseliglich.

DAVIDMuss ich karieren, füttert sie mich

DAVIDund ist in allem gar liebelich.

DAVIDNur gestern, weil der Junker versungen,

DAVIDhab ich den Korb ihr nicht abgerungen.

DAVIDDas schmerzte mich; und da ich fand,

DAVIDdass nachts einer vor dem Fenster stand

DAVIDund sang zu ihr und schrie wie toll,

DAVIDda hieb ich ihm den Buckel voll.

DAVIDWie käm' nun da was Grosses drauf an?

DAVIDAuch hat's uns'rer Liebe gar wohl getan.

DAVIDDie Lene hat mir eben alles erklärt

DAVIDund zum Fest Blumen und Bänder beschert.

Er bricht in grössere Angst aus

DAVIDAch, Meister, sprecht doch nur ein Wort!

beiseite

DAVIDHätt' ich nur die Wurst und den Kuchen erst fort!

hat unbeirrt immer weitergelesen. Jetzt schlägt er den Folianten zu. Von dem Geräusch erschrickt David so, dass er strauchelt und unwillkürlich vor Sachs auf die Knie fällt. Sachs sieht über das Buch, das er noch auf dem Schosse behält, hinweg, über David, welcher immer auf den Knien furchtsam nach ihm aufblickt, hin und heftet seinen Blick unwillkürlich auf den hinteren Werktisch. Sehr leise

SACHSBlumen und Bänder seh' ich dort!

SACHSSchaut hold und jugendlich aus!

SACHSWie kamen mir die ins Haus?

verwundert über Sachs' Freundlichkeit

DAVIDEi, Meister! ‘s ist heut festlicher Tag;

DAVIDda putzt sich jeder, so schön er mag.

immer leise, wie für sich

SACHSWär' heut Hochzeitsfest?

DAVIDJa, käm's erst so weit, dass David die Lene freit!

immer wie zuvor

SACHS‘s war Polterabend, dünkt mich doch?

für sich

DAVIDPolterabend? - Da krieg' ich's wohl noch?

laut

DAVIDVerzeiht das, Meister! Ich bitt', vergesst! Wir feiern ja heut' Johannisfest.

SACHSJohannisfest?

beiseite

DAVIDHört er heut' schwer?

SACHSKannst du dein Sprüchlein? Sag es her!

ist allmählich zu stehen gekommen

DAVIDMein Sprüchlein? Denk', ich kann es gut.

beiseite

DAVID‘s setzt nichts! Der Meister ist wohlgemut! -

stark und grob

DAVID»Am Jordan Sankt Johannes stand« -

SACHSWa - was?

lächelnd

DAVIDVerzeiht, das Gewirr! Mich machte der Polterabend irr.

Er sammelt sich und stellt sich gehörig auf

DAVID»Am Jordan Sankt Johannes stand,

DAVIDall' Volk der Welt zu taufen;

DAVIDkam auch ein Weib aus fernem Land,

DAVIDvon Nürnberg gar gelaufen;

DAVIDsein Söhnlein trug's zum Uferrand,

DAVIDempfing da Tauf' und Namen;

DAVIDdoch als sie dann sich heimgewandt,

DAVIDnach Nürnberg wieder kamen,

DAVIDin deutschem Land gar bald sich fand's,

DAVIDdass wer am Ufer des Jordans

DAVIDJohannes war genannt,

DAVIDan der Pegnitz hiess der Hans.«

sich besinnend

DAVIDHans? Hans!

DAVIDHerr! Meister!

feurig

DAVIDs ist heut Eu'r Namenstag!

DAVIDNein! Wie man so was vergessen mag!

DAVIDHier! Hier, die Blumen sind für Euch,

DAVIDdie Bänder - und was nur alles noch gleich?

DAVIDJa, hier schaut! Meister, herrlicher Kuchen!

DAVIDMöchtet Ihr nicht auch die Wurst versuchen?

immer ruhig, ohne seine Stellung zu verändern

SACHSSchön Dank, mein Jung', behalt's für dich!

SACHSDoch heut auf die Wiese begleitest du mich.

SACHSMit Blumen und Bändern putz' dich fein;

SACHSsollst mein stattlicher Herold sein.

DAVIDSollt' ich nicht lieber Brautführer sein?

DAVIDMeister, ach Meister! Ihr müsst wieder frein!

SACHSHätt'st wohl gern eine Meist'rin im Haus?

DAVIDIch mein', es säh' doch viel stattlicher aus.

SACHSWer weiss! Kommt Zeit, kommt Rat.

DAVID‘s ist Zeit!

SACHSDann wär' der Rat wohl auch nicht weit?

DAVIDGewiss! Gehn schon Reden hin und wieder,

DAVIDden Beckmesser, denk' ich, sängt Ihr doch nieder?

DAVIDIch mein', dass der heut' sich nicht wichtig macht.

SACHSWohl möglich! Hab mir's auch schon bedacht. -

SACHSJetzt geh' und stör' mir den Junker nicht!

SACHSKomm wieder, wenn du schön gericht't.

küsst Sachs gerührt die Hand

DAVIDSo war er noch nie, wenn sonst auch gut!

DAVIDKann mir gar nicht mehr denken, wie der Knieriemen tut!

Er packt alles zusammen und geht in die Kammer ab

immer noch den Folianten auf dem Schosse, lehnt sich, mit untergestütztem Arme, sinnend darauf; es scheint, dass ihn das Gespräch mit David gar nicht aus seinem Nachdenken gestört hat

SACHSWahn! Wahn! Überall Wahn!

SACHSWohin ich forschend blick'

SACHSin Stadt- und Weltchronik,

SACHSden Grund mir aufzufinden,

SACHSwarum gar bis aufs Blut

SACHSdie Leut' sich quälen und schinden

SACHSin unnütz toller Wut!

SACHSHat keiner Lohn noch Dank davon:

SACHSin Flucht geschlagen, wähnt er zu jagen.

SACHSHört nicht sein eigen Schmerzgekreisch,

SACHSwenn er sich wühlt ins eig'ne Fleisch,

SACHSwähnt Lust sich zu erzeigen.

SACHSWer gibt den Namen an?

kräftig

SACHS‘s ist halt der alte Wahn,

SACHSohn' den nichts mag geschehen,

SACHS‘s mag gehen oder stehen!

SACHSSteht's wo im Lauf,

SACHSer schläft nur neue Kraft sich an;

SACHSgleich wacht er auf,

SACHSdann schaut, wer ihn bemeistern kann!

SACHSWie friedsam treuer Sitten

SACHSgetrost in Tat und Werk,

SACHSliegt nicht in Deutschlands Mitten

SACHSmein liebes Nürenberg!

Er blickt mit freudiger Begeisterung ruhig vor sich hin

SACHSDoch eines Abends spat,

SACHSein Unglück zu verhüten,

SACHSbei jugendheissen Gemüten,

SACHSein Mann weiss sich nicht Rat;

SACHSein Schuster in seinem Laden

SACHSzieht an des Wahnes Faden.

SACHSWie bald auf Gassen und Strassen

SACHSfängt der da an zu rasen!

SACHSMann, Weib, Gesell und Kind

SACHSfällt sich da an wie toll und blind;

SACHSund will's der Wahn gesegnen,

SACHSnun muss es Prügel regnen,

SACHSmit Hieben, Stoss' und Dreschen

SACHSden Wutesbrand zu löschen.

SACHSGott weiss, wie das geschah? -

SACHSEin Kobold half wohl da!

SACHSEin Glühwurm fand sein Weibchen nicht;

SACHSder hat den Schaden angericht't.

SACHSDer Flieder war's:

SACHSJohannisnacht. -

SACHSNun aber kam Johannistag! -

SACHSJetzt schau'n wir, wie Hans Sachs es macht,

SACHSdass er den Wahn fein lenken kann,

SACHSein edler' Werk zu tun.

SACHSDenn lässt er uns nicht ruh'n

SACHSselbst hier in Nürenberg,

SACHSso sei's um solche Werk',

SACHSdie selten vor gemeinen Dingen

SACHSund nie ohn' ein'gen Wahn gelingen.

Walther tritt unter der Kammertür ein. Er bleibt einen Augenblick dort stehen und blickt auf Sachs. Dieser wendet sich und lässt den Folianten auf den Boden gleiten

SACHSGrüss Gott, mein Junker! Ruhtet Ihr noch?

SACHSIhr wachtet lang: nun schlieft Ihr doch?

sehr ruhig

WALTHEREin wenig, aber fest und gut.

SACHSSo ist Euch nun wohl bass zumut?

immer sehr ruhig

WALTHERIch hatt' einen wunderschönen Traum.

SACHSDas deutet Gut's! Erzählt mir den.

WALTHERIhn selbst zu denken wag' ich kaum;

WALTHERich fürcht' ihn mir vergeh'n zu sehn.

SACHSMein Freund, das grad' ist Dichters Werk,

SACHSdass er sein Träumen deut' und merk'.

SACHSGlaubt mir, des Menschen wahrster Wahn

SACHSwird ihm im Traume aufgetan:

SACHSall Dichtkunst und Poeterei

SACHSist nichts als Wahrtraumdeuterei.

SACHSWas gilt's, es gab der Traum Euch ein,

SACHSwie heut' Ihr sollet Meister sein?

sehr ruhig

WALTHERNein, von der Zunft und ihren Meistern

WALTHERwollt' sich mein Traumbild nicht begeistern.

SACHSDoch lehrt' es wohl den Zauberspruch,

SACHSmit dem Ihr sie gewännet?

etwas lebhafter

WALTHERWie wähnt Ihr doch nach solchem Bruch,

WALTHERwenn Ihr noch Hoffnung kennet!

SACHSDie Hoffnung lass ich mir nicht mindern,

SACHSnichts stiess sie noch über'n Haufen.

SACHSWär's nicht, glaubt, statt Eure Flucht zu hindern,

SACHSwär' ich selbst mit Euch fortgelaufen!

SACHSDrum bitt ich, lasst den Groll jetzt ruh'n;

SACHSIhr habt's mit Ehrenmännern zu tun,

SACHSdie irren sich und sind bequem,

SACHSdass man auf ihre Weise sie nähm'.

SACHSWer Preise erkennt und Preise stellt,

SACHSder will am End' auch, dass man ihm gefällt.

SACHSEu'r Lied, das hat ihnen bang gemacht;

SACHSund das mit Recht:

SACHSdenn wohlbedacht,

SACHSmit solchem Dicht'- und Liebesfeuer

SACHSverführt man wohl Töchter zum Abenteuer;

SACHSdoch für liebseligen Ehestand

SACHSman andre Wort' und Weisen fand.

lächelnd

WALTHERDie kenn' ich nun auch seit dieser Nacht:

WALTHERes hat viel Lärm auf der Gasse gemacht.

lachend

SACHSJa, ja! Schon gut! Den Takt dazu

SACHShörtet Ihr auch! - Doch, lasst dem Ruh'

SACHSund folgt meinem Rate, kurz und gut,

SACHSfasst zu einem Meisterliede Mut.

WALTHEREin schönes Lied, ein Meisterlied,

WALTHERwie fass ich da den Unterschied?

zart

SACHSMein Freund! In holder Jugendzeit,

SACHSwenn uns von mächt'gen Trieben

SACHSzum sel'gen ersten Lieben

SACHSdie Brust sich schwellet hoch und weit,

SACHSein schönes Lied zu singen

SACHSmocht' vielen da gelingen:

SACHSder Lenz, der sang für sie.

SACHSKam Sommer, Herbst und Winterzeit,

SACHSviel Not und Sorg' im Leben,

SACHSmanch ehlich Glück daneben,

SACHSKindtauf', Geschäfte, Zwist und Streit:

SACHSdenen's dann noch will gelingen,

SACHSein schönes Lied zu singen,

SACHSseht, Meister nennt man die.

WALTHERIch lieb' ein Weib und will es frein,

WALTHERmein dauernd Ehgemahl zu sein.

SACHSDie Meisterregeln lernt beizeiten,

SACHSdass sie getreulich Euch geleiten

SACHSund helfen wohl bewahren,

SACHSwas in der Jugend Jahren

SACHSmit holdem Triebe Lenz und Liebe

SACHSEuch unbewusst ins Herz gelegt,

SACHSdass Ihr das unverloren hegt.

WALTHERStehn sie nun in so hohem Ruf,

WALTHERwer war es, der die Regeln schuf?

SACHSDas waren hochbedürft'ge Meister,

SACHSvon Lebensmüh' bedrängte Geister;

SACHSin ihrer Nöten Wildnis

SACHSsie schufen sich ein Bildnis,

SACHSdass ihnen bliebe der Jugendliebe

SACHSein Angedenken klar und fest,

SACHSdran sich der Lenz erkennen lässt.

WALTHERDoch, wem der Lenz schon lang entronnen,

WALTHERwie wird er dem im Bild gewonnen?

SACHSEr frischt es an, so oft er kann!

SACHSDrum möcht' ich, als bedürft'ger Mann,

SACHSwill ich die Regeln Euch lehren,

SACHSsollt Ihr sie mir neu erklären.

SACHSSeht, hier ist Tinte, Feder, Papier:

SACHSich schreib's Euch auf, diktiert Ihr mir!

WALTHERWie ich's begänne, wüsst' ich kaum.

SACHSErzählt mir Euren Morgentraum!

WALTHERDurch Eurer Regeln gute Lehr'

WALTHERist mir's, als ob verwischt er wär'.

SACHSGrad' nehmt die Dichtkunst jetzt zur Hand;

SACHSmancher durch sie das Verlorene fand.

WALTHERSo wär's nicht Traum, doch Dichterei?

SACHS‘s sind Freunde beid', steh'n gern sich bei.

WALTHERWie fang' ich nach der Regel an?

SACHSIhr stellt sie selbst und folgt ihr dann.

SACHSGedenkt des schönen Traums am Morgen;

SACHSfürs and're lasst Hans Sachs nur sorgen!

hat sich zu Sachs am Werktisch gesetzt, wo dieser das Gedicht Walthers nachschreibt. Er beginnt sehr leise, wie heimlich

WALTHER»Morgenlich leuchtend in rosigem Schein,

WALTHERvon Blüt' und Duft geschwellt die Luft,

WALTHERvoll aller Wonnen, nie ersonnen,

WALTHERein Garten lud mich ein, Gast ihm zu sein.«

SACHSDas war ein Stollen:

SACHSnun achtet wohl,

SACHSdass ganz ein gleicher ihm folgen soll.

WALTHERWarum ganz gleich?

SACHSDamit man seh',

SACHSIhr wähltet Euch gleich ein Weib zur Eh'.

WALTHER»Wonnig entragend dem seligen Raum

WALTHERbot goldner Frucht heilsaft'ge Wucht

WALTHERmit holdem Prangen dem Verlangen

WALTHERan duft'ger Zweige Saum herrlich ein Baum.«

SACHSIhr schlosset nicht im gleichen Ton.

SACHSDas macht den Meistern Pein;

doch nimmt Hans Sachs die Lehr' davon,

SACHSim Lenz wohl müss' es so sein. -

SACHSNun stellt mir einen Abgesang.

WALTHERWas soll nun der?

SACHSOb Euch gelang,

SACHSein rechtes Paar zu finden,

das zeigt sich

jetzt

SACHSan den Kinden.

SACHSDen Stollen ähnlich, doch nicht gleich,

SACHSan eig'nen Reim' und Tönen reich;

SACHSdass man's recht schlank und selbstig find',

SACHSdas freut die Eltern an dem Kind,

SACHSund Euren Stollen gibt's den Schluss,

SACHSdass nichts davon abfallen muss.

WALTHER»Sei Euch vertraut,

WALTHERwelch hehres Wunder mir gescheh'n:

WALTHERan meiner Seite stand ein Weib,

WALTHERso hold und schön ich nie geseh'n;

WALTHERgleich einer Braut

WALTHERumfasste sie sanft meinen Leib;

WALTHERmit Augen winkend,

WALTHERdie Hand wies blinkend,

WALTHERwas ich verlangend begehrt,

WALTHERdie Frucht so hold und wert

WALTHERvom Lebensbaum.«

gerührt

SACHSDas nenn' ich mir einen Abgesang!

SACHSSeht, wie der ganze Bar gelang.

SACHSNur mit der Melodei seid Ihr ein wenig frei;

SACHSdoch sag' ich nicht, dass das ein Fehler sei;

SACHSnur ist's nicht leicht zu behalten,

SACHSund das ärgert uns're Alten! -

SACHSJetzt richtet mir noch einen zweiten Bar,

SACHSdamit man merk', welch' der erste war.

SACHSAuch weiss ich noch nicht, so gut Ihr's gereimt,

SACHSwas Ihr gedichtet, was Ihr geträumt.

WALTHER»Abendlich glühend in himmlischer Pracht

WALTHERverschied der Tag, wie dort ich lag;

WALTHERaus ihren Augen Wonne zu saugen,

WALTHERVerlangen einz'ger Macht in mir nur wacht'.

WALTHERNächtlich umdämmert der Blick mir sich bricht!

WALTHERWie weit so nah' beschienen da

WALTHERzwei lichte Sterne aus der Ferne

WALTHERdurch schlanker Zweige Licht hehr mein Gesicht.

WALTHERLieblich ein Quell

WALTHERauf stiller Höhe dort mir rauscht;

WALTHERjetzt schwellt er an sein hold' Getön',

WALTHERso stark und süss ich's nie erlauscht:

WALTHERleuchtend und hell, wie strahlten die Sterne da schön;

WALTHERzu Tanz und Reigen in Laub und Zweigen

WALTHERder gold'nen sammeln sich mehr,

WALTHERstatt Frucht ein Sternenheer

WALTHERim Lorbeerbaum.« -

sehr gerührt

SACHSFreund!

SACHSEuer Traumbild wies Euch wahr;

SACHSgelungen ist auch der zweite Bar.

SACHSWolltet Ihr noch einen dritten dichten?

SACHSDes Traumes Deutung würd' er berichten.

steht schnell auf

WALTHERWo fänd' ich die? Genug der Wort'!

erhebt sich gleichfalls und tritt mit freundlicher Entschiedenheit zu Walther

SACHSDann Tat und Wort am rechten Ort!

SACHSDrum bitt' ich, merkt mir wohl die Weise:

SACHSgar lieblich drin sich's dichten lässt:

SACHSund singt Ihr sie im weit'ren Kreise,

SACHSso haltet mir auch das Traumbild fest.

WALTHERWas habt Ihr vor?

SACHSEu'r treuer Knecht

SACHSfand sich mit Sack und Tasch' zurecht;

SACHSdie Kleider, drin am Hochzeitfest

SACHSdaheim Ihr wolltet prangen,

SACHSdie liess er her zu mir gelangen.

Ein Täubchen zeigt' ihm wohl das Nest,

SACHSdarin sein Junker träumt!

SACHSDrum folgt mir jetzt ins Kämmerlein!

SACHSMit Kleiden, wohlgesäumt,

SACHSsollen beide wir gezieret sein,

SACHSwenn's Stattliches zu wagen gilt.

SACHSDrum kommt, seid Ihr gleich mir gesinnt.

Walther schlägt in Sachsens Hand ein; so geleitet ihn dieser ruhig festen Schrittes zur Kammer, deren Tür er ihm ehrerbietig öffnet und dann ihm folgt

Beckmesser. Sachs. Man gewahrt Beckmesser, welcher draussen vor dem Laden erscheint, in grosser Aufregung hereinlugt und, da er die Werkstatt leer findet, hastig eintritt Er ist reich aufgeputzt, aber in sehr leidendem Zustande. Er blickt sich erst unter der Tür nochmals genau in der Werkstatt um, dann hinkt er vorwärts, zuckt aber zusammen und streicht sich den Rücken. Er macht wieder einige Schritte, knickt aber mit den Knien und streicht nun diese. Er setzt sich auf den Schusterschemel, fährt aber schnell schmerzhaft wieder auf. Er betrachtet sich den Schemel und gerät dabei in immer aufgeregteres Nachsinnen. Er wird von den verdriesslichsten Erinnerungen und Vorstellungen gepeinigt; immer unruhiger beginnt er sich den Schweiss von der Stirne zu wischen. Er hinkt immer lebhafter umher und starrt dabei vor sich hin. Als ob er von allen Seiten verfolgt wäre, taumelt er fliehend hin und her. Wie um nicht umzusinken, hält er sich an dem Werktisch, zu dem er hin geschwankt war, an und starrt vor sich hin. Matt und verzweiflungsvoll sieht er um sich; sein Blick fällt endlich durch das Fenster auf Pogners Haus; er hinkt mühsam an dasselbe heran, und, nach dem gegenüberliegenden Fenster ausspähend, versucht er, sich in die Brust zu werfen, als ihm sogleich der Ritter Walther einfällt. Ärgerliche Gedanken entstehen dadurch, gegen die er mit schmeichelndem Selbstgefühl anzukämpfen sucht. Die Eifersucht übermannt ihn; er schlägt sich vor den Kopf. Er glaubt die Verhöhnung der Weiber und Buben auf der Gasse zu vernehmen, wendet sich wütend ab und schmeisst das Fenster zu. Sehr verstört wendet er sich mechanisch wieder dem Werktische zu, indem er vor sich hinbrütend nach einer neuen Weise zu suchen scheint. Sein Blick fällt auf das von Sachs zuvor beschriebene Papier; er nimmt es neugierig auf, überfliegt es mit wachsender Aufregung und bricht endlich wütend aus

BECKMESSEREin Werbelied! Von Sachs! Ist's wahr?

BECKMESSERHa! Jetzt wird mir alles klar!

Da er die Kammertür gehen hört, fährt er zusammen und steckt das Papier eilig in die Tasche

im Festgewande, tritt ein, kommt vor und hält an, als er Beckmesser gewahrt

SACHSSieh da, Herr Schreiber! Auch am Morgen?

SACHSEuch machen die Schuh' doch nicht mehr Sorgen?

BECKMESSERZum Teufel! So dünn war ich noch nie beschuht!

BECKMESSERFühl' durch die Sohl' den kleinsten Kies!

SACHSMein Merkersprüchlein wirkte dies,

SACHStrieb sie mit Merkerzeichen so weich.

BECKMESSERSchon gut der Witz! Und genug der Streich'!

BECKMESSERGlaubt mir, Freund Sachs, jetzt kenn' ich Euch!

BECKMESSERDer Spass von dieser Nacht, der wird Euch noch gedacht.

BECKMESSERDass ich Euch nur nicht im Wege sei,

BECKMESSERschuft Ihr gar Aufruhr und Meuterei!

SACHS‘s war Polterabend, lasst Euch bedeuten;

SACHSEure Hochzeit spukte unter den Leuten:

SACHSje toller es da hergeh', je besser bekommt's der Eh'.

wütend

BECKMESSERO Schuster, voll von Ränken

BECKMESSERund pöbelhaften Schwänken,

BECKMESSERdu warst mein Feind von je:

BECKMESSERnun hör, ob hell ich seh'!

BECKMESSERDie ich mir auserkoren,

BECKMESSERdie ganz für mich geboren,

BECKMESSERzu aller Witwer Schmach,

BECKMESSERder Jungfer stellst du nach.

BECKMESSERDass sich Herr Sachs erwerbe

BECKMESSERdes Goldschmieds reiches Erbe,

BECKMESSERim Meisterrat zur Hand

BECKMESSERauf Klauseln er bestand,

BECKMESSERein Mägdlein zu betören,

BECKMESSERdas nur auf ihn sollt' hören

BECKMESSERund, andern abgewandt,

BECKMESSERzu ihm allein sich fand.

BECKMESSERDarum! Darum!

BECKMESSERWär' ich so dumm?

BECKMESSERMit Schreien und mit Klopfen

BECKMESSERwollt' er mein Lied zustopfen,

BECKMESSERdass nicht dem Kind werd' kund,

BECKMESSERwie auch ein and'rer bestund!

BECKMESSERJa ja! Haha! Hab ich dich da?

BECKMESSERAus seiner Schusterstuben

BECKMESSERhetzt' endlich er den Buben

BECKMESSERmit Knüppeln auf mich her,

BECKMESSERdass meiner los er wär'!

BECKMESSERAu au! Au au! Wohl grün und blau,

BECKMESSERzum Spott der allerliebsten Frau,

BECKMESSERzerschlagen und zerprügelt,

BECKMESSERdass kein Schneider mich aufbügelt!

BECKMESSERGar auf mein Leben war's angegeben!

BECKMESSERDoch kam ich noch so davon,

BECKMESSERdass ich die Tat Euch lohn'!

BECKMESSERZieht heut' nur aus zum Singen,

BECKMESSERmerkt auf, wie's mag gelingen;

BECKMESSERbin ich gezwackt auch und zerhackt,

BECKMESSEREuch bring' ich doch sicher aus dem Takt!

SACHSGut Freund, Ihr seid in argem Wahn!

SACHSGlaubt, was Ihr wollt, dass ich getan,

SACHSgebt Eure Eifersucht nur hin;

SACHSzu werben kommt mir nicht in Sinn.

BECKMESSERLug und Trug! Ich kenn' es besser.

SACHSWas fällt Euch nur ein, Meister Beckmesser?

SACHSWas ich sonst im Sinn, geht Euch nichts an.

SACHSDoch glaubt, ob der Werbung seid Ihr im Wahn.

BECKMESSERIhr sängt heut nicht?

SACHSNicht zur Wette.

BECKMESSERKein Werbelied?

SACHSGewisslich, nein!

BECKMESSERWenn ich aber drob ein Zeugnis hätte?

Er greift in die Tasche

blickt auf den Werktisch

SACHSDas Gedicht? Hier liess ich's. Stecktet Ihr's ein?

das Blatt hervorziehend

BECKMESSERIst das Eure Hand?

SACHSJa - war es das?

BECKMESSERGanz frisch noch die Schrift?

SACHSUnd die Tinte noch nass!

BECKMESSER‘s wär' wohl gar ein biblisches Lied?

SACHSDer fehlte wohl, wer darauf riet.

BECKMESSERNun denn?

SACHSWie doch?

BECKMESSERIhr fragt?

SACHSWas noch?

BECKMESSERDass Ihr mit aller Biederkeit

BECKMESSERder ärgste aller Spitzbuben seid!

SACHSMag sein! Doch hab ich noch nie entwandt,

SACHSwas ich auf fremden Tischen fand -

SACHSund dass man von Euch auch nicht Übles denkt,

SACHSbehaltet das Blatt, es sei Euch geschenkt.

in freudigem Schreck aufspringend

BECKMESSERHerrgott! ...

BECKMESSEREin Gedicht? ... Ein Gedicht von Sachs!

BECKMESSERDoch halt, dass kein neuer Schad' mir erwachs'!

BECKMESSERIhr habt's wohl schon recht gut memoriert?

SACHSSeid meinethalb doch nur unbeirrt!

BECKMESSERIhr lasst mir das Blatt?

SACHSDamit Ihr kein Dieb.

BECKMESSERUnd mach' ich Gebrauch?

SACHSWie's Euch belieb'.

BECKMESSERDoch sing' ich das Lied?

SACHSWenn's nicht zu schwer!

BECKMESSERUnd wenn ich gefiel'?

SACHSDas ... wunderte mich sehr!

ganz zutraulich

BECKMESSERDa seid Ihr nun wieder zu bescheiden:

BECKMESSERein Lied von Sachs,

gleichsam pfeifend

BECKMESSERdas will was bedeuten!

BECKMESSERUnd seht nur, wie mir's ergeht,

BECKMESSERwie's mit mir Ärmsten steht!

BECKMESSERErseh' ich doch mit Schmerzen,

BECKMESSERdas Lied, das nachts ich sang -

BECKMESSERdank Euren lust'gen Scherzen! -

BECKMESSERes machte der Pognerin bang'.

BECKMESSERWie schaff' ich mir nun zur Stelle

BECKMESSERein neues Lied herzu?

BECKMESSERIch armer, zerschlag'ner Geselle,

BECKMESSERwie fänd' ich heut dazu Ruh'?

BECKMESSERWerbung und ehlich Leben,

BECKMESSERob das mir Gott beschied,

BECKMESSERmuss ich nun grad aufgeben,

BECKMESSERhab ich kein neues Lied.

BECKMESSEREin Lied von Euch, des bin ich gewiss,

BECKMESSERmit dem besieg' ich jed' Hindernis!

BECKMESSERSoll ich das heute haben,

BECKMESSERvergessen, begraben

BECKMESSERsei Zwist, Hader und Streit

BECKMESSERund was uns je entzweit.

Er blickt seitwärts in das Blatt: plötzlich runzelt sich seine Stirn

BECKMESSERUnd doch! Wenn's nur eine Falle wär'?

BECKMESSERNoch gestern wart Ihr mein Feind:

BECKMESSERWie käm's, dass nach so grosser Beschwer'

BECKMESSERIhr's freundlich heut' mit mir meint?

SACHSIch macht' Euch Schuh' in später Nacht:

SACHShat man je so einen Feind bedacht?

BECKMESSERJa ja! Recht gut! Doch eines schwört:

BECKMESSERwo und wie Ihr das Lied auch hört,

BECKMESSERdass nie Ihr Euch beikommen lasst,

BECKMESSERzu sagen, das Lied sei von Euch verfasst.

SACHSDas schwör' ich und gelob' es Euch,

SACHSnie mich zu rühmen, das Lied sei von mir.

sich vergnügt die Hände reibend

BECKMESSERWas will ich mehr? Ich bin geborgen!

BECKMESSERJetzt braucht sich Beckmesser nicht mehr zu sorgen!

SACHSDoch, Freund, ich führ's Euch zu Gemüte

SACHSund rat' es Euch in aller Güte:

SACHSstudiert mir recht das Lied!

SACHSSein Vortrag ist nicht leicht:

SACHSob Euch die Weise geriet

SACHSund Ihr den Ton erreicht!

BECKMESSERFreund Sachs, Ihr seid ein guter Poet;

BECKMESSERdoch was Ton und Weise betrifft,

BECKMESSERgesteht, da tut mir's keiner vor!

BECKMESSERDrum spitzt nur fein das Ohr.

BECKMESSERUnd:

BECKMESSER»Beckmesser, keiner besser!«

BECKMESSERdarauf macht Euch gefasst,

BECKMESSERwenn Ihr mich ruhig singen lasst.

BECKMESSERDoch nun memorieren,

BECKMESSERschnell nach Haus;

BECKMESSERohne Zeit zu verlieren

BECKMESSERricht' ich das aus.

BECKMESSERHans Sachs, mein Teurer!

BECKMESSERich hab Euch verkannt;

BECKMESSERdurch den Abenteurer

BECKMESSERwar ich verrannt:

sehr zutraulich

BECKMESSERSo einer fehlte uns bloss!

BECKMESSERDen wurden wir Meister doch los!

BECKMESSERDoch mein Besinnen

BECKMESSERläuft mir von hinnen.

BECKMESSERBin ich verwirrt

BECKMESSERund ganz verirrt?

BECKMESSERDie Silben, die Reime,

BECKMESSERdie Worte, die Verse:

BECKMESSERich kleb' wie am Leime,

BECKMESSERund brennt doch die Ferse.

BECKMESSERAde, ich muss fort!

BECKMESSERAn andrem Ort

BECKMESSERdank' ich Euch inniglich,

BECKMESSERweil Ihr so minniglich;

BECKMESSERfür Euch nun stimme ich,

BECKMESSERkauf' Eure Werke gleich,

BECKMESSERmache zum Merker Euch:

BECKMESSERdoch fein mit Kreide weich,

BECKMESSERnicht mit dem Hammerstreich!

BECKMESSERMerker! Merker! Merker Hans Sachs!

BECKMESSERDass Nürnberg schusterlich blüh' und wachs'!

Beckmesser nimmt tanzend von Sachs Abschied, taumelt und poltert der Ladentür zu; plötzlich glaubt er das Gedicht in seiner Tasche vergessen zu haben, läuft wieder vor, sucht ängstlich auf dem Werktische, bis er es in der eigenen Hand gewahr wird; darüber scherzhaft erfreut, umarmt er Sachs nochmals voll feurigen Dankes und stürzt dann, hinkend und strauchelnd, geräuschvoll durch die Ladentür ab

sieht Beckmesser gedankenvoll lächelnd nach

SACHSSo ganz boshaft doch keinen ich fand;

SACHSer hält's auf die Länge nicht aus:

SACHSvergeudet mancher oft viel Verstand,

SACHSdoch hält er auch damit Haus;

SACHSdie schwache Stunde kommt für jeden,

SACHSda wird er dumm und lässt mit sich reden.

SACHSDass hier Herr Beckmesser ward zum Dieb,

SACHSist mir für meinen Plan sehr lieb.

Eva nähert sich auf der Strasse der Ladentür. Sachs wendet sich um und gewahrt Eva

SACHSSieh, Evchen! Dacht' ich doch, wo sie blieb'!

Eva, reich geschmückt, in glänzender weisser Kleidung, etwas leidend und blass, tritt zum Laden herein und schreitet langsam vor

SACHSGrüss Gott, mein Evchen! Ei, wie herrlich

SACHSund stolz du's heute meinst!

SACHSDu machst wohl alt und jung begehrlich,

SACHSwenn du so schön erscheinst.

EVAMeister! ‘s ist nicht so gefährlich:

EVAund ist's dem Schneider geglückt,

EVAwer sieht dann, wo's mir beschwerlich,

EVAwo still der Schuh mich drückt?

SACHSDer böse Schuh! ‘s war deine Laun',

SACHSdass du ihn gestern nicht probiert.

EVAMerk' wohl, ich hatt' zu viel Vertrau'n;

EVAim Meister hatt' ich mich geirrt.

SACHSEi, ‘s tut mir leid! Zeig' her, mein Kind,

SACHSdass ich dir helfe gleich geschwind.

EVASobald ich stehe, will es geh'n;

EVAdoch will ich geh'n, zwingt's mich zu steh'n.

SACHSHier auf den Schemel streck den Fuss:

SACHSder üblen Not ich wehren muss.

SACHSSie streckt einen Fuss auf dem Schemel am Werktisch aus.

SACHSWas ist's mit dem?

EVAIhr seht, zu weit!

SACHSKind, das ist pure Eitelkeit,

SACHSder Schuh ist knapp.

EVADas sagt' ich ja:

EVAdrum drückt er mich an den Zehen da.

SACHSHier links?

EVANein, rechts.

SACHSWohl mehr am Spann?

EVAHier, mehr am Hacken.

SACHSKommt der auch dran?

EVAAch Meister! Wüsstet Ihr besser als ich,

EVAwo der Schuh mich drückt?

SACHSEi, ‘s wundert mich,

SACHSdass er zu weit und doch drückt überall?

Walther, in glänzender Rittertracht, tritt unter die Tür der Kammer. Eva stösst einen Schrei aus und bleibt, unverwandt auf Walther blickend, in ihrer Stellung, mit dem Fusse auf dem Schemel. Sachs, der vor ihr niedergebückt steht, bleibt mit dem Rücken der Tür zugekehrt, ohne Walthers Eintritt zu beachten. Walther, durch den Anblick Evas festgebannt, bleibt ebenfalls unbeweglich unter der Tür stehen

SACHSAha! Hier sitzt's! Nun begreif' ich den Fall!

SACHSKind, du hast recht:

SACHS‘s stak in der Naht.

SACHSNun warte, dem Übel schaff' ich Rat.

SACHSBleib nur so steh'n; ich nehm' dir den Schuh

SACHSeine Weil' auf den Leisten:

SACHSdann lässt er dir Ruh'!

Er hat ihr sanft den Schuh vom Fusse gezogen; während sie in ihrer Stellung verbleibt, macht er sich am Werktisch mit dem Schuh zu schaffen und tut, als beachte er nichts anderes

bei der Arbeit

SACHSImmer schustern, das ist nun mein Los;

SACHSdes Nachts, des Tags komm' nicht davon los!

SACHSKind, hör' zu! Ich hab mir's überdacht,

SACHSwas meinem Schustern ein Ende macht:

SACHSam besten, ich werbe doch noch um dich;

SACHSda gewänn' ich doch was als Poet für mich!

SACHSDu hörst nicht drauf? - So sprich doch jetzt!

SACHSHast mir's ja selbst in den Kopf gesetzt.

SACHSSchon gut! - Ich merk':

SACHS»Mach deinen Schuh!«..

SACHSSäng' mir nur wenigstens einer dazu!

SACHSHörte heut' gar ein schönes Lied:

SACHSwem dazu wohl ein dritter Vers geriet?

den Blick unverwandt auf Eva geheftet

WALTHER»Weilten die Sterne im lieblichen Tanz?

WALTHERSo licht und klar im Lockenhaar,

WALTHERvor allen Frauen hehr zu schauen,

WALTHERlag ihr mit zartem Glanz ein Sternenkranz. -

immerfort arbeitend

SACHSLausch, Kind, das ist ein Meisterlied!

WALTHERWunder ob Wunder nun bieten sich dar:

WALTHERzwiefachen Tag ich grüssen mag;

WALTHERdenn gleich zwei'n Sonnen reinster Wonnen

WALTHERder hehrsten Augen Paar nahm ich da wahr. -

beiseite zu Eva

SACHSDerlei hörst du jetzt bei mir singen.

WALTHERHuldreichstes Bild,

WALTHERdem ich zu nahen mich erkühnt:

WALTHERden Kranz, von zweier Sonnen Strahl

WALTHERzugleich geblichen und ergrünt,

WALTHERminnig und mild,

WALTHERsie flocht ihn um das Haupt dem Gemahl.

hat den Schuh zurückgebracht und ist jetzt darüber, ihn Eva wieder anzuziehen

SACHSNun schau, ob dazu mein Schuh geriet?

WALTHERDort Huld-geboren, nun Ruhm-erkoren,

SACHSMein' endlich doch,

SACHSes tät' mir gelingen?

WALTHERgiesst paradiesische Lust sie in des Dichters Brust

SACHSVersuch's! Tritt auf! - Sag, drückt er dich noch?

WALTHERim Liebestraum.«

Eva, die wie bezaubert regungslos gestanden, gesehen und gehört hat, bricht jetzt in heftiges Weinen aus, sinkt Sachs an die Brust und drückt ihn schluchzend an sich. Walther ist zu ihnen getreten; er drückt begeistert Sachs die Hand. Sachs tut sich endlich Gewalt an, reisst sich wie unmutig los und lässt dadurch Eva unwillkürlich an Walthers Schulter sich anlehnen

SACHSHat man mit dem Schuhwerk nicht seine Not!

SACHSWär' ich nicht noch Poet dazu,

SACHSich machte länger keine Schuh'!

SACHSDas ist eine Müh', ein Aufgebot!

SACHSZu weit dem einen, dem andern zu eng;

SACHSvon allen Seiten Lauf und Gedräng':

SACHSda klappt's, da schlappt's,

SACHShier drückt's, da zwickt's!

SACHSDer Schuster soll auch alles wissen,

SACHSflicken, was nur immer zerrissen

SACHSund ist er

nun

SACHSgar Poet dazu,

SACHSda lässt man am End' ihm auch da keine Ruh';

SACHSund ist er erst noch Witwer gar,

SACHSzum Narren hält man ihn fürwahr.

SACHSDie jüngsten Mädchen, ist Not am Mann,

SACHSbegehren. er hielte um sie an.

SACHSVersteht er sie, versteht er sie nicht,

SACHSall eins, ob ja, ob nein er spricht:

SACHSam End' riecht er doch nach Pech

SACHSund gilt für dumm, tückisch und frech!

SACHSEi, ‘s ist mir nur um den Lehrbuben leid;

SACHSder verliert mir allen Respekt;

SACHSdie Lene macht' ihn schon nicht recht gescheit,

SACHSdass aus Töpf' und Tellern er leckt!

SACHSWo Teufel er jetzt nur wieder steckt?

Er stellt sich, als wolle er nach David sehen

indem sie Sachs zurückhält und von neuem an sich zieht

EVAO Sachs, mein Freund! Du teurer Mann!

EVAWie ich dir Edlem lohnen kann?

EVAWas ohne deine Liebe, was wär' ich ohne dich,

EVAob je auch Kind ich bliebe,

EVAerwecktest du mich nicht?

EVADurch dich gewann ich,

EVAwas man preist,

EVAdurch dich ersann ich,

EVAwas ein Geist!

EVADurch dich erwacht',

EVAdurch dich nur dacht'

EVAich edel, frei und kühn,

EVAdu liessest mich erblüh'n!

EVAJa, lieber Meister, schilt mich nur!

EVAIch war doch auf der rechten Spur:

EVAdenn, hatte ich die Wahl,

EVAnur dich erwählt' ich mir:

EVAdu warest mein Gemahl.

EVADen Preis reicht' ich nur dir! -

EVADoch nun hat's mich gewählt

EVAzu nie gekannter Qual:

EVAund werd' ich heut' vermählt,

EVAso war's ohn' alle Wahl!

EVADas war ein Müssen, war ein Zwang!

EVAEuch selbst, mein Meister, wurde bang'.

SACHSMein Kind, von Tristan und Isolde

SACHSkenn' ich ein traurig Stück:

SACHSHans Sachs war klug und wollte

SACHSnichts von Herrn Markes Glück.

SACHS‘s war Zeit, dass ich den Rechten fand,

SACHSwär' sonst am End' doch hineingerannt. -

SACHSAha! Da streicht die Lene schon ums Haus:

SACHSNur herein! - He, David! Kommst nicht heraus?

Magdalene, in festlichem Staate, tritt durch die Ladentür herein; David ebenfalls im Festkleid, mit Blumen und Bändern sehr reich und zierlich aufgeputzt, kommt zugleich aus der Kammer

SACHSDie Zeugen sind da, Gevatter zur Hand;

SACHSjetzt schnell zur Taufe, nehmt euren Stand.

Alle blicken ihn verwundert an

SACHSEin Kind ward hier geboren;

SACHSjetzt sei ihm ein Nam' erkoren!

SACHSSo ist's nach Meisterweis' und Art,

SACHSwenn eine Meister-Weise geschaffen ward:

SACHSdass die einen guten Namen trag',

SACHSdran jeder sie erkennen mag.

SACHSVernehmt, respektable Gesellschaft,

SACHSwas euch hier zur Stell' schafft!

SACHSEine Meisterweise ist gelungen,

SACHSvon Junker Walther gedichtet und gesungen;

SACHSder jungen Weise lebender Vater

SACHSlud mich und die Pognerin zu Gevatter.

SACHSWeil wir die Weise wohl vernommen,

SACHSsind wir zur Taufe hierher gekommen.

SACHSAuch dass wir zur Handlung Zeugen haben,

SACHSruf' ich Jungfer Lene und meinen Knaben.

SACHSDoch da's zum Zeugen kein Lehrbube tut

SACHSund heut' auch den Spruch er gesungen gut,

SACHSso mach' ich den Burschen gleich zum Gesell;

SACHSknie nieder, David, und nimm diese Schell'!

David ist niedergekniet: Sachs gibt ihm eine starke Ohrfeige

SACHSSteh' auf, Gesell', und denk' an den Streich;

SACHSdu merkst dir dabei die Taufe zugleich! -

SACHSFehlt sonst noch was, uns keiner schilt:

SACHSwer weiss, ob's nicht gar einer Nottaufe gilt.

SACHSDass die Weise Kraft behalte zum Leben,

SACHSwill ich nur gleich den Namen ihr geben:

SACHS»Die selige Morgentraumdeut-Weise«

SACHSsei sie genannt zu des Meisters Preise.

SACHSNun wachse sie gross, ohn' Schad' und Bruch.

SACHSDie jüngste Gevatterin spricht den Spruch.

Er tritt aus der Mitte des Halbkreises, der von den übrigen um ihn gebildet war, auf die Seite, so dass nun Eva in die Mitte zu stehen kommt

EVASelig, wie die Sonne

meines Glückes lacht,

EVAMorgen voller Wonne

EVAselig mir erwacht!

EVATraum der höchsten Hulden,

EVAhimmlisch' Morgenglüh'n!

EVADeutung euch zu schulden,

EVAselig süss Bemüh'n!

EVAEiner Weise mild und hehr

EVAsollt' es hold gelingen,

EVAmeines Herzens süss Beschwer'

EVAdeutend zu bezwingen.

SACHSVor dem Kinde lieblich hold

SACHSmöcht' ich gern wohl singen;

SACHSdoch des Herzens süss' Beschwer

SACHSgalt es zu bezwingen.

WALTHERDeine Liebe liess mir es gelingen,

WALTHERmeines Herzens süss' Beschwer' deutend zu bezwingen.

WALTHERMAGDALENE und DAVID

WALTHERWach' oder träum' ich schon so früh?

WALTHERDas zu erklären macht mir Müh':

EVAOb es nur ein Morgentraum?

WALTHEROb es noch der Morgentraum?

SACHS‘s war ein schöner Morgen-Traum:

SACHSEVA und WALTHER

SACHSSelig deut' ich mir es kaum.

SACHSDoch die Weise, was sie leise

SACHSmir/dir vertraut

WALTHERim stillen Raum,

BEIDEhell und laut,

BEIDEin der Meister vollem Kreis

WALTHERwerbe sie um den höchsten Preis!

EVAdeute sie auf den höchsten Preis!

SACHSdran zu deuten wag' ich kaum.

SACHSDiese Weise, was sie leise

SACHSmir anvertraut' im stillen Raum,

SACHSsagt mir laut:

SACHSauch der Jugend ew'ges Reis

SACHSgrünt nur durch des Dichters Preis.

SACHSMAGDALENE und DAVID

SACHS‘s ist wohl nur ein Morgentraum?

SACHSWas ich seh', begreif' ich kaum!

DAVIDWard zur Stelle gleich Geselle?

DAVIDLene Braut?

DAVIDIm Kirchenraum wir gar getraut?

DAVID‘s geht der Kopf mir wie im Kreis,

DAVIDdass Meister gar bald ich heiss'!

MAGDALENEEr zur Stelle gleich Geselle?

MAGDALENEIch die Braut?

MAGDALENEIm Kirchenraum wir gar getraut?

MAGDALENEJa, wahrhaftig! ‘s geht:

MAGDALENEwer weiss,

MAGDALENEdass ich die Meist'rin bald heiss'!

zu den übrigen sich wendend

SACHSJetzt all' am Fleck!

zu Eva

SACHSDen Vater grüss'!

SACHSAuf nach der Wies', schnell auf die Füss'!

Eva und Magdalene gehen

zu Walther

SACHSNun, Junker, kommt! Habt frohen Mut! -

SACHSDavid, Gesell! Schliess' den Laden gut!

Als Sachs und Walther ebenfalls auf die Strasse gehen und David über das Schliessen der Ladentür sich hermacht, wird ein Vorhang von beiden Seiten zusammengezogen, so dass im Proszenium er die Szene gänzlich verschliesst

Die Vorhänge sind nach der Höhe aufgezogen worden; die Bühne ist verwandelt. Diese stellt einen freien Wiesenplan, im ferneren Hintergrunde die Stadt Nürnberg. Die Pegnitz schlängelt sich durch den Plan, der schmale Fluss ist an den nächsten Punkten praktikabel gehalten. Buntbeflaggte Kähne setzen die ankommenden, festlich gekleideten Bürger der Zünfte mit Frauen und Kindern, an das Ufer der Festwiese über. Eine erhöhte Bühne mit Bänken und Sitzen darauf ist rechts zur Seite aufgeschlagen; bereits ist sie mit den Fahnen der angekommenen Zünfte geschmückt; im Verlaufe stecken die Fahnenträger der noch ankommenden Zünfte ihre Fahnen ebenfalls um die Sängerbühne auf so dass diese schliesslich nach drei Seiten hin ganz davon eingefasst ist. Zelte mit Getränken und Erfrischungen aller Art begrenzen im übrigen die Seiten des vorderen Hauptraumes. Vor den Zelten geht es bereits lustig her: Bürger mit Frauen, Kindern und Gesellen sitzen und lagern daselbst. Die Lehrbuben der Meistersinger, festlich gekleidet, mit Blumen und Bändern reich und anmutig geschmückt, üben mit schlanken Stäben, die ebenfalls mit Blumen und Bändern geziert sind, in lustiger Weise das Amt von Herolden und Marschällen aus. Sie empfangen die am Ufer Aussteigenden, ordnen die Züge der Zünfte und geleiten diese nach der Sängerbühne, von wo aus, nachdem der Bannerträger die Fahne aufgepflanzt, die Zunftbürger und Gesellen sich unter den Zelten zerstreuen. Soeben werden die Schuster am Ufer empfangen und nach dem Vordergrunde geleitet

mit fliegender Fahne aufziehend

DIE SCHUSTERSankt Krispin, lobet ihn!

DIE SCHUSTERWar gar ein heilig' Mann,

zeigt', was ein Schuster kann.

DIE SCHUSTERDie Armen hatten gute Zeit,

DIE SCHUSTERmacht' ihnen warme Schuh';

DIE SCHUSTERund wenn ihm keiner ‘s Leder leiht,

DIE SCHUSTERso stahl er sich's dazu.

DIE SCHUSTERDer Schuster hat ein weit Gewissen,

DIE SCHUSTERmacht Schuhe selbst mit Hindernissen;

DIE SCHUSTERund ist vom Gerber das Fell erst weg,

DIE SCHUSTERdann streck, streck, streck!

DIE SCHUSTERLeder taugt nur am rechten Fleck.

Die Stadtwächter und Heerhornbläser mit Trompeten und Trommeln sowie die Stadtpfeifer, Lautenmacher usw. ziehen, auf ihren Instrumenten spielend, auf. Ihnen folgen Gesellen mit Kinderinstrumenten

mit fliegender Fahne aufziehend

DIE SCHNEIDERAls Nürnberg belagert war

DIE SCHNEIDERund Hungersnot sich fand,

DIE SCHNEIDERwär' Stadt und Volk verdorben gar,

DIE SCHNEIDERwar nicht ein Schneider zur Hand,

DIE SCHNEIDERder viel Mut hatt' und Verstand.

DIE SCHNEIDERHat sich in ein Bocksfell eingenäht,

DIE SCHNEIDERauf dem Stadtwall da spazierengeht

DIE SCHNEIDERund macht wohl seine Sprünge

DIE SCHNEIDERgar lustig guter Dinge.

DIE SCHNEIDERDer Feind, der sieht's und zieht vom Fleck:

DIE SCHNEIDERder Teufel hol' die Stadt sich weg,

DIE SCHNEIDERhat's drin noch so lustige Meck-meck-meck!

DIE SCHNEIDERMeck! Meck! Meck!

DIE SCHNEIDERWer glaubt's, dass ein Schneider im Bocke steck'!

ziehen mit fliegender Fahne auf

DIE BÄCKERHungersnot! Hungersnot!

DIE BÄCKERDas ist ein greulich Leiden!

DIE BÄCKERGäb' euch der Bäcker nicht täglich Brot,

DIE BÄCKERmüsst' alle Welt verscheiden.

DIE BÄCKERBeck! Beck! Beck!

DIE BÄCKERTäglich auf dem Fleck!

DIE BÄCKERNimm uns den Hunger weg!

welche ihre Fahne aufgesteckt, begegnen beim Herabschreiten von der Sängerbühne den Bäckern

DIE SCHUSTERStreck! Streck! Streck!

DIE SCHUSTERLeder taugt nur am rechten Fleck.

nachdem die Fahne aufgesteckt, herabschreitend

DIE SCHNEIDERMeck! Meck! Meck!

DIE SCHNEIDERWer meint, dass ein Schneider im Bocke steck'!

Ein bunter Kahn mit jungen Mädchen in reicher bäuerischer Tracht kommt an

laufen nach dem Gestade

LEHRBUBENHerrje! Herrje! Mädel von Fürth!

LEHRBUBENStadtpfeifer, spielt, dass's lustig wird!

Sie heben die Mädchen aus dem Kahn. Das Charakteristische des Tanzes, mit welchem die Lehrbuben und Mädchen zunächst nach dem Vordergrund kommen, besteht darin, dass die Lehrbuben die Mädchen scheinbar nur an den Platz bringen wollen; sowie die Gesellen zugreifen wollen, ziehen die Buben die Mädchen aber immer wieder zurück, als ob sie sie anderswo unterbringen wollten, wobei sie den ganzen Kreis, wie wählend, ausmessen und somit die scheinbare Absicht anmutig und lustig verzögern

kommt vom Landungsplatz vor und sieht missbilligend dem Tanze zu

DAVIDIhr tanzt? Was werden die Meister sagen?

Die Lehrbuben drehen ihm Nasen

DAVIDHört nicht? - Lass ich mir's auch behagen!

Er nimmt sich ein junges, schönes Mädchen und gerät im Tanze mit ihr schnell in grosses Feuer. Die Zuschauer freuen sich und lachen

winken David

DIE LEHRBUBENDavid! David! Die Lene sieht zu!

lässt das Mädchen erschrocken fahren, um das die Lehrbuben sogleich tanzend einen Kreis schliessen. Da er Lene nirgends gewahrt, merkt David, dass er nur geneckt worden, durchbricht den Kreis, erfasst sein Mädchen wieder und tanzt noch feuriger weiter

DAVIDAch, lasst mich mit euren Possen in Ruh'!

Die Buben suchen ihm das Mädchen zu entreissen, er wendet sich mit ihr jedesmal glücklich ab, so dass nun ein ähnliches Spiel entsteht wie zuvor, als die Gesellen nach den Mädchen fassten

vom Ufer her

GESELLENDie Meistersinger!

LEHRBUBENDie Meistersinger!

Sie unterbrechen schnell den Tanz und eilen zum Ufer

DAVIDHerrgott! Ade, ihr hübschen Dinger!

Er gibt dem Mädchen einen feurigen Kuss und reisst sich los

Die Lehrbuben reihen sich zum Empfang der Meistersinger. Das Volk macht ihnen willig Platz. Die Meistersinger ordnen sich am Landungsplatze zum festlichen Aufzuge. Wenn Kothner im Vordergrunde ankommt, wird die geschwungene Fahne, auf welcher König David mit der Harfe abgebildet ist, von allem Volk mit Hutschwenken begrüsst. Der Zug der Meistersinger ist nun auf der Singerbühne angelangt, wo Kothner die Fahne aufpflanzt. Pogner, Eva an der Hand führend, diese von festlich geschmückten, reich gekleideten jungen Mädchen, unter denen auch Magdalene, begleitet, voran. Als Eva, von den Mädchen umgeben, den mit Blumen geschmückten Ehrenplatz eingenommen und alle übrigen, die Meister auf den Bänken, die Gesellen hinter ihnen stehend, ebenfalls Platz genommen, treten die Lehrbuben, dem Volke zugewendet, feierlich vor die Bühne in Reih und Glied

LEHRBUBENSilentium! Silentium!

Sachs erhebt sich und tritt vor. Bei seinem Anblick stösst sich alles an; Hüte und Mützen werden abgezogen. Alle deuten auf ihn

LEHRBUBENMacht kein Reden und kein Gesumm'.

EINIGE IM VOLKHa! Sachs! ‘s ist Sachs!

EINIGE IM VOLKSeht Meister Sachs!

MEHREREStimmt an! Stimmt an!

Alle Sitzenden erheben sich; die Männer bleiben mit entblösstem Haupte. Beckmesser bleibt, mit dem Memorieren des Gedichtes beschäftigt, hinter den anderen Meistern versteckt, so dass er bei dieser Gelegenheit der Beachtung des Publikums entzogen wird

ausser Sachs

ALLEWach' auf, es nahet gen den Tag,

ALLEich hör' singen im grünen Hag

ALLEein' wonnigliche Nachtigal,

ALLEihr' Stimm' durchdringet Berg und Tal;

ALLEdie Nacht neigt sich zum Okzident,

ALLEder Tag geht auf von Orient,

ALLEdie rotbrünstige Morgenröt'

ALLEher durch die trüben Wolken geht.«

nimmt wieder eine jubelnd bewegte Haltung an und singt nun allein. Die Meister auf der Bühne sowie die anderen Teilnehmer am Gesange geben sich dem Schauspiele des Volksjubels hin

DAS VOLKHeil Sachs! Heil dir, Sachs!

DAS VOLKHeil Nürnbergs teurem Sachs! Heil! Heil!

Sachs, der unbeweglich, wie geistesabwesend, über die Menge hinweg geblickt hatte, richtet endlich seine Blicke vertrauter auf sie und beginnt mit ergriffener, schnell sich festigender Stimme

SACHSEuch macht Ihr's leicht, mir macht Ihr's schwer,

SACHSgebt Ihr mir Armen zuviel Ehr'.

SACHSSoll vor der Ehr' ich besteh'n,

SACHSsei's, mich von Euch geliebt zu seh'n!

SACHSSchon grosse Ehr' ward mir erkannt,

SACHSward heut' ich zum Spruchsprecher ernannt.

SACHSUnd was mein Spruch Euch künden soll,

SACHSglaubt, das ist hoher Ehren voll!

SACHSWenn Ihr die Kunst so hoch schon ehrt,

SACHSda galt es zu beweisen,

SACHSdass, wer ihr selbst gar angehört,

SACHSsie schätzt ob allen Preisen.

SACHSEin Meister, reich und hochgemut,

SACHSder will heut' Euch das zeigen:

SACHSsein Töchterlein, sein höchstes Gut,

SACHSmit allem Hab und Eigen,

SACHSdem Singer, der im Kunstgesang

SACHSvor allem Volk den Preis errang,

SACHSals höchsten Preises Kron'

SACHSer bietet das zum Lohn.

SACHSDarum so hört und stimmt mir bei:

SACHSdie Werbung steh' dem Dichter frei.

SACHSIhr Meister, die Ihr's Euch getraut,

SACHSEuch ruf' ich's vor dem Volke laut:

SACHSerwägt der Werbung seltnen Preis,

SACHSund wem sie soll gelingen,

SACHSdass der sich rein und edel weiss

SACHSim Werben wie im Singen,

SACHSwill er das Reis erringen,

SACHSdas nie bei Neuen noch bei Alten

SACHSward je so herrlich hoch gehalten

SACHSals von der lieblich Reinen,

SACHSdie niemals soll beweinen,

SACHSdass Nürenberg mit höchstem Wert

SACHSdie Kunst und ihre Meister ehrt.

Grosse Bewegung unter allen. Sachs geht auf Pogner zu, der ihm gerührt die Hand drückt

POGNERO Sachs! Mein Freund! Wie dankenswert!

POGNERWie wisst Ihr, was mein Herz beschwert!

zu Pogner

SACHS‘s war viel gewagt! Jetzt habt nur Mut!

Er wendet sich zu Beckmesser, der fortwährend eifrig das Blatt mit dem Gedicht herausgezogen, memoriert, genau zu lesen versucht und oft verzweiflungsvoll sich den Schweiss getrocknet hat

SACHSHerr Merker! Sagt, wie steht es? Gut?

BECKMESSERO dieses Lied! Werd' nicht draus klug

BECKMESSERund hab' doch dran studiert genug!

SACHSMein Freund, ‘s ist Euch nicht aufgezwungen.

BECKMESSERWas hilft's? - Mit dem meinen ist doch versungen!

BECKMESSER‘s war Eure Schuld! Jetzt seid hübsch für mich!

BECKMESSER‘s wär' schändlich, liesst Ihr mich im Stich!

SACHSIch dächt', Ihr gäbt's auf.

BECKMESSERWarum nicht gar?

BECKMESSERDie and'ren sing' ich alle zu Paar', wenn Ihr nur nicht singt!

SACHSSo seht, wie's geht!

BECKMESSERDas Lied! - bin's sicher - zwar niemand versteht;

BECKMESSERdoch bau' ich auf Eure Popularität.

SACHSNun denn, wenn's Meistern und Volk beliebt,

SACHSzum Wettgesang man den Anfang gibt.

tritt vor

KOTHNERIhr ledig' Meister, macht Euch bereit!

KOTHNERDer Ältest' sich zuerst anlässt:

KOTHNERHerr Beckmesser, Ihr fangt an, ‘s ist Zeit!

Die Lehrbuben führen Beckmesser zu einem kleinen Rasenhügel vor der Singerbühne, welchen sie zuvor festgerammt und reich mit Blumen überdeckt haben

strauchelt darauf, tritt unsicher und schwankt

BECKMESSERZum Teufel! Wie wackelig! Macht das hübsch fest!

Die Buben lachen unter sich und stopfen lustig am Rasen

stösst sich gegenseitig lustig an

DAS VOLKWie, der? Der wirbt? Scheint mir nicht der Rechte!

DAS VOLKAn der Tochter Stell' ich den nicht möchte.

DAS VOLKSeid still! ‘s ist gar ein tücht'ger Meister!

DAS VOLKStill! Macht keinen Witz;

DAS VOLKder hat im Rate Stimm' und Sitz.

DAS VOLKAch, der kann ja nicht mal steh'n.

DAS VOLKWie soll es mit dem geh'n?

DAS VOLKEr fällt fast um! Gott, ist der dumm!

DAS VOLKStadtschreiber ist er:

DAS VOLKBeckmesser heisst er.

DAS VOLKGott, ist der dumm!

DAS VOLKStill! Macht keinen Witz!

DAS VOLKEr fällt fast um!

DAS VOLKDer hat im Rate Stimm und Sitz!

Viele lachen

in Aufstellung

LEHRBUBENSilentium! Silentium!

LEHRBUBENMacht kein Reden und kein Gesumm!

KOTHNERFanget an!

der sich endlich mit Mühe auf dem Rasenhügel festgestellt hat, macht eine erste Verbeugung gegen die Meister, eine zweite gegen das Volk, dann gegen Eva, auf welche er, da sie sich abwendet, nochmals verlegen hinblinzelt. Grosse Beklommenheit erfasst ihn; er sucht sich durch das Vorspiel auf der Laute zu ermutigen

BECKMESSER»Morgen ich leuchte in rosigem Schein,

BECKMESSERvon Blut und Duft geht schnell die Luft; -

BECKMESSERwohl bald gewonnen wie zerronnen -

BECKMESSERim Garten lud ich ein - garstig und fein.«

Er versucht, besser auf den Füssen zu stehen. Die Meistersinger leise unter sich

DIE MEISTERMein! Was ist das?

DIE MEISTERIst er von Sinnen?

DIE MEISTERWas ist das?

DIE MEISTERIst er von Sinnen?

DIE MEISTERHöchst merkwürd'ger Fall! Was kommt ihm bei?

DIE MEISTERWoher mocht' er solche Gedanken gewinnen?

leise unter sich

DAS VOLKSonderbar! Hört ihr's? Wen lud er ein?

DAS VOLKVerstand man recht? Wie kann das sein?

zieht das Blatt verstohlen hervor und lugt eifrig hinein; dann steckt er es ängstlich wieder ein

BECKMESSERWohn' ich erträglich im selbigen Raum,

BECKMESSERhol' Gold und Frucht - Bleisaft und Wucht.

Er lugt in das Blatt

BECKMESSERMich holt am Pranger - der Verlanger -

BECKMESSERauf luft'ger Steige kaum - häng' ich am Baum.«

Er wackelt wieder sehr; sucht im Blatt zu lesen, vermag es nicht,' ihm schwindelt, Angstschweiss bricht aus

DAS VOLKSchöner Werber! Der find't wohl seinen Lohn:

DAS VOLKbald hängt er am Galgen; man sieht ihn schon.

DIE MEISTERWas soll das heissen?

DIE MEISTERIst er nur toll?

DIE MEISTERSein Lied ist ganz von Unsinn voll!

rafft sich verzweiflungsvoll und ingrimmig auf

BECKMESSER»Heimlich mir graut,

BECKMESSERweil hier es munter will hergeh'n:

BECKMESSERan meiner Leiter stand ein Weib,

BECKMESSERsie schämt' und wollt' mich nicht beseh'n.

BECKMESSERBleich wie ein Kraut

BECKMESSERumfasset mir Hanf meinen Leib; -

BECKMESSERmit Augen zwinkend - der Hund blies winkend -

BECKMESSERwas ich vor langem verzehrt -

BECKMESSERwie Frucht, so Holz und Pferd -

BECKMESSERvom Leberbaum.«

Alles bricht in ein dröhnendes Gelächter aus

verlässt wütend den Hügel und stürzt auf Sachs zu

BECKMESSERVerdammter Schuster, das dank' ich dir!

BECKMESSERDas Lied, es ist gar nicht von mir.

BECKMESSERVon Sachs, der hier so hoch verehrt,

BECKMESSERvon Eurem Sachs ward mir's beschert!

BECKMESSERMich hat der Schändliche bedrängt,

BECKMESSERsein schlechtes Lied mir aufgehängt.

Er stürzt wütend fort und verliert sich unter dem Volke

DAS VOLKMein! Was soll das sein? Jetzt wird's immer bunter!

DAS VOLKVon Sachs das Lied? Das nähm' uns doch wunder!

KOTHNERErklärt doch, Sachs!

NACHTIGALLWelch ein Skandal!

VOGELGESANGVon Euch das Lied?

VOGELGESANGORTEL und FOLTZ

VOGELGESANGWelch eig'ner Fall!

hat ruhig das Blatt, welches ihm Beckmesser hingeworfen, aufgenommen

SACHSDas Lied fürwahr ist nicht von mir.

SACHSHerr Beckmesser irrt wie dort so hier!

SACHSWie er dazu kam, mag selbst er sagen;

SACHSdoch möcht' ich nie mich zu rühmen wagen,

SACHSein Lied, so schön wie dies erdacht,

SACHSsei von mir, Hans Sachs, gemacht.

MEISTERSINGERWie? Schön? Dieser Unsinnswust!

DAS VOLKHört, Sachs macht Spass! Er sagt es nur zur Lust.

SACHSIch sag' Euch Herrn, das Lied ist schön:

SACHSnur ist's auf den ersten Blick zu ersehn,

SACHSdass Freund Beckmesser es entstellt.

SACHSDoch schwör' ich, dass es Euch gefällt,

SACHSwenn richtig Wort' und Weise

SACHShier einer säng' im Kreise.

SACHSUnd wer dies verstünd', zugleich bewies',

SACHSdass er des Liedes Dichter

SACHSund gar mit Rechte Meister hiess',

SACHSfänd' er gerechte Richter.

SACHSIch bin verklagt und muss besteh'n:

SACHSdrum lasst mich meinen Zeugen auserseh'n!

SACHSIst jemand hier, der Recht mir weiss,

SACHSder tret' als Zeug' in diesen Kreis!

Walther tritt aus dem Volke hervor und begrüsst Sachs, sodann Meister und Volk mit ritterlicher Freundlichkeit. Es entsteht sogleich eine angenehme Bewegung. Alles weilt einen Augenblick schweigend in seiner Betrachtung

SACHSSo zeuget, das Lied sei nicht von mir,

SACHSund zeuget auch, dass, was ich hier

SACHSvom Lied hab' gesagt, zuviel nicht sei gewagt.

DIE MEISTERWie fein ist Sachs! Ei Sachs, Ihr seid gar fein!

DIE MEISTERDoch mag es heut' geschehen sein!

SACHSDer Regel Güte daraus man erwägt,

SACHSdass sie auch mal ‘ne Ausnahm' verträgt.

DAS VOLKEin guter Zeuge, stolz und kühn!

DAS VOLKMich dünkt, dem kann wohl was Gut's erblühn.

SACHSMeister und Volk sind gewillt

SACHSzu vernehmen, was mein Zeuge gilt.

SACHSHerr Walther von Stolzing, singt das Lied!

SACHSIhr Meister lest, ob's ihm geriet.

Er übergibt Kothner das Blatt zum Nachlesen

in Aufstellung

LEHRBUBENAlles gespannt! ‘s gibt kein Gesumm.

LEHRBUBENDa rufen wir auch nicht Silentium!

beschreitet festen Schrittes den kleinen Blumenhügel

WALTHER»Morgenlich leuchtend in rosigem Schein,

WALTHERvon Blüt' und Duft geschwellt die Luft,

WALTHERvoll aller Wonnen, nie ersonnen,

WALTHERein Garten lud mich ein -

Kothner lässt das Blatt, in welchem er mit den anderen Meistern eifrig nachzulesen begonnen, vor Ergriffenheit unwillkürlich fallen; er und die übrigen hören nur noch teilnahmsvoll zu

WALTHERWie entrückt.

WALTHERdort unter einem Wunderbaum,

WALTHERvon Früchten reich behangen,

WALTHERzu schaun in sel'gem Liebestraum,

WALTHERwas höchstem Lustverlangen

WALTHERErfüllung kühn verhiess -

WALTHERdas schönste Weib, Eva im Paradies.«

leise flüsternd

DAS VOLKDas ist was andres! Wer hätt's gedacht?

DAS VOLKWas doch recht Wort und Vortrag macht!

ohne Foltz und Schwarz, leise flüsternd

MEISTERSINGERJawohl! Ich merk'! ‘s ist ein ander Ding,

SACHSZeuge am Ort, fahret fort!

WALTHER»Abendlich dämmernd umschloss mich die Nacht;

WALTHERauf steilem Pfad war ich genaht

WALTHERzu einer Quelle reiner Welle,

WALTHERdie lockend mir gelacht:

WALTHERdort unter einem Lorbeerbaum,

WALTHERvon Sternen hell durchschienen,

WALTHERich schaut' im wachen Dichtertraum

WALTHERvon heilig holden Mienen,

WALTHERmich netzend mit dem edlen Nass,

WALTHERdas hehrste Weib,

WALTHERdie Muse des Parnass.«

immer leiser, für sich

DAS VOLKWie so hold und traut, wie fern es schwebt,

DAS VOLKdoch ist es grad', als ob man selber alles miterlebt!

MEISTERSINGER‘s ist kühn und seltsam, das ist wahr;

MEISTERSINGERdoch wohlgereimt und singebar.

SACHSZeuge wohl erkiest, fahret fort und schliesst!

sehr feurig

WALTHER»Huldreichster Tag,

WALTHERdem ich aus Dichters Traum erwacht!

WALTHERDas ich erträumt, das Paradies,

WALTHERin himmlisch neu verklärter Pracht

WALTHERhell vor mir lag,

WALTHERdahin lachend nun der Quell den Pfad mir wies:

WALTHERdie dort geboren, mein Herz erkoren,

WALTHERder Erde lieblichstes Bild,

WALTHERals Muse mir geweiht,

WALTHERso heilig ernst als mild,

WALTHERward kühn von mir gefreit,

WALTHERam lichten Tag der Sonnen

WALTHERdurch Sanges Sieg gewonnen

WALTHERParnass und Paradies!«

DAS VOLKGewiegt wie in den schönsten Traum,

DAS VOLKhör' ich es wohl, doch fass es kaum.

zu Eva

DAS VOLKReich ihm das Reis! Sein sei der Preis!

DAS VOLKKeiner wie er zu werben weiss!

sich erhebend

DIE MEISTERJa, holder Sänger!

DIE MEISTERNimm das Reis!

DIE MEISTERDein Sang erwarb dir Meisterpreis!

DIE MEISTERKeiner so wie nur er zu werben weiss!

mit grosser Ergriffenheit zu Sachs sich wendend

POGNERO Sachs! Dir dank' ich Glück und Ehr'!

POGNERVorüber nun all Herzbeschwer!

Walther ist auf die Stufen der Singerbühne geleitet worden und lässt sich vor Eva auf ein Knie nieder

zu Walther, indem sie ihn mit einem Kranz aus Lorbeer und Myrten bekränzt, sich hinabneigend

EVAKeiner wie du so hold zu werben weiss!

zum Volk gewandt, auf Walther und Eva deutend

SACHSDen Zeugen, denk es, wählt' ich gut:

SACHStragt Ihr Hans Sachs drum üblen Mut?

bricht schnell und heftig in jubelnde Bewegung aus

DAS VOLKHans Sachs! Nein! Das war schön erdacht!

DAS VOLKDas habt Ihr einmal wieder gut gemacht!

sich feierlich zu Pogner wendend

MEISTERSINGERAuf, Meister Pogner! Euch zum Ruhm

MEISTERSINGERmeldet dem Junker sein Meistertum.

mit einer goldnen Kette, daran drei grosse Denkmünzen, zu Walther

POGNERGeschmückt mit König Davids Bild,

POGNERnehm' ich Euch auf in der Meister Gild'.

mit schmerzlicher Heftigkeit abweisend

WALTHERNicht Meister! Nein!

Er blickt zärtlich auf Eva

WALTHERWill ohne Meister selig sein!

Alles blickt in grosser Betroffenheit auf Sachs

schreitet auf Walther zu und fasst ihn bedeutungsvoll bei der Hand

SACHSVerachtet mir die Meister nicht

SACHSund ehrt mir ihre Kunst!

SACHSWas ihnen hoch zum Lobe spricht,

SACHSfiel reichlich Euch zur Gunst!

SACHSNicht Euren Ahnen, noch so wert,

SACHSnicht Eurem Wappen, Speer noch Schwert,

SACHSdass Ihr ein Dichter seid,

SACHSein Meister Euch gefreit,

SACHSdem dankt Ihr heut' Eu'r höchstes Glück.

SACHSDrum, denkt mit Dank Ihr d'ran zurück,

SACHSwie kann die Kunst wohl unwert sein,

SACHSdie solche Preise schliesset ein?

SACHSDass uns're Meister sie gepflegt,

SACHSgrad' recht nach ihrer Art,

SACHSnach ihrem Sinne treu gehegt,

SACHSdas hat sie echt bewahrt.

SACHSBlieb sie nicht adlig wie zur Zeit,

SACHSwo Höf' und Fürsten sie geweiht,

SACHSim Drang der schlimmen Jahr'

SACHSblieb sie doch deutsch und wahr;

SACHSund wär' sie anders nicht geglückt,

SACHSals wie, wo alles drängt und drückt,

SACHSIhr seht, wie hoch sie blieb in Ehr'!

SACHSWas wollt Ihr von den Meistern mehr?

SACHSHabt acht! Uns dräuen üble Streich'!

SACHSZerfällt erst deutsches Volk und Reich,

SACHSin falscher welscher Majestät

SACHSkein Fürst bald mehr sein Volk versteht;

SACHSund welschen Dunst mit welschem Tand

SACHSsie pflanzen uns in deutsches Land.

SACHSWas deutsch und echt, wüsst' keiner mehr,

SACHSlebt's nicht in deutscher Meister Ehr'.

SACHSDrum sag' ich Euch:

SACHSehrt Eure deutschen Meister,

SACHSdann bannt Ihr gute Geister!

SACHSUnd gebt Ihr ihrem Wirken Gunst,

SACHSzerging' in Dunst

SACHSdas Heil'ge Röm'sche Reich,

SACHSuns bliebe gleich

SACHSdie heil'ge deutsche Kunst!

Während des Schlussgesangs nimmt Eva den Kranz von Walthers Stirn und drückt ihn Sachs auf; dieser nimmt die Kette aus Pogners Hand und hängt sie Walther um. Nachdem Sachs das Paar umarmt, bleiben Walther und Eva zu beiden Seiten an Sachs' Schultern gestützt; Pogner lässt sich, wie huldigend, auf ein Knie vor Sachs nieder. Die Meistersinger deuten auf Sachs als auf ihr Haupt

ALLEEhrt Eure deutschen Meister,

ALLEdann bannt Ihr gute Geister!

ALLEUnd gebt Ihr ihrem Wirken Gunst,

ALLEzerging' in Dunst

ALLEdas Heil'ge Röm'sche Reich,

ALLEuns bliebe gleich

ALLEdie heil'ge deutsche Kunst!

Das Volk schwenkt begeistert Hüte und Tücher; die Lehrbuben tanzen und schlagen jauchzend in die Hände

DAS VOLKHeil Sachs! Nürnbergs teurem Sachs!