Siegfried

Wagner, Richard

SIEGFRIED (Tenor)

MIME (Tenor)

DER WANDERER (Bariton)

ALBERICH (Bariton)

FAFNER (Bass)

ERDA (Alt)

BRÜNNHILDE (Sopran)

Die STIMME DES WALDVOGELS (Sopran)

SYSTEMERSTER AUFZUG

Wald. Den Vordergrund bildet ein Teil einer Felsenhöhle, die sich links tiefer nach innen zieht, nach rechts aber gegen drei Vierteile der Bühne einnimmt. Zwei natürlich gebildete Eingänge stehen dem Walde zu offen: der eine nach rechts, unmittelbar im Hintergrunde, der andere, breitere, ebenda seitwärts. An der Hinterwand, nach links zu, steht ein grosser Schmiedeherd, aus Felsstücken natürlich geformt; künstlich ist nur der grosse Blasebalg: die rohe Esse geht - ebenfalls natürlich - durch das Felsendach hinauf. Ein sehr grosser Amboss und andre Schmiedegerätschaften

SYSTEMVORSPIEL UND ERSTE SZENE

Mime, Siegfried

sitzt, als der Vorhang nach einem kurzen Orchestervorspiel aufgeht, am Ambosse und hämmert mit wachsender Unruhe an einem Schwerte: endlich hält er unmutig ein

MIMEZwangvolle Plage! Müh' ohne Zweck!

MIMEDas beste Schwert, das je ich geschweisst,

MIMEin der Riesen Fäusten hielte es fest;

MIMEdoch dem ich's geschmiedet,

MIMEder schmähliche Knabe,

MIMEer knickt und schmeisst es entzwei,

MIMEals schüf' ich Kindergeschmeid!

Mime wirft das Schwert unmutig auf den Amboss, stemmt die Arme ein und blickt sinnend zu Boden

MIMEEs gibt ein Schwert,

MIMEdas er nicht zerschwänge:

MIMENotungs Trümmer zertrotzt' er mir nicht,

MIMEkönnt' ich die starken Stücke schweissen,

MIMEdie meine Kunst nicht zu kitten weiss!

MIMEKönnt' ich's dem Kühnen schmieden,

MIMEmeiner Schmach erlangt' ich da Lohn!

Er sinkt tiefer zurück und neigt sinnend das Haupt

MIMEFafner, der wilde Wurm,

MIMElagert im finstren Wald;

MIMEmit des furchtbaren Leibes Wucht

MIMEder Niblungen Hort hütet er dort.

MIMESiegfrieds kindischer Kraft

MIMEerläge wohl Fafners Leib:

MIMEdes Niblungen Ring erränge er mir.

MIMENur ein Schwert taugt zu der Tat;

MIMEnur Notung nützt meinem Neid,

MIMEwenn Siegfried sehrend ihn schwingt:

MIMEund ich kann's nicht schweissen,

MIMENotung, das Schwert!

Er hat das Schwert wieder zurechtgelegt und hämmert in höchstem Unmut daran weiter

MIMEZwangvolle Plage! Müh' ohne Zweck!

MIMEDas beste Schwert, das je ich geschweisst,

MIMEnie taugt es je zu der einzigen Tat!

MIMEIch tappre und hämmre nur,

MIMEweil der Knabe es heischt:

MIMEer knickt und schmeisst es entzwei,

MIMEund schmäht doch, schmied' ich ihm nicht!

Er lässt den Hammer fallen

Siegfried, in wilder Waldkleidung, mit einem silbernen Horn an einer Kette, kommt mit jähem Ungestüm aus dem Walde herein; er hat einen grossen Bären mit einen Bastseile gezäumt und treibt diesen mit lustigem Übermute gegen Mime an

SIEGFRIEDHoiho! Hoiho! Hau' ein! Hau' ein!

SIEGFRIEDFriss ihn! Friss ihn! Den Fratzenschmied!

Er lacht unbändig

Mimen entsinkt vor Schreck das Schwert; er flüchtet hinter den Herd; Siegfried treibt ihm den Bären überall nach

MIMEFort mit dem Tier!

MIMEWas taugt mir der Bär?

SIEGFRIEDZu zwei komm ich,

SIEGFRIEDdich besser zu zwicken:

SIEGFRIEDBrauner, frag' nach dem Schwert!

MIMEHe! Lass das Wild!

MIMEDort liegt die Waffe:

MIMEfertig fegt' ich sie heut'.

SIEGFRIEDSo fährst du heute noch heil!

Er löst dem Bären den Zaum und gibt ihm damit einen Schlag auf den Rücken

SIEGFRIEDLauf', Brauner!

SIEGFRIEDDich brauch' ich nicht mehr!

Der Bär läuft in den Wald zurück

kommt zitternd hinter dem Herde hervor

MIMEWohl leid' ich's gern, erlegst du Bären:

MIMEwas bringst du lebend die braunen heim?

setzt sich, um sich vom Lachen zu erholen

SIEGFRIEDNach bessrem Gesellen sucht' ich,

SIEGFRIEDals daheim mir einer sitzt;

SIEGFRIEDim tiefen Walde mein Horn

SIEGFRIEDliess ich hallend da ertönen:

SIEGFRIEDob sich froh mir gesellte ein guter Freund,

SIEGFRIEDdas frug ich mit dem Getön'!

SIEGFRIEDAus dem Busche kam ein Bär,

SIEGFRIEDder hörte mir brummend zu;

SIEGFRIEDer gefiel mir besser als du,

SIEGFRIEDdoch bessre fänd' ich wohl noch!

SIEGFRIEDMit dem zähen Baste zäumt' ich ihn da,

SIEGFRIEDdich, Schelm, nach dem Schwerte zu fragen.

Er springt auf und geht auf den Amboss zu

nimmt das Schwert auf, um es Siegfried zu reichen

MIMEIch schuf die Waffe scharf,

MIMEihrer Schneide wirst du dich freun.

Er hält das Schwert ängstlich in der Hand fest, das Siegfried ihm heftig entwindet

SIEGFRIEDWas frommt seine helle Schneide,

SIEGFRIEDist der Stahl nicht hart und fest!

SIEGFRIEDdas Schwert mit der Hand prüfend

SIEGFRIEDHei! Was ist das für müss'ger Tand!

SIEGFRIEDDen schwachen Stift nennst du ein Schwert?

Er zerschlägt es auf dem Amboss, dass die Stücken ringsum fliegen; Mime weicht erschrocken aus

SIEGFRIEDDa hast du die Stücken, schändlicher Stümper:

SIEGFRIEDhätt' ich am Schädel dir sie zerschlagen!

SIEGFRIEDSoll mich der Prahler länger noch prellen?

SIEGFRIEDSchwatzt mir von Riesen und rüstigen Kämpfen,

SIEGFRIEDvon kühnen Taten und tüchtiger Wehr;

SIEGFRIEDwill Waffen mir schmieden, Schwerte schaffen;

SIEGFRIEDrühmt seine Kunst,

SIEGFRIEDals könnt' er was Rechts:

SIEGFRIEDnehm' ich zur Hand nun,

SIEGFRIEDwas er gehämmert,

SIEGFRIEDmit einem Griff zergreif' ich den Quark!

SIEGFRIEDWär' mir nicht schier zu schäbig der Wicht,

SIEGFRIEDich zerschmiedet' ihn selbst mit seinem Geschmeid,

SIEGFRIEDden alten albernen Alp!

SIEGFRIEDDes Ärgers dann hätt' ich ein End'!

Siegfried wirft sich wütend auf eine Steinbank zur Seite rechts. Mime ist ihm immer vorsichtig ausgewichen

MIMENun tobst du wieder wie toll:

MIMEdein Undank, traun, ist arg!

MIMEMach' ich dem bösen Buben

MIMEnicht alles gleich zu best,

MIMEwas ich ihm Gutes schuf,

MIMEvergisst er gar zu schnell!

MIMEWillst du denn nie gedenken,

MIMEwas ich dich lehrt' vom Danke?

MIMEDem sollst du willig gehorchen,

MIMEder je sich wohl dir erwies.

Siegfried wendet sich unmutig um, mit dem Gesicht nach der Wand, so dass er Mime den Rücken kehrt

MIMEDas willst du wieder nicht hören!

Er steht verlegen; dann geht er in die Küche am Herd

MIMEDoch speisen magst du wohl?

MIMEVom Spiesse bring' ich den Braten:

MIMEversuchtest du gern den Sud?

MIMEFür dich sott ich ihn gar.

Er bietet Siegfried Speise hin; dieser, ohne sich umzuwenden, schmeisst ihm Topf und Braten aus der Hand

SIEGFRIEDBraten briet ich mir selbst:

SIEGFRIEDdeinen Sudel sauf' allein!

stellt sich empfindlich. Mit kläglich kreischender Stimme

MIMEDas ist nun der Liebe schlimmer Lohn!

MIMEDas der Sorgen schmählicher Sold!

MIMEAls zullendes Kind zog ich dich auf,

MIMEwärmte mit Kleiden den kleinen Wurm:

MIMESpeise und Trank trug ich dir zu,

MIMEhütete dich wie die eigne Haut.

MIMEUnd wie du erwuchsest, wartet' ich dein;

MIMEdein Lager schuf ich, dass leicht du schliefst.

MIMEDir schmiedet' ich Tand und ein tönend Horn;

MIMEdich zu erfreun, müht' ich mich froh:

MIMEmit klugem Rate riet ich dir klug,

MIMEmit lichtem Wissen lehrt' ich dich Witz.

MIMESitz' ich daheim in Fleiss und Schweiss,

MIMEnach Herzenslust schweifst du umher:

MIMEfür dich nur in Plage, in Pein nur für dich

MIMEverzehr' ich mich alter, armer Zwerg!

schluchzend

MIMEUnd aller Lasten ist das nun mein Lohn,

MIMEdass der hastige Knabe mich quält und hasst!

schluchzend

Siegfried hat sich wieder umgewendet und ruhig in Mimes Blick geforscht. Mime begegnet Siegfrieds Blick und sucht den seinigen scheu zu bergen

SIEGFRIEDVieles lehrtest du, Mime,

SIEGFRIEDund manches lernt' ich von dir;

SIEGFRIEDdoch was du am liebsten mich lehrtest,

SIEGFRIEDzu lernen gelang mir nie:

SIEGFRIEDwie ich dich leiden könnt'.

SIEGFRIEDTrägst du mir Trank und Speise herbei,

SIEGFRIEDder Ekel speist mich allein;

SIEGFRIEDschaffst du ein leichtes Lager zum Schlaf,

SIEGFRIEDder Schlummer wird mir da schwer;

SIEGFRIEDwillst du mich weisen, witzig zu sein,

SIEGFRIEDgern bleib' ich taub und dumm.

SIEGFRIEDSeh' ich dir erst mit den Augen zu,

SIEGFRIEDzu übel erkenn' ich, was alles du tust:

SIEGFRIEDseh' ich dich stehn, gangeln und gehn,

SIEGFRIEDknicken und nicken, mit den Augen zwicken:

SIEGFRIEDbeim Genick möcht' ich den Nicker packen,

SIEGFRIEDden Garaus geben dem garst'gen Zwicker!

SIEGFRIEDSo lernt' ich, Mime, dich leiden.

SIEGFRIEDBist du nun weise, so hilf mir wissen,

SIEGFRIEDworüber umsonst ich sann:

SIEGFRIEDin den Wald lauf' ich, dich zu verlassen,

SIEGFRIEDwie kommt das, kehr ich zurück?

SIEGFRIEDAlle Tiere sind mir teurer als du:

SIEGFRIEDBaum und Vogel, die Fische im Bach,

SIEGFRIEDlieber mag ich sie leiden als dich:

SIEGFRIEDwie kommt das nun, kehr' ich zurück?

SIEGFRIEDBist du klug, so tu mir's kund.

setzt sich in einiger Entfernung ihm traulich gegenüber

MIMEMein Kind, das lehrt dich kennen,

MIMEwie lieb ich am Herzen dir lieg'.

lachend

SIEGFRIEDIch kann dich ja nicht leiden,

SIEGFRIEDvergiss das nicht so leicht!

fährt zurück und setzt sich wieder abseits, Siegfried gegenüber

MIMEDes ist deine Wildheit schuld,

MIMEdie du, Böser, bänd'gen sollst.

MIMEJammernd verlangen Junge

MIMEnach ihrer Alten Nest;

MIMELiebe ist das Verlangen;

MIMEso lechzest du auch nach mir,

MIMEso liebst du auch deinen Mime,

MIMEso musst du ihn lieben!

MIMEWas dem Vögelein ist der Vogel,

MIMEwenn er im Nest es nährt

MIMEeh' das flügge mag fliegen:

MIMEdas ist dir kind'schem Spross

MIMEder kundig sorgende Mime,

MIMEdas muss er dir sein!

SIEGFRIEDEi, Mime, bist du so witzig,

SIEGFRIEDso lass mich eines noch wissen!

SIEGFRIEDEs sangen die Vöglein so selig im Lenz,

SIEGFRIEDdas eine lockte das andre:

SIEGFRIEDdu sagtest selbst,

SIEGFRIEDda ich's wissen wollt',

SIEGFRIEDdas wären Männchen und Weibchen.

SIEGFRIEDSie kosten so lieblich,

SIEGFRIEDund liessen sich nicht;

SIEGFRIEDsie bauten ein Nest

SIEGFRIEDund brüteten drin:

SIEGFRIEDda flatterte junges Geflügel auf,

SIEGFRIEDund beide pflegten der Brut.

SIEGFRIEDSo ruhten im Busch auch Rehe gepaart,

SIEGFRIEDselbst wilde Füchse und Wölfe:

SIEGFRIEDNahrung brachte zum Neste das Männchen,

SIEGFRIEDdas Weibchen säugte die Welpen.

SIEGFRIEDDa lernt' ich wohl, was Liebe sei:

SIEGFRIEDder Mutter entwandt' ich die Welpen nie.

SIEGFRIEDWo hast du nun, Mime,

SIEGFRIEDdein minniges Weibchen,

SIEGFRIEDdass ich es Mutter nenne?

ärgerlich

MIMEWas ist dir, Tor? Ach, bist du dumm!

MIMEBist doch weder Vogel noch Fuchs?

SIEGFRIEDDas zullende Kind zogest du auf,

SIEGFRIEDwärmtest mit Kleiden den kleinen Wurm:

SIEGFRIEDwie kam dir aber der kindische Wurm?

SIEGFRIEDDu machtest wohl gar ohne Mutter mich?

in grosser Verlegenheit

MIMEGlauben sollst du, was ich dir sage:

MIMEich bin dir Vater und Mutter zugleich.

SIEGFRIEDDas lügst du, garstiger Gauch!

SIEGFRIEDWie die Jungen den Alten gleichen,

SIEGFRIEDdas hab' ich mir glücklich ersehn.

SIEGFRIEDNun kam ich zum klaren Bach:

SIEGFRIEDda erspäht' ich die Bäum' und Tier' im Spiegel;

SIEGFRIEDSonn' und Wolken, wie sie nur sind,

SIEGFRIEDim Glitzer erschienen sie gleich.

SIEGFRIEDDa sah ich denn auch mein eigen Bild;

SIEGFRIEDganz anders als du dünkt' ich mir da:

SIEGFRIEDso glich wohl der Kröte ein glänzender Fisch;

SIEGFRIEDdoch kroch nie ein Fisch aus der Kröte!

höchst ärgerlich

MIMEGräulichen Unsinn kramst du da aus!

immer lebendiger

SIEGFRIEDSiehst du, nun fällt auch selbst mir ein,

SIEGFRIEDwas zuvor umsonst ich besann:

SIEGFRIEDwenn zum Wald ich laufe, dich zu verlassen,

SIEGFRIEDwie das kommt, kehr' ich doch heim?

er springt auf

SIEGFRIEDVon dir erst muss ich erfahren,

SIEGFRIEDwer Vater und Mutter mir sei!

weicht ihm aus

MIMEWas Vater! Was Mutter!

MIMEMüssige Frage!

packt ihn bei der Kehle

SIEGFRIEDSo muss ich dich fassen,

SIEGFRIEDum was zu wissen:

SIEGFRIEDgutwillig erfahr' ich doch nichts!

SIEGFRIEDSo musst' ich alles ab dir trotzen:

SIEGFRIEDkaum das Reden hätt' ich erraten,

SIEGFRIEDentwandt ich's mit Gewalt nicht dem Schuft!

SIEGFRIEDHeraus damit, räudiger Kerl!

SIEGFRIEDWer ist mir Vater und Mutter?

nachdem er mit dem Kopfe genickt und mit den Händen gewinkt, ist von Siegfried losgelassen worden

MIMEAns Leben gehst du mir schier!

MIMENun lass! Was zu wissen dich geizt,

MIMEerfahr' es, ganz wie ich's weiss.

MIMEO undankbares, arges Kind!

MIMEJetzt hör', wofür du mich hassest!

MIMENicht bin ich Vater noch Vetter dir,

MIMEund dennoch verdankst du mir dich!

MIMEGanz fremd bist du mir, dem einzigen Freund;

MIMEaus Erbarmen allein barg ich dich hier:

MIMEnun hab' ich lieblichen Lohn!

MIMEWas verhofft' ich Tor mir auch Dank?

MIMEEinst lag wimmernd ein Weib

MIMEda draussen im wilden Wald:

MIMEzur Höhle half ich ihr her,

MIMEam warmen Herd sie zu hüten.

MIMEEin Kind trug sie im Schosse;

MIMEtraurig gebar sie's hier;

MIMEsie wand sich hin und her,

MIMEich half, so gut ich konnt'.

MIMEGross war die Not! Sie starb,

MIMEdoch Siegfried, der genas.

sinnend

SIEGFRIEDSo starb meine Mutter an mir?

MIMEMeinem Schutz übergab sie dich:

MIMEich schenkt' ihn gern dem Kind.

MIMEWas hat sich Mime gemüht,

MIMEwas gab sich der Gute für Not!

MIME"Als zullendes Kind

MIMEzog ich dich auf...."

SIEGFRIEDMich dünkt, des gedachtest du schon!

SIEGFRIEDJetzt sag': woher heiss' ich Siegfried?

MIMESo hiess mich die Mutter,

MIMEmöcht' ich dich heissen:

MIMEals "Siegfried" würdest du stark und schön.

MIME"Ich wärmte mit Kleiden den kleinen Wurm...."

SIEGFRIEDNun melde, wie hiess meine Mutter?

MIMEDas weiss ich wahrlich kaum!

MIME"Speise und Trank trug ich dir zu...."

SIEGFRIEDDen Namen sollst du mir nennen!

MIMEEntfiel er mir wohl? Doch halt!

MIMESieglinde mochte sie heissen,

MIMEdie dich in Sorge mir gab.

MIME"Ich hütete dich wie die eigne Haut...."

immer dringender

SIEGFRIEDDann frag' ich, wie hiess mein Vater?

barsch

MIMEDen hab' ich nie gesehn.

SIEGFRIEDDoch die Mutter nannte den Namen?

MIMEErschlagen sei er, das sagte sie nur;

MIMEdich Vaterlosen befahl sie mir da.

MIME"Und wie du erwuchsest, wartet' ich dein;

MIMEdein Lager schuf ich, dass leicht du schliefst...."

SIEGFRIEDStill mit dem alten Starenlied!

SIEGFRIEDSoll ich der Kunde glauben,

SIEGFRIEDhast du mir nichts gelogen,

SIEGFRIEDso lass mich Zeichen sehn!

MIMEWas soll dir's noch bezeugen?

SIEGFRIEDDir glaub' ich nicht mit dem Ohr',

SIEGFRIEDdir glaub' ich nur mit dem Aug':

SIEGFRIEDwelch Zeichen zeugt für dich?

holt nach einigem Besinnen die zwei Stücke eines zerschlagenen Schwerts herbei

MIMEDas gab mir deine Mutter:

MIMEfür Mühe, Kost und Pflege

MIMEliess sie's als schwachen Lohn.

MIMESieh' her, ein zerbrochnes Schwert!

MIMEDein Vater, sagte sie, führt' es,

MIMEals im letzten Kampf er erlag.

begeistert

SIEGFRIEDUnd diese Stücke sollst du mir schmieden:

SIEGFRIEDdann schwing' ich ein rechtes Schwert!

SIEGFRIEDAuf! Eile dich, Mime!

SIEGFRIEDMühe dich rasch;

SIEGFRIEDkannst du was Rechts,

SIEGFRIEDnun zeig' deine Kunst!

SIEGFRIEDTäusche mich nicht mit schlechtem Tand:

SIEGFRIEDden Trümmern allein trau' ich was zu!

SIEGFRIEDFind' ich dich faul, fügst du sie schlecht,

SIEGFRIEDflickst du mit Flausen den festen Stahl,

SIEGFRIEDdir Feigem fahr' ich zu Leib',

SIEGFRIEDdas Fegen lernst du von mir!

SIEGFRIEDDenn heute noch, schwör' ich,

SIEGFRIEDwill ich das Schwert;

SIEGFRIEDdie Waffe gewinn' ich noch heut'!

erschrocken

MIMEWas willst du noch heut' mit dem Schwert?

SIEGFRIEDAus dem Wald fort in die Welt ziehn:

SIEGFRIEDnimmer kehr' ich zurück!

SIEGFRIEDWie ich froh bin, dass ich frei ward,

SIEGFRIEDnichts mich bindet und zwingt!

SIEGFRIEDMein Vater bist du nicht;

SIEGFRIEDin der Ferne bin ich heim;

SIEGFRIEDdein Herd ist nicht mein Haus,

SIEGFRIEDmeine Decke nicht dein Dach.

SIEGFRIEDWie der Fisch froh in der Flut schwimmt,

SIEGFRIEDwie der Fink frei sich davon schwingt:

SIEGFRIEDflieg' ich von hier, flute davon,

SIEGFRIEDwie der Wind übern Wald weh' ich dahin,

SIEGFRIEDdich, Mime, nie wieder zu sehn!

Er stürmt in den Wald fort

in höchster Angst

MIMEHalte! Halte! Wohin?

MIMEEr ruft mit der grössten Anstrengung in den Wald

MIMEHe! Siegfried! Siegfried! He!

Er sieht dem Fortstürmenden eine Weile staunend nach; dann kehrt er in die Schmiede zurück und setzt sich hinter den Amboss

MIMEDa stürmt er hin! Nun sitz' ich da:

MIMEzur alten Not hab' ich die neue;

MIMEvernagelt bin ich nun ganz! -

MIMEWie helf' ich mir jetzt?

MIMEWie halt' ich ihn fest?

MIMEWie führ' ich den Huien zu Fafners Nest?

MIMEWie füg' ich die Stücken des tückischen Stahls?

MIMEKeines Ofens Glut glüht mir die echten;

MIMEkeines Zwergen Hammer zwingt mir die harten.

grell

MIMEDes Niblungen Neid,

MIMENot und Schweiss nietet mir Notung nicht,

MIMEschweisst mir das Schwert nicht zu ganz!

Mime knickt verzweifelnd auf dem Schemel hinter dem Amboss zusammen

Wanderer, Mime. Der Wanderer

Wotan

tritt aus dem Wald an das hintere Tor der Höhle heran. Er trägt einen dunkelblauen, langen Mantel; einen Speer führt er als Stab. Auf dem Haupte hat er einen grossen Hut mit breiter runder Krämpe, die über das fehlende eine Auge tief hereinhängt

WANDERERHeil dir, weiser Schmied!

WANDERERDem wegmüden Gast

WANDERERgönne hold des Hauses Herd!

ist erschrocken aufgefahren

MIMEWer ist's, der im wilden Walde mich sucht?

MIMEWer verfolgt mich im öden Forst?

sehr langsam, immer nur einen Schritt sich nähernd

WANDERER"Wand'rer" heisst mich die Welt;

WANDERERweit wandert' ich schon:

WANDERERauf der Erde Rücken rührt' ich mich viel!

MIMESo rühre dich fort

MIMEund raste nicht hier,

MIMEheisst dich "Wand'rer" die Welt!

WANDERERGastlich ruht' ich bei Guten,

WANDERERGaben gönnten viele mir:

WANDERERdenn Unheil fürchtet, wer unhold ist.

MIMEUnheil wohnte immer bei mir:

MIMEwillst du dem Armen es mehren?

langsam immer näherschreitend

WANDERERViel erforscht' ich, erkannte viel:

WANDERERWicht'ges konnt' ich manchem künden,

WANDERERmanchem wehren, was ihn mühte:

WANDERERnagende Herzensnot.

MIMESpürtest du klug

MIMEund erspähtest du viel,

MIMEhier brauch' ich nicht Spürer noch Späher.

MIMEEinsam will ich und einzeln sein,

MIMELungerern lass' ich den Lauf.

tritt wieder etwas näher

WANDERERMancher wähnte weise zu sein,

WANDERERnur was ihm not tat, wusste er nicht;

WANDERERwas ihm frommte, liess ich erfragen:

WANDERERlohnend lehrt' ihn mein Wort.

immer ängstlicher, da er den Wanderer sich nahen sieht

MIMEMüss'ges Wissen wahren manche:

MIMEich weiss mir grade genug;

Der Wanderer schreitet vollends bis an den Herd vor

MIMEmir genügt mein Witz,

MIMEich will nicht mehr:

MIMEdir Weisem weis' ich den Weg!

am Herd sich setzend

WANDERERHier sitz' ich am Herd

WANDERERund setze mein Haupt

WANDERERder Wissenswette zum Pfand:

WANDERERmein Kopf ist dein,

WANDERERdu hast ihn erkiest,

WANDERERentfrägst du dir nicht,

WANDERERwas dir frommt,

WANDERERlös' ich's mit Lehren nicht ein.

der zuletzt den Wanderer mit offenem Munde angestaunt hat, schrickt jetzt zusammen; kleinmütig für sich

MIMEWie werd' ich den Lauernden los?

MIMEVerfänglich muss ich ihn fragen.

Er ermannt sich wie zu Strenge

MIMEDein Haupt pfänd' ich für den Herd:

MIMEnun sorg', es sinnig zu lösen!

MIMEDrei der Fragen stell' ich mir frei.

WANDERERDreimal muss ich's treffen.

sammelt sich zum Nachdenken

MIMEDu rührtest dich viel

MIMEauf der Erde Rücken,

MIMEdie Welt durchwandert'st du weit;

MIMEnun sage mir schlau:

MIMEwelches Geschlecht tagt in der Erde Tiefe?

WANDERERIn der Erde Tiefe tagen die Nibelungen:

WANDERERNibelheim ist ihr Land.

WANDERERSchwarzalben sind sie;

WANDERERSchwarz-Alberich hütet' als Herrscher sie einst!

WANDEREREines Zauberringes zwingende Kraft

WANDERERzähmt' ihm das fleissige Volk.

WANDERERReicher Schätze schimmernden Hort

WANDERERhäuften sie ihm:

WANDERERder sollte die Welt ihm gewinnen.

WANDERERZum zweiten was frägst du, Zwerg?

versinkt in immer tieferes Nachsinnen

MIMEViel, Wanderer, weisst du mir

MIMEaus der Erde Nabelnest;

MIMEnun sage mir schlicht,

MIMEwelches Geschlecht ruht auf der Erde Rücken?

WANDERERAuf der Erde Rücken

WANDERERwuchtet der Riesen Geschlecht:

WANDERERRiesenheim ist ihr Land.

WANDERERFasolt und Fafner, der Rauhen Fürsten,

WANDERERneideten Nibelungs Macht;

WANDERERden gewaltigen Hort gewannen sie sich,

WANDERERerrangen mit ihm den Ring.

WANDERERUm den entbrannte den Brüdern Streit;

WANDERERder Fasolt fällte, als wilder Wurm

WANDERERhütet nun Fafner den Hort.

WANDERERDie dritte Frage nun droht.

der ganz in Träumerei entrückt ist

MIMEViel, Wanderer, weisst du mir

MIMEvon der Erde rauhem Rücken.

MIMENun sage mir wahr,

MIMEwelches Geschlecht wohnt auf wolkigen Höh'n?

WANDERERAuf wolkigen Höh'n wohnen die Götter:

WANDERERWalhall heisst ihr Saal.

WANDERERLichtalben sind sie;

WANDERERLicht-Alberich, Wotan, waltet der Schar.

WANDERERAus der Welt-Esche weihlichstem Aste

WANDERERschuf er sich einen Schaft:

WANDERERdorrt der Stamm, nie verdirbt doch der Speer;

WANDERERmit seiner Spitze sperrt Wotan die Welt.

WANDERERHeil'ger Verträge Treuerunen

WANDERERschnitt in den Schaft er ein.

WANDERERDen Haft der Welt hält in der Hand,

WANDERERwer den Speer führt,

WANDERERden Wotans Faust umspannt.

WANDERERIhm neigte sich der Niblungen Heer;

WANDERERder Riesen Gezücht zähmte sein Rat:

WANDERERewig gehorchen sie alle

WANDERERdes Speeres starkem Herrn.

Er stösst wie unwillkürlich mit dem Speer auf den Boden; ein leiser Donner lässt sich vernehmen, wovon Mime heftig erschrickt

WANDERERNun rede, weiser Zwerg:

WANDERERwusst' ich der Fragen Rat?

WANDERERBehalte mein Haupt ich frei?

nachdem er den Wanderer mit dem Speer aufmerksam beobachtet hat, gerät nun in grosse Angst, sucht verwirrt nach seinen Gerätschaften und blickt scheu zur Seite

MIMEFragen und Haupt hast du gelöst:

MIMEnun, Wand'rer, geh' deines Wegs!

WANDERERWas zu wissen dir frommt,

WANDERERsolltest du fragen:

WANDERERKunde verbürgte mein Kopf.

WANDERERDass du nun nicht weisst,

WANDERERwas dir nützt,

WANDERERdes fass' ich jetzt deines als Pfand.

WANDERERGastlich nicht galt mir dein Gruss,

WANDERERmein Haupt gab ich in deine Hand,

WANDERERum mich des Herdes zu freun.

WANDERERNach Wettens Pflicht pfänd' ich nun dich,

WANDERERlösest du drei der Fragen nicht leicht.

WANDERERDrum frische dir, Mime, den Mut!

sehr schüchtern und zögernd, endlich in furchtsamer Ergebung sich fassend

MIMELang' schon mied ich mein Heimatland,

MIMElang' schon schied ich

MIMEaus der Mutter Schoss;

MIMEmir leuchtete Wotans Auge,

MIMEzur Höhle lugt' es herein:

MIMEvor ihm magert mein Mutterwitz.

MIMEDoch frommt mir's nun weise zu sein,

MIMEWand'rer, frage denn zu!

MIMEVielleicht glückt mir's, gezwungen

MIMEzu lösen des Zwerges Haupt.

wieder gemächlich sich niederlassend

WANDERERNun, ehrlicher Zwerg,

WANDERERsag' mir zum ersten:

WANDERERwelches ist das Geschlecht,

WANDERERdem Wotan schlimm sich zeigte

WANDERERund das doch das liebste ihm lebt?

sich ermunternd

MIMEWenig hört' ich von Heldensippen;

MIMEder Frage doch mach' ich mich frei.

MIMEDie Wälsungen sind das Wunschgeschlecht,

MIMEdas Wotan zeugte und zärtlich liebte,

zeigt' er auch Ungunst ihm.

MIMESiegmund und Sieglind' stammten von Wälse,

MIMEein wild-verzweifeltes Zwillingspaar:

MIMESiegfried zeugten sie selbst,

MIMEden stärksten Wälsungenspross.

MIMEBehalt' ich, Wand'rer, zum ersten mein Haupt?

gemütlich

WANDERERWie doch genau das Geschlecht du mir nennst:

WANDERERschlau eracht' ich dich Argen!

WANDERERDer ersten Frage wardst du frei.

WANDERERZum zweiten nun sag' mir, Zwerg:

WANDERERein weiser Niblung wahret Siegfried;

WANDERERFafner soll er ihm fällen,

WANDERERdass den Ring er erränge,

WANDERERdes Hortes Herrscher zu sein.

WANDERERWelches Schwert muss Siegfried nun schwingen,

WANDERERtaug' es zu Fafners Tod?

seine gegenwärtige Lage immer mehr vergessend und von dem Gegenstande lebhaft angezogen, reibt sich vergnügt die Hände

MIMENotung heisst ein neidliches Schwert;

MIMEin einer Esche Stamm stiess es Wotan:

MIMEdem sollt' es geziemen,

MIMEder aus dem Stamm es zög'.

MIMEDer stärksten Helden keiner bestand's:

MIMESiegmund, der Kühne, konnt's allein:

MIMEfechtend führt' er's im Streit,

MIMEbis an Wotans Speer es zersprang.

MIMENun verwahrt die Stücken ein weiser Schmied;

MIMEdenn er weiss, dass allein mit dem Wotansschwert

MIMEein kühnes dummes Kind,

MIMESiegfried, den Wurm versehrt.

ganz vergnügt

MIMEBehalt' ich Zwerg auch zweitens mein Haupt?

lachend

WANDERERDer witzigste bist du unter den Weisen:

WANDERERwer käm' dir an Klugheit gleich?

WANDERERDoch bist du so klug,

WANDERERden kindischen Helden

WANDERERfür Zwergenzwecke zu nützen,

WANDERERmit der dritten Frage droh' ich nun!

WANDERERSag' mir, du weiser Waffenschmied:

WANDERERwer wird aus den starken Stücken

WANDERERNotung, das Schwert, wohl schweissen?

fährt im höchsten Schrecken auf

MIMEDie Stücken! Das Schwert!

MIMEO weh! Mir schwindelt!

MIMEWas fang' ich an?

MIMEWas fällt mir ein?

MIMEVerfluchter Stahl, dass ich dich gestohlen!

MIMEEr hat mich vernagelt in Pein und Not!

MIMEMir bleibt er hart,

MIMEich kann ihn nicht hämmern:

MIMENiet' und Löte lässt mich im Stich!

Er wirft wie sinnlos sein Gerät durcheinander und bricht in helle Verzweiflung aus

MIMEDer weiseste Schmied weiss sich nicht Rat!

MIMEWer schweisst nun das Schwert,

MIMEschaff' ich es nicht?

MIMEDas Wunder, wie soll ich's wissen?

ist ruhig vom Herd aufgestanden

WANDERERDreimal solltest du fragen,

WANDERERdreimal stand ich dir frei:

WANDERERnach eitlen Fernen forschtest du;

WANDERERdoch was zunächst dir sich fand,

WANDERERwas dir nützt, fiel dir nicht ein.

WANDERERNun ich's errate, wirst du verrückt:

WANDERERgewonnen hab' ich das witzige Haupt!

WANDERERJetzt, Fafners kühner Bezwinger,

WANDERERhör', verfall'ner Zwerg:

WANDERER"Nur wer das Fürchten nie erfuhr,

WANDERERschmiedet Notung neu."

Mime starrt ihn gross an: er wendet sich zum Fortgange

WANDERERDein weises Haupt wahre von heut':

WANDERERverfallen lass' ich es dem,

WANDERERder das Fürchten nicht gelernt!

Er wendet sich lächelnd ab und verschwindet schnell im Walde. Mime ist wie vernichtet auf den Schemel hinter dem Amboss zurückgesunken

Mime, Siegfried

starrt grad vor sich aus in den sonnig beleuchteten Wald hinein und gerät zunehmend in heftiges Zittern

MIMEVerfluchtes Licht!

MIMEWas flammt dort die Luft?

MIMEWas flackert und lackert,

MIMEwas flimmert und schwirrt,

MIMEwas schwebt dort und webt

MIMEund wabert umher?

MIMEDa glimmert's und glitzt's

MIMEin der Sonne Glut!

MIMEWas säuselt und summt

MIMEund saust nun gar?

MIMEEs brummt und braust

MIMEund prasselt hieher!

MIMEDort bricht's durch den Wald,

MIMEwill auf mich zu!

Er bäumt sich vor Entsetzen auf

MIMEEin grässlicher Rachen reisst sich mir auf:

MIMEder Wurm will mich fangen!

MIMEFafner! Fafner!

Er sinkt laut schreiend hinter dem breiten Amboss zusammen

bricht aus dem Waldgesträuch hervor und ruft noch hinter der Szene, während man seine Bewegung an dem zerkrachenden Gezweige des Gesträuches gewahrt

SIEGFRIEDHeda! Du Fauler!

SIEGFRIEDBist du nun fertig!

Er tritt in die Höhle herein und hält verwundert an

SIEGFRIEDSchnell! Wie steht's mit dem Schwert?

SIEGFRIEDWo steckt der Schmied?

SIEGFRIEDStahl er sich fort?

SIEGFRIEDHehe! Mime, du Memme!

SIEGFRIEDWo bist du? Wo birgst du dich?

mit schwacher Stimme hinter dem Amboss

MIMEBist du es, Kind?

MIMEKommst du allein?

lachend

SIEGFRIEDHinter dem Amboss?

SIEGFRIEDSag', was schufest du dort?

SIEGFRIEDSchärftest du mir das Schwert?

höchst verstört und zerstreut hervorkommend

MIMEDas Schwert? Das Schwert?

MIMEWie möcht' ich's schweissen? -

MIME"Nur wer das Fürchten nie erfuhr,

MIMEschmiedet Notung neu."

MIMEZu weise ward ich für solches Werk!

heftig

SIEGFRIEDWirst du mir reden?

SIEGFRIEDSoll ich dir raten?

wie zuvor

MIMEWo nähm' ich redlichen Rat?

MIMEMein weises Haupt hab' ich verwettet:

vor sich hin starrend

MIMEverfallen, verlor ich's an den,

MIME"der das Fürchten nicht gelernt".

ungestüm

SIEGFRIEDSind mir das Flausen?

SIEGFRIEDWillst du mir fliehn?

allmählich sich etwas fassend

MIMEWohl flöh' ich dem,

MIMEder's Fürchten kennt!

MIMEDoch das liess ich dem Kinde zu lehren!

MIMEIch Dummer vergass, was einzig gut:

MIMELiebe zu mir sollt' er lernen;

MIMEdas gelang nun leider faul!

MIMEWie bring' ich das Fürchten ihm bei?

packt ihn

SIEGFRIEDHe! Muss ich helfen?

SIEGFRIEDWas fegtest du heut'?

MIMEUm dich nur besorgt,

MIMEversank ich in Sinnen,

MIMEwie ich dich Wichtiges wiese.

lachend

SIEGFRIEDBis unter den Sitz warst du versunken:

SIEGFRIEDwas Wichtiges fandest du da?

sich immer mehr fassend

MIMEDas Fürchten lernt' ich für dich,

MIMEdass ich's dich Dummen lehre.

mit ruhiger Verwunderung

SIEGFRIEDWas ist's mit dem Fürchten?

MIMEErfuhrst du's noch nie

MIMEund willst aus dem Wald

MIMEdoch fort in die Welt?

MIMEWas frommte das festeste Schwert,

MIMEblieb dir das Fürchten fern?

ungeduldig

SIEGFRIEDFaulen Rat erfindest du wohl?

immer zutraulicher Siegfried näher tretend

MIMEDeiner Mutter Rat redet aus mir;

MIMEwas ich gelobte, muss ich nun lösen:

MIMEin die listige Welt dich nicht zu entlassen,

MIMEeh' du nicht das Fürchten gelernt.

heftig

SIEGFRIEDIst's eine Kunst,

SIEGFRIEDwas kenn' ich sie nicht?

SIEGFRIEDHeraus! Was ist's mit dem Fürchten?

MIMEFühltest du nie im finstren Wald,

MIMEbei Dämmerschein am dunklen Ort,

MIMEwenn fern es säuselt, summt und saust,

MIMEwildes Brummen näher braust,

MIMEwirres Flackern um dich flimmert,

MIMEschwellend Schwirren zu Leib dir schwebt:

MIMEfühltest du dann nicht grieselnd

MIMEGrausen die Glieder dir fahen?

MIMEGlühender Schauer schüttelt die Glieder,

MIMEin der Brust bebend und bang

MIMEberstet hämmernd das Herz?

MIMEFühltest du das noch nicht,

MIMEdas Fürchten blieb dir dann fremd.

nachsinnend

SIEGFRIEDSonderlich seltsam muss das sein!

SIEGFRIEDHart und fest, fühl' ich, steht mir das Herz.

SIEGFRIEDDas Grieseln und Grausen,

SIEGFRIEDdas Glühen und Schauern,

SIEGFRIEDHitzen und Schwindeln,

SIEGFRIEDHämmern und Beben:

SIEGFRIEDgern begehr' ich das Bangen,

SIEGFRIEDsehnend verlangt mich's der Lust!

SIEGFRIEDDoch wie bringst du, Mime, mir's bei?

SIEGFRIEDWie wärst du, Memme, mir Meister?

MIMEFolge mir nur, ich führe dich wohl:

MIMEsinnend fand ich es aus.

MIMEIch weiss einen schlimmen Wurm,

MIMEder würgt' und schlang schon viel:

MIMEFafner lehrt dich das Fürchten,

MIMEfolgst du mir zu seinem Nest.

SIEGFRIEDWo liegt er im Nest?

MIMENeidhöhle wird es genannt:

MIMEim Ost, am Ende des Walds.

SIEGFRIEDDann wär's nicht weit von der Welt?

MIMEBei Neidhöhle liegt sie ganz nah.

SIEGFRIEDDahin denn sollst du mich führen:

SIEGFRIEDlernt' ich das Fürchten,

SIEGFRIEDdann fort in die Welt!

SIEGFRIEDDrum schnell! Schaffe das Schwert,

SIEGFRIEDin der Welt will ich es schwingen.

MIMEDas Schwert? O Not!

SIEGFRIEDRasch in die Schmiede!

SIEGFRIEDWeis', was du schufst!

MIMEVerfluchter Stahl!

MIMEZu flicken versteh' ich ihn nicht:

MIMEden zähen Zauber

MIMEbezwingt keines Zwergen Kraft.

MIMEWer das Fürchten nicht kennt,

MIMEder fänd' wohl eher die Kunst.

SIEGFRIEDFeine Finten weiss mir der Faule;

SIEGFRIEDdass er ein Stümper, sollt' er gestehn:

SIEGFRIEDnun lügt er sich listig heraus!

SIEGFRIEDHer mit den Stücken,

SIEGFRIEDfort mit dem Stümper!

auf den Herd zuschreitend

SIEGFRIEDDes Vaters Stahl fügt sich wohl mir:

SIEGFRIEDich selbst schweisse das Schwert!

Er macht sich, Mimes Gerät durcheinander werfend, mit Ungestüm an die Arbeit

MIMEHättest du fleissig die Kunst gepflegt,

MIMEjetzt käm' dir's wahrlich zugut;

MIMEdoch lässig warst du stets in der Lehr':

MIMEwas willst du Rechtes nun rüsten?

SIEGFRIEDWas der Meister nicht kann,

SIEGFRIEDvermöcht' es der Knabe,

SIEGFRIEDhätt' er ihm immer gehorcht?

Er dreht ihm eine Nase

SIEGFRIEDJetzt mach' dich fort,

SIEGFRIEDmisch' dich nicht drein:

SIEGFRIEDsonst fällst du mir mit ins Feuer!

Er hat eine grosse Menge Kohlen auf dem Herd aufgehäuft und unterhält in einem fort die Glut, während er die Schwertstücke in den Schraubstock einspannt und sie zu Spänen zerfeilt

der sich etwas abseits niedergesetzt hat, sieht Siegfried bei der Arbeit zu

MIMEWas machst du denn da?

MIMENimm doch die Löte:

MIMEden Brei braut' ich schon längst.

SIEGFRIEDFort mit dem Brei!

SIEGFRIEDIch brauch' ihn nicht:

SIEGFRIEDMit Bappe back' ich kein Schwert!

MIMEDu zerfeilst die Feile,

MIMEzerreibst die Raspel:

MIMEwie willst du den Stahl zerstampfen?

SIEGFRIEDZersponnen muss ich in Späne ihn sehn:

SIEGFRIEDwas entzwei ist, zwing' ich mir so.

Er feilt mit grossem Eifer fort

für sich

MIMEHier hilft kein Kluger,

MIMEdas seh' ich klar:

MIMEhier hilft dem Dummen die Dummheit allein!

MIMEWie er sich rührt und mächtig regt!

MIMElhm schwindet der Stahl,

MIMEdoch wird ihm nicht schwül!

Siegfried hat das Herdfeuer zur hellsten Glut angefacht

MIMENun ward ich so alt wie Höhl' und Wald,

MIMEund hab' nicht so was geseh'n!

Während Siegfried mit ungestümem Eifer fortfährt, die Schwertstücken zu zerfeilen, setzt sich Mime noch mehr beiseite

MIMEMit dem Schwert gelingt's,

MIMEdas lern' ich wohl:

MIMEfurchtlos fegt er's zu ganz.

MIMEDer Wand'rer wusst' es gut!

MIMEWie berg' ich nun mein banges Haupt?

MIMEDem kühnen Knaben verfiel's,

MIMElehrt' ihn nicht Fafner die Furcht!

mit wachsender Unruhe aufspringend und sich beugend

MIMEDoch weh' mir Armen!

MIMEWie würgt' er den Wurm,

MIMEerführ' er das Fürchten von ihm?

MIMEWie erräng' er mir den Ring?

MIMEVerfluchte Klemme!

MIMEDa klebt' ich fest, fänd' ich nicht klugen Rat,

MIMEwie den Furchtlosen selbst ich bezwäng'.

hat nun die Stücken zerfeilt und in einem Schmelztiegel gefangen, den er jetzt in die Herdglut stellt

SIEGFRIEDHe, Mime! Geschwind!

SIEGFRIEDWie heisst das Schwert,

SIEGFRIEDdas ich in Späne zersponnen?

fährt zusammen und wendet sich zu Siegfried

MIMENotung nennt sich das neidliche Schwert:

MIMEdeine Mutter gab mir die Mär.

nährt unter dem folgenden die Glut mit dem Blasebalg

SIEGFRIEDNotung! Notung! Neidliches Schwert!

SIEGFRIEDWas musstest du zerspringen?

SIEGFRIEDZu Spreu nun schuf ich die scharfe Pracht,

SIEGFRIEDim Tiegel brat' ich die Späne.

SIEGFRIEDHoho! Hoho! Hohei! Hohei! Hoho!

SIEGFRIEDBlase, Balg! Blase die Glut!

SIEGFRIEDWild im Walde wuchs ein Baum,

SIEGFRIEDden hab' ich im Forst gefällt:

SIEGFRIEDdie braune Esche brannt' ich zur Kohl',

SIEGFRIEDauf dem Herd nun liegt sie gehäuft.

SIEGFRIEDHoho! Hoho! Hohei! Hohei! Hoho!

SIEGFRIEDBlase, Balg! Blase die Glut!

SIEGFRIEDDes Baumes Kohle, wie brennt sie kühn;

SIEGFRIEDwie glüht sie hell und hehr!

SIEGFRIEDIn springenden Funken sprühet sie auf:

SIEGFRIEDHohei! Hohei! Hohei!

SIEGFRIEDZerschmilzt mir des Stahles Spreu.

SIEGFRIEDHoho! Hoho! Hohei! Hohei! Hoho!

SIEGFRIEDBlase, Balg! Blase die Glut!

immer für sich, entfernt sitzend

MIMEEr schmiedet das Schwert,

MIMEund Fafner fällt er:

MIMEdas seh' ich nun sicher voraus.

MIMEHort und Ring erringt er im Harst:

MIMEwie erwerb' ich mir den Gewinn?

MIMEMit Witz und List erlang' ich beides

MIMEund berge heil mein Haupt.

nochmals am Blasebalg

SIEGFRIEDHoho! Hoho! Hohei! Hohei! Hohei!

im Vordergrunde für sich

MIMERang er sich müd mit dem Wurm,

MIMEvon der Müh' erlab' ihn ein Trunk:

MIMEaus würz'gen Säften, die ich gesammelt,

MIMEbrau' ich den Trank für ihn;

MIMEwenig Tropfen nur braucht er zu trinken,

MIMEsinnenlos sinkt er in Schlaf.

MIMEMit der eignen Waffe,

MIMEdie er sich gewonnen,

MIMEräum' ich ihn leicht aus dem Weg,

MIMEerlange mir Ring und Hort.

Er reibt sich vergnügt die Hände

MIMEHei! Weiser Wand'rer!

MIMEDünkt' ich dich dumm?

MIMEWie gefällt dir nun mein feiner Witz?

MIMEFand ich mir wohl Rat und Ruh'?

SIEGFRIEDNotung! Notung! Neidliches Schwert!

SIEGFRIEDNun schmolz deines Stahles Spreu!

SIEGFRIEDIm eignen Schweisse schwimmst du nun.

Er giesst den glühenden Inhalt des Tiegels in eine Stangenform und hält diese in die Höhe

SIEGFRIEDBald schwing' ich dich als mein Schwert!

Er stösst die gefüllte Stangenform in den Wassereimer; Dampf und lautes Gezisch der Kühlung erfolgen

SIEGFRIEDIn das Wasser floss ein Feuerfluss:

SIEGFRIEDgrimmiger Zorn zischt' ihm da auf!

SIEGFRIEDWie sehrend er floss,

SIEGFRIEDin des Wassers Flut fliesst er nicht mehr.

SIEGFRIEDStarr ward er und steif,

SIEGFRIEDherrisch der harte Stahl:

SIEGFRIEDheisses Blut doch fliesst ihm bald!

Er stösst den Stahl in die Herdglut und zieht die Blasebälge mächtig an

SIEGFRIEDNun schwitze noch einmal,

SIEGFRIEDdass ich dich schweisse,

SIEGFRIEDNotung, neidliches Schwert!

Mime ist vergnügt aufgesprungen; er holt verschiedene Gefässe hervor, schüttet aus ihnen Gewürz und Kräuter in einen Kochtopf und sucht, diesen auf dem Herd anzubringen. Siegfried beobachtet während der Arbeit Mime, welcher vom andern Ende des Herdes her seinen Topf sorgsam an die Glut stellt

SIEGFRIEDWas schafft der Tölpel

SIEGFRIEDdort mit dem Topf?

SIEGFRIEDBrenn' ich hier Stahl,

SIEGFRIEDbraust du dort Sudel?

MIMEZuschanden kam ein Schmied,

MIMEden Lehrer sein Knabe lehrt:

MIMEmit der Kunst nun ist's beim Alten aus,

MIMEals Koch dient er dem Kind.

MIMEBrennt es das Eisen zu Brei,

MIMEaus Eiern braut der Alte ihm Sud.

er fährt fort zu kochen

SIEGFRIEDMime, der Künstler,

SIEGFRIEDlernt jetzt kochen;

SIEGFRIEDdas Schmieden schmeckt ihm nicht mehr.

SIEGFRIEDSeine Schwerter alle hab' ich zerschmissen;

SIEGFRIEDwas er kocht, ich kost' es ihm nicht!

Unter dem Folgenden zieht Siegfried die Stangenform aus der Glut, zerschlägt sie und legt den glühenden Stahl auf dem Amboss zurecht

SIEGFRIEDDas Fürchten zu lernen,

SIEGFRIEDwill er mich führen;

SIEGFRIEDein Ferner soll es mich lehren:

SIEGFRIEDwas am besten er kann,

SIEGFRIEDmir bringt er's nicht bei:

SIEGFRIEDals Stümper besteht er in allem!

während des Schmiedens

SIEGFRIEDHoho! Hoho! Hohei!

SIEGFRIEDSchmiede, mein Hammer, ein hartes Schwert!

SIEGFRIEDHoho! Hahei! Hoho! Hahei!

SIEGFRIEDEinst färbte Blut dein falbes Blau;

SIEGFRIEDsein rotes Rieseln rötete dich:

SIEGFRIEDkalt lachtest du da,

SIEGFRIEDdas warme lecktest du kühl!

SIEGFRIEDHeiaho! Haha! Haheiaha!

SIEGFRIEDNun hat die Glut dich rot geglüht;

SIEGFRIEDdeine weiche Härte dem Hammer weicht:

SIEGFRIEDzornig sprühst du mir Funken,

SIEGFRIEDdass ich dich Spröden gezähmt!

SIEGFRIEDHeiaho! Heiaho! Heiahohoho! Hahei!

beiseite

MIMEEr schafft sich ein scharfes Schwert,

MIMEFafner zu fällen, der Zwerge Feind:

MIMEich braut' ein Truggetränk,

MIMESiegfried zu fangen, dem Fafner fiel.

MIMEGelingen muss mir die List;

MIMElachen muss mir der Lohn!

Er beschäftigt sich während des folgenden damit, den Inhalt des Topfes in eine Flasche zu giessen

SIEGFRIEDHoho! Hoho! Hahei!

SIEGFRIEDSchmiede, mein Hammer, ein hartes Schwert!

SIEGFRIEDHoho! Hahei! Hahei! Hoho!

SIEGFRIEDDer frohen Funken wie freu' ich mich;

SIEGFRIEDes ziert den Kühnen des Zornes Kraft:

SIEGFRIEDlustig lachst du mich an,

SIEGFRIEDstellst du auch grimm dich und gram!

SIEGFRIEDHeiaho, haha, haheiaha!

SIEGFRIEDDurch Glut und Hammer glückt' es mir;

SIEGFRIEDmit starken Schlägen streckt' ich dich:

SIEGFRIEDnun schwinde die rote Scham;

SIEGFRIEDwerde kalt und hart, wie du kannst.

SIEGFRIEDHeiaho! Heiaho! Heiahohoho! Heiah!

Er schwingt den Stahl und stösst ihn in den Wassereimer. Er lacht bei dem Gezisch laut auf. Während Siegfried die geschmiedete Schwertklinge in dem Griffhefte befestigt, treibt sich Mime mit der Flasche im Vordergrunde umher

MIMEDen der Bruder schuf,

MIMEden schimmernden Reif,

MIMEin den er gezaubert zwingende Kraft,

MIMEdas helle Gold, das zum Herrscher macht,

MIMEihn hab' ich gewonnen!

MIMEIch walte sein!

Er trippelt, während Siegfried mit dem kleinen Hammer arbeitet und schleift und feilt, mit zunehmender Vergnügtheit lebhaft umher

MIMEAlberich selbst, der einst mich band,

MIMEzur Zwergenfrone zwing' ich ihn nun;

MIMEals Niblungenfürst fahr' ich darnieder;

MIMEgehorchen soll mir alles Heer!

MIMEDer verachtete Zwerg, wie wird er geehrt!

MIMEZu dem Horte hin drängt sich Gott und Held:

mit immer lebhafteren Gebärden

MIMEvor meinem Nicken neigt sich die Welt,

MIMEvor meinem Zorne zittert sie hin!

MIMEDann wahrlich müht sich Mime nicht mehr:

MIMEihm schaffen andre den ew'gen Schatz.

MIMEMime, der kühne, Mime ist König,

MIMEFürst der Alben, Walter des Alls!

MIMEHei, Mime! Wie glückte dir das!

MIMEWer hätte wohl das gedacht?

hat während der letzten Absätze von Mimes Lied mit den letzten Schlägen die Nieten des Griffheftes geglättet und fasst nun das Schwert

SIEGFRIEDNotung! Notung! Neidliches Schwert!

SIEGFRIEDJetzt haftest du wieder im Heft.

SIEGFRIEDWarst du entzwei, ich zwang dich zu ganz;

SIEGFRIEDkein Schlag soll nun dich mehr zerschlagen.

SIEGFRIEDDem sterbenden Vater zersprang der Stahl,

SIEGFRIEDder lebende Sohn schuf ihn neu:

nun lacht ihm sein heller Schein,

SIEGFRIEDseine Schärfe schneidet ihm hart.

das Schwert vor sich schwingend

SIEGFRIEDNotung! Notung! Neidliches Schwert!

SIEGFRIEDZum Leben weckt' ich dich wieder,

SIEGFRIEDtot lagst du in Trümmern dort,

SIEGFRIEDjetzt leuchtest du trotzig und hehr!

SIEGFRIEDZeige den Schächern nun deinen Schein!

SIEGFRIEDSchlage den Falschen, fälle den Schelm!

SIEGFRIEDSchau, Mime, du Schmied:

er holt mit dem Schwert aus

SIEGFRIEDso schneidet Siegfrieds Schwert!

Er schlägt auf den Amboss, welcher von oben bis unten in zwei Stücke zerspaltet, so dass er unter grossem Gepolter auseinander fällt. Mime, welcher in höchster Verzückung sich auf einen Schemel geschwungen hatte, fällt vor Schreck sitzlings zu Boden. Siegfried hält jauchzend das Schwert in die Höhe. Der Vorhang fällt

SYSTEMZWEITER AUFZUG

Tiefer Wald. Ganz im Hintergrunde die Öffnung einer Höhle. Der Boden hebt sich bis zur Mitte der Bühne, wo er eine kleine Hochebene bildet; von da senkt er sich nach hinten, der Höhle zu, wieder abwärts, so dass von dieser nur der obere Teil der Öffnung dem Zuschauer sichtbar ist. Links gewahrt man durch Waldbäume eine zerklüftete Felsenwand. Finstere Nacht, am dichtesten über dem Hintergrunde, wo anfänglich der Blick des Zuschauers gar nichts zu unterscheiden vermag

SYSTEMVORSPIEL UND ERSTE SZENE

Alberich, Fafner, Wanderer

an der Felsenwand zur Seite gelagert, düster brütend

ALBERICHIn Wald und Nacht vor Neidhöhl' halt' ich Wacht:

ALBERICHes lauscht mein Ohr, mühvoll lugt mein Aug'.

ALBERICHBanger Tag, bebst du schon auf?

ALBERICHDämmerst du dort durch das Dunkel her?

Aus dem Walde von rechts her erhebt sich ein Sturmwind; ein bläulicher Glanz leuchtet von ebendaher

ALBERICHWelcher Glanz glitzert dort auf?

ALBERICHNäher schimmert ein heller Schein;

ALBERICHes rennt wie ein leuchtendes Ross,

ALBERICHbricht durch den Wald brausend daher.

ALBERICHNaht schon des Wurmes Würger?

ALBERICHIst's schon, der Fafner fällt?

Der Sturmwind legt sich wieder; der Glanz verlischt

ALBERICHDas Licht erlischt,

ALBERICHder Glanz barg sich dem Blick:

ALBERICHNacht ist's wieder.

Der Wanderer tritt aus dem Wald und hält Alberich gegenüber an

ALBERICHWer naht dort schimmernd im Schatten?

WANDERERZur Neidhöhle fuhr ich bei Nacht:

WANDERERwen gewahr' ich im Dunkel dort?

Wie aus einem plötzlich zerreissenden Gewölk bricht Mondschein herein und beleuchtet des Wanderers Gestalt

erkennt den Wanderer, fährt erschrocken zurück, bricht aber sogleich in höchste Wut aus

ALBERICHDu selbst lässt dich hier sehn?

ALBERICHWas willst du hier?

ALBERICHFort, aus dem Weg!

ALBERICHVon dannen, schamloser Dieb!

ruhig

WANDERERSchwarz-Alberich, schweifst du hier?

WANDERERHütest du Fafners Haus?

ALBERICHJagst du auf neue Neidtat umher?

ALBERICHWeile nicht hier, weiche von hinnen!

ALBERICHGenug des Truges tränkte die Stätte mit Not.

ALBERICHDrum, du Frecher, lass sie jetzt frei!

WANDERERZu schauen kam ich,

WANDERERnicht zu schaffen:

WANDERERwer wehrte mir Wand'rers Fahrt?

lacht tückisch auf

ALBERICHDu Rat wütender Ränke!

ALBERICHWär' ich dir zulieb

ALBERICHdoch noch dumm wie damals,

ALBERICHals du mich Blöden bandest,

ALBERICHwie leicht geriet' es,

ALBERICHden Ring mir nochmals zu rauben!

ALBERICHHab' acht! Deine Kunst kenne ich wohl;

ALBERICHdoch wo du schwach bist,

ALBERICHblieb mir auch nicht verschwiegen.

ALBERICHMit meinen Schätzen zahltest du Schulden;

ALBERICHmein Ring lohnte der Riesen Müh',

ALBERICHdie deine Burg dir gebaut.

ALBERICHWas mit den Trotzigen einst du vertragen,

ALBERICHdes Runen wahrt noch heut'

ALBERICHdeines Speeres herrischer Schaft.

ALBERICHNicht du darfst, was als Zoll du gezahlt,

ALBERICHden Riesen wieder entreissen:

ALBERICHdu selbst zerspelltest deines Speeres Schaft;

ALBERICHin deiner Hand der herrische Stab,

ALBERICHder starke, zerstiebte wie Spreu!

WANDERERDurch Vertrages Treuerunen

WANDERERband er dich Bösen mir nicht:

WANDERERdich beugt' er mir durch seine Kraft;

WANDERERzum Krieg drum wahr' ich ihn wohl!

ALBERICHWie stolz du dräust in trotziger Stärke,

ALBERICHund wie dir's im Busen doch bangt!

ALBERICHVerfallen dem Tod durch meinen Fluch

ALBERICHist des Hortes Hüter:

ALBERICHwer wird ihn beerben?

ALBERICHWird der neidliche Hort

ALBERICHdem Niblungen wieder gehören?

ALBERICHDas sehrt dich mit ew'ger Sorge!

ALBERICHDenn fass' ich ihn wieder einst in der Faust,

ALBERICHanders als dumme Riesen

ALBERICHüb' ich des Ringes Kraft:

ALBERICHdann zittre der Helden heiliger Hüter!

ALBERICHWalhalls Höhen stürm' ich mit Hellas Heer:

ALBERICHder Welt walte dann ich!

ruhig

WANDERERDeinen Sinn kenn' ich wohl;

WANDERERdoch sorgt er mich nicht.

WANDERERDes Ringes waltet, wer ihn gewinnt.

ALBERICHWie dunkel sprichst du,

ALBERICHwas ich deutlich doch weiss!

ALBERICHAn Heldensöhne hält sich dein Trotz,

höhnisch

ALBERICHdie traut deinem Blute entblüht.

ALBERICHPflegtest du wohl eines Knaben,

ALBERICHder klug die Frucht dir pflücke,

immer heftiger

ALBERICHdie du nicht brechen darfst?

WANDERERMit mir nicht, hadre mit Mime:

WANDERERdein Bruder bringt dir Gefahr;

WANDEREReinen Knaben führt er daher,

WANDERERder Fafner ihm fällen soll.

WANDERERNichts weiss der von mir;

WANDERERder Niblung nützt ihn für sich.

WANDERERDrum sag' ich dir, Gesell:

WANDERERtue frei, wie dir's frommt!

Alberich macht eine Gebärde heftiger Neugierde

WANDERERHöre mich wohl, sei auf der Hut!

WANDERERNicht kennt der Knabe den Ring;

WANDERERdoch Mime kundet' ihn aus.

heftig

ALBERICHDeine Hand hieltest du vom Hort?

WANDERERWen ich liebe, lass' ich für sich gewähren;

er steh' oder fall', sein Herr ist er:

WANDERERHelden nur können mir frommen.

ALBERICHMit Mime räng' ich allein um den Ring?

WANDERERAusser dir begehrt er einzig das Gold.

ALBERICHUnd dennoch gewänn' ich ihn nicht?

ruhig nähertretend

WANDEREREin Helde naht, den Hort zu befrei'n;

WANDERERzwei Niblungen geizen das Gold;

WANDERERFafner fällt, der den Ring bewacht:

WANDERERwer ihn rafft, hat ihn gewonnen.

WANDERERWillst du noch mehr?

WANDERERDort liegt der Wurm:

er wendet sich nach der Höhle

WANDERERwarnst du ihn vor dem Tod,

WANDERERwillig wohl liess' er den Tand.

WANDERERIch selber weck' ihn dir auf.

Er stellt sich auf die Anhöhe vor der Höhle und ruft hinein

WANDERERFafner! Fafner!

WANDERERErwache, Wurm!

in gespanntem Erstaunen, für sich

ALBERICHWas beginnt der Wilde?

ALBERICHGönnt er mir's wirklich?

Aus der finstern Tiefe des Hintergrundes hört man Fafners Stimme durch ein starkes Sprachrohr

FAFNERWer stört mir den Schlaf?

der Höhle zugewandt

WANDERERGekommen ist einer,

WANDERERNot dir zu künden:

WANDERERer lohnt dir's mit dem Leben,

WANDERERlohnst du das Leben ihm

WANDERERmit dem Horte, den du hütest?

Er beugt sein Ohr lauschend der Höhle zu

FAFNERWas will er?

ist dem Wanderer zur Seite getreten und ruft in die Höhle

ALBERICHWache, Fafner! Wache, du Wurm!

ALBERICHEin starker Helde naht,

ALBERICHdich heil'gen will er bestehn.

FAFNERMich hungert sein.

WANDERERKühn ist des Kindes Kraft,

WANDERERscharf schneidet sein Schwert.

ALBERICHDen goldnen Reif geizt er allein:

ALBERICHlass mir den Ring zum Lohn,

ALBERICHso wend' ich den Streit;

ALBERICHdu wahrest den Hort,

ALBERICHund ruhig lebst du lang'!

FAFNERIch lieg' und besitz',

gähnend

FAFNERlasst mich schlafen!

lacht auf und wendet sich dann wieder zu Alberich

WANDERERNun, Alberich, das schlug fehl.

WANDERERDoch schilt mich nicht mehr Schelm!

WANDERERDies eine, rat' ich, achte noch wohl:

vertraulich zum ihm tretend

WANDERERAlles ist nach seiner Art,

WANDERERan ihr wirst du nichts ändern.

WANDERERIch lass' dir die Stätte, stelle dich fest!

WANDERERVersuch's mit Mime, dem Bruder,

WANDERERder Art ja versiehst du dich besser.

zum Abgange gewendet

WANDERERWas anders ist, das lerne nun auch!

Er verschwindet im Walde. Sturmwind erhebt sich, heller Glanz bricht aus; dann vergeht beides schnell

blickt dem davonjagenden Wanderer nach

ALBERICHDa reitet er hin, auf lichtem Ross;

ALBERICHmich lässt er in Sorg' und Spott.

Doch lacht nur zu,

ALBERICHihr leichtsinniges, lustgieriges Göttergelichter!

ALBERICHEuch seh' ich noch alle vergehn!

ALBERICHSolang' das Gold am Lichte glänzt,

ALBERICHhält ein Wissender Wacht.

ALBERICHTrügen wird euch sein Trotz!

Er schlüpft zur Seite in das Geklüft. Die Bühne bleibt leer. Morgendämmerung

Mime, Siegfried, Fafner, Waldvogel

Bei anbrechendem Tage treten Mime und Siegfried auf. Siegfried trägt das Schwert in einem Gehenke von Bastseil. Mime erspäht genau die Stätte; er forscht endlich dem Hintergrunde zu, welcher - während die Anhöhe im mittleren Vordergrunde später immer heller von der Sonne beleuchtet wird - in finstrem Schatten bleibt; dann bedeutet er Siegfried

MIMEWir sind zur Stelle! Bleib hier stehn!

setzt sich unter einer grossen Linde nieder und schaut sich um

SIEGFRIEDHier soll ich das Fürchten lernen?

SIEGFRIEDFern hast du mich geleitet:

SIEGFRIEDeine volle Nacht im Walde

SIEGFRIEDselbander wanderten wir.

SIEGFRIEDNun sollst du, Mime, mich meiden!

SIEGFRIEDLern' ich hier nicht,

SIEGFRIEDwas ich lernen soll,

SIEGFRIEDallein zieh' ich dann weiter:

SIEGFRIEDdich endlich werd' ich da los!

setzt sich ihm gegenüber, so dass er die Höhle immer noch im Auge behält

MIMEGlaube, Liebster!

MIMELernst du heut' und hier das Fürchten nicht,

MIMEan andrem Ort, zu andrer Zeit

MIMEschwerlich erfährst du's je.

MIMESiehst du dort den dunklen Höhlenschlund?

MIMEDarin wohnt ein greulich wilder Wurm:

MIMEunmassen grimmig ist er und gross;

MIMEein schrecklicher Rachen reisst sich ihm auf;

MIMEmit Haut und Haar auf einen Happ

MIMEverschlingt der Schlimme dich wohl.

immer unter der Linde sitzend

SIEGFRIEDGut ist's, den Schlund ihm zu schliessen:

SIEGFRIEDdrum biet' ich mich nicht dem Gebiss.

MIMEGiftig giesst sich ein Geifer ihm aus:

MIMEwen mit des Speichels Schweiss er bespeit,

MIMEdem schwinden wohl Fleisch und Gebein.

SIEGFRIEDDass des Geifers Gift mich nicht sehre,

SIEGFRIEDweich' ich zur Seite dem Wurm.

MIMEEin Schlangenschweif schlägt sich ihm auf:

MIMEwen er damit umschlingt und fest umschliesst,

MIMEdem brechen die Glieder wie Glas!

SIEGFRIEDVor des Schweifes Schwang mich zu wahren,

SIEGFRIEDhalt' ich den Argen im Aug'.

SIEGFRIEDDoch heisse mich das:

SIEGFRIEDhat der Wurm ein Herz?

MIMEEin grimmiges, hartes Herz!

SIEGFRIEDDas sitzt ihm doch,

SIEGFRIEDwo es jedem schlägt,

SIEGFRIEDtrag' es Mann oder Tier?

MIMEGewiss, Knabe, da führt's auch der Wurm.

MIMEJetzt kommt dir das Fürchten wohl an?

bisher nachlässig ausgestreckt, erhebt sich rasch zum Sitz

SIEGFRIEDNotung stoss' ich dem Stolzen ins Herz!

SIEGFRIEDSoll das etwa Fürchten heissen?

SIEGFRIEDHe, du Alter! Ist das alles,

SIEGFRIEDwas deine List mich lehren kann?

SIEGFRIEDFahr' deines Wegs dann weiter;

SIEGFRIEDdas Fürchten lern' ich hier nicht.

MIMEWart' es nur ab!

MIMEWas ich dir sage, dünke dich tauber Schall:

MIMEihn selber musst du hören und sehn,

MIMEdie Sinne vergehn dir dann schon!

MIMEWenn dein Blick verschwimmt,

MIMEder Boden dir schwankt,

MIMEim Busen bang dein Herz erbebt:

sehr freundlich

MIMEdann dankst du mir, der dich führte,

MIMEgedenkst, wie Mime dich liebt.

SIEGFRIEDDu sollst mich nicht lieben!

SIEGFRIEDSagt' ich dir's nicht?

SIEGFRIEDFort aus den Augen mir!

SIEGFRIEDLass mich allein:

SIEGFRIEDsonst halt' ich's hier länger nicht aus,

SIEGFRIEDfängst du von Liebe gar an!

SIEGFRIEDDas eklige Nicken und Augenzwicken,

SIEGFRIEDwann endlich soll ich's nicht mehr sehn,

SIEGFRIEDwann werd' ich den Albernen los?

MIMEIch lass' dich schon.

MIMEAm Quell dort lagr' ich mich;

MIMEsteh' du nur hier;

MIMEsteigt dann die Sonne zur Höh',

MIMEmerk' auf den Wurm:

MIMEaus der Höhle wälzt er sich her,

MIMEhier vorbei biegt er dann,

MIMEam Brunnen sich zu tränken.

lachend

SIEGFRIEDMime, weilst du am Quell,

SIEGFRIEDdahin lass' ich den Wurm wohl gehn:

SIEGFRIEDNotung stoss' ich ihm erst in die Nieren,

SIEGFRIEDwenn er dich selbst dort mit weggesoffen.

SIEGFRIEDDarum, hör' meinen Rat,

SIEGFRIEDraste nicht dort am Quell;

SIEGFRIEDkehre dich weg, so weit du kannst,

SIEGFRIEDund komm' nie mehr zu mir!

MIMENach freislichem Streit dich zu erfrischen,

MIMEwirst du mir wohl nicht wehren?

Siegfried wehrt ihn hastig ab

MIMERufe mich auch,

MIMEdarbst du des Rates,

Siegfried wiederholt die Gebärde mit Ungestüm

MIMEoder wenn dir das Fürchten gefällt.

Siegfried erhebt sich und treibt Mime mit wütender Gebärde zum Fortgehen

im Abgehen für sich

MIMEFafner und Siegfried - Siegfried und Fafner -

MIMEO brächten beide sich um!

Er verschwindet rechts im Wald

streckt sich behaglich unter der Linde aus und blickt dem davongehenden Mime nach

SIEGFRIEDDass der mein Vater nicht ist,

SIEGFRIEDwie fühl' ich mich drob so froh!

SIEGFRIEDNun erst gefällt mir der frische Wald;

nun erst lacht mir der lustige Tag,

SIEGFRIEDda der Garstige von mir schied

SIEGFRIEDund ich gar nicht ihn wiederseh'!

Er verfällt in schweigendes Sinnen

SIEGFRIEDWie sah mein Vater wohl aus? -

SIEGFRIEDHa, gewiss wie ich selbst!

SIEGFRIEDDenn wär' wo von Mime ein Sohn,

SIEGFRIEDmüsst' er nicht ganz Mime gleichen?

SIEGFRIEDGrade so garstig, griesig und grau,

SIEGFRIEDklein und krumm, höckrig und hinkend,

SIEGFRIEDmit hängenden Ohren, triefigen Augen -

SIEGFRIEDfort mit dem Alp!

SIEGFRIEDIch mag ihn nicht mehr seh'n.

Er lehnt sich tiefer zurück und blickt durch die Baumwipfel auf. Tiefe Stille

WALDWEBENAber - wie sah meine Mutter wohl aus?

WALDWEBENDas kann ich nun gar nicht mir denken!

WALDWEBENDer Rehhindin gleich glänzten gewiss

WALDWEBENihr hell schimmernde Augen,

WALDWEBENnur noch viel schöner!

WALDWEBENDa bang sie mich geboren,

WALDWEBENwarum aber starb sie da?

WALDWEBENSterben die Menschenmütter

WALDWEBENan ihren Söhnen alle dahin?

WALDWEBENTraurig wäre das, traun!

WALDWEBENAch, möcht' ich Sohn meine Mutter sehen!

WALDWEBENMeine Mutter - ein Menschenweib!

Er seufzt leise und streckt sich tiefer zurück. Grosse Stille. Wachsendes Waldweben. Siegfrieds Aufmerksamkeit wird endlich durch den Gesang der Waldvögel gefesselt. Er lauscht mit wachsender Teilnahme einem Waldvogel in den Zweigen über ihm

WALDWEBENDu holdes Vöglein!

WALDWEBENDich hört' ich noch nie:

WALDWEBENbist du im Wald hier daheim?

WALDWEBENVerstünd' ich sein süsses Stammeln!

WALDWEBENGewiss sagt' es mir was,

WALDWEBENvielleicht von der lieben Mutter?

WALDWEBENEin zankender Zwerg hat mir erzählt,

WALDWEBENder Vöglein Stammeln gut zu verstehn,

WALDWEBENdazu könnte man kommen.

WALDWEBENWie das wohl möglich wär'?

Er sinnt nach. Sein Blick fällt auf ein Rohrgebüsch unweit der Linde

WALDWEBENHei! Ich versuch's; sing' ihm nach:

WALDWEBENauf dem Rohr tön' ich ihm ähnlich!

WALDWEBENEntrat' ich der Worte, achte der Weise,

WALDWEBENsing' ich so seine Sprache,

WALDWEBENversteh' ich wohl auch, was es spricht.

Er eilt an den nahen Quell, schneidet mit dem Schwerte ein Rohr ab und schnitzt sich hastig eine Pfeife daraus. Währenddem lauscht er wieder

WALDWEBENEs schweigt und lauscht:

WALDWEBENso schwatz' ich denn los!

Er bläst auf dem Rohr. Er setzt ab, schnitzt wieder und bessert. Er bläst wieder. Er schüttelt mit dem Kopfe und bessert wieder. Er wird ärgerlich, drückt das Rohr mit der Hand und versucht wieder. Er setzt lächelnd ganz ab

WALDWEBENDas tönt nicht recht;

WALDWEBENauf dem Rohre taugt

WALDWEBENdie wonnige Weise mir nicht.

WALDWEBENVöglein, mich dünkt, ich bleibe dumm:

WALDWEBENvon dir lernt sich's nicht leicht!

Er hört den Vogel wieder und blickt zu ihm auf

WALDWEBENNun schäm' ich mich gar

WALDWEBENvor dem schelmischen Lauscher:

WALDWEBENer lugt und kann nichts erlauschen.

WALDWEBENHeida! So höre nun auf mein Horn.

Er schwingt das Rohr und wirft es weit fort

WALDWEBENAuf dem dummen Rohre gerät mir nichts.

WALDWEBENEiner Waldweise, wie ich sie kann,

WALDWEBENder lustigen sollst du nun lauschen.

WALDWEBENNach liebem Gesellen lockt' ich mit ihr:

WALDWEBENnichts Bessres kam noch als Wolf und Bär.

WALDWEBENNun lass mich sehn,

WALDWEBENwen jetzt sie mir lockt:

WALDWEBENob das mir ein lieber Gesell?

Er nimmt das silberne Hifthorn und bläst darauf. Im Hintergrunde regt es sich. Fafner, in der Gestalt eines ungeheuren eidechsenartigen Schlangenwurmes, hat sich in der Höhle von seinem Lager erhoben; er bricht durch das Gesträuch und wälzt sich aus der Tiefe nach der höheren Stelle vor, so dass er mit dem Vorderleibe bereits auf ihr angelangt ist, als er jetzt einen starken, gähnenden Laut ausstösst

sieht sich um und heftet den Blick verwundert auf Fafner

SIEGFRIEDHaha! Da hätte mein Lied

SIEGFRIEDmir was Liebes erblasen!

SIEGFRIEDDu wärst mir ein saub'rer Gesell!

hat beim Anblick Siegfrieds auf der Höhe angehalten und verweilt nun daselbst

FAFNERWas ist da?

SIEGFRIEDEi, bist du ein Tier,

SIEGFRIEDdas zum Sprechen taugt,

SIEGFRIEDwohl liess' sich von dir was lernen?

SIEGFRIEDHier kennt einer das Fürchten nicht:

SIEGFRIEDkann er's von dir erfahren?

FAFNERHast du Übermut?

SIEGFRIEDMut oder Übermut, was weiss ich!

SIEGFRIEDDoch dir fahr' ich zu Leibe,

SIEGFRIEDlehrst du das Fürchten mich nicht!

stösst einen lachenden Laut aus

FAFNERTrinken wollt' ich:

FAFNERnun treff' ich auch Frass!

Er öffnet seinen Rachen und zeigt die Zähne

SIEGFRIEDEine zierliche Fresse zeigst du mir da,

SIEGFRIEDlachende Zähne im Leckermaul!

SIEGFRIEDGut wär' es, den Schlund dir zu schliessen;

SIEGFRIEDdein Rachen reckt sich zu weit!

FAFNERZu tauben Reden taugt er schlecht:

FAFNERdich zu verschlingen, frommt der Schlund.

Er droht mit dem Schweife

SIEGFRIEDHoho! Du grausam grimmiger Kerl!

SIEGFRIEDVon dir verdaut sein, dünkt mich übel:

SIEGFRIEDrätlich und fromm doch scheint's,

SIEGFRIEDdu verrecktest hier ohne Frist.

brüllend

FAFNERPruh! Komm, prahlendes Kind!

SIEGFRIEDHab' acht, Brüller! Der Prahler naht!

Er zieht sein Schwert, springt Fafner an und bleibt herausfordernd stehen. Fafner wälzt sich weiter auf die Höhe herauf und sprüht aus den Nüstern auf Siegfried. Dieser weicht dem Geifer aus, springt näher zu und stellt sich zur Seite. Fafner sucht ihn mit dem Schweife zu erreichen. Siegfried, welchen Fafner fast erreicht hat, springt mit einem Satze über diesen hinweg und verwundet ihn an dem Schweife. Fafner brüllt, zieht den Schweif heftig zurück und bäumt den Vorderleib, um mit dessen voller Wucht sich auf Siegfried zu werfen; so bietet er diesem die Brust dar; Siegfried erspäht schnell die Stelle des Herzens und stösst sein Schwert bis an das Heft hinein. Fafner bäumt sich vor Schmerz noch höher und sinkt, als Siegfried das Schwert losgelassen und zur Seite gesprungen ist, auf die Wunde zusammen

SIEGFRIEDDa lieg', neidischer Kerl!

SIEGFRIEDNotung trägst du im Herzen.

mit schwächerer Stimme

FAFNERWer bist du, kühner Knabe,

FAFNERder das Herz mir traf?

FAFNERWer reizte des Kindes Mut

FAFNERzu der mordlichen Tat?

FAFNERDein Hirn brütete nicht,

FAFNERwas du vollbracht.

SIEGFRIEDViel weiss ich noch nicht,

SIEGFRIEDnoch nicht auch, wer ich bin.

SIEGFRIEDMit dir mordlich zu ringen,

SIEGFRIEDreiztest du selbst meinen Mut.

FAFNERDu helläugiger Knabe, unkund deiner selbst,

FAFNERwen du gemordet meld' ich dir.

FAFNERDer Riesen ragend Geschlecht,

FAFNERFasolt und Fafner,

FAFNERdie Brüder - fielen nun beide.

FAFNERUm verfluchtes Gold, von Göttern vergabt,

FAFNERtraf ich Fasolt zu Tod.

FAFNERDer nun als Wurm den Hort bewachte,

FAFNERFafner, den letzten Riesen,

FAFNERfällte ein rosiger Held.

FAFNERBlicke nun hell, blühender Knabe:

FAFNERder dich Blinden reizte zur Tat,

FAFNERberät jetzt des Blühenden Tod!

ersterbend

FAFNERMerk', wie's endet! Acht' auf mich!

SIEGFRIEDWoher ich stamme, rate mir noch;

SIEGFRIEDweise ja scheinst du, Wilder, im Sterben:

SIEGFRIEDrat' es nach meinem Namen:

SIEGFRIEDSiegfried bin ich genannt.

FAFNERSiegfried...!

Er seufzt, hebt sich und stirbt

SIEGFRIEDZur Kunde taugt kein Toter.

SIEGFRIEDSo leite mich denn mein lebendes Schwert!

Fafner hat sich im Sterben zur Seite gewälzt. Siegfried zieht ihm jetzt das Schwert aus der Brust: dabei wird seine Hand vom Blute benetzt: er fährt heftig mit der Hand auf

SIEGFRIEDWie Feuer brennt das Blut!

Er führt unwillkürlich die Finger zum Munde, um das Blut von ihnen abzusaugen. Wie er sinnend vor sich hinblickt, wird seine Aufmerksamkeit immer mehr von dem Gesange der Waldvögel angezogen

SIEGFRIEDIst mir doch fast,

SIEGFRIEDals sprächen die Vöglein zu mir!

SIEGFRIEDNützte mir das des Blutes Genuss?

SIEGFRIEDDas seltne Vöglein hier,

SIEGFRIEDhorch, was singt es nur?

aus den Zweigen der Linde über Siegfried

STIMME EINES WALDVOGELSHei! Siegfried gehört nun der Niblungen Hort!

STIMME EINES WALDVOGELSO, fänd' in der Höhle den Hort er jetzt!

STIMME EINES WALDVOGELSWollt' er den Tarnhelm gewinnen,

STIMME EINES WALDVOGELSder taugt' ihm zu wonniger Tat:

STIMME EINES WALDVOGELSdoch möcht' er den Ring sich erraten,

STIMME EINES WALDVOGELSder macht' ihn zum Walter der Welt!

hat mit verhaltenem Atem und verzückter Miene gelauscht

SIEGFRIEDDank, liebes Vöglein, für deinen Rat!

SIEGFRIEDGern folg' ich dem Ruf!

Er wendet sich nach hinten und steigt in die Höhle hinab, wo er alsbald gänzlich verschwindet

Alberich, Mime, Siegfried, Waldvogel

Mime schleicht heran, scheu umherblickend, um sich von Fafners Tod zu überzeugen. Gleichzeitig kommt von der anderen Seite Alberich aus dem Geklüft; er beobachtet Mime genau. Als dieser Siegfried nicht mehr gewahrt und vorsichtig sich nach hinten der Höhle zuwendet, stürzt Alberich auf ihn zu und vertritt ihm den Weg

ALBERICHWohin schleichst du eilig und schlau,

ALBERICHschlimmer Gesell?

MIMEVerfluchter Bruder, dich braucht' ich hier!

MIMEWas bringt dich her?

ALBERICHGeizt es dich, Schelm, nach meinem Gold?

ALBERICHVerlangst du mein Gut?

MIMEFort von der Stelle! Die Stätte ist mein:

MIMEwas stöberst du hier?

ALBERICHStör' ich dich wohl im stillen Geschäft,

ALBERICHwenn du hier stiehlst?

MIMEWas ich erschwang mit schwerer Müh',

MIMEsoll mir nicht schwinden.

ALBERICHHast du dem Rhein das Gold zum Ringe geraubt?

ALBERICHErzeugtest du gar den zähen Zauber im Reif?

MIMEWer schuf den Tarnhelm,

MIMEder die Gestalten tauscht?

MIMEDer seiner bedurfte,

MIMEerdachtest du ihn wohl?

ALBERICHWas hättest du Stümper

ALBERICHje wohl zu stampfen verstanden?

ALBERICHDer Zauberring

ALBERICHzwang mir den Zwerg erst zur Kunst.

MIMEWo hast du den Ring?

MIMEDir Zagem entrissen ihn Riesen!

MIMEWas du verlorst,

MIMEmeine List erlangt es für mich.

ALBERICHMit des Knaben Tat

ALBERICHwill der Knicker nun knausern?

ALBERICHDir gehört sie gar nicht,

ALBERICHder Helle ist selbst ihr Herr!

MIMEIch zog ihn auf;

MIMEfür die Zucht zahlt er mir nun:

MIMEfür Müh' und Last

MIMEerlauert' ich lang meinen Lohn!

ALBERICHFür des Knaben Zucht

ALBERICHwill der knickrige schäbige Knecht

ALBERICHkeck und kühn wohl gar König nun sein?

ALBERICHDem räudigsten Hund

ALBERICHwäre der Ring geratner als dir:

ALBERICHnimmer erringst du Rüpel den Herrscherreif!

kratzt sich den Kopf

MIMEBehalt' ihn denn, und hüt' ihn wohl,

MIMEden hellen Reif!

MIMESei du Herr: doch mich heisse auch Bruder!

MIMEUm meines Tarnhelms lustigen Tand

MIMEtausch' ich ihn dir:

MIMEuns beiden taugt's, teilen die Beute wir so.

Er reibt sich zutraulich die Hände

mit Hohnlachen

ALBERICHTeilen mit dir?

ALBERICHUnd den Tarnhelm gar?

ALBERICHWie schlau du bist!

ALBERICHSicher schlief' ich

ALBERICHniemals vor deinen Schlingen!

ausser sich

MIMESelbst nicht tauschen?

MIMEAuch nicht teilen?

MIMELeer soll ich gehn?

MIMEGanz ohne Lohn?

kreischend

MIMEGar nichts willst du mir lassen?

ALBERICHNichts von allem!

ALBERICHNicht einen Nagel sollst du dir nehmen!

in höchster Wut

MIMEWeder Ring noch Tarnhelm

MIMEsoll dir denn taugen!

MIMENicht teil' ich nun mehr!

MIMEGegen dich doch ruf' ich Siegfried zu Rat

MIMEund des Recken Schwert;

MIMEder rasche Held,

MIMEder richte, Brüderchen, dich!

Siegfried erscheint im Hintergrund

ALBERICHKehre dich um!

ALBERICHAus der Höhle kommt er daher!

sich umblickend

MIMEKindischen Tand erkor er gewiss.

ALBERICHDen Tarnhelm hält er!

MIMEDoch auch den Ring!

ALBERICHVerflucht! - Den Ring!

hämisch lachend

MIMELass ihn den Ring dir doch geben!

MIMEIch will ihn mir schon gewinnen.

Er schlüpft mit den letzten Worten in den Wald zurück

ALBERICHUnd doch seinem Herrn

ALBERICHsoll er allein noch gehören!

Er verschwindet im Geklüfte

Siegfried ist mit Tarnhelm und Ring während des letzteren langsam und sinnend aus der Höhle vorgeschritten: er betrachtet gedankenvoll seine Beute und hält, nahe dem Baume, auf der Höhe des Mittelgrundes wieder an

SIEGFRIEDWas ihr mir nützt, weiss ich nicht;

SIEGFRIEDdoch nahm ich euch

SIEGFRIEDaus des Horts gehäuftem Gold,

SIEGFRIEDweil guter Rat mir es riet.

SIEGFRIEDSo taug' eure Zier als des Tages Zeuge,

SIEGFRIEDes mahne der Tand,

SIEGFRIEDdass ich kämpfend Fafner erlegt,

SIEGFRIEDdoch das Fürchten noch nicht gelernt!

Er steckt den Tarnhelm sich in den Gürtel und den Reif an den Finger. Stillschweigen. Wachsendes Waldweben. Siegfried achtet unwillkürlich wieder des Vogels und lauscht ihm mit verhaltenem Atem

STIMME DES WALDVOGELSHei! Siegfried gehört

STIMME DES WALDVOGELSnun der Helm und der Ring!

STIMME DES WALDVOGELSO, traute er Mime, dem treulosen, nicht!

STIMME DES WALDVOGELSHörte Siegfried nur scharf

STIMME DES WALDVOGELSauf des Schelmen Heuchlergered'!

STIMME DES WALDVOGELSWie sein Herz es meint,

STIMME DES WALDVOGELSkann er Mime verstehn:

STIMME DES WALDVOGELSso nützt' ihm des Blutes Genuss.

Siegfrieds Miene und Gebärde drücken aus, dass er den Sinn des Vogelgesanges wohl vernommen. Er sieht Mime sich nähern und bleibt, ohne sich zu rühren, auf sein Schwert gestützt, beobachtend und in sich geschlossen, in seiner Stellung auf der Anhöhe bis zum Schlusse des folgenden Auftrittes

schleicht heran und beobachtet vom Vordergrunde aus Siegfried

MIMEEr sinnt und erwägt der Beute Wert.

MIMEWeilte wohl hier ein weiser Wand'rer,

MIMEschweifte umher, beschwatzte das Kind

MIMEmit list'ger Runen Rat?

MIMEZwiefach schlau sei nun der Zwerg;

MIMEdie listigste Schlinge leg' ich jetzt aus,

MIMEdass ich mit traulichem Truggerede

MIMEbetöre das trotzige Kind.

er tritt näher an Siegfried heran und bewillkommt diesen mit schmeichelnden Gebärden

MIMEWillkommen, Siegfried!

MIMESag', du Kühner, hast du das Fürchten gelernt?

SIEGFRIEDDen Lehrer fand ich noch nicht!

MIMEDoch den Schlangenwurm,

MIMEdu hast ihn erschlagen?

MIMEDas war doch ein schlimmer Gesell?

SIEGFRIEDSo grimm und tückisch er war,

SIEGFRIEDsein Tod grämt mich doch schier,

SIEGFRIEDda viel üblere Schächer

SIEGFRIEDunerschlagen noch leben!

SIEGFRIEDDer mich ihn morden hiess,

SIEGFRIEDden hass' ich mehr als den Wurm!

sehr freundlich

MIMENur sachte! Nicht lange

MIMEsiehst du mich mehr:

MIMEzum ew'gen Schlaf

MIMEschliess' ich dir die Augen bald!

MIMEWozu ich dich brauchte,

zärtlich

MIMEhast du vollbracht;

MIMEjetzt will ich nur noch

MIMEdie Beute dir abgewinnen.

MIMEMich dünkt, das soll mir gelingen;

MIMEzu betören bist du ja leicht!

SIEGFRIEDSo sinnst du auf meinen Schaden?

verwundert

MIMEWie sagt' ich denn das? -

MIMESiegfried! Hör doch, mein Söhnchen!

MIMEDich und deine Art

MIMEhasst' ich immer von Herzen;

zärtlich

MIMEaus Liebe erzog ich dich Lästigen nicht:

MIMEdem Horte in Fafners Hut,

MIMEdem Golde galt meine Müh'.

als verspräche er ihm hübsche Sachen

MIMEGibst du mir das gutwillig nun nicht,

als wäre er bereit, sein Leben für ihn zu lassen

MIMESiegfried, mein Sohn,

MIMEdas siehst du wohl selbst,

mit freundlichem Scherze

MIMEdein Leben musst du mir lassen!

SIEGFRIEDDass du mich hassest, hör' ich gern:

SIEGFRIEDdoch auch mein Leben muss ich dir lassen?

ärgerlich

MIMEDas sagt' ich doch nicht?

MIMEDu verstehst mich ja falsch!

Er sucht sein Fläschchen hervor. Er gibt sich die ersichtlichste Mühe zur Verstellung

MIMESieh', du bist müde von harter Müh';

MIMEbrünstig wohl brennt dir der Leib:

MIMEdich zu erquicken mit queckem Trank

MIMEsäumt' ich Sorgender nicht.

MIMEAls dein Schwert du dir branntest,

MIMEbraut' ich den Sud;

MIMEtrinkst du nun den,

MIMEgewinn' ich dein trautes Schwert,

MIMEund mit ihm Helm und Hort.

er kichert dazu

SIEGFRIEDSo willst du mein Schwert

SIEGFRIEDund was ich erschwungen,

SIEGFRIEDRing und Beute, mir rauben?

heftig

MIMEWas du doch falsch mich verstehst!

MIMEStamml' ich, fasl' ich wohl gar?

MIMEDie grösste Mühe geb' ich mir doch,

MIMEmein heimliches Sinnen heuchelnd zu bergen,

MIMEund du dummer Bube deutest alles doch falsch!

MIMEÖffne die Ohren, und vernimm genau:

MIMEHöre, was Mime meint!

wieder sehr freundlich, mit ersichtlicher Mühe

MIMEHier nimm und trinke die Labung!

MIMEMein Trank labte dich oft:

MIMEtat'st du wohl unwirsch, stelltest dich arg:

MIMEwas ich dir bot, erbost auch, nahmst du's doch immer.

ohne eine Miene zu verziehen

SIEGFRIEDEinen guten Trank hätt' ich gern:

SIEGFRIEDwie hast du diesen gebraut?

lustig scherzend, als schildere er ihm einen angenehm berauschten Zustand, den ihm der Saft bereiten soll

MIMEHei! So trink nur, trau' meiner Kunst!

MIMEIn Nacht und Nebel sinken die Sinne dir bald:

MIMEohne Wach' und Wissen

MIMEstracks streckst du die Glieder.

MIMELiegst du nun da,

MIMEleicht könnt' ich

MIMEdie Beute nehmen und bergen:

MIMEdoch erwachtest du je,

MIMEnirgends wär' ich sicher vor dir,

MIMEhätt' ich selbst auch den Ring.

MIMEDrum mit dem Schwert,

MIMEdas so scharf du schufst,

mit einer Gebärde ausgelassener Lustigkeit

MIMEhau' ich dem Kind den Kopf erst ab:

MIMEdann hab' ich mir Ruh' und auch den Ring!

Er kichert wieder

SIEGFRIEDIm Schlafe willst du mich morden?

wütend ärgerlich

MIMEWas möcht' ich? Sagt' ich denn das?

Er bemüht sich, den zärtlichsten Ton anzunehmen

MIMEIch will dem Kind

mit sorglichster Deutlichkeit

MIMEnur den Kopf abhau'n!

mit dem Ausdruck herzlicher Besorgtheit für Siegfrieds Gesundheit

MIMEDenn hasste ich dich auch nicht so sehr,

MIMEund hätt' ich des Schimpfs

MIMEund der schändlichen Mühe

MIMEauch nicht so viel zu rächen:

sanft

MIMEaus dem Wege dich zu räumen,

MIMEdarf ich doch nicht rasten:

MIMEwie käm' ich sonst anders zur Beute,

MIMEda Alberich auch nach ihr lugt?

Er giesst den Saft in das Trinkhorn und führt dieses Siegfried mit aufdringlicher Gebärde zu

MIMENun, mein Wälsung! Wolfssohn du!

MIMESauf', und würg' dich zu Tod:

MIMENie tust du mehr 'nen Schluck! Hihihihi!

Siegfried holt mit dem Schwert aus. Er führt, wie in einer Anwandlung heftigen Ekels einen jähen Streich nach Mime; dieser stürzt sogleich tot zu Boden. Man hört Alberichs höhnisches Gelächter aus dem Geklüfte

SIEGFRIEDSchmeck' du mein Schwert, ekliger Schwätzer!

Er henkt, auf den am Boden Liegenden blickend, ruhig sein Schwert wieder ein

SIEGFRIEDNeides Zoll zahlt Notung:

SIEGFRIEDdazu durft' ich ihn schmieden.

Er rafft Mimes Leichnam auf, trägt ihn auf die Anhöhe vor den Eingang der Höhle und wirft ihn dort hinein

SIEGFRIEDIn der Höhle hier lieg' auf dem Hort!

SIEGFRIEDMit zäher List erzieltest du ihn:

SIEGFRIEDjetzt magst du des wonnigen walten!

SIEGFRIEDEinen guten Wächter geb' ich dir auch,

SIEGFRIEDdass er vor Dieben dich deckt.

Er wälzt mit grosser Anstrengung den Leichnam des Wurmes vor den Eingang der Höhle, so dass er diesen ganz damit verstopft

SIEGFRIEDDa lieg' auch du, dunkler Wurm!

SIEGFRIEDDen gleissenden Hort hüte zugleich

SIEGFRIEDmit dem beuterührigen Feind:

SIEGFRIEDso fandet beide ihr nun Ruh'!

Er blickt eine Weile sinnend in die Höhle hinab und wendet sich dann langsam, wie ermüdet, in den Vordergrund. Es ist Mittag. Er führt sich die Hand über die Stirn

SIEGFRIEDHeiss ward mir von der harten Last!

SIEGFRIEDBrausend jagt mein brünst'ges Blut;

SIEGFRIEDdie Hand brennt mir am Haupt.

SIEGFRIEDHoch steht schon die Sonne:

aus lichtem Blau blickt ihr Aug'

SIEGFRIEDauf den Scheitel steil mir herab.

SIEGFRIEDLinde Kühlung erkies' ich unter der Linde!

Er streckt sich unter der Linde aus und blickt wieder die Zweige hinauf

SIEGFRIEDNoch einmal, liebes Vöglein,

SIEGFRIEDda wir so lang lästig gestört, -

SIEGFRIEDlauscht' ich gerne deinem Sange:

SIEGFRIEDauf dem Zweige seh' ich

SIEGFRIEDwohlig dich wiegen;

SIEGFRIEDzwitschernd umschwirren

SIEGFRIEDdich Brüder und Schwestern,

SIEGFRIEDumschweben dich lustig und lieb!

SIEGFRIEDDoch ich - bin so allein,

SIEGFRIEDhab' nicht Brüder noch Schwestern:

SIEGFRIEDmeine Mutter schwand, mein Vater fiel:

SIEGFRIEDnie sah sie der Sohn!

SIEGFRIEDMein einz'ger Gesell war ein garstiger Zwerg;

SIEGFRIEDGüte zwang

warm

SIEGFRIEDuns nie zu Liebe;

SIEGFRIEDlistige Schlingen warf mir der Schlaue;

SIEGFRIEDnun musst' ich ihn gar erschlagen!

Er blickt schmerzlich bewegt wieder nach den Zweigen auf

SIEGFRIEDFreundliches Vöglein, dich frage ich nun:

SIEGFRIEDgönntest du mir wohl ein gut Gesell?

SIEGFRIEDWillst du mir das Rechte raten?

SIEGFRIEDIch lockte so oft, und erlost' es mir nie:

SIEGFRIEDDu, mein Trauter, träfst es wohl besser,

SIEGFRIEDso recht ja rietest du schon.

SIEGFRIEDNun sing'! Ich lausche dem Gesang.

STIMME DES WALDVOGELSHei! Siegfried erschlug nun den schlimmen Zwerg!

STIMME DES WALDVOGELSJetzt wüsst' ich ihm noch das herrlichste Weib:

STIMME DES WALDVOGELSauf hohem Felsen sie schläft,

STIMME DES WALDVOGELSFeuer umbrennt ihren Saal:

STIMME DES WALDVOGELSdurchschritt' er die Brunst,

STIMME DES WALDVOGELSweckt' er die Braut,

STIMME DES WALDVOGELSBrünnhilde wäre dann sein!

fährt mit jäher Heftigkeit vom Sitze auf

SIEGFRIEDO holder Sang! Süssester Hauch!

SIEGFRIEDWie brennt sein Sinn mir sehrend die Brust!

SIEGFRIEDWie zückt er heftig zündend mein Herz!

SIEGFRIEDWas jagt mir so jach durch Herz und Sinne?

SIEGFRIEDSag' es mir, süsser Freund!

Er lauscht

STIMME DES WALDVOGELSLustig im Leid sing' ich von Liebe;

STIMME DES WALDVOGELSwonnig aus Weh web' ich mein Lied:

STIMME DES WALDVOGELSnur Sehnende kennen den Sinn!

SIEGFRIEDFort jagt's mich jauchzend von hinnen,

SIEGFRIEDfort aus dem Wald auf den Fels!

SIEGFRIEDNoch einmal sage mir, holder Sänger:

SIEGFRIEDwerd' ich das Feuer durchbrechen?

SIEGFRIEDKann ich erwecken die Braut?

Siegfried lauscht noch mal

STIMME DES WALDVOGELSDie Braut gewinnt,

STIMME DES WALDVOGELSBrünnhilde erweckt ein Feiger nie:

STIMME DES WALDVOGELSnur wer das Fürchten nicht kennt!

lacht auf vor Entzücken

SIEGFRIEDDer dumme Knab',

SIEGFRIEDder das Fürchten nicht kennt,

SIEGFRIEDmein Vöglein, der bin ja ich!

SIEGFRIEDNoch heute gab ich vergebens mir Müh,

SIEGFRIEDdas Fürchten von Fafner zu lernen:

SIEGFRIEDnun brenn' ich vor Lust,

SIEGFRIEDes von Brünnhilde zu wissen!

SIEGFRIEDWie find' ich zum Felsen den Weg?

Der Vogel flattert auf, kreist über Siegfried und fliegt ihm zögernd voran

jauchzend

SIEGFRIEDSo wird mir der Weg gewiesen:

SIEGFRIEDwohin du flatterst folg' ich dem Flug!

Er läuft dem Vogel, welcher ihn neckend einige Zeitlang unstet nach verschiedenen Richtungen hinleitet, nach und folgt ihm endlich, als dieser mit einer bestimmten Wendung nach dem Hintergrunde davonfliegt. Der Vorhang fällt

SYSTEMDRITTER AUFZUG

Wilde Gegend, am Fusse eines Felsenberges, welcher links nach hinten steil aufsteigt. Nacht, Sturm und Wetter, Blitz und heftiger Donner, welch letzterer dann schweigt, während Blitze noch längere Zeit die Wolken durchkreuzen

SYSTEMVORSPIEL UND ERSTE SZENE

Wanderer, Erda

schreitet entschlossen auf ein gruftähnliches Höhlentor in einem Felsen des Vordergrundes zu und nimmt dort, auf seinen Speer gestützt, eine Stellung ein, während er das Folgende dem Eingange der Höhle zu ruft

WANDERERWache, Wala! Wala! Erwach'!

WANDERERAus langem Schlaf weck' ich dich Schlummernde wach.

WANDERERIch rufe dich auf: Herauf! Herauf!

WANDERERAus nebliger Gruft,

WANDERERaus nächtigem Grunde herauf!

WANDERERErda! Erda! Ewiges Weib!

WANDERERAus heimischer Tiefe tauche zur Höh!

WANDERERDein Wecklied sing' ich, dass du erwachest;

WANDERERaus sinnendem Schlafe weck' ich dich auf.

WANDERERAllwissende! Urweltweise!

WANDERERErda! Erda! Ewiges Weib!

WANDERERWache, erwache, du Wala! Erwache!

Die Höhlengruft erdämmert. Bläulicher Lichtschein: von ihm beleuchtet steigt mit dem Folgenden Erda sehr allmählich aus der Tiefe auf. Sie erscheint wie von Reif bedeckt: Haar und Gewand werfen einen glitzernden Schimmer von sich

ERDAStark ruft das Lied;

ERDAkräftig reizt der Zauber.

ERDAIch bin erwacht aus wissendem Schlaf:

ERDAwer scheucht den Schlummer mir?

WANDERERDer Weckrufer bin ich, und Weisen üb' ich,

WANDERERdass weithin wache, was fester Schlaf verschliesst.

WANDERERDie Welt durchzog ich,

WANDERERwanderte viel, Kunde zu werben,

WANDERERurweisen Rat zu gewinnen.

WANDERERKundiger gibt es keine als dich;

WANDERERbekannt ist dir, was die Tiefe birgt,

WANDERERwas Berg und Tal, Luft und Wasser durchwebt.

WANDERERWo Wesen sind, wehet dein Atem;

WANDERERwo Hirne sinnen, haftet dein Sinn:

WANDERERalles, sagt man, sei dir bekannt.

WANDERERDass ich nun Kunde gewänne,

WANDERERweck' ich dich aus dem Schlaf!

ERDAMein Schlaf ist Träumen,

ERDAmein Träumen Sinnen,

ERDAmein Sinnen Walten des Wissens.

ERDADoch wenn ich schlafe,

ERDAwachen Nornen:

ERDAsie weben das Seil

ERDAund spinnen fromm, was ich weiss.

ERDAWas frägst du nicht die Nornen?

WANDERERIm Zwange der Welt weben die Nornen:

WANDERERsie können nichts wenden noch wandeln.

WANDERERDoch deiner Weisheit

WANDERERdankt' ich den Rat wohl,

WANDERERwie zu hemmen ein rollendes Rad?

ERDAMännertaten umdämmern mir den Mut:

ERDAmich Wissende selbst

ERDAbezwang ein Waltender einst.

ERDAEin Wunschmädchen gebar ich Wotan:

ERDAder Helden Wal

ERDAhiess für sich er sie küren.

ERDAKühn ist sie und weise auch:

ERDAwas weckst du mich und frägst um Kunde

ERDAnicht Erdas und Wotans Kind?

WANDERERDie Walküre meinst du,

WANDERERBrünnhild', die Maid?

WANDERERSie trotzte dem Stürmebezwinger,

WANDERERwo er am stärksten selbst sich bezwang:

WANDERERwas den Lenker der Schlacht zu tun verlangte,

WANDERERdoch dem er wehrte - zuwider sich selbst -,

WANDERERallzu vertraut wagte die Trotzige,

WANDERERdas für sich zu vollbringen,

WANDERERBrünnhild' in brennender Schlacht.

WANDERERStreitvater strafte die Maid:

WANDERERin ihr Auge drückte er Schlaf;

WANDERERauf dem Felsen schläft sie fest:

WANDERERerwachen wird die Weihliche nur,

WANDERERum einen Mann zu minnen als Weib.

WANDERERFrommten mir Fragen an sie?

ist in Sinnen versunken und beginnt erst nach längerem Schweigen

ERDAWirr wird mir, seit ich erwacht:

ERDAwild und kraus kreist die Welt!

ERDADie Walküre, der Wala Kind,

ERDAbüsst' in Banden des Schlafs,

ERDAals die wissende Mutter schlief?

ERDADer den Trotz lehrte, straft den Trotz?

ERDADer die Tat entzündet, zürnt um die Tat?

ERDADer die Rechte wahrt, der die Eide hütet,

ERDAwehret dem Recht, herrscht durch Meineid? -

ERDALass mich wieder hinab!

ERDASchlaf verschliesse mein Wissen!

WANDERERDich, Mutter, lass' ich nicht ziehn,

WANDERERda des Zaubers mächtig ich bin.

WANDERERUrwissend stachest du einst

WANDERERder Sorge Stachel in Wotans wagendes Herz:

WANDERERmit Furcht vor schmachvoll feindlichem Ende

WANDERERfüllt' ihn dein Wissen,

WANDERERdass Bangen band seinen Mut.

WANDERERBist du der Welt weisestes Weib,

WANDERERsage mir nun:

WANDERERwie besiegt die Sorge der Gott?

ERDADu bist - nicht was du dich nennst!

ERDAWas kamst du, störrischer Wilder,

ERDAzu stören der Wala Schlaf?

WANDERERDu bist - nicht, was du dich wähnst!

WANDERERUrmütter-Weisheit geht zu Ende:

WANDERERdein Wissen verweht vor meinem Willen.

WANDERERWeisst du, was Wotan will?

Langes Schweigen

WANDERERDir Unweisen ruf' ich ins Ohr,

WANDERERdass sorglos ewig du nun schläfst!

WANDERERUm der Götter Ende grämt mich die Angst nicht,

WANDERERseit mein Wunsch es will!

WANDERERWas in des Zwiespalts wildem Schmerze

WANDERERverzweifelnd einst ich beschloss,

WANDERERfroh und freudig führe frei ich nun aus.

WANDERERWeiht' ich in wütendem Ekel

WANDERERdes Niblungen Neid schon die Welt,

WANDERERdem herrlichsten Wälsung

WANDERERweis' ich mein Erbe nun an.

WANDERERDer von mir erkoren, doch nie mich gekannt,

WANDERERein kühnester Knabe, bar meines Rates,

WANDERERerrang des Niblungen Ring.

WANDERERLiebesfroh, ledig des Neides,

WANDERERerlahmt an dem Edlen Alberichs Fluch;

WANDERERdenn fremd bleibt ihm die Furcht.

WANDERERDie du mir gebarst, Brünnhild',

WANDERERweckt sich hold der Held:

WANDERERwachend wirkt dein wissendes Kind

WANDERERerlösende Weltentat. -

WANDERERDrum schlafe nun du, schliesse dein Auge;

WANDERERträumend erschau' mein Ende!

WANDERERWas jene auch wirken,

WANDERERdem ewig Jungen weicht in Wonne der Gott.

WANDERERHinab denn, Erda! Urmütterfurcht!

WANDERERUrsorge!

WANDERERHinab! Hinab, zu ewigem Schlaf!

Nachdem Erda bereits die Augen geschlossen hat und allmählich tiefer versunken ist, verschwindet sie jetzt gänzlich; auch die Höhle ist jetzt wiederum durchaus verfinstert. Monddämmerung erhellt die Bühne, der Sturm hat aufgehört

Wanderer, Siegfried

Der Wanderer ist dicht an die Höhle getreten und lehnt sich dann mit dem Rücken an das Gestein derselben, das Gesicht der Szene zugewandt

WANDERERDort seh' ich Siegfried nahn.

Er verbleibt in seiner Stellung an der Höhle. Siegfrieds Waldvogel flattert dem Vordergrunde zu. Plötzlich hält der Vogel in seiner Richtung ein, flattert ängstlich hin und her und verschwindet hastig dem Hintergrunde zu

tritt rechts im Vordergrunde auf und hält an

SIEGFRIEDMein Vöglein schwebte mir fort!

SIEGFRIEDMit flatterndem Flug und süssem Sang

SIEGFRIEDwies es mich wonnig des Wegs:

SIEGFRIEDnun schwand es fern mir davon!

SIEGFRIEDAm besten find' ich mir selbst nun den Berg:

SIEGFRIEDwohin mein Führer mich wies,

SIEGFRIEDdahin wandr' ich jetzt fort.

Er schreitet weiter nach hinten

in seiner Stellung an der Höhle verbleibend

WANDERERWohin, Knabe, heisst dich dein Weg?

hält an und wendet sich um

SIEGFRIEDDa redet's ja:

SIEGFRIEDwohl rät das mir den Weg.

Er tritt dem Wanderer näher

SIEGFRIEDEinen Felsen such' ich,

SIEGFRIEDvon Feuer ist der umwabert:

SIEGFRIEDdort schläft ein Weib,

SIEGFRIEDdas ich wecken will.

WANDERERWer sagt' es dir, den Fels zu suchen?

WANDERERWer, nach der Frau dich zu sehnen?

SIEGFRIEDMich wies ein singend Waldvöglein:

SIEGFRIEDdas gab mir gute Kunde.

WANDEREREin Vöglein schwatzt wohl manches;

WANDERERkein Mensch doch kann's verstehn.

WANDERERWie mochtest du Sinn dem Sang entnehmen?

SIEGFRIEDDas wirkte das Blut eines wilden Wurms,

SIEGFRIEDder mir vor Neidhöhl' erblasste:

SIEGFRIEDkaum netzt' es zündend die Zunge mir,

SIEGFRIEDda verstand ich der Vöglein Gestimm'.

WANDERERErschlugst den Riesen du,

WANDERERwer reizte dich,

WANDERERden starken Wurm zu bestehn?

SIEGFRIEDMich führte Mime, ein falscher Zwerg;

SIEGFRIEDdas Fürchten wollt' er mich lehren:

SIEGFRIEDzum Schwertstreich aber,

SIEGFRIEDder ihn erschlug,

SIEGFRIEDreizte der Wurm mich selbst;

SIEGFRIEDseinen Rachen riss er mir auf.

WANDERERWer schuf das Schwert so scharf und hart,

WANDERERdass der stärkste Feind ihm fiel?

SIEGFRIEDDas schweisst' ich mir selbst,

SIEGFRIEDda's der Schmied nicht konnte:

SIEGFRIEDschwertlos noch wär' ich wohl sonst.

WANDERERDoch, wer schuf die starken Stücken,

WANDERERdaraus das Schwert du dir geschweisst?

SIEGFRIEDWas weiss ich davon?

SIEGFRIEDIch weiss allein,

SIEGFRIEDdass die Stücke mir nichts nützten,

SIEGFRIEDschuf ich das Schwert mir nicht neu.

bricht in ein freudig gemütliches Lachen aus

WANDERERDas mein' ich wohl auch!

Er betrachtet Siegfried wohlgefällig

verwundert

SIEGFRIEDWas lachst du mich aus?

SIEGFRIEDAlter Frager! Hör' einmal auf;

SIEGFRIEDlass mich nicht länger hier schwatzen!

SIEGFRIEDKannst du den Weg mir weisen, so rede:

SIEGFRIEDvermagst du's nicht, so halte dein Maul!

WANDERERGeduld, du Knabe! Dünk' ich dich alt,

WANDERERso sollst du Achtung mir bieten.

SIEGFRIEDDas wär' nicht übel!

SIEGFRIEDSolang' ich lebe,

SIEGFRIEDstand mir ein Alter stets im Wege;

SIEGFRIEDden hab' ich nun fortgefegt.

SIEGFRIEDStemmst du dort länger steif dich mir entgegen,

SIEGFRIEDsieh dich vor, sag' ich,

mit entsprechender Gebärde

SIEGFRIEDdass du wie Mime nicht fährst!

Er tritt noch näher an den Wanderer heran

SIEGFRIEDWie siehst du denn aus?

SIEGFRIEDWas hast du gar für 'nen grossen Hut?

SIEGFRIEDWarum hängt er dir so ins Gesicht?

immer ohne seine Stellung zu verlassen

WANDERERDas ist so Wand'rers Weise,

WANDERERwenn dem Wind entgegen er geht.

immer näher ihn betrachtend

SIEGFRIEDDoch darunter fehlt dir ein Auge!

SIEGFRIEDDas schlug dir einer gewiss schon aus,

SIEGFRIEDdem du zu trotzig den Weg vertratst?

SIEGFRIEDMach dich jetzt fort,

SIEGFRIEDsonst könntest du leicht

SIEGFRIEDdas andere auch noch verlieren.

WANDERERIch seh', mein Sohn, wo du nichts weisst,

WANDERERda weisst du dir leicht zu helfen.

WANDERERMit dem Auge, das als andres mir fehlt,

WANDERERerblickst du selber das eine,

WANDERERdas mir zum Sehen verblieb.

der sinnend zugehört hat, bricht jetzt unwillkürlich in helles Lachen aus

SIEGFRIEDZum Lachen bist du mir lustig!

SIEGFRIEDDoch hör', nun schwatz' ich nicht länger:

SIEGFRIEDgeschwind, zeig' mir den Weg,

SIEGFRIEDdeines Weges ziehe dann du;

SIEGFRIEDzu nichts andrem acht' ich dich nütz':

SIEGFRIEDdrum sprich, sonst spreng' ich dich fort!

weich

WANDERERKenntest du mich, kühner Spross,

WANDERERden Schimpf spartest du mir!

WANDERERDir so vertraut,

WANDERERtrifft mich schmerzlich dein Dräuen.

WANDERERLiebt' ich von je deine lichte Art,

WANDERERGrauen auch zeugt' ihr mein zürnender Grimm.

WANDERERDem ich so hold bin, Allzuhehrer,

WANDERERheut' nicht wecke mir Neid:

WANDERERer vernichtete dich und mich!

SIEGFRIEDBleibst du mir stumm, störrischer Wicht?

SIEGFRIEDWeich' von der Stelle,

SIEGFRIEDdenn dorthin, ich weiss,

SIEGFRIEDführt es zur schlafenden Frau.

SIEGFRIEDSo wies es mein Vöglein,

SIEGFRIEDdas hier erst flüchtig entfloh.

Es wird schnell wieder ganz finster

in Zorn ausbrechend und in gebieterischer Stellung

WANDEREREs floh dir zu seinem Heil!

WANDERERDen Herrn der Raben erriet es hier:

WANDERERweh' ihm, holen sie's ein!

WANDERERDen Weg, den es zeigte,

WANDERERsollst du nicht ziehn!

tritt mit Verwunderung in trotziger Stellung zurück

SIEGFRIEDHoho! Du Verbieter!

SIEGFRIEDWer bist du denn,

SIEGFRIEDdass du mir wehren willst?

WANDERERFürchte des Felsens Hüter!

WANDERERVerschlossen hält meine Macht die schlafende Maid:

WANDERERwer sie erweckte, wer sie gewänne,

WANDERERmachtlos macht' er mich ewig!

WANDEREREin Feuermeer umflutet die Frau,

WANDERERglühende Lohe umleckt den Fels:

WANDERERwer die Braut begehrt,

WANDERERdem brennt entgegen die Brunst.

Er winkt mit dem Speere nach der Felsenhöhe

WANDERERBlick' nach der Höh'!

WANDERERErlugst du das Licht?

WANDEREREs wächst der Schein,

WANDERERes schwillt die Glut;

WANDERERsengende Wolken, wabernde Lohe

WANDERERwälzen sich brennend und prasselnd herab:

WANDERERein Lichtmeer umleuchtet dein Haupt:

Mit wachsender Helle zeigt sich von der Höhe des Felsens her ein wabernder Feuerschein

WANDERERbald frisst und zehrt dich zündendes Feuer.

WANDERERZurück denn, rasendes Kind!

SIEGFRIEDZurück, du Prahler, mit dir!

Er schreitet weiter, der Wanderer stellt sich ihm entgegen

SIEGFRIEDDort, wo die Brünste brennen,

SIEGFRIEDzu Brünnhilde muss ich dahin!

WANDERERFürchtest das Feuer du nicht,

den Speer vorhaltend

WANDERERso sperre mein Speer dir den Weg!

WANDERERNoch hält meine Hand der Herrschaft Haft:

WANDERERdas Schwert, das du schwingst,

WANDERERzerschlug einst dieser Schaft:

WANDERERnoch einmal denn zerspring' es am ew'gen Speer!

Er streckt den Speer vor

das Schwert ziehend

SIEGFRIEDMeines Vaters Feind! Find' ich dich hier?

SIEGFRIEDHerrlich zur Rache geriet mir das!

SIEGFRIEDSchwing' deinen Speer:

SIEGFRIEDin Stücken spalt' ihn mein Schwert!

Er haut dem Wanderer mit einem Schlage den Speer in zwei Stücken; ein Blitzstrahl fährt daraus nach der Felsenhöhe zu, wo von nun an der bisher mattere Schein in immer helleren Feuerflammen zu lodern beginnt. Starker Donner, der schnell sich abschwächt, begleitet den Schlag. Die Speerstücken rollen zu des Wanderers Füssen. Er rafft sie ruhig auf

WANDERER

zurückweichend

Zieh hin! Ich kann dich nicht halten!

Er verschwindet plötzlich in völliger Finsternis

SIEGFRIED

Mit zerfocht'ner Waffe wich mir der Feige?

Die wachsende Helle der immer tiefer sich senkenden Feuerwolken trifft Siegfrieds Blick

Ha! Wonnige Glut! Leuchtender Glanz!

Strahlend nun offen steht mir die Strasse.

Im Feuer mich baden!

Im Feuer zu finden die Braut -

Hoho! Hahei!

Jetzt lock' ich ein liebes Gesell!

Siegfried setzt sein Horn an und stürzt, seine Lockweise blasend, sich in das wogende Feuer, welches sich, von der Höhe herabdringend, nun auch über den Vordergrund ausbreitet. Siegfried, den man bald nicht mehr erblickt, scheint sich nach der Höhe zu entfernen. Hellstes Leuchten der Flammen. Danach beginnt die Glut zu erbleichen und löst sich allmählich in ein immer feineres, wie durch die Morgenröte beleuchtetes Gewölk auf

DRITTE SZENE

Siegfried, Brünnhilde

Das immer zarter gewordene Gewölk hat sich in einen feinen Nebelschleier von rosiger Färbung aufgelöst und zerteilt sich nun in der Weise, dass der Duft sich gänzlich nach oben verzieht und endlich nur noch den heiteren, blauen Tageshimmel erblicken lässt, während am Saume der nun sichtbar werdenden Felsenhöhe - ganz die gleiche Szene wie im dritten Aufzug der "Walküre" - ein morgenrötlicher Nebelschleier haften bleibt, welcher zugleich an die in der Tiefe noch lodernde Zauberlohe erinnert. Die Anordnung der Szene ist durchaus dieselbe wie am Schlusse der "Walküre": im Vordergrunde, unter der breitästigen Tanne, liegt Brünnhilde in vollständiger, glänzender Panzerrüstung, mit dem Helm auf dem Haupte, den langen Schild über sich gedeckt, in tiefem Schlafe

gelangt von aussen her auf den felsigen Saum der Höhe und zeigt sich dort zuerst nur mit dem Oberleibe: so blickt er lange staunend um sich

SIEGFRIEDSelige Öde auf sonniger Höh'!

Er steigt vollends herauf und betrachtet, auf einem Felsensteine des hinteren Abhanges stehend, mit Verwunderung die Szene. Er blickt zur Seite in den Tann und schreitet etwas vor

SIEGFRIEDWas ruht dort schlummernd im schattigen Tann?

SIEGFRIEDEin Ross ist's, rastend in tiefem Schlaf!

Langsam näher kommend, hält er verwundert an, als er noch aus einiger Entfernung Brünnhildes Gestalt wahrnimmt

SIEGFRIEDWas strahlt mir dort entgegen?

SIEGFRIEDWelch glänzendes Stahlgeschmeid?

SIEGFRIEDBlendet mir noch die Lohe den Blick?

Er tritt näher hinzu

SIEGFRIEDHelle Waffen! Heb' ich sie auf?

Er hebt den Schild ab und erblickt Brünnhildes Gestalt, während ihr Gesicht jedoch noch zum grossen Teil vom Helm verdeckt ist

SIEGFRIEDHa! In Waffen ein Mann:

SIEGFRIEDwie mahnt mich wonnig sein Bild!

SIEGFRIEDDas hehre Haupt drückt wohl der Helm?

SIEGFRIEDLeichter würd' ihm, löst' ich den Schmuck.

Vorsichtig löst er den Helm und hebt ihn der Schlafenden vom Haupte ab: langes lockiges Haar bricht hervor. Siegfried erschrickt

SIEGFRIEDAch! Wie schön!

Er bleibt in den Anblick versunken

SIEGFRIEDSchimmernde Wolken säumen in Wellen

SIEGFRIEDden hellen Himmelssee;

SIEGFRIEDleuchtender Sonne lachendes Bild

SIEGFRIEDstrahlt durch das Wogengewölk!

Er neigt sich tiefer zu der Schlafenden hinab

SIEGFRIEDVon schwellendem Atem schwingt sich die Brust:

SIEGFRIEDbrech' ich die engende Brünne?

Er versucht mit grosser Behutsamkeit, die Brünne zu lösen

SIEGFRIEDKomm, mein Schwert, schneide das Eisen!

Er zieht sein Schwert, durchschneidet mit zarter Vorsicht die Panzerringe zu beiden Seiten der ganzen Rüstung und hebt dann die Brünne und die Schienen ab, so dass nun Brünnhilde in einem weichen weiblichen Gewande vor ihm liegt. Er fährt erschreckt und staunend auf

SIEGFRIEDDas ist kein Mann!

Er starrt mit höchster Aufgeregtheit auf die Schlafende hin

SIEGFRIEDBrennender Zauber zückt mir ins Herz;

SIEGFRIEDfeurige Angst fasst meine Augen:

SIEGFRIEDmir schwankt und schwindelt der Sinn!

Er gerät in höchste Beklemmung

SIEGFRIEDWen ruf' ich zum Heil, dass er mir helfe?

SIEGFRIEDMutter! Mutter! Gedenke mein!

Er sinkt, wie ohnmächtig, an Brünnhildes Busen. Langes Schweigen. Dann fährt er seufzend auf

SIEGFRIEDWie weck' ich die Maid,

SIEGFRIEDdass sie ihr Auge mir öffne?

SIEGFRIEDDas Auge mir öffne?

SIEGFRIEDBlende mich auch noch der Blick?

SIEGFRIEDWagt' es mein Trotz?

SIEGFRIEDErtrüg' ich das Licht?

SIEGFRIEDMir schwebt und schwankt

SIEGFRIEDund schwirrt es umher!

SIEGFRIEDSehrendes Sehnen zehrt meine Sinne;

SIEGFRIEDam zagenden Herzen zittert die Hand!

SIEGFRIEDWie ist mir Feigem?

SIEGFRIEDIst dies das Fürchten?

SIEGFRIEDO Mutter! Mutter! Dein mutiges Kind!

SIEGFRIEDIm Schlafe liegt eine Frau:

SIEGFRIEDdie hat ihn das Fürchten gelehrt!

SIEGFRIEDWie end' ich die Furcht?

SIEGFRIEDWie fass' ich Mut?

SIEGFRIEDDass ich selbst erwache,

SIEGFRIEDmuss die Maid mich erwecken!

Indem er sich der Schlafenden von neuem nähert, wird er wieder von zarteren Empfindungen an ihren Anblick gefesselt. Er neigt sich tiefer hinab

SIEGFRIEDSüss erbebt mir ihr blühender Mund.

SIEGFRIEDWie mild erzitternd mich Zagen er reizt!

SIEGFRIEDAch! Dieses Atems wonnig warmes Gedüft!

wie in Verzweiflung

SIEGFRIEDErwache! Erwache! Heiliges Weib!

Er starrt auf sie hin

SIEGFRIEDSie hört mich nicht.

gedehnt mit gepresstem, drängendem Ausdruck

SIEGFRIEDSo saug' ich mir Leben

SIEGFRIEDaus süssesten Lippen,

SIEGFRIEDsollt' ich auch sterbend vergehn!

Er sinkt, wie ersterbend, auf die Schlafende und heftet mit geschlossenen Augen seine Lippen auf ihren Mund. Brünnhilde schlägt die Augen auf. Siegfried fährt auf und bleibt vor ihr stehen. Brünnhilde richtet sich langsam zum Sitze auf. Sie begrüsst mit feierlichen Gebärden der erhobenen Arme ihre Rückkehr zur Wahrnehmung der Erde und des Himmels

BRÜNNHILDEHeil dir, Sonne!

BRÜNNHILDEHeil dir, Licht!

BRÜNNHILDEHeil dir, leuchtender Tag!

BRÜNNHILDELang war mein Schlaf;

BRÜNNHILDEich bin erwacht.

BRÜNNHILDEWer ist der Held, der mich erweckt'?

von ihrem Blicke und ihrer Stimme feierlich ergriffen, steht wie festgebannt

SIEGFRIEDDurch das Feuer drang ich,

SIEGFRIEDdas den Fels umbrann;

SIEGFRIEDich erbrach dir den festen Helm:

SIEGFRIEDSiegfried bin ich, der dich erweckt'.

hoch aufgerichtet sitzend

BRÜNNHILDEHeil euch, Götter!

BRÜNNHILDEHeil dir, Welt!

BRÜNNHILDEHeil dir, prangende Erde!

BRÜNNHILDEZu End' ist nun mein Schlaf;

BRÜNNHILDEerwacht, seh' ich:

BRÜNNHILDESiegfried ist es, der mich erweckt!

in erhabenste Verzückung ausbrechend

SIEGFRIEDO Heil der Mutter, die mich gebar;

SIEGFRIEDHeil der Erde, die mich genährt!

SIEGFRIEDDass ich das Aug' erschaut,

SIEGFRIEDdas jetzt mir Seligem lacht!

mit grösster Bewegtheit

BRÜNNHILDEO Heil der Mutter, die dich gebar!

BRÜNNHILDEHeil der Erde, die dich genährt!

BRÜNNHILDENur dein Blick durfte mich schau'n,

BRÜNNHILDEerwachen durft' ich nur dir!

Beide bleiben voll strahlenden Entzückens in ihren gegenseitigen Anblick verloren

BRÜNNHILDEO Siegfried! Siegfried! Seliger Held!

BRÜNNHILDEDu Wecker des Lebens, siegendes Licht!

BRÜNNHILDEO wüsstest du, Lust der Welt,

BRÜNNHILDEwie ich dich je geliebt!

BRÜNNHILDEDu warst mein Sinnen,

BRÜNNHILDEmein Sorgen du!

BRÜNNHILDEDich Zarten nährt' ich,

BRÜNNHILDEnoch eh' du gezeugt;

BRÜNNHILDEnoch eh' du geboren,

BRÜNNHILDEbarg dich mein Schild:

BRÜNNHILDEso lang' lieb' ich dich, Siegfried!

leise und schüchtern

SIEGFRIEDSo starb nicht meine Mutter?

SIEGFRIEDSchlief die minnige nur?

lächelnd, freundlich die Hand nach ihm ausstreckend

BRÜNNHILDEDu wonniges Kind!

BRÜNNHILDEDeine Mutter kehrt dir nicht wieder.

BRÜNNHILDEDu selbst bin ich,

BRÜNNHILDEwenn du mich Selige liebst.

BRÜNNHILDEWas du nicht weisst,

BRÜNNHILDEweiss ich für dich;

BRÜNNHILDEdoch wissend bin ich

BRÜNNHILDEnur - weil ich dich liebe!

BRÜNNHILDEO Siegfried! Siegfried! Siegendes Licht!

BRÜNNHILDEDich liebt' ich immer;

BRÜNNHILDEdenn mir allein erdünkte Wotans Gedanke.

BRÜNNHILDEDer Gedanke, den ich nie nennen durfte;

BRÜNNHILDEden ich nicht dachte, sondern nur fühlte;

BRÜNNHILDEfür den ich focht, kämpfte und stritt;

BRÜNNHILDEfür den ich trotzte dem, der ihn dachte;

BRÜNNHILDEfür den ich büsste, Strafe mich band,

BRÜNNHILDEweil ich nicht ihn dachte und nur empfand!

BRÜNNHILDEDenn der Gedanke - dürftest du's lösen! -

BRÜNNHILDEmir war er nur Liebe zu dir!

SIEGFRIEDWie Wunder tönt, was wonnig du singst;

SIEGFRIEDdoch dunkel dünkt mich der Sinn.

SIEGFRIEDDeines Auges Leuchten seh' ich licht;

SIEGFRIEDdeines Atems Wehen fühl' ich warm;

SIEGFRIEDdeiner Stimme Singen hör' ich süss:

SIEGFRIEDdoch was du singend mir sagst,

SIEGFRIEDstaunend versteh' ich's nicht.

SIEGFRIEDNicht kann ich das Ferne sinnig erfassen,

SIEGFRIEDwenn alle Sinne dich nur sehen und fühlen!

SIEGFRIEDMit banger Furcht fesselst du mich:

SIEGFRIEDdu Einz'ge hast ihre Angst mich gelehrt.

SIEGFRIEDDen du gebunden in mächtigen Banden,

SIEGFRIEDbirg meinen Mut mir nicht mehr!

Er verweilt in grosser Aufregung, sehnsuchtsvollen Blick auf sie heftend

wendet sanft das Haupt zur Seite und richtet ihren Blick nach dem Tann

BRÜNNHILDEDort seh' ich Grane,

BRÜNNHILDEmein selig Ross:

BRÜNNHILDEwie weidet er munter,

BRÜNNHILDEder mit mir schlief!

BRÜNNHILDEMit mir hat ihn Siegfried erweckt.

in der vorigen Stellung verbleibend

SIEGFRIEDAuf wonnigem Munde weidet mein Auge:

SIEGFRIEDin brünstigem Durst doch brennen die Lippen,

SIEGFRIEDdass der Augen Weide sie labe!

deutet ihm mit der Hand nach ihren Waffen, die sie gewahrt

BRÜNNHILDEDort seh' ich den Schild,

BRÜNNHILDEder Helden schirmte;

BRÜNNHILDEdort seh' ich den Helm,

BRÜNNHILDEder das Haupt mir barg:

BRÜNNHILDEer schirmt, er birgt mich nicht mehr!

SIEGFRIEDEine selige Maid versehrte mein Herz;

SIEGFRIEDWunden dem Haupte schlug mir ein Weib:

SIEGFRIEDich kam ohne Schild und Helm!

mit gesteigertem Wehmut

BRÜNNHILDEIch sehe der Brünne prangenden Stahl:

BRÜNNHILDEein scharfes Schwert schnitt sie entzwei;

BRÜNNHILDEvon dem maidlichen Leibe löst' es die Wehr:

BRÜNNHILDEich bin ohne Schutz und Schirm,

BRÜNNHILDEohne Trutz ein trauriges Weib!

SIEGFRIEDDurch brennendes Feuer fuhr ich zu dir!

SIEGFRIEDNicht Brünne noch Panzer barg meinen Leib:

SIEGFRIEDnun brach die Lohe mir in die Brust.

SIEGFRIEDEs braust mein Blut in blühender Brunst;

SIEGFRIEDein zehrendes Feuer ist mir entzündet:

SIEGFRIEDdie Glut, die Brünnhilds Felsen umbrann,

SIEGFRIEDdie brennt mir nun in der Brust!

SIEGFRIEDO Weib, jetzt lösche den Brand!

SIEGFRIEDSchweige die schäumende Glut!

Er hat sie heftig umfasst: sie springt auf, wehrt ihm mit der höchsten Kraft der Angst, und entflieht nach der anderen Seite

BRÜNNHILDEKein Gott nahte mir je!

BRÜNNHILDEDer Jungfrau neigten scheu sich die Helden:

BRÜNNHILDEheilig schied sie aus Walhall!

BRÜNNHILDEWehe! Wehe!

BRÜNNHILDEWehe der Schmach, der schmählichen Not!

BRÜNNHILDEVerwundet hat mich, der mich erweckt!

BRÜNNHILDEEr erbrach mir Brünne und Helm:

BRÜNNHILDEBrünnhilde bin ich nicht mehr!

SIEGFRIEDNoch bist du mir die träumende Maid:

SIEGFRIEDBrünnhildes Schlaf brach ich noch nicht.

SIEGFRIEDErwache, sei mir ein Weib!

in Betäubung

BRÜNNHILDEMir schwirren die Sinne,

BRÜNNHILDEmein Wissen schweigt:

BRÜNNHILDEsoll mir die Weisheit schwinden?

SIEGFRIEDSangst du mir nicht,

SIEGFRIEDdein Wissen sei

SIEGFRIEDdas Leuchten der Liebe zu mir?

vor sich hinstarrend

BRÜNNHILDETrauriges Dunkel trübt meinen Blick;

BRÜNNHILDEmein Auge dämmert, das Licht verlischt:

BRÜNNHILDENacht wird's um mich.

BRÜNNHILDEAus Nebel und Grau'n

BRÜNNHILDEwindet sich wütend ein Angstgewirr:

BRÜNNHILDESchrecken schreitet und bäumt sich empor!

Sie birgt heftig die Augen mit beiden Händen

indem er ihr sanft die Hände von den Augen löst

SIEGFRIEDNacht umfängt gebund'ne Augen.

SIEGFRIEDMit den Fesseln schwindet das finstre Grau'n.

SIEGFRIEDTauch' aus dem Dunkel und sieh:

SIEGFRIEDsonnenhell leuchtet der Tag!

in höchster Ergriffenheit

BRÜNNHILDESonnenhell leuchtet der Tag meiner Schmach!

BRÜNNHILDEO Siegfried! Siegfried!

BRÜNNHILDESieh' meine Angst!

Ihre Miene verrät, dass ihr ein anmutiges Bild vor die Seele tritt, von welchem ab sie den Blick mit Sanftmut wieder auf Siegfried richtet

BRÜNNHILDEEwig war ich, ewig bin ich,

BRÜNNHILDEewig in süss sehnender Wonne,

BRÜNNHILDEdoch ewig zu deinem Heil!

BRÜNNHILDEO Siegfried! Herrlicher! Hort der Welt!

BRÜNNHILDELeben der Erde! Lachender Held!

BRÜNNHILDELass, ach lass, lasse von mir!

BRÜNNHILDENahe mir nicht mit der wütenden Nähe!

BRÜNNHILDEZwinge mich nicht

BRÜNNHILDEmit dem brechenden Zwang,

BRÜNNHILDEzertrümmre die Traute dir nicht!

BRÜNNHILDESahst du dein Bild im klaren Bach?

BRÜNNHILDEHat es dich Frohen erfreut?

BRÜNNHILDERührtest zur Woge das Wasser du auf,

BRÜNNHILDEzerflösse die klare Fläche des Bachs:

BRÜNNHILDEdein Bild sähst du nicht mehr,

BRÜNNHILDEnur der Welle schwankend Gewog'!

BRÜNNHILDESo berühre mich nicht,

BRÜNNHILDEtrübe mich nicht!

BRÜNNHILDEEwig licht lachst du selig dann

BRÜNNHILDEaus mir dir entgegen,

BRÜNNHILDEfroh und heiter ein Held!

BRÜNNHILDEO Siegfried! Leuchtender Spross!

BRÜNNHILDELiebe dich und lasse von mir:

BRÜNNHILDEvernichte dein Eigen nicht!

SIEGFRIEDDich lieb' ich: o liebtest mich du!

SIEGFRIEDNicht hab' ich mehr mich:

SIEGFRIEDo, hätte ich dich!

SIEGFRIEDEin herrlich Gewässer wogt vor mir;

SIEGFRIEDmit allen Sinnen seh' ich nur sie,

SIEGFRIEDdie wonnig wogende Welle.

SIEGFRIEDBrach sie mein Bild, so brenn' ich nun selbst,

SIEGFRIEDsengende Glut in der Flut zu kühlen;

SIEGFRIEDich selbst, wie ich bin,

SIEGFRIEDspring' in den Bach:

SIEGFRIEDo, dass seine Wogen mich selig verschlängen,

SIEGFRIEDmein Sehnen schwänd' in der Flut!

SIEGFRIEDErwache, Brünnhilde!

SIEGFRIEDWache, du Maid!

SIEGFRIEDLache und lebe, süsseste Lust!

SIEGFRIEDSei mein! Sei mein! Sei mein!

sehr innig

BRÜNNHILDEO Siegfried! Dein war ich von je!

feurig

SIEGFRIEDWarst du's von je, so sei es jetzt!

BRÜNNHILDEDein werd' ich ewig sein!

SIEGFRIEDWas du sein wirst, sei es mir heut'!

SIEGFRIEDFasst dich mein Arm,

SIEGFRIEDumschling' ich dich fest;

SIEGFRIEDschlägt meine Brust

SIEGFRIEDbrünstig die deine;

SIEGFRIEDzünden die Blicke,

SIEGFRIEDzehren die Atem sich;

SIEGFRIEDAug' in Auge, Mund an Mund:

SIEGFRIEDdann bist du mir,

SIEGFRIEDwas bang du mir warst und wirst!

SIEGFRIEDDann brach sich die brennende Sorge,

SIEGFRIEDob jetzt Brünnhilde mein?

Er hat sie umfasst

BRÜNNHILDEOb jetzt ich dein?

BRÜNNHILDEGöttliche Ruhe rast mir in Wogen;

BRÜNNHILDEkeuschestes Licht lodert in Gluten:

BRÜNNHILDEhimmlisches Wissen stürmt mir dahin,

BRÜNNHILDEJauchzen der Liebe jagt es davon!

BRÜNNHILDEOb jetzt ich dein?

BRÜNNHILDESiegfried! Siegfried!

BRÜNNHILDESiehst du mich nicht?

BRÜNNHILDEWie mein Blick dich verzehrt,

BRÜNNHILDEerblindest du nicht?

BRÜNNHILDEWie mein Arm dich presst,

BRÜNNHILDEentbrennst du mir nicht?

BRÜNNHILDEWie in Strömen mein Blut entgegen dir stürmt,

BRÜNNHILDEdas wilde Feuer, fühlst du es nicht?

BRÜNNHILDEFürchtest du, Siegfried,

BRÜNNHILDEfürchtest du nicht das wild wütende Weib?

Sie umfasst ihn heftig

in freudigem Schreck

SIEGFRIEDHa! Wie des Blutes Ströme sich zünden,

SIEGFRIEDwie der Blicke Strahlen sich zehren,

SIEGFRIEDWie die Arme brünstig sich pressen, -

SIEGFRIEDkehrt mir zurück mein kühner Mut,

SIEGFRIEDund das Fürchten, ach!

SIEGFRIEDDas ich nie gelernt,

SIEGFRIEDdas Fürchten, das du mich kaum gelehrt:

SIEGFRIEDdas Fürchten, - mich dünkt -

SIEGFRIEDich Dummer vergass es nun ganz!

Er hat bei den letzten Worten Brünnhilde unwillkürlich losgelassen

im höchsten Liebesjubel wild auflachend

BRÜNNHILDEO kindischer Held!

BRÜNNHILDEO herrlicher Knabe!

BRÜNNHILDEDu hehrster Taten töriger Hort!

BRÜNNHILDELachend muss ich dich lieben,

BRÜNNHILDElachend will ich erblinden,

BRÜNNHILDElachend zugrunde gehn!

BRÜNNHILDEFahr' hin, Walhalls leuchtende Welt!

BRÜNNHILDEZerfall in Staub deine stolze Burg!

BRÜNNHILDELeb' wohl, prangende Götterpracht!

BRÜNNHILDEEnd' in Wonne, du ewig Geschlecht!

BRÜNNHILDEZerreisst, ihr Nornen, das Runenseil!

BRÜNNHILDEGötterdämm'rung, dunkle herauf!

BRÜNNHILDENacht der Vernichtung, neble herein!

BRÜNNHILDEMir strahlt zur Stunde Siegfrieds Stern;

BRÜNNHILDEer ist mir ewig, ist mir immer,

BRÜNNHILDEErb' und Eigen, ein' und all':

BRÜNNHILDEleuchtende Liebe, lachender Tod!

SIEGFRIEDLachend erwachst du Wonnige mir:

SIEGFRIEDBrünnhilde lebt, Brünnhilde lacht!

SIEGFRIEDHeil dem Tage, der uns umleuchtet!

SIEGFRIEDHeil der Sonne, die uns bescheint!

SIEGFRIEDHeil der Welt, der Brünnhilde lebt!

SIEGFRIEDSie wacht, sie lebt,

sie lacht mir entgegen.

SIEGFRIEDPrangend strahlt mir Brünnhildes Stern!

SIEGFRIEDSie ist mir ewig, ist mir immer,

SIEGFRIEDErb' und Eigen, ein' und all':

SIEGFRIEDleuchtende Liebe, lachender Tod!

Brünnhilde stürzt sich in Siegfrieds Arme. Der Vorhang fällt