Wenn die Klänge nahn und fliehen

Brahms, Johannes

Wenn die Klänge nahn und fliehen

In den Wogen süßer Lust,

Ach! nach tiefern Melodien

Sehnt sich einsam oft die Brust.

Wenn auf Bergen blüht die Frühe,

Wieder buntbewegt die Straßen,

Freut sich alles, wie es glühe,

Himmelwärts die Erde blühe:

Einer doch muß tief erblassen,

Goldne Träume, Sternenlust

Wollten ewig ihn nicht lassen -

Sehnt sich einsam oft die Brust.

Und aus solcher Schmerzen Schwellen,

Was so lange dürstend rang,

Will ans Licht nun rastlos quellen,

Stürzend mit den Wasserfällen,

Himmelstäubend, jubelnd, bang,

Nach der Ferne sanft zu ziehen,

Wo so himmlisch Rufen sang,

Ach! nach tiefern Melodien.

Blüten licht nun Blüten drängen,

Daß er möcht vor Glanz erblinden;

In den dunklen Zaubergängen,

Von den eigenen Gesängen

Hold gelockt, kann er nicht finden

Aus dem Labyrinth der Brust.

Alles, alles will's verkünden

In den Wogen süßer Lust.

Doch durch dieses Rauschen wieder

Hört er heimlich Stimmen ziehen,

Wie ein Fall verlorner Lieder

Und er schaut betroffen nieder:

"Wenn die Klänge nahn und fliehen

In den Wogen süßer Lust,

Ach! nach tiefern Melodien

Sehnt sich einsam oft die Brust!"