An Fürstin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe

C. Ansink

An Fürstin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe

Venedig, San Vio, Palazzo Valmarana,

am dritten August neunzehnhundertzwölf

Liebe gute Fürstin,

ich muss Ihnen erzählen, neulich hatt' ich einen Brief von einem mir

unbekannten jungen Menschen aus dem Sächsischen, der mir eine Menge

Détails über meine Familie schreibt, und der die Gegenden gut kennt,

in denen die einstigen Besitzungen meiner Vorfahren sich ausbreiten;

diese Güter reichen weit in die Bergwerksgebiete von Freiberg hinein,

und in der Tat waren die Rilkes unter den ersten, die die Bleigruben

ausbeuteten. Toledo, Hôtel de Castilla, Sonntag, neunzehnhundertzwölf

...wir sind einer recht aufdringlicher Kälte in die Hände gefall'n und

es gibt nichts, was auf mich mehr wie Schicksal wirkt, als dieses

penetrante Frieren, das mich nicht anders wehrlos findet als irgend

einen jungen Hund, von dem noch nicht einmal recht entschieden ist,

wie er heisst.

Hotel Reina Victoria, Ronda,

Spanien am siebzehnten Dezember neun- zehnhundertzwolf

es ist mein Los, gleichsam, am Menschlichen vorbei, ans Äuserste zu

kommen, an den Rand der Erde, wie neulich in Cordoba, wo eine kleine

hässliche Hündin, im höchsten Grade vormutterschaftlich, zu mir kam,

so schwer es ihr fiel, und ihre von Sorge und Innerlichkeit

vergrösserten Augen aufhob und meinen Blick begehrte, und in dem ihren

war wahrhaftig alles, was über den Einzelnen hinausgeht, in die

Zukunft oder ins Unbegreifliche; der Sinn und Ernst und unsere ganze

Verständigung war grenzenlos.

Le Prieuré d'Etoy, Canton de Vaud (Suisse), Sonntag,

am zweiundzwanzigten Mai neunzehnhunderteinundzwanzig

Danke für Ihre gütigen Auskünfte über das kleine Haus bei Padua; nein,

das wird doch wohl nicht das sein was ich brauche: Sie haben recht,

meine Bedürfnisse sind nicht zahlreich, aber siebenundhalb, die übrig

bleiben müssen dann auch so einfach sie scheinen, mit peinlicher

Präzision erfüllt sein, wenn es mir wirklich fruchtbar werden soll,

das Ganze; das sah ich wieder in Berg, wie es da ganz Genauigkeit

ankommt, um des inneren Gleichgewichts willen…

Hôtel Chateau Bellevue, Sierre (Valais), am fünfundzwantigsten Juli,

neunzehnhunderteinundzwanzig

Dieses alte Manoir, ein Turm, dessen Gemäuer bis ins dreizehnte

Jahrhundert zurückreicht, dessen Balkendecken und teilweise auch

Einrichtungsgegenstände aus dem siebzehnten stammen, war zu verkaufen

oder vernieten. Zu einem sehr billigen Preis, aber doch weit über die

Möglichkeiten hinaus, die ich in Schweizer Franken realisieren könnte.

Da hat nun vor'ge Woche einer meiner Freunde, der dieses sogenannte

Château de Muzot längst kannte, das Haus gemietet, um es mir zur

Verfügung zu stellen! Ihnen, gütigste Fürstin, tägliches herzliches

Gedanken

Ihr D.S.