Die Erscheinung

C. von Seckendorff

An des Baches lieblicher Quelle

Saß ich im stillen Abendschein,

Schaute in die fliehende Welle,

Sehnsuchtsvoll in die Fluth hinein;

Aber es schwanden die Wellen dem Blick,

Und nur die Sehnsucht blieb mir zurück.

Philomele's klagende Lieder

Tönten im nutzen Birkenhain;

Tief im Busen hallten sie wieder

Denn, ach! ich fühlte mich allein;

Und es stillte der süße Gesang

Nicht das Gefühl, das die Seele durchdrang.

Heimwärts sprang die muntere Heerde,

Als fern die Abendglocke rief;

Silbersterne begrüßten die Erde,

Alles in süßer Ruhe entschlief.

Aber mein Auge begrüßte kein Stern,

Und mir allein blieb die Ruhe fern.

Da entstieg voll göttlicher Milde

Eine Gestalt den himmlischen Höhn.

Süßen Duft aus Edens Gefilde

Fühlt' ich leise mein Haupt umwehn:

Und als die Hand sie mir liebend gereicht,

Ward es dem sehnenden Herzen so leicht!

"Suche" -- so sprach sie -- "Ruh' und Frieden

Nicht in dem bunten Weltgewühl!

Was ein Gott dir liebend beschieden,

Trägst du im Herzen voll Gefühl.

Suche des Himmels entzückende Lust,

Suche sie nur in der eigenen Brust!"