Die Nachtigall
C. von Seckendorff
Holde Sängerin der Haine!
Wonne trinket die Natur;
Flötest du im Strauß der Zäune
Blüthbeschnei'ter Lenzesflur.
Deine Kehle thaut Entzücken
In die tief beklommne Brust,
Und es strahlt in Engelblicken
Mir die lang entbehrte Lust.
Dein Geflatter, sangbegleitet,
Weht, wie Säuseln aus der Gruft;
Dein Gefieder, ausgebreitet,
Wallt, gleich Westen, durch die Luft.
Wie die Weihrauchwolken qualmen;
Wie an Gottes Sternenthron
Der Seraphen Lieder psalmen,
Wogt dein himmelvoller Ton.
Nur am
Tage
schwirrt der Finken
Jubelvoller Schwarm empor:
Nur der
Sonne
heiterm Blinken
Rauscht der Lerchen froher Chor.
Doch wenn
Hespers
Fackel glimmet,
Schweigt die stolze Melodie:
Wenn der
Mond
in Wolken schwimmet,
Weckst
du
die Melancholie.
Alles flieht die stillen Hügel,
Wo
Vergißmeinnicht
entblüh'n;
Du
nur senkst die sanften Flügel,
Wenn die lieben
Sternlein
zieh'n.
Gerne schwebst du um die Schatten,
Die im Windeslispeln geh'n,
Wo sich Tod und Leben gatten,
Wo die Roßmarine steh'n!