Aurora

E. Breslaur

Schon glüht der erste Purpuraum

im Ost der Tag kehrt wieder,

der Vögel Chor in Strauch und Baum

singt frohe Morgenlieder.

Ein neues Leben ist erwacht,

und die Natur in gold'ner Pracht

kredenzt den Freudenbecher.

Lang' lag sie an der Brust der Nacht

im Schlummertraum befangen,

und in Vergessens milder Macht

lag Sehnen und Verlangen.

Doch heilig ist der Quell des Lichts,

und sieh zurück: Zum ew'gen Nichts

bebt hin der Nacht Gewoge.

Schon höher flammt der Rosenschein

auf lichten Wolkenflören;

der Ton, der einsam klang im Hain,

lässt tausendfach sich hören.

Nun singt und klingt es immerdar,

und alles scheint so froh und klar

den Augen wie dem Herzen.

Noch eine kleinste Spanne Zeit!

Auroras Rosenfinger,

sie strecken aus ihr Szepter weit,

des Dämmerlichts Bezwinger.

Wie herrlich! Doch bald bleichst du hin,

o Morgenrot, der Königin

des Tages neidlos weichend.

Du weichst und bleibst, dem gold'nen Tag

ans Strahlenherz geschlossen,

zur Seligkeit, die nimmer mag

dem Irdischen entsprossen

als ihrer Strahlen Künderin

hält dich des Tages Königin

zurück am Quell des Lichtes.

O Morgenwacht am Strom der Zeit,

der Wahrheit Morgengrauen,

o Jugendtraum, du bist geweiht,

des Lebens Glanz zu schauen.

Und wer dich träumt so wunderhold,

der möchte kaum beim Morgengold

erwachen mit der Sonne.