Das wandernde Glöckchen
F. Lachner
Schon waren vom Baume die Blätter gesunken,
die Nordwinde hauchten den Reif auf die Flur;
verlöschend des Lebens erwärmenden Funken,
umarmte der Spätherbst die starre Natur.
Die Sonne war längst schon vom Himmel gewichen,
es brannte der Kerzen erhellendes Licht,
die ruhigen Räume des Hauses durchschlichen
die nächtlichen Schatten mit blassem Gesicht.
Da kam aus der Ferne ein Glöcklein gezogen
behutsam mit ängstlichen Klängen heran,
die Wehmut und düstere Anmut umflogen
das wandernde Glöcklein und schlugen daran.
Und immer zog's näher und näher dem Ohre,
bis dass es im Zimmer ganz deutlich erklingt,
als hätte geläutet die Klingel am Tore,
obschon sich der Klöppel nicht reget noch schwingt.
Seitdem ist der Winter vorübergegangen,
doch trüber und ernster wie dieses Mal nie;
des Lenzes belebende Kräfte durchdrangen
aufs Neue die Knospen und öffneten sie.
Da schallet das Glöcklein im Trauergeläute
vom Turme und ruft meine Tochter ins Grab;
das raubt mir die Ruhe, das Glück und die Freude,
das bricht meinem blutenden Herzen den Stab.