Der Kaisergräber

F. Silcher

Was wecken sie den Abt von Lorch?

"Nach deiner Kirche geh' und horch:

Es klingt heraus wie Todtenlieder,

Und Flammen steigen auf und nieder,

Erhellen in der Mitternacht

Der Bogenfenster Farbenpracht."

Er lauscht, er betet still, er bebt,

Denn zu des Altars Stufen schwebt

Ein bleicher Jüngling, blutumfangen,

Der seufzet aus im Todesbangen;

Im Chor der Mönche Geisterkreis

Beklaget ihn so tief und heiß. --

Er ruft: "Ihr Väter, kommt herauf

Und nehmet euren Letzten auf! "

Da rauscht und klirrt es in den Grüften,

Die ihre Wappensteine lüften.

Gekrönte Häupter sehn heraus:

"Was willst du schon im Moderhaus?"

"Sie haben mich verscharrt in Schmach,

Da warf ihr Hohn mein Haupt mir nach.

Ob ich mich muthig ließ erschlagen,

Der Schande Grab kann ich nicht tragen.

Ich will mein königliches Grab --

Und deutsche Treu' will mit hinab."

Und aus des Sarkophages Nacht

Der Staufen Stammherr auferwacht.

Er öffnet weit die Vaterarme

Dem letzten Sohn in stillem Harme,

Der eilet weinend auf ihn zu,

Zu theilen seine Heldenruh.

Und tiefes Weh zum Himmel ruft;

Dann schließt sich schweigend jede Gruft,

Und neigt der Abt am Hochaltare

Den Leib des Herrn zur Heldenbahre,

Und bringt der Mönche Geisterton

Das Requiem der letzten Sohn.