Einst und jetzt

F. Silcher

Meiner Heimath Berge dunkeln,

Fluthend in der Wälder Grün,

Und gleich Heldenaugen funkeln

Sterne die darüber glühn.

Dämmernd Licht umfließt die Wipfel,

Wo das hehre Schweigen thront;

Hohenstaufens schlanken Gipfel

Krönt, ein Geisterfürst, der Mond.

Hohenstaufen, sel'ge Sterne!

Beide Friedrich, Konradin!

Schaut ihr aus verhüllter Ferne

Jetzt nach eurer Wiege hin?

Schweb' herab aus ihrer Wolke,

Liederfrühling! Waffenklang!

Über dem verwaisten Volke

Tönt erweckender Gesang!

Kühner Rothbart! nicht gestorben

Bist ja du, du schlummerst nur,

Wo um Heil das Schwert geworben,

Suchen des Erlösers Spur;

Aber in der Zauberhöhle

Hält die harter Schlaf gebannt;

Wann erwachst du, Heldenseele,

Fliegst, ein Sturm, verjüngt durch's Land?

Kaiser Karl! von dem sie sagen,

Daß noch oft dein Banner rauscht,

Wenn du fliegst im Wolkenwagen

Und dein Volk dem Siegsruf lauscht,

Wo bist du? Den Ruf zum Siegen

Freilich hört kein Deutscher mehr,

Und der Glaube ward zur Lüge,

Harrt umsonst der Wiederkehr.

Und du, heiligster der Schatten,

Herrmann! der als Opfer fiel,

Deutschlands sterbendes Ermatten

Treibt dich's nicht vom blut'gen Pfühl?

Sagt man doch, Erschlagne kehren

Wieder, bis ihr Geist versöhnt; --

Kannst du rufen, statt zu wehren,

Wo man deinen Schatten höhnt?

Doch die Helden sind geschieden,

Die Vergangenheit ist todt!

Seele, von des Grabes Frieden

Wende dich zum Morgenroth,

Gleich dem Aar, der einst entflogen

Staufens Nachbar und im Flug

Zollerns Ruhm bis an die Wogen

Des entlegnen Ostmeers trug.

Adler Friederichs des Großen!

Gleich der Sonne decke du

Die Verlass'nen, Heimathlosen,

Mit der goldne Schwinge zu!

Und mit mächt'gem Flügelschlage

Triff die Eulen, Raab' und Weih!

Stets empor zum neuen Tage,

Sonnenauge, kühn und frei!