Im Gebirge

G. Rauchenecker

Im Dämmerschein ruh'n Berg und Klüfte,

taufrische Kühle weht durchs Land,

da streckt durch leichte Nebeldüfte

der Morgen aus die ros'ge Hand.

Der Adler aus dem stillen Forste,

dem hoch das Herz vor Freiheit schlägt,

nimmt seinen Flug vom Felsenhorste,

der auf ihn zu der Sonne trägt.

Da geht ein Rauschen durch die Bäume,

die Gipfel schmücken sich mit Gold,

die Vögel schütteln ab die Träume

und zwitschern Lieder süß und hold.

„Wacht auf, wacht auf!“ klingt's allenthalben,

„Wacht auf, die dunkle Nacht entschwand!“

Die Lerchen und die blauen Schwalben

verkünden's schon dem weiten Land.

Doch über all der Jubelweise,

die auf bis zu den Wolken steigt,

zieht stolz der Adler seine Kreise

in Himmelshöhen ernst und schweigt.