Phantasie
J. La Trobe
Was schwelgt im Jubellied der Saiten,
was überfliegt vergang'ne Zeiten
im Wechselsturm der Harmonie?
Der Nachklang aus verwelkten Tagen,
die uns ins bess're Land getragen,
heißt Phantasie!
Und was der Dichter still gegeben,
wer zauberte sein Lied ins Leben,
wer schenkt den Worten Melodie?
Das nie Belebte wie das Tote,
es atmet doch im Morgenrote
der Phantasie!
Wo sich die Muse Tempel baute,
ist sie die einzige Vertraute,
verlischt die heil'ge Flamme nie.
Es herrscht im Schmerz von Melpomenen
wie in Thaliens heiter'n Tönen
nur Phantasie!
Was wär' der Jugend Frühlingsfülle,
was wär' des Herbstes reife Stille,
was Kunst und Leben ohne sie?
Hoch in des Glaubens Lichtgestalten,
und wo der Liebe Zauber walten,
blüht Phantasie!
Am schönsten reift das Kind der Musen
in edler Frauen edlem Busen,
im Sonnenstrahl der Poesie.
Der Frauen zart besaitet' Leben,
ihr Lieben, Glauben, Hoffen, Streben
ist Phantasie!
Und deine Lippe durft' es sagen,
dich hätte nie ihr Flug getragen,
ihr Zaubergeist ergriff dich nie?
Kann sich der Mai vom Frühling trennen? -
Dein Liebling will dich nicht erkennen,
o weine, Phantasie!
Der Augen seelenvolle Klarheit,
der Worte frühlingsheit're Wahrheit,
des ganzen Wesens Harmonie,
das Seraphs-Lied in deinen Tönen!
Wo fehlt' in diesem Kreis des Schönen
je Phantasie?
Und steh' ich dir so gegenüber,
mit Liebesfülle weht's herüber,
und jedes Wort wird Melodie,
und in des Lebens finst're Schranke
tritt wunderhell der Traumgedanke
der Phantasie!