Die Menschenalter

M. von Dietrichstein

An unsrer Wiege grüssen uns die Horen,

den Säugling küsst des Morgens Rosenlicht.

Und weinend grüsst sein erster Blick Auroren,

Er fühlt des Daseins schöne Stunden nicht.

Der Knabe jagt, gleich losgelassnen Winden

Dem Schmetterling, wie einst dem Glücke nach,

Das Mitleid lehrt ihn denken und empfinden,

Sein Herz ist, wie sein Wille, weich und schwach.

Dies weiche Herz, für jeden Eindruck offen,

wird von des Jünglings Tränen angeklagt.

Er lernt den Trost, zu weinen und zu hoffen,

Doch fühlt er schon, wieviel das Glück versagt.

So schwankend, wie der Kahn im Ocean

Wankt er am Arm des Zufalls ungewiss.

Im Hauch der Zeit entflattern seine Pläne

Der kalt und rauh die Täuschung ihm entriss.

Der Mann tritt in des Lebens heisse Zone,

Hier welkt der Blüthenkranz der Fantasie.

Er pflückt den Lorbeerfür der Weisheit Krone,

und hascht das Schattenbild der Wahrheit nie.

Er bindet der Erkenntnis reiche Gaben,

Des kurzen Tages dürftigen Gewinn,

Doch streut der Abend seine blassen Farben

Schon auf des Sammlers goldne Ernte hin.

Gleich Bienen die im Blumenkelch sich wiegen,

wankt hier der Greis, vom Hauch der Nacht berührt;

Ihn führt der Tod, wo Frühgefallne liegen

Wie Blumen, die der Abendwind entführt.

Und spielt im hohen Gras, im nächsten Lenze,

um der Geschiednen Grab der Abendwind,

Oh, so verweht er ihre Totenkränze

Und niemand weis, wo sie begraben sind.