Vergangenheit

M. von Dietrichstein

Das Herz entflieht dem Sturm der Zeit,

Der auch die Flügel dehnt,

Und lebt, wo die Vergangenheit,

vom Lächeln und vom Gram geweiht,

Sich still an Gräber lehnt.

Der Knospe Schatten deckt den Raum

wo mich das Leben fand,

Wo rauschend, wie der Woge Schaum,

Der Kindheit Bild, des Knaben Traum

Dem Glücklichen entschwand.

Ein Kranz verwelkter Rosen deckt

Das freundliche Gebiet,

Wo, von der Nachtigall geweckt,

Die erste Liebe träumt und neckt

Und Träumen gleich entflieht.

Das Immergrün der Freundschaft kränzt

Dort unverwelkt ein Grab;

Die Lücke sieht noch unergänzt

Durch die der Reiz des Himmels glänzt,

den sie dem Leben gab.

Und Grab an Grab gelehnt, verhüllt

Der Träume Feenland,

Wo einst das Sehnen ungestillt

Der Wunsch, erfüllt und unerfüllt,

Und Wahn und Gram entstand.

Des Lebens trübe Woge schäumt

Jetzt brausend um mich her;

Was ich geliebt, gehofft, geträumt,

Die Aussaat meiner Wünsche keimt

Im kalten Herbst nicht mehr.

Entflohnes Bild von Freud' und Glück,

Sei weinend mir gegrüsst!

Dich ruft der Mensch umsonst zurück,

Bis trübe sich der müde Blick

Zum Wiedersehen schliesst.