Des Kaisers Urteil
M. von Kralik
Jubel wogt in deinen Gassen,
Wien, die kaum die Menge fassen,
denn es kehret heut' zu dir
wiederum ein Türkensieger:
Prinz Eugen, der edle Krieger,
Österreiches Ruhm und Zier.
In die Burg des Kaisers reitet
er, von Jubelruf geleitet,
tritt vor seinen Herren hin.
Aber der, im Kreis der weisen
Räte hoch und höchst zu preisen,
spricht ihn an mit strengem Sinn:
„Prinz Eugen, du edler Ritter,
wohl in Schlachtenungewitter
hast du dich als Held gezeigt.
Doch ich kann dir nicht verhehlen
meinen Zorn. Denn den Befehlen
hast du stolz dich nicht geneigt.
Sage mir, was ist geschehen
mit dem Brief, den ich ergehen
ließ an dich gar wohl bedacht?
Meines Hofes Kriegsrat warnte
dich vorm Feind, der dich umgarnte,
und verbot dir jede Schlacht.
Wohl zur rechten Zeit gekommen
ist der Brief, wie wir vernommen,
eh' der Kampf noch war erweckt
dort bei Zentha. Unerbrochen
hast du, wie mir ward gesprochen,
in die Tasche ihn gesteckt.
Und mein Wort beiseit' zu schieben,
nicht zu achten, was wir schrieben,
das ist wahrlich Hochverrat!
D'rum, ob auch das Glück, das blinde,
dir geneigt war und gelinde,
Strafe fordert solche Tat.
Meines Hofes Kriegsrat schöpfet
diesen Spruch: Es sei geköpfet
solcher Frevler mit dem Schwert!
Will das Urteil selbst vollziehen.
Schweig! Nichts hilft es dir, zu knien!
Jedes Wort ist dir verwehrt!
Nimm dies Schwert! Mit Gold und Steinen
ist's besetzt, wie mir's will scheinen,
dass es deinem Ruhm gebührt.
Dieser Degen sei dein Eigen,
und zum neuen Siegesreigen
sei er stets von dir geführt.
Und damit bedächt'gen Tröpfen
es nicht beikommt, dich zu köpfen,
tust du, was dir nicht erlaubt:
Folg' in Zukunft deinem Kopfe,
frei von jedem alten Zopfe,
sei hinfort dein eig'nes Haupt!