Der junge Lenz ist abgeblüht
P. Geisler
Der junge lenz ist abgeblüht
verblüht sind veilchen und syringen,
auch sind die schmetterlinge todt,
die einst an ihren kelchen hingen.
Des kirschbaums weisser blütenschnee
ist längst verwelkt und abgefallen,
es füttern ihre jungen schon
die stummgewordnen nachtigallen.
Und dort die berge, düstergrün,
sie sehn zu ihren füssen schwellen
das volle korn in ährenpracht
wie eines meers smaragdne wellen.
Im park blüht golden, weiss und roth
der rosen heilige familie,
berauschend duftet der jasmin,
in knospen aber steht die lilie. --
Dein herz ist auch dahingeblüht,
es blühte, ach, für einen andern,
verstohlen nur muss ich mit dir
durch diesen süssen sommer wandern.
Doch eine rose blühst du noch,
o frau mit reizend schlankem leibe,
wie einer lilie nah ich dir,
wie einem unberührten weibe.
Du hast des holden kindes herz,
das dir, nicht deinem gatten ähnlich,
und doch, schaut mich dein auge an,
dann schlägt mein herz so wild und sehnlich;
Und wie jasmin berauschen mich
die duftarome deiner locken,
und deines mundes heisser hauch
macht meiner seele athem stocken.
Den kuss von gestern fühl ich noch
auf meinen durstgen lippen brennen,
beim himmel! diesen augenblick
darf auch kein engel sünde nennen.
Was ich im ersten kuss verbrach,
wir sühnen es durch einen zweiten:
wie bald ist lenz und leben hin
und alle ihre seligkeiten!
Doch ob mein herz vor wonne hüpft,
still wird die brust ihr glück bewahren,
stumm ist mein mund, kein menschenohr
soll unsre heimlichkeit erfahren.
Du bleicher, üppiger jasmin,
unschuldge lilie, lippenrosen,
drum wiegt mich ein in duft und rausch,
eh die novemberstürme tosen. --
Man sagt: wer eine nacht geruht,
umarmt von blühendem jasmine,
dem hab im traum die stirn geküsst
die todesgöttin Proserpine.
Ach, stürbe solchen tod dein freund,
hätt er gelebt sein schönstes leben --
mein blasser, duftiger jasmin,
du kannst mir tod und leben geben!