Waldlied

P. Geisler

Wie Merlin

Möcht ich durch die Wälder ziehn;

Was die Stürme wehen,

Was die Donner rollen

Und die Blitze wollen,

Was die Bäume sprechen,

Wenn sie brechen,

Möcht ich wie Merlin verstehen.

Voll Gewitterlust

Wirft im Sturme hin

Sein Gewand Merlin,

Daß die Lüfte kühlen,

Blitze ihm bespülen

Seine nackte Brust.

Wurzelfäden streckt

Eiche in den Grund,

Unten saugt versteckt

Tausendfach ihr Mund

Leben aus geheimen Quellen,

Die den Stamm gen Himmel schwellen.

Flattern läßt sein Haar Merlin

In der Sturmnacht her und hin,

Und es sprühn die feurig falben

Blitze, ihm das Haupt zu salben;

Die Natur, die offenbare,

Traulich sich mit ihm verschwisternd,

Tränkt sein Herz, wenn Blitze knisternd

Küssen seine schwarzen Haare. --

Das Gewitter ist vollbracht,

Stille ward die Nacht;

Heiter in die tiefsten Gründe

Ist der Himmel nach dem Streite;

Wer die Waldesruh verstünde

Wie Merlin, der Eingeweihte!

Frühlingsnacht! kein Lüftchen weht,

Nicht die schwanksten Halme nicken,

Jedes Blatt, von Mondesblicken

Wie bezaubert, stille steht.

Still die Götter zu beschleichen

Und die ewigen Gesetze,

In den Schatten hoher Eichen

Wacht der Zaubrer, einsam sinnend,

Zwischen ihre Zweige spinnend

Heimliche Gedankennetze.

Stimmen, die den andern schweigen,

Jenseits ihrer Hörbarkeiten,

Hört Merlin vorübergleiten,

Alles rauscht im vollen Reigen

Denn die Königin der Elfen

Oder eine kluge Norn

Hält, dem Sinne nachzuhelfen,

Ihm ans Ohr ein Zauberhorn.

Rieseln hört er, springend schäumen

Lebensfluten in den Bäumen;

Vögel schlummern auf den Ästen

Nach des Tages Liebesfesten,

Doch ihr Schlaf ist auch beglückt;

Lauschend hört Merlin entzückt

Unter ihrem Brustgefieder

Träumen ihre künftgen Lieder.

[Klingend strömt des Mondes Licht

Auf die Eich und Hagerose,

Und im Kelch der feinsten Moose

Tönt das ewige Gedicht.]