So tanzen die Engel

Schönberg, Arnold

Waldemar

So tanzen die Engel vor Gottes Thron nicht,

wie die Welt nun tanzt vor mir.

So lieblich klingt ihrer Harfen Ton nicht,

wie Waldemars Seele dir.

Aber stolzer auch saß neben Gott nicht Christ

nach dem harten Erlösungsstreite,

als Waldemar stolz nun und königlich ist

an Toveliles Seite.

Nicht sehnlicher möchten die Seelen gewinnen

den Weg zu der Seligen Bund,

als ich deinen Kuß, da ich Gurres Zinnen

sah leuchten vom Öresund.

Und ich tausch' auch nicht ihren Mauerwall

und den Schatz, den treu sie bewahren,

für Himmelreichs Glanz und betäubenden Schall

und alle der heiligen Schaaren!

Tove:

Nun sag ich dir zum ersten Mal:

"König Volmer, ich liebe dich!"

Nun küss' ich dich zum erstenmal,

und schlinge den Arm um dich.

Und sprichst du, ich hättes schon früher gesagt

und je meinen Kuß dir geschenkt,

so sprech' ich: "Der König ist ein Narr,

der flüchtigen Tandes gedenkt."

Und sagst du: "Wohl bin ich solch ein Narr,"

so sprech ich: "Der König hat recht;"

doch sagst du: "Nein, ich bin es nicht,"

so sprech ich: "Der König ist schlecht."

Denn all meine Rosen küßt' ich zu Tod,

dieweil ich deiner gedacht.

Waldemar:

Es ist Mitternachtszeit,

und unsel'ge Geschlechter

stehn auf aus vergess'nen, eingesunknen Gräbern,

und sie blicken mit Sehnsucht

nach den Kerzen der Burg

und der Hütte Licht.

Und der Wind schüttelt spottend

nieder auf sie Harfenschlag

und Becherklang und Liebeslieder.

Und sie schwinden und seufzen:

"Unsre Zeit ist um."

Mein Haupt wiegt sich auf lebenden Wogen,

meine Hand vernimmt eines Herzens Schlag,

lebenschwellend strömt auf mich nieder

glühender Küsse Purpurregen,

und meine Lippe jubelt:

"Jetzt ist's meine Zeit!"

Aber die Zeit flieht,

Und umgehn werd' ich

zur Mitternachtsstunde

dereinst als tot,

werd' eng um mich das Leichenlaken ziehn

wider die kalten Winde

und weiter mich schleichen im späten Mondlicht

und schmerzgebunden

mit schwerem Grabkreuz

deinen lieben Namen

in die Erde ritzen

und sinken und seufzen:

"Uns're Zeit ist um!"

Tove:

Du sendest mir einen Liebesblick

und senkst das Auge,

doch das Blick preßt deine Hand in meine,

und der Druck erstirbt;

aber als liebeweckenden Kuß

legst du meinen Händedruck mir auf die Lippen

und du kannst noch seufzen um des Todes Willen,

wenn ein Blick auflodern kann

wie ein flammender Kuß?

Die leuchtenden Sterne am Himmel droben

bleichen wohl, wenn's graut,

doch lodern sie neu jede Mitternachtzeit

in ewiger Pracht.

So kurz ist der Tod,

wie ruhiger Schlummer

von Dämm'rung zu Dämmrung.

Und wenn du erwachst,

bei dir auf dem lager

in neuer Schönheit

siehst du strahlen

die junge Braut.

So laß uns die goldene

Schale leeren

ihm, dem mächtig verschönenden Tod.

Denn wir gehn zu Grab

wie ein Lächeln,

ersterbend im seligen Kuß.

Waldemar:

Du wunderliche Tove!

So reich durch dich nun bin ich,

daß nicht einmal mehr ein Wunsch mir eigen;

so leicht meine Brust,

mein Denken so klar,

ein wacher Frieden über meiner Seele.

Es ist so still in mir,

so seltsam stille.

Auf der Lippe weilt brückeschlagend das Wort,

doch sinkt es wieder zur Ruh'.

Denn mir ist's, als schlüg' in meiner Brust

deines Herzens Schlag,

und als höbe mein Atemschlag,

Tove, deinen Busen.

Und uns're Gedanken seh ich

entstehn und zusammengleiten

wie Wolken, die sich begegnen,

und vereint wiegen sie sich in wechselnden Formen.

Und meine Seele ist still,

ich seh in dein Aug und schweige,

du wunderliche Tove.