Die Ulme zu Hirsau

Strauss, Richard

Zu Hirsau in den Trümmern

Da wiegt ein Ulmenbaum

Frisch grünend seine Krone

Hoch überm Giebelsaum.

Er wurzelt tief im Grunde

Vom alten Klosterbau;

Er wölbt sich statt des Daches

Hinaus in Himmelsblau.

Weil des Gemäuers Enge

Ihm Luft und Sonne nahm,

So trieb's ihn hoch und höher,

Bis er zum Lichte kam.

Es ragen die vier Wände,

Als ob sie nur bestimmt,

Den kühnen Wuchs zu schirmen,

Der zu den Wolken klimmt.

Wenn dort im grünen Tale

Ich einsam mich erging,

Die Ulme war's, die hehre,

Woran mein Sinnen hing.

Wenn in dem dumpfen, stummen

Getrümmer ich gelauscht,

Da hat ihr reger Wipfel

Im Windesflug gerauscht.

Ich sah ihn oft erglühn

Im ersten Morgenstrahl;

Ich sah ihn noch erleuchtet,

Wann

schattig rings das Tal.

Zu Wittenberg im Kloster

Wuchs auch ein solcher Strauß

Und brach mit Riesenästen

Zum Klausedach hinaus.

O Strahl des Lichts, du dringest

Hinab in jede Gruft.

O Geist der Welt, du ringest

Hinauf in Licht und Luft.