Versuchung

A. Böhm

Man hatte getollt und gelacht -

Es war nach Mitternacht.

Da gingen sie nach Haus,

Die Kerzen brannten aus.

Dunkel war es und leer,

Dunkel und schwer -

Sie blieb allein

Bei eines Lichtes Flackerschein.

Und auf der nächtlichen Gasse ein Mann

Starrt zu dem schimmernden Fenster hinan.

- Wie sprach er: "Bist du mein,

So zeige mir deines Lichtes Schein;

Bist du es nicht,

So lösch aus dein Licht!"

- Lösch aus dein Licht? …

Was zögerst du junges Weib?

Bebt vor der Sünde dein Leib?

Was bebst du zurück?

Öffne die Thür dem Glück,

So erstrahlen mit einem Mal

Tausend Kerzen in deinem Saal,

Willst du folgen der Pflicht,

So lösch aus dein Licht.

- Lösch aus dein Licht? …

Und auf der nächtlichen Gasse der Mann

Starrt zu dem schimmernden Licht hinan.

Schon drängt der Zeiger die Zeit,

Und ihre Seele schreit,

Schreit nach Glück,

Schreit nach lebendigem Glück.

Schreit in lebendiger Qual:

"Einmal, nur ein einzig Mal

An Licht und Freude satt mich trinken!"

Zum Fenster hob sie ihr Licht empor -

Da schlug ein Wort an ihr Ohr:

"Mutter, lösch aus dein Licht!"

Da hat sie verhüllt ihr Gesicht - -

Und auf der nächtlichen Gasse der Mann

Starrt zu dem schwarzen Fenster hinan.