Das Mädchen von Inverness
A. Jensen
Ein Mädchen lebt' in Inverneß,
Die war der Stolz der ganzen Stadt,
Froh wie die Lerche, die dem Nest
Erst eben sich entschwungen hat.
Bei Tanz und Predigt -- Jung und Alt
Hat sie in sich verliebt gemacht;
Der Frohen Fröhlichste war sie
Auf Markt und Allerheil'gennacht.
Und als ich kam nach Inverneß,
Die liebe Sommersonne sank,
Da sah ich sie, wie durch die Stadt
Sie grüßend ging mit leichtem Gang.
Die Greise standen vor der Thür,
Die alten Frauen weinten nur:
"Der schmuckste Bursch von Inverneß
Liegt todt nun auf Culloden's Flur!"
Sie rauft' ihr goldnes Schläfenhaar,
Sie wischt' ihr Aug', und schrie dabei:
"Meinen Vater haben sie geköpft,
Erschossen meine Brüder drei!
Mehr, dacht' ich, trüge keine Brust;
Mehr, dacht' ich, weinte kein Gesicht;
Doch Eines Fall bricht mir das Herz,
Ein Liebrer ward auf Erden nicht!
"Erst gestern Abend traf er mich,
Gab mir zum Pfande Ring und Stein;
Nun nahm der Krieg ihn in den Arm,
O nimmer mehr zu denken mein!
Die Waldblum' sei mein Bett hinfort,
Mein Essen fei die wilde Beer',
Der Laubfall decke kalt mich zu,
Und wecken soll mich keiner mehr."
O weint, o weint, ihr, Schottenfraun;
O weint euch blind bei solchem Leid!
Nur nackte Leichen mögt ihr sehn
Rundum auf fünfzig Meilen weit!
O lustig ist der junge Lenz --
Der Baum wird grün, die Luft wird lau;
Doch welch ein Lenz weckt die nur auf,
Die sanken auf Culloden's Au?
O schwer herab hing Gottes Hand --
Schwer Allen, nur den Sündern nicht!
Die Guten warf sie in den Staub,
Und hob empor den Bösewicht.
Doch so spricht Gott: "Ein Tag wird sein,
Da werden meine Wege klar;
Dann liegt im Staube der Tyrann,
Und hoch ersteht, wer niedrig war!"