Der 88. Psalm

C. Bach

Mein Heiland, meine Zuversicht,

mein Gott, vor dem ich ganze Tage

und ganze Nächte kämpf und zage,

verschmäh doch meine Tränen nicht

und lass dir mein Geschrei und Ringen

nun einst zu Ohr und Herze dringen.

Der Schmerzen Wut erschöpfet mich.

Wohin ich mich nur wind und wende,

bedrohet mich ein nahes Ende.

Ich schleppe matt und jämmerlich

von mir bald nur die dürre Leiche,

bis meine Seele gar entweiche.

Ich bin von aller Welt verbannt

und wie ein Toter abgeschieden,

als wär ich außer deinem Frieden

und schon verdammt durch deine Hand,

gleich einer Gräuellast der Erden

gerichtet und vertilgt zu werden.

Ich bin in höllenbange Nacht

und in den Abgrund aller Plagen

von dir, erzürnter Gott! verschlagen.

Es rast und schüttet deine Macht

des strengsten Eifers Blitz und Flammen

und Fluten über mich zusammen.

Du setzest mich zum Scheusal aus,

dass mich in meinen Ängst und Mühen

die Freunde mit Entsetzen fliehen.

Ich bin schon in des Grabes Haus

und ohne Rückweg zu dem Leben

mit Todesbanden rings umgeben.

Mein Aug erstirbt vor langer Pein.

Vergeblich such ich dein Erbarmen

mit immer ausgestreckten Armen.

Soll ich erst Staub und Asche sein

und aus dem Moder auferstehen,

um deine Taten zu erhöhen?

Wie sollte wohl mein Dankgesang

die Huld und Stärke meines Helden

in Fäulnis und Zerstörung melden?

Wie sollte wohl mein Untergang,

o Vater! deine Treu bewähren

und deiner Gnaden Ruhm erklären?

Wer wird in jener Dunkelheit,

darin wir unser selbst vergessen,

die Wunder deines Heils ermessen?

Ich schrei zu dir bei früher Zeit,

dass mir dein Trost noch Kraft erteile,

eh das Verderben mich ereile.

Wenn endlich blickest du mich an?

Wie lang versäumst du meine Seele,

da ich mich müd und einsam quäle?

Ich muss, so lang ich denken kann,

o Höchster! deine Lasten tragen

und mich mit der Verzweiflung schlagen.

Dein Grimm, der keine Stunde ruht,

erschüttert mich mit Schreck und Qualen

und reibt mich auf mit seinen Strahlen.

Ich bin von deiner Wetterflut,

die ringsumher auf mich gedrungen,

wie von der hohen See verschlungen.

Da kennt mich kein Erbarmer nicht.

Du fleuchst und hast auch meine Lieben

durch dein Gerichte weit vertrieben.

Auch die verleugnen ihre Pflicht

und haben sich von mir verloren,

die mir doch ew'ge Treu geschworen.