Sei still

F. Abt

Es weht ein sanfter Abendwind

Liebtosend in den Bäumen;

Ob Vögel, die entschlafen sind,

Von sel'ger Liebe träumen?

Sei still! Es rauscht in Gipfeln leise

Nie eines Mährchens traute Weise:

Ade, ade, mein Lieb,

Noch einen Kuß mir gib!

Es schlägt im Wald die Nachtigall

Gar träumerische Lieder,

Und auch des Abendglöckleins Schall

Hallt schwermuthsbange wieder.

Sei still! Die Welt ist traumeslüstern

Und Millionen Lippen flüstern:

Ade, ade, mein Lieb,

Noch einen Kuß mir gib!

Die Erde ist vom Mondenlicht

Mit Silberglanz umgössen;

O stör' die Braut, die sel'ge, nicht,

Ihr Aug' ist liebumflossen.

Sie schauet in die Nacht mit Lauschen

Und hört des Baches Wellen rauschen:

Ade, ade, mein Lieb,

Noch einen Kuß mir gib!

Dort brennt ein Licht im Kämmerlein;

Ein Jüngling liegt im Sterben.

Ist dieser Erdenball zu klein,

Daß Blüthen auch verderben?

Sei still! Die Augen wollen brechen,

Ich hör' die Lippen lächelnd sprechen:

Ade, ade, mein Lieb,

Noch einen Kuß mir gib!