Frühlingslied

F. Methfessel

Seh' ich dich wieder, du freundliches Blau?

Fühl' ich dich, glühende Sonne?

Trink' ich des Lenzes erquickenden Thau,

Strömend aus Quellen der Wonne?

Seh' ich der ewigen Liebe Spuren

Neu sich verkünden in allen Naturen?

Heimlich entwunden der Erde Schooß,

Drängen hervor sich die Keime;

Uns auch erwachen nach freundlichem Loos

Sehnsucht und Hoffnung und Träume.

Alles vereinend zu kräftigem Streben,

Regt sich des Frühlings unendliches Leben.

"Liebend neiget die Blüthe sich"

Hin zu der liebenden Blüthe.

Also erkennen sich schwesterlich

Seelen mit zartem Gemüthe.

Magisch erhöhend des Daseins Empfinden

Muß zu dem Gleichen das Gleiche sich finden.

Wunderbar rühret mit ewiger Macht

Göttlicher Odem die Tiefen,

Wecket zum Leben aus schlummernder Nacht

Kräfte, die scheinbar entschliefen;

Wallt durch den Aether, und feurige Gluthen

Füllen den Erdkreis in segnenden Fluthen.

Frühling, du Bote der schöneren Welt!

SYSTEMBild des erneuerten Lebens!

Selig, wer tröstend durch dich erhellt,

Träumt nicht und hofft nicht vergebens;

Der aus dem Samen, gestreuet mit Thränen,

Erntet die Frucht von dem ewigen Sehnen!

Auf denn, entschwinge dich, Geist! mit Kraft

Ueber der Sterblichkeit Trauer;

Der uns dies Schmachten nach Höherm erschafft,

Schenkt uns Vollendung und Dauer;

Der uns die Furcht vor Vernichtung gegeben,

Der auch gewährt uns unsterbliches Leben.

Darum, o laß in ambrosischen Duft,

Frühling, du Holder, mich tauchen!

Laß mich genießen die himmlische Luft,

Möge das Ird'sche verhauchen!

Möge sie flieh'n, die vergängliche Welle,

Nährest mich aus der göttlichen Quelle.