Der Hahn

H. von Leipziger

Der Hahn ist ein getreuer Mann,

der Haus und Hof bewachen kann;

wenn alles noch in Federn liegt,

er schon auf seine Stiege fliegt

und guckt sich um nach rechts und links,

besucht die ganze Gegend rings,

ob nicht der Wächter schläft vielleicht,

ob Sultan nicht vom Posten schleicht;

und findet er das alles recht,

so weckt er Kutscher, Magd und Knecht:

Kikeriki-hahn!

Der Hahn ist ein gelehrter Mann,

der sagt vorher das Wetter an.

Wenn droben hell die Sonne steht,

die Wipfel ruh'n, kein Lüftchen weht:

Er weiß es und bemerkt es scharf,

ob man dem Frieden trauen darf,

ob nicht vielleicht denselben Tag

noch Regen kommt und Hagelschlag.

Und wenn er so was hat erspäht,

dann fliegt er schnell aufs Dach und kräht:

Kikeriki-hahn!

Der Hahn ist ein gefäll'ger Mann,

der tut aus Liebe, was er kann.

Er kratzt und scharrt mit vieler Müh'

für seine Hennen spät und früh,

und findet er ein Weizenschrot,

ein Würmchen oder Krümchen Brot,

dann ruft er seinen schönsten Gruß,

macht einen hübschen Kratzefuß:

Kommt her und pickt, ihr Hennen, jetzt;

ihr kommt zuerst, ich komm' zuletzt,

kikeriki-hahn!