An das Mitleid
J. Anthes
Mitleid, heil dir, du Geweihte!
Weichen Herzens, milder Hand
wallst du an des Dulders Seite
durch der Prüfung rauhes Land,
taust wie Balsam milde Zähren,
hebest das zerknickte Rohr.
Wie zu Gottes Hochaltären
blickt die Not zu dir empor.
Deine Hilfe stillt ihr Flehen,
dein Erbarmen eilt zur Tat.
Elend suchst du auszuspähen,
spendest, wenn das Unglück bat,
reichst den Brüdern, welche darben,
deines Tagewerks Gewinn,
bindest loser deine Garben
vor der Ährenleserin.
In verarmter Witwen Krüge
schüttest du der Stärkung Wein,
prägst des Lächelns heit're Züge
abgehärmten Wangen ein,
hebst des matten Wand'rers Bürde
auf den tiefbeschneiten Damm
und verpflegst in sich'rer Hürde
deines Nachbarn irres Lamm.
Du erwärmst in sanfter Rührung
auch der Selbstsucht starres Eis,
warnst vor lockender Verführung,
vor des Lasters trüglich Gleis,
neigest dich mit leisem Trösten
an der Schwermut dumpfes Ohr,
hebst entfesselt den Erlösten
von des Kerkers Stroh empor.
Herzen, die der Harm zerrissen,
hegst du mit besorgter Treu',
rückest der Geduld das Kissen
auf des Schmerzenslagers Streu,
schonst des siechen Schlafs auf Socken,
kühlst ihn mit dem Palmenreis,
trocknest mit den weichen Locken
banger Todeskämpfe Schweiß.
Bleib' bei uns, bis einst die Hefe
in dem Tränenkelch versiegt,
kränze bleicher Trübsal Schläfe,
die an deinen Schoß sich schmiegt.
Herze sie mit Mutterarmen,
sei umstürmter Pflänzchen Stab,
die das ewige Erbarmen
dir zur Pflege übergab!