Das Röschen

J. Reichardt

Noch nicht entblüht zur Rose,

Lag der Natur im Schoose

Ein Röschen zart und fein;

Gewiegt von Maienlüften,

Schlief es in sanften Düften

Der Mutter ein.

Die Schmetterlinge schwebten,

Die Staudenblätter bebten,

Es zitterte das Licht,

Es murmelte die Quelle,

Es rieselte die Welle --

Sie weckten's nicht.

Da rauschet es im Haine

Bei hellem Vollmondscheine

Durch dunkler Wipfel Dicht;

Die Nachtigallen sangen,

Und Harfentöne klangen --

Sie weckten's nicht.

Da nahten, wie zum Tanze,

Die Grazien im Glanze

Des vollen Mondes sich;

Und jede sprach im Kreise

Zur Rosenknospe leise:

Ich segne Dich.

"Im sanften Mutterschoose

Entblüh', und werde Rose!"

Klang aller Harmonie --

Und Anmut jeder Tugend,

Und Blütenreiz der Jugend

Umhüllte sie.

"Entblüh', und werde Rose!"

So hallt' im Mutterschoose

Die Himmelsstimme nach.

Das Röschen bebt im Schalle --

Da bückten sie sich alle,

Und küssten's wach.

Vom Kuss erglühend wachte

Das Röschen auf, und lachte,

Erröthend, sanft und mild,

Die schönste Blum' im Haine --

So ganz wie sie, war keine

Der Unschuld Bild.

Wie der Natur im Schoose

Kaum aufgeblüht zur Rose

In Florens Lieblingsbeet,

Von Zephyr angefächelt,

Von Grazien umlächelt

Das Röschen steht --

So der Natur gelungen,

Von Grazien umschlungen,

Wovon Dir jede glich,

So sanft, so mild, so blühend'

Sah ich, vor Wonne glühend,

O Anna, dich.