Wiegenlied einer unglücklichen Mutter
J. Reichardt
Schlaf sanft, mein Kind, schlaf sanft und schön!
Mich dauert's sehr, dich weinen sehn.
Und schläfst du sanft, bin ich so froh,
Und wimmerst du -- das schmerzt mich so!
Schlaf sanft, du kleines Mutterherz,
Dein Vater macht mir bittern Schmerz.
Schlaf sanft, mein Kind, etc.
Dein Vater, als er zu mir trat,
Und süß, so süß um Liebe bat,
Da kannt' ich noch sein Truggesicht,
Noch seine süße Falschheit nicht.
Nun, leider! seh' ich's, seh' ich's ein,
Wie nichts wir ihm nun beide sein.
Schlaf sanft, mein Kind, etc.
Ruh' sanft, mein Süsser, schlafet noch!
Und wenn du aufwachst, lächle noch,
Doch nicht, wie einst dein Vater that,
Der lächelnd mich so trogen hat.
Behüt' dich Gott! -- doch machts mir Schmerz,
Daß du auch trägst sein G'sicht und Herz.
Schlaf sanft, mein Kind, etc.
Was kann ich thun? Eins kann ich noch.
Ihn lieben will ich immer doch!
Wo er geh und steh nah und fern,
Mein Herz soll folgen ihm so gern.
In Wohl und Weh', wie's um ihn sei,
Mein Herz noch imm'r ihm wohne bei.
Schlaf sanft, mein Kind, etc.
Nein, schöner Kleiner, thu es nie:
Dein Herz zur Falschheit neige nie;
Sei treuer Liebe immer treu,
Verlaß sie nicht, zu wählen neu;
Dir gut und hold, verlaß sie nie --
Angstseufzer, schrecklich drücken sie!
Schlaf sanft, mein Kind, etc.
Kind, seit dein Vater von mir wich,
Lieb' ich statt deines Vater dich!
Mein Kind und ich, wir wollen leben;
In Trübsal wird es Trost mir geben --
Mein Kind und ich, voll Seligkeit,
Vergessen Männergrausamkeit --
Schlaf sanft, mein Kind, etc.
Leb' wohl denn, falscher Jüngling, wohl!
Der je kein Mädchen täuschen soll!
Ach jede, wünsch' ich, seh' auf mich,
Trau keinem Mann und hüte sich!
Wenn erst sie haben unser Herz,
Forthin machts ihnen keinen Schmerz --
Schlaf sanft, mein Kind, etc.