An die Muse
J. Sterkel
Du, die gern auf Blütenfeldern
Und beblümten Auen wallt,
Wenn in zartbelaubten Wäldern
Philomelens Lied erschallt;
Gern von frischen grünen Höhen
Auf den Lenz herniederblickt,
Gern an seines Odems Wehen
Sich im Abendkühl erquickt,
Muse, geuß auf meine Saiten
Nur der Unschuld frohes Lied,
Nur, o Göttin, solche Freuden,
Welche keine Tugend flieht!
Von bescheidnen reinen Scherzen,
Von der muntern Frölichkeit
Wird kein Adel frommer Herzen,
Wird kein Saitenspiel entweiht.
Fluch dem Frevler, der die Leier,
Unschuld, dich zu fangen, rührt,
Zu der Wollust wildem Feuer
Dich, o Himmelstochter führt;
Listig dir den goldnen Köcher,
Welcher dich beschirmt, entraft,
Und dir reicht den Taumelbecher
Mit der Lüste Schierlingssaft!
Tönet denn, ihr frohe Saiten,
Reine Lust und leichten Scherz,
Denn für unbescholdne Freuden
Schlägt in uns einfühlend Herz;
Tönet süsse sanfte Lieder,
Die uns selbst zum Tanze drehn,
Und mit schmeichelndem Gefieder
Gram und Unmuth von uns wehn!