Liebe

J. Sterkel

Wo weht der Geist der Liebe?

Er wacht in Hain und Flur;

Sieh, wie sich Knospen spalten,

Und Blätter sich entfalten,

Das thut sein Odem nur!

Wo weht der Geist der Liebe?

Den Lenz erweckt sein Hauch;

Er lehrt die Vögel bauen,

Streut Veilchen auf die Auen,

Und Rosen auf den Strauch.

Wo weht der Geist der Liebe?

Er weht im Morgenlicht,

Er säuseit in dem Thale,

Und wo die dunkle Schale

Der Schmetterling durchbricht.

Wo weht der Geist der Liebe?

Er schwellt des Mädchens Brust

Und röthet ihre Wange,

Weckt Dichter zum Gesange,

Giebt Armen Lebenslust.

Wo weht der Geist der Liebe?

Der so viel Wunder thut?

Wo Würmchen sich vermehren,

Und Mückchen sich verzehren

Stumm in der Feuerglut.

Wo weht der Geist der Liebe?

Wo an der Mutter Brust

Der zarte Säugling trinket,

In Tod die Treue sinket,

Den Dolch in ihrer Brust.

Wo weht der Geist der Liebe?

In Wasser, Feuer und Luft,

Wo sich ein Leben reget

Wo sich ein Hauch beweget

Und in der Todtengruft.