Der Hirtenknabe
M. von Kralik
Hoch vom Felsengipfel, steil und unzugänglich,
tönen Engelsklänge hold herbei,
und der Hirte hört es mäuschenstill und bänglich,
dünkt ihm's doch wie Himmelsmelodei.
Und es zieht in aufwärts. Dort im Mondenschimmer
sieht er Burgfräulein am Klippenhang.
Und er wird nicht müde, will nur immer,
immer lauschen diesem zauberhaften Sang.
„Sing mit uns, du guter Hirtenknabe, singe!“
„Ach, ihr Schönen, ach, wie könnt' ich hie?
Wenn ich bei den Menschen jauchze, guter Dinge,
meiner rauhen Stimme spotten sie.“
„Singe nur, o singe! Sieh, zur Gabe geben
wir Gesang den Guten. Du bist gut,
milde deinen Herden, und dein frommes Streben
neiget dir der Geister hohen Mut!“
Und der Hirt versucht es, scheu zuerst und leise,
und o Wunder, lieblich stimmt er
in den Chor der Maide zur verschlug'nen Weise
in den allerschönsten Liederreih'n.
Doch der Morgen naht. „Auf, Geselle! Gehe
fort von hier, sonst schaffst du selbst dir Not,
und verrat' es keinem, wer dich lehrte;
wehe, wenn du's tust, es ist dein sich'rer Tod.“
Horch! Der einst so Stumme singt am andern Tage
von der Frühe bis zum Abend fort.
Wieder tönt's vom Felsen, wieder hallt's von Hage;
alle wundern sich - er spricht kein Wort.
Nur der Liebsten muss es sein Gesang verkünden;
fort ist da der köstliche Gewinn.
Voll Verzweiflung klimmt er auf zu jenen Schründen
und, den Geistern fluchend, stürzt er hin.