Die drei Lehren der Nachtigall
M. von Kralik
Ein Vogelsteller fing einmal
im Wald die schönste Nachtigall.
„Ach, lass mir doch mein freies Leben,
will dir dafür drei Lehren geben;
drei weise Lehren, die machen dich
zum klügsten Manne sicherlich.“
„Wohlan, lieb Vöglein, so sei frei!
Nun sag die Lehren nach der Reih'!“
„So höre denn mein erstes Wort:
Was du fest hältst, das lass nicht fort!
Ein andermal: Tu solches nicht,
was man dir auch dafür verspricht,
denn wiss', im Eingeweide mein
berg' ich den größten Edelstein.
Der hätte dich gar reich gemacht,
nun bist du um dein Glück gebracht.
Doch eh' du dich ertränkst voll Wut,
vernimm die zweite Lehre gut:
Hast du einmal ein Ding verloren,
bereu' es nicht gleich einem Toren,
sonst jagt dir neues Unheil zu,
darum, mein Freund, bleib nun in Ruh'.
Dann höre meine dritte Lehre:
Glaub nicht das, was unglaublich wäre,
so sparst du dir viel Reu' und Leid.
Ich hab' in meinem Eingeweid'
nur das, was jeder Vogel hat.“
Und weiter flog die Nachtigall
zum Wald mit frohem Liederschall.