Die Nonne
M. von Kralik
Pförtnerin, lass mich ein,
denn ich will Nonne werden.
Ich hab' ja doch in meiner Pein
nicht andern Trost auf Erden.
Ich bin ein reiches Kaufmannskind,
zu Moskau fern geboren;
zur Braut hat mich dort hochgesinnt
einst euer Graf erkoren.
Der hat sich, wie du weißt, entzweit
mit seinem Bruder, dem Wilden;
er schlug ihn tot und floh so weit
bis hin nach Russlands Gefilden.
Mein Vater nahm ihn auf als Knecht,
da schwur er mir die Ehe.
Nun starb der alte Graf; sein Recht
zu schützen, verließ er mich jähe.
Wollte mich holen in einem Jahr,
ich wartete zwei und dreie,
da trug ich's länger nicht fürwahr,
ich kam, dass er mich freie.
Und als ich kam in dieses Land,
vernahm ich Glockengeläute.
Der Graf, so hieß es, reicht die Hand
der edelsten der Bräute.
Noch einmal ihm ins Aug' zu seh'n,
trat ich zur Kirchenpforte,
doch nun, ihm aus dem Weg zu geh'n,
eil' ich zum heil'gen Orte.
Reich mir die Schere, dass ich mir
abschneide die schönen Haare!
Reich mir den Schleier, dass ich hier
mich rüste zu der Bahre!
Hole den Kämmerer aus dem Haus,
dass er meinen Schatz empfange.
Er teile ihn den Armen aus;
ich hoffe, dass er lange.
Was übrig bleibt, reicht für ein Licht
zur Ruhe meiner Seele,
dass sie sich für den Liebsten nicht
in Ewigkeit zerquäle!