Die Sterne
J. Reichardt
Fleug' auf durch Gottes Sternenheere,
Mein wonnetrunkner Geist,
Hin wo die letzt trübe Sfäre
Am grauen Chaos kreist!
Wie hehr sich Millionen Himmel
Um Millionen Sonnen drehn!
Wie hehr der Sonnen Glanzgewimmel
Aus tiefster Fern' in höchste Höh'n!
Entbrannt von Mutterlieb', umschweben
Sie, Gott, dein Angesicht,
Die Sonnen rings, und schöpfen Leben
Aus deinem Quell', und Licht;
Und tränken Töchter jed' und Söhne,
Euch, Erden, und ihr Monde weit!
Ihr taumelt, satt der Kraft und Schöne,
Und donnert Gottes Herlichkeit!
"O Vater, preist ihr hohen Klanges:
Du hüllest uns in Glanz!
Du lehrest, froh des Preisgesanges,
Uns Harmonie und Tanz!
Den Felsenleib, durchbraust von Meeren,
Erschuf voll Keim' uns deine Hand:
Daß Pflanz' und Leben wir gebären
Und wimmle Wasser, Luft und Land!
Du schmückst der Berge Haupt mit Wäldern,
Mit Erz der Berge Schoß;
Du schenkst Getreid' und Kraut den Feldern,
Der Wildnis Heid' und Moos!
Vom Eis des Pols zum Sonnenfeuer,
Von Alpenhöhn zur tiefsten Flut,
Schwärmt zahmes Vieh und Ungeheuer,
Gewürm und Fisch und Vogelbrut
Doch herschend ragt in seiner Stärke
Der Geist, von Staub' umhüllt,
Das Wunder deiner Wunderwerke,
Der Mensch, dein Ebenbild.
Er forscht, und staunt, der Wesen Leiter
Vom Sandkorn bis zum Engelchor,
Voll Zweck und Eintracht, und steigt weiter
Zur Weisheit und zur Lieb' empor!
Aufrecht das Haupt zu ewger Schöne,
Verschmäht er, was nur nährt,
Und schauet tief des Staubes Söhne
Dem Staube zugekehrt;
Er, Himmelssohn, nicht duldend Schranken
Der Willkühr, keines Glaubens Knecht,
Erhöht Gedanken auf Gedanken,
Und schwebt in Gottes Licht und Recht.
[Durch Drangsal, Gott, und harte Mühe,
Regst du des Geistes Kraft,
Damit sein schwangrer Keim entblühe
Zu edler Wissenschaft.
Und wann, am stäten Licht verschmachtet,
Die Wissenschaft zu Trägheit welkt;
Schnell stürmst du, das die Heitre nachtet,
Von schwarzem Wahn und Trug' umwölkt.]
Bald ringt der Geist empor zur Klarheit,
Der Urkraft sich bewußt,
Vertraut der selbsterrungnen Wahrheit,
Und ahndet Himmels Lust.
Ihm lächelt selbst der Tod, ein Retter!
Es dorre Laub, vom Herbst verstreut,
Es säusle Mai um junge Blätter;
Der Weise denkt Unsterblichkeit.
Lobsingt durch aller Himmel Ferne!
Ein Retter ist der Tod!
Im Reigentanz, ihr Morgensterne,
Lobsinget unserm Gott!
Und Vorgefühl des bessern Lebens
Durchschaur' ihn, sanft herabgethaut,
Wer durch die Nacht, voll heißen Strebens
Empor zu unserm Reigen schaut!