Die Veredelung

J. Reichardt

Der Geisteswildheit Nacht voll Grauen

lag öd' und dumpf auf Deutschlands Gauen.

Da wandte Gott sein Angesicht

und rief herab: Es werde Licht!

Die Nacht verdämmert, Dämm'rung schwindet!

Der Wild', ein kaum belebter Kloß,

wird Mensch, blickt um sich und empfindet,

was wahr und edel ist und groß.

Wir alle, wir alle,

wir heben Herz und Hand!

Es rufe Mann und Weib, das Kind am Busen lalle:

Heil, Freiheit, dir! Heil, Vaterland!

Vernunft, durch Willkür erst befehdet,

doch kühn und kühner, singt und redet

von Menschenrecht, von Bürgerbund,

von aller Satzung Zweck und Grund.

In Zauberschrift umhergeschwungen

fliegt tausendfach der weise Schall,

hat bald des Volkes Herz durchdrungen

und schafft Gemeinsinn überall.

Wir alle, wir alle

etc.

Nicht herrscht durch fremder Formeln düster

hinfort Gerichtsherr oder Priester;

das Volksgesetz wägt grad' und gleich

Gerechtigkeit für Arm und Reich.

Nicht mehr verfolgt wird Lehr' und Meinung,

nicht gilt für Gottesdienst ein Brauch.

Nur Lieb' ist aller Kirchen Einung,

der Tempel und Moscheen auch.

Wir alle, wir alle

etc.

Nur Tugend, nicht Geburt, gibt Würde,

verteilt nach Kraft ist Amt und Bürde.

Der bauet Kunst, Gewerb' und Saat,

der schmückt den Geist, der Heer und Staat.

Der gegen Feind' und Unterdrücker

trägt Obermacht zu treuer Hut

und gibt, des freien Volks Beglücker,

ihm Rechenschaft von Hab' und Blut.

Wir alle, wir alle

etc.

Was zittert ihr, der Staaten Wächter?

Veredelt strebt das Volk, nicht schlechter!

Vom Missbrauch nur genest der Thron,

vom Wahne nur Religion!

Die Fessel strengt ihr an? Vergebens!

Zur Freiheit ruft uns unser Gott!

Dem Geist im Vollgefühl des Strebens

ist aller Welten Macht ein Spott!

Wir alle, wir alle

etc.