Mütterchen, wo sind die Töchter

Ore

Mütterchen, wo sind die Töchter?

Leer die Stühl' im Stübchen steh'n!

Wo sind, Tanne, deine Äste?

Nur die Stümpfe sind zu seh'n.

Mütterchen ruft ihre Töchter,

ruft sie alle, gross und klein.

Kommt die Hellste, kommt die Zweite,

nur die Jüngste fehlt allein.

Fortgelaufen ist die Jüngste

singend hin zum klaren Quell!

Als sie Blumen pflückt am Ufer,

Fällt ihr Ring ins Wasser hell.

Als sie nach dem Ring sich bücket,

fällt auch ihre goldne Kron',

als sie nach der Krone langet,

trägt der Bach ihr Tuch davon!

Als sie nach dem Tuche greifet,

Fällt sie selbst hinein im Nu,

und es tragen Baches Wellen

Nach dem weiten Meer sie zu.

Meereswellen tragen sicher

sie zum festen Meeresstrand,

betten sie auf weichem Lager

Unter weißen Meeressand.

In neun Jahren auf dem Sande

eine Linde wohlbelaubt

streckte mit neun schönen Ästen

in die Höhe stolz ihr Haupt.

Nach neun Jahren fällt der Bruder

sich zur Zither diesen Baum;

spielend rühmt er: Solche Zither

Findet man auf Erden kaum.

Sagt die tränenreiche Mutter:

Das ist meiner Jüngsten Sang,

der vom Bach beim Blumenpflücken

oft zu mir herüberklang.