Kolibri
F. Oestreich
Kolibri, Kolibri,
Senke dich nieder!
Zeige mir, Kolibri,
Dein bunt Gefieder!
Kolibri, Kolibri,
Goldgrüner Funken!
Bist du der Phantasie
Reichen entsunken?
Bist du dem Frühgewand
Iris' entfallen?
Gleichst jetzt dem Diamant,
Jetzt den Korallen.
Jetzt, wie ein Rosenblatt
Westen zum Spiele,
Saugst du in Meth dich satt,
Schwebend am Stiele;
Dankest dein Göttermahl
Duftenden Kelchen,
Kannst stets mit freier Wahl
Flattern und schwelgen.
Senkt sich der Herbst herab,
Welken die Blüten;
Sterben sie, dir ein Grab
Liebend zu bieten.
Ruft sie der junge Mai
Wieder ins Leben,
Hebst du den Fittig neu,
Sie zu umschweben.
Also des Dichters Sang
Wählt unter allen
Blumen an Hügels Hang,
Will gern gefallen.
Naht sich mit Lieb' und Lust
Frölich im Maien
Jeglicher jungen Brust,
Sie zu erfreuen.
Senkt sich ein Sturm herab,
Nahen die Schmerzen;
Findet er still sein Grab
In Freundes Herzen.
Wehet der Freude Hauch
Lieblich dann wieder,
Alsbald erwachen auch
Frölich die Lieder.
Schwingen mit süssem Ton
Frei noch die Flügel,
Decket den Dichter schon
Grünend der Hügel.
Kränzt sich der Enkel dann
Frölich mit Reben,
Heißt's: 's war ein Ehrenmann
Lasset ihn leben!