König Ankäos
F. Oestreich
Der König von Samos, Ankäos genannt,
Zog Gräben die Hügel hinan,
Und pflanzte die Reben mit ämsiger Hand;
Ein Sklave trat sinnig ihn an:
"Lass ruhen, Ankäos, die ämsige Hand,
Und raste im kühlichen Saal!
Nie füllet der Saft, diesen Reben entwandt,
Dir König den goldnen Pokal."
Dess lachte der König mit heiterem Sinn,
Er raunte dem Alten ins Ohr:
"Und gäb' auch der Herbst noch so kargen Gewinn,
Du füllst mir den Becher, du Thor!"
"Traue nicht dem falschen Glücke,
Nicht der Hoffnung eitlem Spiel,
Und errangst du schon das Ziel,
Fürchte noch des Schicksals Tücke!
Zwischen Traubenstock und Most
Schwebet drohend Sturm und Frost."
Bald schossten die Reben gar lustig empor;
Bald grünte und blühte der Wein;
Bald drängten sich schwellende Beeren hervor,
Geröthet von sonnigem Schein.
Und als nun der König beim fröhlichen Fest
Der Lese den Alten ersah,
Da rief er: "Schon werden die Trauben gepresst;
Ist Becher und Mundschenk auch da?"
Doch düsteren Auges erwidert der Greis:
"Wohl schäumt in der Kelter der Most;
Doch hast du, der ämsigen Mühe zum Preis,
Noch keinen der Tropfen gekost't."
"Traue nicht dem falschen Glücke,
Nicht der Hoffnung eitlem Spiel,
Und errangst du schon das Ziel,
Fürchte noch des Schicksals Tücke!
Zwischen Kelch und Kelterbaum
Dehnet sich ein weiter Raum."
Und als nun der Sklave beim schimmernden Mahl
In finsteres Schweigen gehüllt,
Dem König credenzte den goldnen Pokal,
Mit heimlichem Grauen gefüllt;
Da rief ihm der König mit fröhlichem Sinn:
"Willkommen, du sinniger Thor!"
Wohl bringt mir die Mühe gar süssen Gewinn...
Was hältst du so zagend empor?"
Doch düsteren Auges erwidert der Greis,
Mit Thränen im bleichen Gesicht:
"Wohl bring' ich den Becher auf Königs Geheiss,
Doch trank Er des Mostes noch nicht!"
"Traue nicht dem falschen Glücke,
Nicht der Hoffnung eitlem Spiel,
Und errangst du schon das Ziel,
Fürchte noch des Schicksals Tücke!
Zwischen Lipp' und Kelchesrand
Schwebt der finstern Mächte Hand!"
Schon fasset der König den goldnen Pokal,
Und hebet ihn lächelnd empor;
Da stürzen die Winzer durchs hohe Portal,
Ein Diener tritt zitternd hervor:
"Herr König! ein Eber verwüstet mit Wuth
Den Weinberg, so ämsig gepflegt.
Schon röcheln die rüstigen Jäger im Blut,
Vom schnaubenden Keiler erlegt!"
Auf reisst sich der König, und fodert den Stahl,
Und schwinget die Lanze mit Muth.
Doch trank er wohl nie mehr aus goldnem Pokal...
Es saugte die Erde sein Blut.
"Traue nicht dem falschen Glücke,
Nicht der Hoffnung eitlem Spiel,
Und errangst du schon das Ziel,
Fürchte noch des Schicksals Tücke!
Zwischen Eins und noch Einmal
Niederflammt des Blitzes Strahl!"