Die zwei Sonnen
A. Bungert
Und pochst du des Morgens an's Fensterlein,
Rasch mach' ich es auf, daß hereinweht dein Hauch,
Dann gucken zwei Sonnen in's Zimmer hinein --
Sprich, Himmel: hast du zwei Sonnen auch?
Dann lacht der Himmel in guter Ruh,
Er weiß, wen ich liebe, und der bist du.
Wenn der Andre Abends an's Fenster tritt,
Dann wird ganz geschwind es ihm zugemacht,
Doch bringt er immer zwei Nächte mit.
Hilf Himmel! hast du denn zweimal Nacht?
Dann macht der Himmel ein schlau Gesicht,
Er weiß es ja: den da, den lieb' ich nicht.
Das Kupfer am Halsband, das lieb' ich sehr,
Es glänzt so goldig im Sonnenglanz,
Mein Liebster glänzt mir im Herzen mehr,
Ich seh' ihn leuchten wie Strahlen ganz.
Und wandern wir morgen, sprießt Blüthenwelt
Dort, wo gestanden bei Nacht sein Zelt.
Und singt er beim sterbenden Feuer, gleich
Aufflammt es von Neuem in starker Gluth,
Es fällt, was er trifft bei dem ersten Streich,
Und an seinem Messer nicht schwarz wird's Blut.
Sein Haß macht welken wie Sonnenbrand,
Sein Lieben gibt Leben wie Bronnenrand.
Sein Liebchen wird schöner, ihr Singen klingt,
Ihr kupfernes Halsband hat Sonnenglanz,
Das sterbende Feuer wird hell, wenn er singt,
Er steht mir im Herzen mit Strahlenglanz.
Und wandern wir morgen, sprießt Blüthenwelt
Dort, wo gestanden bei Nacht sein Zelt.
Und pochst du des Morgens an's Fensterlein,
Rasch schließ' ich es auf, daß hereinweht dein Hauch
Dann gucken zwei Sonnen in's Zimmer herein,
Sprich, Himmel: hast du zwei Sonnen auch?
Dann lacht der Himmel in guter Ruh;
Er weiß, wen ich liebe, und der bist du!