Was ich träume, fragst du?

R. Maux

Was ich träume, fragst du? Daß wir beide

Gestern starben und im weißen Kleide,

Weiße Blumen in den losen Haaren,

In der schwarzen Gondel meerwärts fahren.

Glocken läuten fern vom Kampanile,

Werden leiser, werden bald vom Kiele

Übergurgelt, den die Wellen schlagen.

Weiter meerwärts werden wir getragen,

Dorthin, wo mit himmelhohen Masten

Schiffe schwarz am Horizonte rasten,

Wo die Fischerbarken mit den feuchten

Rot und gelben Segeln tiefer leuchten,

Wo die blauen großen Wogen brausen,

Wo die wilden Schiffermöwen hausen.

Dort, durch eines Wassertores blauen Rachen

Segelt abwärts unser leichter Nachen

In die Tiefen, deren weite Räume

Fremd erfüllen die Korallenbäume,

Wo in Muscheln, die verborgen glimmern,

Bleiche Riesenperlen köstlich schimmern,

Scheue Silberfische glänzen leise

Uns vorbei und lassen Farbengleise,

Deren Furchen andre überglänzen

Mit den goldenroten, schlanken Schwänzen.

Träumend dort in meilentiefer Tiefe

Wird uns sein, als ob zuweilen riefe

Einer Glocke Ton, ein Windeswehen,

Deren fernes Lied wir nicht verstehen,

Deren fernes Lied von engen Gassen

Redet, die wir langeher verlassen,

Und von Dingen, die wir ehmals kannten,

Und von Wegen, die wir ehmals fanden.

Einer Straße, eines Kircheninnern

Werden wir verwundert uns erinnern,

Eines Gondelrufs und mancher Namen,

Die wir manchesmal vorzeit vernahmen.

Lächelnd, wie im Schlaf die Kinder pflegen,

Werden wir die stummen Lippen regen,

Und das Wort wird, eh wir's können lallen,

In Vergessenheit und Traumtod fallen.

Über uns die großen Schiffe gleiten,

Dunkle Barken bunte Segel breiten,

Große Vögel in der Sonne fliegen,

Blanke Netze auf dem Wasser liegen,

Und darüber hoch und rein gezogen

Eines Sonnenhimmels blauer Bogen.